
Wir sitzen hier auf den Kanaren und kämpfen mit Dingen, die wir in den letzten Jahren, in denen wir nicht in Westeuropa unterwegs waren, nicht erlebt haben. Aber freuen uns auch an Dingen, die es anderswo auf der Welt wenig gibt. Und ab Sonntag gehen wir auf große Fahrt.
Wir waren jetzt vier Wochen zuhause, beziehungsweise: in Bulgarien, wo unser Zuhause ist, aber nur drei Wochen im eigenen Bett, weil wir eine knappe Woche „Gesundheitsferien“ in Varna gemacht haben. Jan hat dort in der Zahnklinik zwei Implantate bekommen und mein Fuß, der mit seit dem Umknicken im April in Tiflis Probleme machte, wurde von einem bulgarischen Physiotherapeuten in vier Tagen komplett geheilt.

Zuhause haben wir wie immer vielen lieben Besuch empfangen, am Lagerfeuer gesessen und am Haus weiter gewerkelt. Das Schlafzimmer im kleinen Haus ist nun komplett fertig und unser erster Gast hat auch schon im neuen Bett geschlafen! Im neuen Badezimmer ist nun auch das Waschbecken angeschlossen und wenn wir nächstes Jahr wiederkommen, haben wir auch eine Küche: die Fliesen wurden gelegt, die Kacheln geklebt und der Schreiner hat Maß genommen. Wir haben nach über acht Jahren ohne Kühlschrank tatsächlich wieder so ein Teil gekauft (Danke an den Elektriker, der uns daran erinnert hat, dass man sowas heutzutage nutzt und wir das in der Küchenplanung übersehen hatten) und sogar einen Backofen gekauft, nachdem uns in den vielen Jahren der Omnia gut genug war. In Zukunft kann es also Pizza ohne Loch frisch aus dem Ofen geben! Wenn wir denn mal da sind, denn dieses Jahr waren wir nur insgesamt 7 Wochen in Bulgarien. Wir sind und bleiben eben Nomaden.

Und jetzt sind wir auf den Kanaren. Hier zu reisen fühlt sich manchmal an wie Urlaub: gutes Essen, gute Straßen, eine (fast) funktionierende Infrastruktur – fast alles läuft reibungslos und ist sauber. Da ich zudem fließend Spanisch spreche, gibt es noch nicht mal Schwierigkeiten bei der Kommunikation. Auf Dauer könnte das zwar sehr langweilig werden, doch wir brauchen dringend eine Auszeit – nach all der Zeit, in der wir ständig in sehr herausfordernden Ländern unterwegs waren. Allerdings hatte unsere Unterkunft auf Lanzarote weder Fenster noch Handyempfang noch WiFi und für Menschen wie uns, die erstens online arbeiten und zweitens seit über acht Jahren in Ländern mit hervorragender mobiler Internetabdeckung unterwegs sind (ich sage nur: 5G im Bergdorf in Burkina Faso…), ein echter Nervfaktor. Insbesondere deshalb, weil wir wissen, demnächst für rund drei Wochen komplett offline zu sein und noch einiges online erledigen müssen. Wir hantieren mit drei verschiedenen Simkarten und finden doch kaum das, was wir aus den angeblich so unterentwickelten Ländern, in denen wir sonst so unterwegs sind, gewohnt sind. Und wenn es denn Handyempfang gibt, wird der zwar “4G” genannt, kann aber nur das, was anderswo maximal “3G” hieße. Fällt Euch wahrscheinlich weniger auf, in Deutschland ist es ja auch nicht anders. Nun ja, andere nennen „offline sein“ auch Urlaub und das war die grundlegende Idee: entspannt auf den Kanaren die letzten „To Dos“ erledigen, bevor die wirklich große Auszeit startet.

Neues Bett in neuem Schlafzimmer!
Ich weiß, dass mein nonsop neugieriger Geist schon bald nach neuen Anregungen verlangen wird; schon sehr bald werde ich den sonst ständigen Nervenkitzel des Unbekannten, das Unerwartete, das Abenteuer, das ständige Dazulernen sowie das eigenartige, chaotische Leben unterwegs vermissen. Doch die ständige Hektik – acht Monate lang ein riesiges Land nach dem anderen zu durchqueren, stets unter dem Zeitdruck extrem kurzer Visa-Aufenthalte – hat uns einfach erschöpft. Die Ankunft auf den Kanarischen Inseln ist nur der Auftakt zu einem längeren Urlaub, der nun vor uns liegt. Und damit meine ich wirklich Urlaub: drei Wochen jeden Abend ins selbe Bett legen, drei Wochen offline, drei Wochen jeden Abend am selben Ort Essen vom Buffet nehmen, drei Wochen uns um nichts kümmern müssen und trotzdem am Ende in Kapstadt ankommen, wo wir im Februar unsere Motorräder eingelagert haben.

Quelle: Buddel-Bini
Am Sonntag betreten wir absolutes Neuland, wenn wir an Bord der „Mein Schiff 6“ gehen. Wir machen eine Kreuzfahrt, jawohl! Während wir in den letzten vier Jahren entlang der afrikanischen Westküste gen Süden gereist sind, haben wir auch einige ehemals deutsche Kolonien kennengelernt und sind dort immer wieder auf die Handelshäuser „Woermann“ getroffen. In Accra haben wir bei Woermann sogar Kettensägenöl gekauft. Die Woermanns waren eine Kaufmannsfamilie aus Hamburg, die nicht nur Handelshäuser in Afrika betrieben, sondern zu Kolonialzeiten auch die größte Privatreederei der Welt betrieb: die Woermann – Linie.

Quelle: pinterest
Die Woermann Linie beförderte Fracht und Passagiere von Hamburg und hatte die staatliche Vorgabe zu erfüllen, die westafrikanischen Häfen nach festem Fahrplan anzulaufen, dabei den Postdienst zu erfüllen und dazu exakte Abfahrts- und Ankunftszeiten einzuhalten. Für die vertraglich geregelte zweiwöchige Abfahrt Richtung Kapstadt waren maximal 31 Tage erlaubt, wobei die meisten Schiffe nur bis Lüderitz fuhren. 1941 wurde die legendäre „Woermann Linie“ eingestellt, aber seitdem wir die Häfen alle kennengelernt, auf dem Landweg angefahren haben und sogar in deutschen Seemannsmissionen übernachtet haben, wuchs in uns die Idee, das Reisekapitel „Westküste Afrika“ mit einer Reise entlang der alten Woermann Route abzuschließen. Und welche Reederei aus Hamburg fährt nach Kapstadt? Die TUI!

Da ich selbst als „TUI Tante“ schon ein TUI Namensschild getragen habe, fühlt es sich etwas merkwürdig an, jetzt als Gast die Seiten gewechselt zu haben, aber wir freuen uns darauf, eine komplett neue Welt, die der Kreuzfahrten, kennenzulernen. Wir haben die Reise vor knapp einem Jahr schon gebucht und damit alle Rabatte eingestrichen, die man als braver deutscher Urlauber und Frühbucher so einheimsen kann. Und weil wir uns nicht vorstellen konnten, drei Wochen in einer fensterlosen Innenkabine zu sitzen, haben wir uns für 200€ Aufpreis eine Außenkabine gegönnt. Auf dem billigsten, untersten Deck. Profi-Kreuzfahrer raten davon ab, weil man von dort nur Wasser sehe und keine Aussicht habe, aber man könnte auch sagen: wenn es Delfine oder Wale zu sehen gibt, springen die direkt an unserem Bett vorbei und wir müssen nicht auf Deck 15 unserer teuren Balkonkabine mit dem Fernglas Tiere beobachten.
Wir hatten auch überlegt, die Woermann Route auf einem Frachtschiff zu fahren, aber Frachtschiffreisen sind im Vergleich zur billigsten Kategorie der Kreuzfahrten wesentlich teurer bei wesentlich geringerer Leistung. Wir haben keine Zusatzpakete gekauft und sind deswegen unterwegs offline, solange wir nicht an Land gehen. Außer in Marokko, Teneriffa und den Kapverden werden wir auch nicht von Bord gehen, denn der nächste Halt ist Namibia, wo wir schon waren und wo uns ein Landgang durch das Visum 90€ pro Person kosten würde. Wir sind beide keine Namibia – Fans und sparen uns die 180€. Das bedeutet für uns letztendlich fast 14 Tage nonstop an Bord. Wir sind gespannt, wie wir das finden. Da ich aber schon die Transsibirische Eisenbahn gefahren bin und weiß, dass man sich recht schnell an ein Leben an Bord, isoliert von der Außenwelt, gewöhnt, glaube ich, dass wir es genießen können werden.

Drei Wochen Pauschalurlaub liegen vor uns. Mit der TUI. Hättet Ihr das gedacht? Nein? Wir auch nicht. Aber wir probieren gerne Neues und haben Urlaub wirklich nötig. Und weil wir ab Gran Canaria mitfahren, sind wir jetzt auf Lanzarote. Mit einem „Inselschnäppchen“ von Bulgaria Air sind wir günstig nach Gran Canaria geflogen und weil das eine knappe Woche früher war als die Kreuzfahrt, sind wir mit einem 5€ Flug nach Lanzarote geflogen. Warum Lanzarote? Weil wir ganz am Anfang dieses Lebensabschnitts schon auf Gran Canaria und vor sieben Jahren zuletzt auf Fuerteventura waren, war jetzt Lanzarote dran. Da war Jan nämlich noch nie und ich zuletzt… 1983. Und Vulkane gehen immer.

Der Flug für 5€ war wunderschön, wir flogen quasi entlang von Fuerteventura und hatten eine herrliche Sicht auf alles, was wir vor ein paar Jahren mit dem Mietwagen „erkurvt“ hatten. 5€ ist übrigens ein ganz normaler Tarif, wenn man kein Gepäck hat. Fliegen ist außerhalb Deutschlands nämlich nach der Pandemie immer noch genauso günstig wie vor der Pandemie, aber das Narrativ der „flugverteuernden Pandemie“ hält sich hartnäckig in Deutschland, damit keiner realisiert, was wirklich passiert ist: Deutschland hat sämtliche mit der Fliegerei zusammenhängende Gebühren extrem verteuert: Start- und Landerechte, Gebühren, Abgaben und Steuern. Deutschland rettet damit umwelttechnisch nicht die Welt, sondern schießt sich wirtschaftlich noch weiter ins Abseits. Weil deswegen viele Fluglinien Deutschland verlassen oder ihr Angebot ab Deutschland stark eingeschränkt haben, fällt dadurch auch noch der preisliche Konkurrenzkampf weg. Nach dem Motto „mit den Deutschen kann man’s ja machen“ haben die verbliebenen Fluglinien ihre Preise zusätzlich zu den gestiegenen „Nebenkosten“ erhöht. Fliegt man also nicht von oder nach Deutschland, spart das viel Geld beim Reisen und von den durch die Pandemie angeblich gestiegenen Preisen weiß dort auch niemand.

Am Flughafen Lanzarote bekamen wir von der Mietwagenfirma ein Upgrade und düsten gleich los. Die beste Einführung in Lanzarote ist ein Besuch bei der Stiftung Cesar Manrique, die im ehemaligen (ersten) Haus des Künstlers, Architekt und Umweltaktivisten ein Museum betreibt. Cesar Manrique kämpfte gegen die Bausünden des Massentourismus, gegen die negativen Auswirkungen auf die Umwelt des Tourismus und für den Erhalt der natürlichen Schönheit Lanzarotes. Er verschmolz Natur und Kunst zu etwas, was heute die beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Insel sind: Jameos del Agua, Mirador del Rio, der Kaktusgarten und andere Highlights.

Seinen politischen Aktivitäten ist es zu verdanken, dass Lanzarote als gesamte Insel heute UNESCO Biosphärenreservat und UNESCO Geopark ist. Er hat die richtigen Menschen davon überzeugen können, dass Lanzarote einen Wert hat, der abseits der Strandurlauber, Sauf- und Partytouristen anderer spanischer Inseln und Ferienregionen liegt. Leider starb er 1992 bei einem Verkehrsunfall, sodass man nur spekulieren könnte, wie Lanzarote weiter durch ihn geformt worden wäre.

Cesar Manrique hatte auf Lanzarote zwei Häuser, die man besichtigen kann: eins, das er ganz am Anfang ab 1966 schuf und eins, in das er 1988 zog. Das erste seiner Häuser ist spektakulär: er bekam ein Stück Land inmitten eines Lavafeldes geschenkt. Im Lavafeld fand er fünf vulkanische Blasen, die er durch Gänge miteinander verband und so in sein Zuhause verwandelte. Jede Blase ist nach oben teilweise offen und wird von großen Segeln statt Dach vor Witterung geschützt.

In einer besonders großen Blase befindet sich eine Art „Garten“ mit Grillecke und Schwimmbad. Später, als Manrique in sein zweites Haus umzog, gestaltete er sein erstes Haus zu einem Museum, in dem man seine Kunst bewundern (dazu mussten ein paar Wände begradigt werden) und die extravagante und kreative Architektur sehen kann. Das Haus ist ein bisschen „70er Jahre schrill“, aber wir würden einziehen.

Nach dieser gelungenen Einführung in Cesar Manrique und sein Werk auf Lanzarote fuhren wir zum „Bauerndenkmal“, das er zusammen mit Jesus Soto geschaffen hat. Es besteht aus ausrangierten Frischwasser – Tanks von Fischerbooten und steht neben dem „Bauernmuseum“. Jesus Soto ist einer meiner liebsten südamerikanischen Künstler, seitdem ich 1996 bei ihm zuhause in Venezuela ein ihm vollständig gewidmetes Museum besucht habe. Soto hier auf Lanzarote wieder zu treffen, war eine Überraschung. Aber irgendwie auch nicht, denn „man kennt sich unter Künstlern“ und Manrique war nicht nur mit Jesus Soto befreundet, sondern kannte auch Joan Miró und Pablo Picasso (und das merk man manchmal), sowie Andy Warhol.

Das Bauernmuseum zeigt erstmal nur ein typisch kanarisches Bauernhaus. Für uns nichts Besonderes, denn erstens waren wir schon mehrfach auf den Kanaren und zweitens haben wir selbst ein museales, 200 Jahre altes Bauernhaus in Bulgarien. Hinter dem Haus aber ist ein Handwerkszentrum, in dem man kanarisches Kunsthandwerk erleben kann: Korbflechterei, Weberei, Klöppelei, Aloe Vera, Schnitzerei etc. Aber nur theoretisch. Entweder waren wir um 16 Uhr zu spät dran (viele touristische und kulinarische Einrichtungen schließen hier in der Nebensaison um 13 oder 14 Uhr), oder wegen Nebensaison gar nicht in Betrieb.

Das Restaurant dort schließt um 17 Uhr. Auch zur Hauptsaison. Weil vielleicht die Touristen alle all inclusive buchen und ab 17 Uhr zurück zum Hotel müssen, um rechtzeitig um 18 Uhr am Buffet Schlange stehen zu können? Wir wissen es nicht, rennen hier aber täglich gegen merkwürdige Öffnungszeiten der Gastronomie. Unsere Idee, zum Sonnenuntergang an einem Aussichtspunkt zu essen, war nur so lange gut, bis wir realisierten: das Restaurant schließt um 19 Uhr, wir waren die einzigen Gäste und selbst die Katze wartete darauf, dass wir bezahlten, damit alle ihre Ruhe hatten.

Bis dahin genossen wir aber Leckereien: gegrillte Paprika mit Meersalz, Gofio (gerösteter Getreidebrei) mit Käse, Shrimps in Knoblauchöl und „Schrumpelkartoffeln“ mit roter und grüner Mojo Sauce. Einfach, lecker und gar nicht so teuer, wie erwartet. Als wir am ersten Abend auf Lanzarote in unser winziges, fensterloses Zimmerchen krochen, waren wir zufrieden mit unserer Urlaubsdestination.

Das änderte sich ein wenig am nächsten Morgen: es schüttete aus Eimern und da ist ein dunkler Raum mit 38,50€ die Nacht zwar immer noch günstig, aber definitiv nicht angenehm. Der Regen trommelte auf das Dach und weil es weder Fenster noch richtige Lampen gab, wurde unser „niedliches Zimmerchen“ schnell zum „Mäuseloch“. In der Gemeinschaftsküche gibt es zwar drei große Fenster, aber nur einen Holztisch, der auch nicht dazu einlädt, einen Schlechtwettertag daran zu verbringen. Auch keinen Wasserkocher, um wenigstens heißen Tee zu kochen. WiFi oder Handyempfang gab es weder auf dem Zimmer noch sonstwo in der näheren Umgebung, sodass wir entschieden: Regentage sind Höhlen- Museumstage!

Wir fuhren zu den Jameos del agua, einem Naturdenkmal, das Cesar Manrique aus einer illegalen Müllhalde geschaffen hatte. Ich war 1983 schonmal da und hatte für den Tag eigentlich nur eine Erwartung: mindestens einen der weißen, blinden Tiefseekrebse sehen, die die Höhle bevölkern! Als wir ankamen, parkten gerade zwei TUI Busse ein und unser online gekauftes Eintrittsticket (dazu ist Internet auch im Urlaub wichtig) sparte nur Geld, aber keine Zeit. Unser Plan: wir haben Zeit und sitzen das aus, denn in den Jameos del Agua gibt es insgesamt drei Café-Restaurants. Wir durften an einem der Tische sitzen, aber nichts bestellen. Man sei gerade damit beschäftigt, die Tische für das Mittagessen einzudecken und zwei Kaffee seien zu viel Arbeit. Ein Tourist nach dem anderen wurde von der Theke weggescheucht. Wegen Reichtum geschlossen wahrscheinlich. Ein echter Dämpfer, der sich in den folgenden Tagen wiederholen sollte.

Als die beiden Busgesellschaften durch die Höhle geschleust waren, liefen wir zum See der Höhle, in dem die weißen Krebse wohnen. Weil sie ursprünglich aus der Tiefsee stammen und es weder dort noch in der Höhle Licht gibt, haben sie keine Augen und auch keine Pigmente. Mein Wunsch „mindestens einen Krebs wiederzusehen“ wurde ums Hundertfache übertroffen: es wimmelte geradezu von weißen Krebsen auf dem dunklen Lavagestein!

Wir setzten uns ans unterirdische Seeufer und beobachteten die „Urviecher“ beim Fressen, Krabbeln und gegeneinander kämpfen. Obwohl sie blind sind, spüren sie sich trotzdem gegenseitig sehr genau und greifen auch sehr präzise Nahrung aus dem Wasser. Das fand ich schon vor über 40 Jahren genauso beeindruckend wie heute.

An den Pool mit seinem türkisfarbenen Wasser konnte ich mich in der Art nicht erinnern und ich frage mich, ob das Wasser nicht vielleicht blau eingefärbt wurde? Normalerweise ist Wasser ja blau, weil sich das Blau des Himmels darin spiegelt, aber es regnete und am Himmel war gar nichts blau! Der Untergrund des Beckens war weiß und auch nicht blau, aber die grelle Farbe macht den Pool natürlich besonders schön. Vielleicht ist auch das Kunst…

Der Konzertsaal in einer vulkanischen Blase wurde gerade für eine Veranstaltung mit einer Leinwand hergerichtet, sodass die Bühne, die von einer Lava Wand umschlossen wird und die ich auch so in Erinnerung hatte, nicht wirklich zur Geltung kam. Ich weiß noch, wie ich als Kind beim Verlassen des Saals dachte „wenn ich mal erwachsen bin und selbst entscheide, wann ich ins Bett gehe, bin ich mal zu einer Abendveranstaltung hier“. Nun ja. Um solche Dinge zu planen, bräuchte man Internet und das war nicht wirklich vorhanden, was uns schon an Tag zwei ziemlich auf die Nerven ging. Solche Dinge spontan zu organisieren funktioniert für uns seit Jahren weltweit. Außer in Westeuropa.

Als Kind waren wir nicht im angegliederten Vulkanmuseum, aber da ich in der Zwischenzeit Dipl. Geo. geworden bin und meine Diplomprüfung in Geologie unter anderem über Vulkanismus als Spezialgebiet abgelegt habe, war das natürlich ein Magnet für mich. Das Museum wurde ursprünglich auch in Zusammenarbeit mit dem Venezolaner Jesus Soto entworfen und so war ich doppelt gespannt. Nun ja: Soto und Manrique waren Künstler, keine Geologen. Mir fehlte der Tiefgang. Eine Gesteinssammlung nahm eine gesamte Wand ein. Jeder Stein war mit dem Fundort beschriftet unter der großen Überschrift „so viele verschiedene Steine gibt es in Spanien“. Wie die Steine heißen und was das Besondere an ihnen ist, wurde nicht verraten.

Wir flogen zum Mars
Es war viel interaktiv gestaltet, man konnte an einem riesigen 3-D-Modell von Lanzarote die über 100 Vulkane sehen, der wahrscheinlich längste Lavatunnel der Welt (in dem die Jameos del agua geschaffen wurden) wurde als Modell gezeigt, man konnte mit einer 3-D-Brille virtuell durch den Tunnel fliegen und unter Wasser tauchen, mit einem Raumschiff mit einem simulierten Flug zum Mars fliegen und durch viele spielerische Tafeln und Installationen Geologie erleben. Zum Beispiel konnte man seine eigenen Bewegungen auf einem Seismographen sehen. Aber alles von Künstlern, nicht von Geowissenschaftlern konzipiert. Man konnte zum Beispiel auf eine Weltkarte per Knopfdruck alle „Hot Spot Inseln“ aufleuchten lassen. Was das jedoch ist, wurde nicht verraten. Ich habe es Jan verraten, aber der macht mit mir seit Jahren seit Vordiplom in Geowissenschaften. Also liebe Museumsmacher, fragt auch Fachleute statt nur Pädagogen oder Künstler, wenn Ihr ein Museum neugestaltet – denn 2001 wurde nach Neugestaltung wiedereröffnet.

Und dann begann unsere Odyssee nach einem „Nachmittagskaffee“ oder Snack. Unsere Idee, die die letzten Jahre eigentlich gut funktioniert hat: irgendwo eine Bäckerei, ein Restaurant oder ein Café finden, in dem es eine Kleinigkeit zu essen gibt und dazu ein Heißgetränk. Guter Plan bei Mistwetter, dachten wir. Tjoa, mit 15 Uhr ist man da zu spät. Alle in touristischen Kreisen hochgelobten Orte schließen spätestens um 14 Uhr. Zumindest, wenn man in den Bergen danach sucht und nicht in den von Badeurlaubern überbevölkerten Küstenorten, die mit ihren „made in China Souvenirs“ und industriellem Billigfraß für britische Urlauber nicht ganz so unseren Geschmack treffen. Wir wurden in einem Neubaugebiet der Inselhauptstadt Arrecife fündig. Hunger im Bauch gestillt, WiFi gab es aber auch keins, Regen fiel immer noch vom Himmel. Wo sollten wir hin?

Wir verzogen uns in unser dunkles Zimmerloch. Unter der (für das Wetter viel zu dünnen) Bettdecke wurde es warm. Mangels Lichts konnte man nur mit dem E-Book-Reader lesen, aber weil es kein Internet gab und ich nicht für die Kreuzfahrt extra schon herunter geladene Bücher „anbrechen“ wollte, entschied ich, dass Mistwetter und Langeweile am besten durch Schlaf abzukürzen sind. Abends fuhren wir in einen der Badeorte, in dem sich die rot verbrannten Briten im Regen am Ufer entlang schoben, es aber Restaurants gab, die auch nach 19 Uhr noch Essen servieren. Ein großer Teller Sardinen für 13€ war auch preislich okay, fanden wir.

Über Nacht hörte der Regen auf und nach dem Frühstück starteten wir die Mission, eine Möglichkeit zu finden, um Internet samt Steckdose gleichzeitig zu haben. Etwas, was es außerhalb Westeuropas problemlos gibt, hier aber nicht. Selbst in der Inselhauptstadt gab es entweder WiFi oder gar nichts. Wo es WiFi gab, war es so höllisch laut, dass an Arbeit nicht zu denken war und wo es ruhiger war, gab es weder WiFi noch Handyempfang noch Steckdosen. Unglaublich. Coworking Spaces auf Lanzarote kosten den weltweit üblichen Tagessatz von rund 20€, haben aber auch kürzere Tage als im Rest der Welt: von 10 bis 16 Uhr darf gearbeitet werden, länger nicht. Wenn man erst um 12:30 Uhr mit leerem Akku auf die Suche geht, ist das für die verbliebene Zeit einfach zu teuer. Wir waren gefrustet und haben uns wie in Berlin und Zaragoza gefühlt, wo wir vergeblich nach geeignetem Handynetz gesucht und letztendlich bei IKEA im Restaurant zum Arbeiten den Tag verbracht haben. Bloß dass es auf Lanzarote kein IKEA gibt.

Wer Russisch oder Bulgarisch kann, versteht das Bild. 🙂
Weil wir ja auf dem Kreuzfahrtschiff rund drei Wochen offline sein werden, kann eben nicht einfach alles liegen bleiben, was erledigt werden muss und was für manche von Euch nach „super Urlaub, so ganz ohne Internet“ klingt, ist für unseren Lebensstil einfach unmöglich. Selbst Kleinigkeiten, wie einen Ersatz für die in Kapstadt stornierte Unterkunft zu finden, den Check-In für den Weiterflug so machen oder verbilligte Eintrittskarten zu kaufen sind ohne Internet unmöglich. Ihr fliegt nach dem Urlaub nach Hause, für uns geht die Reise weiter und muss tagtäglich organisiert werden: wo zum Beispiel befindet sich in Las Palmas ein Waschsalon, damit wir vor der Kreuzfahrt Wäsche waschen können?

Zufällig offline gefunden.
Wir gaben unsere Suche nach Internet samt Steckdose auf und fuhren zu Cesar Manriques zweitem Haus, das er 1988 bezog, um in den Bergen im Städtchen Haria die Ruhe fürs Malen zu finden. Da er 1992 bei einem Verkehrsunfall plötzlich starb, ist im Haus alles genau so, wie es eben aussieht, wenn man „nur mal eben kurz vor die Tür geht“: die Seife trocknet seitdem in der Seifenschale, das Geschirr steht auf dem Tisch, im Atelier herrscht kreatives Chaos. Hier wird „aus dem Leben gerissen“ sichtbar!

Wir kurvten mehr oder weniger ziellos über die Insel und fanden endlich eine Ecke, die uns gefiel: Cafés und Bäckereien, die auch nach 14 Uhr geöffnet haben, Restaurants, die nicht mit Sonnenuntergang um 19 Uhr schließen und eine Surfer-Community mit schrägen Vanlifern, jungen und alten Hippies und entspannten Urlaubern, die nicht all inclusive buchen, sondern in kleinen Küstenorten Selbstversorger-Apartments beziehen. Zugegeben: nicht ganz unsere Preisklasse auf den Kanaren, aber definitiv unser Geschmack! Und wahrscheinlich auch mit Steckdosen, WiFi und Fenstern.

Das Gute an unserer Unterkunft: man sieht besonders viel von der Insel, denn man möchte keine Sekunde zu lang in dem klammen dunklen Loch bleiben, das mangels Fenstern nach einer (nur lauwarmen) Dusche nicht zu lüften ist. An Tag vier in der Unterkunft traten wir die Flucht schon vor dem Frühstück an und fuhren zum nächstgelegenen Ort, wo wir Churros frühstücken wollten. Eine Kombination aus mangels Heißwasser in der Unterkunft eiskalter Dusche, Unterzucker und dann zu viel zuckriger Cola auf nüchternen Magen sorgte bei mir für ein Kreislaufchaos, was ich so noch nie erlebt hatte. Dass es nur diese harmlose Kombination war, wusste ich aber erst, als ich in der Klinik, vor der wir zufällig parkten, als mein Kreislauf aus den Fugen geriet, von einem schwedischen Arzt komplett auf den Kopf gestellt worden war. Am Ende gratulierte er mir: Patienten ohne Fettleber, mit absolut sauberen Arterien, Normalgewicht, niedrigem Blutdruck und perfekten Blutfettwerten kommen selten vor. Insbesondere Deutsche und Briten seien in sehr schlechtem gesundheitlichem Zustand. Nachdem es mir wieder gut ging (EKG, Ultraschall, Blutwerte, Urinwerte, Aorta-Scan etc.) sah ich die Urlauber um uns herum mit anderen Augen. Die meisten übergewichtig und schon mittags mit Bier. Woran wir auch nicht gedacht hatten: COVID. Seit zwei Wochen habe er hauptsächlich deutsche Patienten mit COVID Infektion, sagte der Schwede. Na Mahlzeit, wir gehen auf ein deutsches Schiff voll Virenschleudern!

Wir dachten „schnell ein paar günstige Nudeln beim Asiaten“ und bekamen das schlechteste „Pad Thai“ unseres Lebens serviert: Bandnudeln in süßsaurer Sauce aus der Glasflasche. Meine Angst vor ähnlichen kulinarischen Erlebnissen auf dem Schiff flammte wieder auf. Meine größten Bedenken bei der Reise? Komische Mitreisende, zu kalte Klimaanlage und Industriefraß. Gegen Klimaanlage habe ich eine Fleecedecke eingepackt, den Menschen kann man auf der eigenen Kabine entgehen, Essen muss man aber. Ich rechne mit Tiefkühlkost, Industriebrot und anderem Convenience Mist, denn es muss bei dem Reisepreis billig sein. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ich werde Euch berichten! Mit vollem Bauch kurvten wir los durch die Vulkanlandschaft Lanzarotes zum Nationalpark Timanfaya.

Man kann den Nationalpark nicht spontan besuchen, sondern muss im Vorfeld (online, haha – und dazu braucht man Internet) einen vordefinierten Zeit-Slot buchen. 15 Minuten vorher wird man erst in den Nationalpark hineingelassen, wo dann eine Massenveranstaltung sondergleichen stattfindet. Ein schlecht gelaunter Ranger rattert gelangweilt einen Spruch zu heißem Gestein hinunter und wirft trockene Äste in ein Loch, bis es brennt. Dann füllt er Wasser in ein anderes Loch, leiert wieder einen Text herunter und zwei Sekunden später spritzt Wasser aus dem Loch. Geysir hausgemacht. Man wird dann aufgefordert, im Restaurant den Grill anzuschauen, auf dem Hähnchen durch Vulkanwärme gegrillt werden. Diese Hähnchen kann man aber nach der Vorstellung nicht essen, denn das Restaurant schließt schon um 17 Uhr und wir hatten die Führung für 16 Uhr gebucht.

Die „Führung“ war eine 35-minütige Busrundfahrt durch den Nationalpark, bei dem eine Ansage vom Band lief und man weder fotografieren noch aussteigen konnte. Ich saß weit genug vorne, dass ich dem Busfahrer gelegentlich mein Handy reichen konnte, mit dem er dann aus dem einzigen zu öffnenden Fenster ein paar Fotos machte. Spanischkenntnisse von Vorteil. Ich war so enttäuscht. 30€ pro Person für eine Massenveranstaltung, bei der man weder von Vulkanen noch von der Natur auch nur irgendetwas erfahren, erleben oder lernen konnte. Für 54€ pro Person kann man drei Stunden mit Aufpasser wandern. Mir ist klar, dass man die Natur vor Touristen schützen muss, aber der Mensch kann ja auch nur das als schützenswert erachten, was er kennt. Hier bekommt man definitiv keine Möglichkeit, etwas kennenzulernen oder gar zu verstehen.

Der Souvenirshop macht natürlich auch vor Ankunft der letzten Führung zu und so fuhren wir gefrustet von dannen. Westeuropa ist vielleicht doch nicht so die perfekte Urlaubsdestination für uns. Wir fuhren weiter zur „grünen Lagune“ und die war echt toll grün, inmitten von rotem, braungelbem und schwarzem Gestein. Das gefiel uns super, denn der Parkplatz war kostenlos und nicht überfüllt. Vieles, was man auf Island sehen kann (außer Wasserfälle) gibt es schließlich auch auf Lanzarote, allerdings zu viel angenehmeren Bedingungen. Parken auf Island kostet bei jeder Sehenswürdigkeit 10-15€, man muss anstehen und wird von den Massen durchgeschoben. Auf Lanzarote parkt man kostenlos und Massen gibt es auch keine. Außer am Strand, im Nationalpark und allem, was Cesar Manrique geschaffen hat.

Die Salinen von Lanzarote waren auch noch ein Punkt, an den ich mich von früher erinnern konnte. Bloß dass der Aussichtspunkt von damals heute für Autos gesperrt ist (wir sind aber hingelaufen, brauchen ja kein Auto) und gerade ein großes, neues Besucherzentrum gebaut wird und der alte Verkaufstresen am Tor der Lagerhalle, in der sich blaue Säcke voll Salz auf Paletten stapeln, bald ausgedient hat.

Wären wir hier in Urlaub und bald wieder zuhause, hätte ich Salz gekauft. Aber wir sind erst nächstes Jahr im April wieder aus Afrika zurück und bis dahin ist das längst im feuchten Tropenklima verflüssigt. Die Fotos sind nicht so schön geworden, wie ich das in Erinnerung hatte, aber irgendwie war damals auch das Wetter besser. Wir hatten in den fünf Tagen auf Lanzarote nur zwei Sonnentage mit T-Shirtwetter, aber auch nur einen Regentag, den wir mit Museum und Höhle auch gut gefüllt haben.

Zum Abschied gingen wir nochmal zum Sonnenuntergang mit Bergblick essen und ich bestellte eine „kanarische Spezialität“. Es stellte sich heraus: die lokale Spezialität war auch nichts anderes als bulgarischer Alltag (Sirene Pane mit Feigenmarmelade) und wir mussten wieder an unseren Freund Tsvetan denken, der nach fast zwei Jahren Weltreise resümierte: „Bulgarien hat einfach alles.“. Und er hat recht. Bloß weil das keiner weiß, fliegen alle z.B. auf die Kanaren und loben die ach so typischen kanarischen Spezialitäten. Macht das bitte weiter, denn dann bleibt Bulgarien weiter ein Geheimtipp!

An unserem letzten Morgen traten wir wieder früh die Flucht aus unserer Unterkunft an. Zum letzten Mal. Und es wird unsere erste Bewertung in all den Jahren unterwegs, bei der wir nur einen Stern abgeben werden. Bei der Buchung ein Fenster zeigen (was aber nur zur Rückwand eines Schrankes in der Abstellkammer nebenan öffnet) und WiFi, Heißwasser und voll eingerichtete Küche versprechen, aber nichts davon liefern grenzt schon an Betrug. Die fast vier verbleibenden Stunden auf Lanzarote verbrachten wir nach einer erneuten erfolglosen Suche nach einem Café mit zumindest gutem Handyempfang und ohne lauter Bahnhofsatmosphäre auf dem Flughafen. Auch Bahnhofsatmosphäre, aber mit WiFi und Steckdosen und kostenlos. Unser „Urlaub in Westeuropa“ hat leider doch ein wenig unsere Vorurteile von schlechter digitaler Infrastruktur, Massentourismus, Abzocke und Betrug erfüllt. Wir hoffen, die Kreuzfahrt ist anders! Und darauf freuen wir uns jetzt richtig. Pause. Richtig Pause.
Bis dahin: schaut Euch doch die drei letzten Videos dieses Sommers an, eins aus den Bergen rund um Almaty und zwei vom Weltraumbahnhof Baikonur. Wir melden uns dann wahrscheinlich erst Ende November aus Südafrika wieder…











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