
Wir sind nun gefühlt endlich auf der Seidenstraße angekommen. Weil wir die Seidenstraße ja schon bereist haben und die touristischen Highlights alle schon kennen, haben wir nach neuen Routen gesucht und mit der Erfahrung unserer vorherigen Seidenstraßen-Fahrten für uns in Sivas den Start des „Seidenstraßen-Gefühls“ festgemacht. Doch bis dahin haben wir uns mit UNESCO Weltkulturerbe beschäftigt. Eins nach dem anderen.

Nach drei Nächten in Bursa hatten wir alle dort geplanten Einkäufe erledigt (und genug Katzen gekuschelt) und verließen die Stadt Richtung Ankara. Im Regen, wie auch sonst, denn seitdem wir vor 10 Tagen in Bulgarien losgefahren sind, ist das Wetter wieder winterlich grau, nass und kalt. Mein Fleece Pyjama wurde zur warmen Unterwäsche umfunktioniert und weil die Heizungen in den günstigeren Unterkünften nicht wirklich toll sind, zog unsere Daunen-Campingdecke auch schon mit ein.

Aber die Heizung in Hans, unserem treuen Overlander – Passat funktioniert und die Scheibenwischer auch, sodass wir es im fahrenden Auto fast besser haben als in manchen Hotelzimmern. Wir wollten sehen, wo der „Gordische Knoten“ geknüpft und zerschlagen wurde und fuhren nach Gordium, der ehemaligen Hauptstadt der Phrygier. Die Phrygier hatten wir bei unserer dreimonatigen Türkeireise vor fünf Jahren schon ausgiebig kennengelernt, aber was wir rund um Gordium sahen, ließ uns die Phrygier in anderem Licht erscheinen: 13 Hügelgräber sind rund um die ehemalige Hauptstadt verteilt und welches Volk in der Nähe hat auch Hügelgräber? Richtig, die Thraker! Okay, hier schlägt unsere „bulgarische Herkunft“ durch. Aber lest weiter, dann versteht Ihr es auch!

Wir besichtigten das größte und wichtigste Hügelgrab, von dem man fälschlicherweise annahm, es sei das des phrygischen Königs Midas. Egal von wem: im Inneren befindet sich die älteste erhaltene Holzstruktur der Welt! Die Grabkammer wurde vor rund 3000 Jahren aus dicken Holzstämmen gebaut und ist bis heute noch fast wie neu. Und wir standen da und dachten: ja, wie eine Vorstufe der Thraker Hügelgräber! Diese sehen exakt so aus, aber mit Grabkammern aus geschnitzten und reich verzierten Steinen. Waren die Phrygier etwa Thraker beim Üben?

Egal, wie, wir waren ja eigentlich wegen des Gordischen Knotens hier. Der Phrygierkönig Gordios hat diesen kunstvollen Knoten geknüpft und der Sage nach soll derjenige, der es schafft, den Knoten zu öffnen, die Herrschaft über Asien gewinnen. Niemand konnte den komplizierten Knoten lösen – bis im Jahre 333v.C. Alexander der Große kam und den Knoten einfach mit seinem Schwert durchtrennte. Zack! Aufgabe sehr pragmatisch gelöst. Und, Sage hin oder her, ein paar Monate später, bei der Schlacht bei Issos („333, Issos Keilerei“) gewann er tatsächlich über die Perser und wurde Herrscher über das Perserreich.

Heute ist die ehemalige Hauptstadt eine relativ neue Ausgrabungsstätte, in der touristisch nicht viel los ist. Man stapft im Schlamm herum, bis man 5cm größer geworden ist, weil die Schuhe Plateausohlen aus Schlamm bekommen haben, kann ein gut gemachtes modernes Museum besichtigen und in das Hügelgrab hinein. Und all das für 3€ Eintrittsgeld pro Person. Alle drei Sehenswürdigkeiten zusammen. Wir hatten vor Abfahrt Bedenken, ob wir uns in der Türkei überhaupt etwas anschauen können würden, weil wir nur riesiges Gejammere wegen der neuerdings furchtbar hohen Eintrittspreise für Ausländer gehört haben. In Wirklichkeit betrifft das wohl nur einige wenige Sehenswürdigkeiten. Wir haben bisher überall den Einheitspreis von 3€ (nach Tageskurs) bezahlt – oder gar nichts, weil Eintritt für alle frei ist.

Salep: DAS Wintergetränk der Türkei (vor “interessanter” Elektrik)
Wir kamen in strömendem Regen in Ankara an, nahmen uns ein Zimmer, dessen Sauberkeit und Qualität stark den Preis widerspiegelte und rannten nur kurz um die Ecke, um etwas zu essen, bevor wir uns dank WiFi mit einem Film im Bett gemütlich machten. Das Wetter kann ganz schön auf die Seele gehen, das haben wir im Februar in Deutschland sehr gemerkt…

Am nächsten Morgen sahen wir zum ersten Mal seit sechs Tagen blauen Himmel und liefen sofort los, um die Altstadt zu erkunden! Diese wurde in den vergangenen Jahren schön restauriert und die Häuser im osmanischen Stil, die wir so gerne mögen, sehen wie frisch aus dem Ei gepellt aus.

Wir haben unsere Martenitsi in Ankara aufgehängt.
Wir liefen zur Festung, genossen die Aussicht und das endlich schöne Wetter und konnten sogar auf einem kleinen Platz in der Sonne sitzen und türkischen Kaffee und frischen Granatapfelsaft trinken! Dann zogen wieder dunkle Wolken auf und die drei Stunden ohne Regen der Woche waren vorbei. Das Museum hatte auch geschlossen und so nutzten wir den Rest des Tages für „Büro“, denn wir wollen nach Turkmenistan und das Visum ist nicht so trivial.

Am nächsten Morgen fanden wir 1,5 Stunden Regenloch und fuhren zum Mausoleum von Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Ich war 2009 auf dem Weg nach Jordanien schonmal da. Damals mit einem Auto, das viele für „sehr alt“ hielten: mein damaliger VW Passat „Knödlomobil“, zu dem Zeitpunkt zarte 22 Jahre alt. Diesmal waren wir mit Hans da, unserem 35 Jahre alten VW Passat. Deutlich älter, aber ich bin auch 15 Jahre älter und warum nicht auch mit einem ebenso „reiferen“ Auto reisen?

Damals haben wir uns das (kostenlose) Atatürk Museum nicht angeschaut und ich konnte mich nicht erinnern, warum wir das ausgelassen hatten. Heute weiß ich: irgendwer muss uns damals den Tipp gegeben haben, dass das Museum eher für Schulklassen als für Erwachsene ist, die die Geschichte der Türkei schon kennen. Ausstellungsstücke waren unter anderem der ausgestopfte Lieblingshund Atatürks und mit Puppen in Lebensgröße nachgestellte Kriegsgefechte. Müssen wir nicht noch ein drittes Mal hin!

Pünktlich mit den ersten Regentropfen saßen wir wieder im Auto und fuhren weiter gen Osten. An unserem Tagesziel gab es laut Google und Karte drei Unterkünfte. In der Türkei gibt es offiziell kein booking.com und so machen wir es hier wie in Afrika: entweder auf Empfehlung oder gut Glück. Eigentlich schlafen wir ja immer in Hans, aber bei dem Wetter ist der Schlamm das Problem: der baut sich nicht nur unter den Schuhsohlen auf und versaut das gesamte Auto von innen, sondern sorgt auch dafür, dass Wiesenwege etc. zu Rutschpartien werden und selbst trockene Wege sich über Nacht in Schlammhöllen verwandeln können, in denen wir weder zu Fuß noch mit dem Auto herumrutschen möchten.

Im Örtchen angekommen hatten alle Unterkünfte geschlossen und wir standen ziemlich ratlos auf dem Dorfplatz. Das Restaurant vor dem wir parkten, hatte ein Schild „Hotel“, ohne Hotel zu sein, wie uns schien. Es stellte sich heraus: das Hotel war eine Straße weiter und auch noch gar nicht eröffnet, aber wir könnten ja die ersten Gäste sein, es sei eine Ehre. Wir nahmen die Ehre an und stellten fest: das gibt sicherlich keinen Bestseller. Aber wir hatten eine trockene und warme Nacht und das war wichtig, denn mit der Nacht kam der Winter.

Am nächsten Morgen war es knapp über Null Grad und wir knabberten unsere Sesamkringel aus der Dorfbäckerei unter der Bettdecke, bevor wir nach Hattuscha zogen. Noch eine Hauptstadt, noch ein UNESCO Weltkulturerbe. Hattuscha war die Hauptstadt der Hethiter und was sie so besonders macht, war nicht nur ihre enge Beziehung der Hethiter zu den alten Ägyptern, sondern dass hier in Hattuscha das erste Friedensabkommen der Welt unterzeichnet wurde, das bis heute als Geburtsstunde der Diplomatie gilt.

1259 vor Christus haben Pharao Ramses der Zweite und der hethitische König Hattushili einen Vertrag geschlossen, der nicht nur Frieden zwischen den beiden Reichen versprach, sondern auch eine militärische Allianz vertraglich regelte. Heute ist das Original dieses Vertrages (Tontafeln) im UN-Hauptquartier in New York ausgestellt, im Museum vor Ort kann man nur andere „Briefe“ bewundern. Nicht nur der Pharao schrieb freundschaftliche Worte in Hieroglyphen an die Hethiter und die Hethiter in Keilschrift dem Pharao, auch die Damen der beiden Herrscher waren „Brieffreundinnen“.

Der Austausch bezog sich nicht nur auf politische Dinge, sondern auch auf kulturelle Bräuche: auch die Hethiter verehrten einen Sonnengott wie die Ägypter und sie hatten auch Sphinxen. Wir haben 2021 den Steinbruch Yesemek bei Gaziantep besucht, in dem solche „türkischen Sphinxen“ hergestellt wurden. Und zum Thema „kultureller Austausch“ fanden wir im Museum dann auch das, was wir schon lange vermutet hatten: die Phrygier (die mit dem Gordischen Knoten) waren eigentlich Thraker und genau das wurde im Museum als Beispiel für „Kulturaustausch“ aufgeführt: ein thrakischer Stamm war nach Anatolien gewandert und hatte dort mit König Gordius das phrygische Reich gegründet. Und die Thraker sind… heutige Bulgaren. Für Euch, die Ihr keine Thraker kennt, weil sie in der westeuropäischen Schulbildung nicht vorkommen: Spartacus war Thraker, Orpheus war Thraker und viele andere „coole Typen“ des Altertums, die in westeuropäischen Schulen als Griechen oder Römer „verkauft“ werden, sind eigentlich Thraker. Und nun auch noch die Phrygier!

Doch zurück zu den Ägyptern und ihren Brieffreunden, den Hethitern: die hethitische Hauptstadt Hattuscha ist riesig und wurde einst von einer 6.5km langen Stadtmauer umgeben. Diese Stadtmauer wurde als weltweit erstes und bis heute größtes Projekt experimenteller Archäologie auf einem kleinen Stück wiederaufgebaut. Der Rest der „Stadt“ ist nur in Ruinen erhalten, aber wirklich toll: das Löwentor zum Beispiel ist eines der Stadttore und die Löwen sind noch gut erhalten.

Das „Sphinx Tor“ hat eine eigene Geschichte von der uns weltweit immer wieder begegnenden deutschen Eigenheit, solche Artefakte nicht an die Länder zurückzugeben, denen sie gehören. Eine der Sphinxen wurde nach Deutschland „entführt“ (natürlich nur zur Restauration, haha), dort aber im Pergamon-Museum im Berlin (mit anderer „Hehlerware“) ausgestellt und es dauerte 94 Jahre Diplomatie, bis die Sphinx nun wieder da ist, wo sie herkommt und hingehört: Hattuscha.

Die Ausgrabungsstätte liegt auf einem über 1300m hohen Bergplateau und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt blies ein Wind, der nicht gerade angenehm war. Aber wir bekamen für die 3€ Eintrittspreis richtig viel geboten! Auch, wenn nicht alles, was die Archäologen gefunden haben, schon erforscht ist. Was mit dem „grünen Stein“ ist, weiß man nicht. Der ist eine Tonne schwer aus einer Art Jade und befand sich in einem Tempel. Wieso? Wozu? Nichts Genaues weiß man nicht. Aber schön glattpoliert ist er!

Es gibt dort auch Hieroglyphen zu bewundern, die uns doch sehr an Ägypten erinnert haben. Aber wir wissen ja nun, dass eine enge (Brief-) Freundschaft zwischen den beiden Völkern bestand und sogar eine Art „wissenschaftlicher“ Austausch stattfand, denn Ramses schickte seinen Leibarzt zu den Hethitern, um zu helfen, als medizinischer Rat gefragt war. Wir waren vor 2,5 Jahren in Ägypten und sahen so einige Parallelen.

Nach rund drei Stunden in der Kälte saßen wir an der Heizung des Souvenirgeschäftes mit den Händen um einen Pappbecher türkischen Kaffee, um wieder warm zu werden. Trotz der Kälte hatte sich der Ausflug gelohnt und wir haben so viel gelernt! Da kommt wieder die Frage auf: „Was macht Ihr mit all dem Wissen?“ Ein bisschen was davon lest Ihr hier im Blog, der Rest füllt unsere Festplatten im Kopf und fügt nach und nach ein mehrdimensionales, tiefes Weltbild aus Erfahrungen zusammen…

Diese Erfahrungen haben uns in Sivas dann das anfangs erwähnte Gefühl von „auf der Seidenstraße angekommen“ verursacht. Weil es in Sivas schwierig war mit Unterkunft für uns inklusive Parkplatz für Hans, sind wir spontan in einer Karawanserei gelandet – und damit mitten in einem Zentrum der Seidenstraße. Wir parkten während der Suche nach einer Unterkunft in Sichtweite der Karawanserei, die sich als Sternehotel herausstellte. Ein paar Minuten später hatten wir mit doppeltem Rabatt für „Neukunden der App“ und „Empfehlungsbonus“ ein luxuriöses Zimmer für 12€ mehr als die Absteige gegenüber. Und weil wir zu zweit sind und uns gegenseitig als Neukunden werben können, blieben wir gleich zwei Nächte.

Der Regen begrüßte uns auch am nächsten Morgen, aber wir passten zwei Stunden Nieselregen ab, um uns die Stadt anzuschauen. Und als wir da so vor der Gök Medresse standen und die beiden Minarette aus Ziegelsteinen mit ihren blau lasierten Ziersteinen sahen, dachten wir beide sofort: Bukhara! Dort (in Usbekistan) sind die Bauwerke auch so verziert und das war für uns der „Seidenstraßen-Moment“.

Bloß dass die Türken „Museum“ einfach können. Die am besten gemachten Museen der letzten acht Jahre Reise waren alle in der Türkei (allen vorweg Göbekli Tepe) und eins in Aserbaidschan. Der Eintritt in die Medresse (Koranschule) war frei und das Museum darin wirklich toll gemacht. Noch toller, wenn man Türkisch kann, denn in Anatolien spricht niemand Englisch, es kommen keine internationalen Touristen und deswegen kommt niemand auf die Idee, solche dem UNESCO Weltkulturerbe vorgeschlagenen Orte mehrsprachig zu beschildern.

Macht uns nichts, es gibt heutzutage genug Apps und auch in alten Gemäuern Internet, sodass wir keine Extrawurst für Ausländer brauchen. Die Medresse ist wunderschön und wir fühlten uns so „angekommen“ in einer uralten islamischen Kultur, die wir beide sehr mögen. Nach den sehr extremistischen islamischen Strebungen der Muslime entlang der Westküste Afrikas fühlt es sich hier für uns so entspannt an.

Wir liefen weiter durch die Stadt, in der man quasi von einem zum anderen historischen Gebäude stolpert, die alle keinen Eintritt kosten und alle wunderschön sind oder (leider) gerade renoviert werden. Medresse hier, Moschee dort, Hamman da, Karawanserei dort. Sivas atmet auf jedem Schritt Geschichte und wir wären gerne noch weiter gebummelt, wenn nicht wieder so richtig Regen eingesetzt hätte. Aber wir sind zuversichtlich! Es kann nicht ewig regnen und weil sich die Einheimischen über den Regen freuen, weil die Natur ihn so sehr braucht, meckern wir nicht, sondern trinken türkischen Kaffee oder Tee, genießen Baklava dazu und freuen uns, wieder in diesem Teil der Welt unterwegs zu sein.

Wir sind schon viel länger in der Türkei als gedacht. Aus „nur ein paar Tage durch fahren“ sind schon 10 Tage geworden und es werden noch mehr. Da wir die „horrenden Eintrittspreise“ nicht finden können und auch das große Meckern über die „teure Türkei“ nicht nachvollziehen können, müssen wir uns auch gar nicht beeilen. Klar, wer als Reisender Alkohol und Zigaretten braucht, muss hier sehr, sehr tief in die Tasche greifen. Wer aber mit Sesamkringeln, Ayran und einem Stück Obst zum Frühstück zufrieden ist, kann mit 3€ zwei Leute sattmachen. Selbst ein Kaffee im Inneren einer Hauptsehenswürdigkeit kostet nur 1,30€ – und das kann man sich durchaus gönnen. Das tun wir auch und gondeln so langsam weiter Richtung georgische Grenze. Mal sehen wann wir da ankommen!
Unser neuestes Video handelt auch vom Ankommen. Und ich schwöre: jedes Mal, wenn wir das Video anschauen, liegen wir uns heuend in den Armen. Die Ankunft in Kapstadt war etwas ganz Besonderes. Ich klicke jetzt nicht auf das Video, sonst weinen wir wieder und der Blogpost geht nicht online. Das klickt Ihr jetzt und erlebt die emotionale Ankunft in Kapstadt virtuell mit uns.











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