
Wir sind – mal wieder – auf der Seidenstraße unterwegs. Das waren wir 2018 schon mit den Motorrädern (bis in den Iran), 2019 mit dem VW T4 Bus „Kittymobil“ (bis zum Südchinesischen Meer), 2021 mit dem VW Passat „Hans“ (bis Armenien) und nun wieder mit dem Passat, denn obwohl wir schon von Deutschland bis nach China und zurückgefahren sind, fehlen uns noch viele Ecken – und ein paar Länder.

Unser Ziel wird diesmal Kasachstan sein, denn Hans, unser 35 Jahre alter und 410.000km erfahrener Passat muss in die Schönheitskur. Weil Hans sein Leben unter der Sonne Bulgariens verbracht hat, ist der Lack mittlerweile so bröselig geworden, dass der weiße Unterlack zu sehen ist. Bevor das blanke Metall hervorkommt, lassen wir Hans in Almaty neu lackieren. Da, wo unser VW-Bus vor sechs Jahren auch neu lackiert wurde. Und schon haben wir einen Grund für die X-te Reise entlang der Seidenstraße! Gründe gibt es immer und zur Not erfindet man einen. 🙂

Nach 6 Jahren haben wir uns neue Bettwäsche gegönnt!
Die häufigste Frage der letzten Tage ist: welche Route fahrt Ihr? Wir wissen es noch nicht. Wir sind schon mindestens 5x die volle Länge Russlands abgefahren und schwören uns jedes Mal, das nie wieder zu tun, weil es langweiliger nicht geht. Und das schwören wir uns auch diesmal. Trotzdem haben wir aber alle Papiere vorbereitet, um vielleicht doch in Tiflis ein Visum für Russland zu beantragen, denn ehrlicherweise gefällt es uns da ja auch ganz gut, wenn nur die Fahrerei nicht so elendig langweilig wäre. Die Alternative zu Russland und eine große Abwechslung zu unseren bisherigen Reiserouten wäre die Fähre über das Kaspische Meer. Allerdings hat Aserbaidschan seit der Pandemie die Landesgrenzen geschlossen und wir müssten Hans per Autotransporter und Spedition allein von Tiflis nach Baku schicken und per Flugzeug einreisen. Ob wir über Russland oder Aserbaidschan nach Kasachstan einreisen, entscheiden wir später. Ab dort ist die Route erstmal klarer: nachdem wir schon zwei Mal ein Visum für Turkmenistan und beide Male kurz vor der Grenze Motorschaden hatten versuchen wir es nun ein drittes Mal. Frei nach dem Motto „aller guten Dinge sind drei“. Wir möchten von Kasachstan aus nach Turkmenistan und von dort nach Usbekistan ausreisen. Ab dann sehen wir mal, denn wir waren noch nicht am Aralsee…

Seit Dienstag sind wir also wieder mit dem Auto unterwegs. Die erste Etappe führte nur 165km bis Plovdiv, wo wir Freunde trafen, bevor wir am nächsten Tag eigentlich geplant hatten, bis Bursa zu fahren. Eigentlich. Doch wir hatten die Rechnung nicht mit der EU und den Türken gemacht. Wir hatten für einen belgischen Motorradfahrer, dessen Motorrad mit zerbrochener Schwinge und Bremsanlage in Armenien gestrandet ist, diese beiden Ersatzteile dabei, um sie in Armenien bei der Werkstatt abzugeben. Eigentlich kein Problem, der Motorradfahrer hatte uns alle nötigen Papiere für den Zoll vorbereitet und es war auch für uns das x-te Mal, dass wir Fahrzeugteile über diverse Grenzen zollabfertigen. Aber die Türkei ist im September 2025 einem EU-Zollabkommen beigetreten, von dem wir nicht wussten, dass es auch Privatpersonen wie uns vorschreibt, solche Transporte über einen Zollbroker abwickeln zu lassen. Für mehrere hundert Euro. Für Speditionen und gewerbliche Transporteure sicherlich eine Erleichterung, für Privatmenschen wie uns leider eine von vielen unnötigen Hürden der Überbürokratisierung der EU. Wir drehten um und schickten die Ersatzteile per Post von Bulgarien zurück nach Belgien.

Als wir ohne Ersatzteile aber mit demselben Auto wieder nach Schichtwechsel an der türkischen Grenze erschienen, hatte unser Kennzeichen wohl schon einen Spezialvermerk im System, denn statt eines freundlichen „Hoşgeldiniz!“ blaffte uns ein fetter Zöllner auf Türkisch auf der Suche nach versteckten Motorradteilen an. Weil am größten Grenzübergang zwischen der EU und der Türkei nur ein einziger Beamter Englisch (oder eine meiner anderen 5-6 Fremdsprachen) spricht (und das ist ein Inspektor im Büro, der versetzt wird), war es trotz Versandschein der Post für uns unmöglich, dem Schwabbelzöllner zu erklären, dass wir nun wirklich nichts mehr zu verzollen haben und eine große Motorradschwinge auch nicht in einem VW Passat unsichtbar gemacht haben können. Wir mussten zum Röntgen.

Röntgen ist an sich eine super Sache, nach der alle Diskussionen sich eigentlich erübrigen und ich musste schon oft bei der Einreise in die Türkei durch das Röntgengerät. Bloß dass diesmal der Beamte darauf bestand, dass wir vor dem Röntgen das gesamte Gepäck ausräumen. Unser Gepäck besteht aus einer Kiste Essen und Küchenkram und jeder einem Tagesrucksack. Das war nun auch wieder verdächtig wenig und der Typ war nicht zufrieden. Es war kalt und sehr windig und ich musste die drei Dinge zur genauen Untersuchung vor das Fenster seines Büros heben, weil er nicht vor die Tür wollte, um selbst zu schauen. Ihm war das zu wenig Gepäck und er wurde sauer. Wir sollten gefälligst all unser „baggage“ ausräumen. Alles! Fremdsprachen Mangelware und so war ihm nicht zu vermitteln, dass wir wirklich nicht mehr haben. Die Matratze! Ich wurde wütend und bat ihn, aus seinem Büro herauszukommen und selbst ins Auto zu gucken um zu sehen, dass da kein weiteres Gepäck ist. Wollte er nicht. Ein netter anderer Reisender schaute in unser Auto, sagte etwas auf Türkisch zum Beamten und schon war Ruhe. Wir vermuten, das Röntgengerät war kaputt, denn nach dem Röntgen wollte der Typ unseren Gastank inspizieren. Jeder Bulgare hat den und er ist im Röntgenbild auch ganz klar zu erkennen – wenn es denn ein Röntgenbild gibt. Die ganze Aktion dauerte natürlich ewig, weil wir nicht die einzigen waren, die so behandelt wurden. Die Stimmung war äußerst aggressiv und der englischsprachige Inspektor vertraute uns im Beisein seiner Chefin an, dass er seitdem es die neue Chefin gibt, täglich hunderte Beschwerde-Mails von diversen türkischen Botschaften bekommt, weil Reisende wie Dreck behandelt und schikaniert werden.

Sieben Stunden später waren wir in der Türkei. Sieben Stunden im eiskalten Wind stehen, sich auf Türkisch anbellen lassen, unnötige Prozeduren über sich ergehen lassen und wegen angeblich fehlender Laufzettel oder Stempel von Gebäude D3 zu B2 geschickt werden, wieder umdrehen müssen, weil wieder jemand seinen Job nicht richtig quittiert, gestempelt oder im System eingetragen hat und unsere Geduld immer weniger wurde. Vor zwei Jahren hatten wir schon neun Stunden an der griechisch-türkischen Grenze gebraucht, also waren sieben Stunden noch gut. Wie vor zwei Jahren dachten wir an all jene, die uns immer wieder fragen, wie wir bloß all die angeblich ach so komplizierten Grenzen entlang der afrikanischen Westküste gemeistert haben, aber es gleichzeitig ganz normal finden, in den Sommerurlaub mit dem Auto oder Motorrad in die Türkei zu fahren. Die für uns schwierigsten Grenzen in 119 Ländern waren bisher die Schweiz und immer wieder die Türkei. In jede Richtung, auch von Georgien kommend.

Es wurde schon dunkel als wir die ersten Kilometer durch die Türkei rollten und wir hatten unser Vorhaben bis Bursa zu fahren schon längst aufgegeben. Statt 400km fuhren wir noch 40km und fanden ein günstiges Zimmer in einem eigentlichen Sternehotel, das mittlerweile zu afrikanischem Standard verkommen war: das Bad unter Wasser wegen leckender Toilette, die Wand nass wegen gebrochener Leitungen, ein paar Glühbirnen defekt, aber der Manager ein herzensguter Mensch, der all seine Landsmänner an der Grenze wieder gutmachte. Weil Ramadan war und damit in dem Örtchen alle Restaurants geschlossen hatten, telefonierte er überall herum, um noch etwas zu Essen für uns aufzutreiben. Während wir mit einem türkischen Gästepaar am wärmenden Kaminfeuer heiße Schokolade tranken, düste er mit dem Auto davon, um uns zwei Sandwiches zu organisieren.

Am nächsten Morgen erwartete uns ein traumhaftes türkisches Frühstück am Kamin und wir waren froh, wieder in der Türkei zu sein. Wir mögen unser Nachbarland wirklich, aber werden in Zukunft über einen winzig kleinen Grenzübergang von griechischer Seite aus einreisen, um die Grenzschikanen abzukürzen: wo kaum andere Reisende sind, kann es keine sieben oder neun Stunden dauern. Wir holten Geld am Automaten und luden auf dem örtlichen Postamt unser Guthaben der elektronischen Mautplakette auf. Der Postbeamte war Halbbulgare, sprach gut Englisch (aber kein Bulgarisch) und hatte Spaß daran, mit uns das aktuelle weltpolitische Geschehen zu erörtern, bis seine Kollegin kam und das Gespräch erstarb. Der Postler auf dem türkischen Dorf konnte mehr Fremdsprachen als das gesamte Personal am größten Grenzüberhang der Türkei zur EU…

Wir fuhren endlich nach Bursa. Um Istanbul herum war wie immer viel Verkehr, aber wie immer gab es diverse Einkaufsmöglichkeiten im Stop and Go. Wie in Afrika. Wir kauften Sesamkringel und draußen regnete es sich ein. Die Temperaturen fielen von „Frühling in Bulgarien“ zu „Winter in der Türkei“ und wir waren froh, mit dem Auto unterwegs zu sein, Scheibenwischer und Heizung anschalten zu können und das Wetter draußen zu lassen.

Wir überquerten mit der teuren Brücke (die aber mindestens 100km Umweg spart) das Marmarameer und kamen mit nur einem Tag Verspätung in Bursa an. Es war das dritte Mal für uns in der Stadt, in der wir Iskender Kebab essen und einkaufen wollten. Der Rezeptionist sprach fließend Französisch, unser Zimmer war gut geheizt, Hans hatte einen sicheren Parkplatz und wir stiefelten sofort los zum Essen, denn in Bursa wurde der Iskender Kebab erfunden und nachdem wir ihn überall in der Türkei probiert haben sind wir der Überzeugung: nur im Restaurant des Erfinders schmeckt er so richtig gut!

Seit 1876 wird der Kebab dort von der Familie des Erfinders serviert und das Geheimnis der Butter bleibt ungelüftet. Nur deshalb schmeckt es dort so gut! Der Iskender Kebab besteht aus einer Lage Fladenbrot in kleinen Stücken, auf das eine Lage in Streifen geschnittenes gegrilltes Lammfleisch kommt. Darüber wird eine Tomatensauce gegossen, bevor der Butterkoch kommt und direkt aus dem Topf eine große Kelle dreierlei Butter schöpft: das Mischungsverhältnis der Butter aus Schaf- Ziegen- und Kuhmilchbutter ist geheim und das Besondere an diesem Restaurant. Dazu gibt es einen großen Schlag Joghurt und gegrillte Paprika.

Das Restaurant war ausgebucht und wir ergatterten den letzten Tisch. Alle Gäste bestellten und warteten geduldig vor einem Teller mit Datteln und Oliven, bis der Kellner durch das Restaurant lief und verkündete, es sei nun Zeit für Iftar, Fastenbrechen. Es war der letzte Tag des Ramadans und somit war dieses Iftar auch der Beginn von Eid al-Fitr, dem „Zuckerfest“. Nach dem Festmahl liefen wir im eklig kalten Regen, der wegen Wind manchmal waagrecht fiel zurück zur Unterkunft, wo wir unsere Daunen-Campingdecke aus dem Auto holten, um eine kuschelig warme Nacht zu verbringen.

Und da sitzen wir nun. In Bursa, im eiskalten Winterregen und warten, dass die Geschäfte wieder öffnen, die wegen Eid geschlossen haben. Wohin wir dann fahren? Keine Ahnung. Die Wettervorhersage für nächste Woche ist leider nicht motivierend. Umdrehen kommt aber nicht in Frage. Irgendwann kommt der Frühling auch in die Türkei. In Bulgarien war er ja schon und das ist gleich nebenan!
Wie Ihr gemerkt habt, ist seit ein paar Tagen unsere neue Webseite online. Wie gefällt sie Euch? Wir freuen uns, wenn Ihr ein wenig auf der Seite herumspielt und uns sagt, was Ihr davon haltet: was funktioniert nicht? Was fehlt Euch? Was gefällt oder gefällt nicht? Wir freuen uns über jeden Input, denn im Endeffekt ist die Seite ja für Euch – die Blogposts sind zwar auch Tagebuch für uns, aber weil wir Euch mitreisen lassen möchten, bereiten wir die Texte mit Fotos auf, denn Ihr wisst ja nicht, wie das, was wir so erleben, aussieht. Wir freuen uns über Euer Feedback zu unserer neuen Webseite!
Weil es in den letzten Wochen keine Blogposts gab, Jan aber weiter Videos veröffentlicht hat, habt Ihr ein bisschen was nachzuholen. Während wir in Bulgarien unsere „Niederlassungsgenehmigung“ (unbefristete Aufenthaltsgenehmigung) bekommen haben, Jan eine Woche in Varna in einer Zahnklinik behandelt wurde und nun zwei Zähne weniger hat, wir ein tolles neues Badezimmer in unserer „travel base“, unserem kleinen Haus in Bulgarien haben, unseren ersten Übernachtungsgast des Jahres begrüßen durften, 8 Jahre Nomadenleben gefeiert haben, ein bisschen bulgarische Nestwärme bei Freunden getankt und deutsches Mistwetter bei der Familie in Deutschland erleben durften, ist jede Woche ein Reisevideo online gegangen.
In den Videos nähern wir uns nun auch dem Ende unserer Westküste Afrikas Reise. Kurz vor Schluss haben wir ja noch einen kleinen Schlenker über Botswana gedreht, bevor wir endlich nach Südafrika eingereist sind. Bevor es von dieser neuen Reiseroute gen Osten also „ernsthaft“ etwas zu berichten gibt, schließen wir die Afrikaroute filmisch ab. Und falls es bei Euch auch regnet, könnt Ihr Euch ja alle Videos hintereinander anschauen. Sie sind ja nur 5 – 10 Minuten lang…
Und wenn Ihr lieber Fotos als Videos anschaut: in den letzten Wochen sind auch alle Fotoalben zu den Ländern der vergangenen acht Monate online gegangen. Schaut sie Euch hier an: Fotoalben. Und wir fahren währenddessen weiter gen Osten.











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