
Unsere letzten Tage in Kasachstan waren ganz besonders: wir waren im Kosmodrom von Baikonur! Der krönende Abschluss nach sechs Monaten Reise durch Zentralasien. Und dann war es auch genug mit Zentralasien für uns. Wie bereits im letzten Blogpost geschrieben: wir brauchen „Zentralasien-Pause“. Pause vom „Pamir Bug“, der fast jeden Reisenden Zentralasiens „oben raus“ oder „unten raus“ zur Toilette zwingt, Pause vom zentralasiatischen Essen. Von beiden Punkten gab es zum Schluss nämlich nochmal eine dicke Extraportion…

Kvas Espresso
Nachdem wir Hans den Passat in Almaty beim Lackierer abgegeben hatten, verbrachten wir noch ein letztes, entspanntes Sommerwochenende in der Stadt. Tranken die letzten guten Kaffees (die Spezialitäten der Cafés östlich Rumäniens sind wirklich super!) und gönnten uns ein Abschiedsessen „da wo immer“, denn es war unser X-ter Aufenthalt in der sympathischen Stadt, die sich immer mehr zu einer wahren Weltstadt entwickelt. Am letzten Abend trafen wir Shane, den Organisator unserer Baikonur Tour.

Shane war im April schon in Baikonur und vom Raketenstart und dem Kosmodrom so begeistert, dass er das wiederholen und anderen, gleichgesinnten Reisenden für vergleichbar kleines Geld ermöglichen wollte. Er bot die Tour auf Facebook in einschlägigen Gruppen an und hatte so eine Gruppe von insgesamt neun erfahrenen Reisenden zusammengestellt, die wir am nächsten Tag kennenlernten: ein Pole, zwei Amerikaner, eine Indonesierin, zwei Tschechen, zwei aus Singapur (inklusive Shane) und wir zwei. Tischgespräche wie „als ich auf dem Eisenerzzug in Mauretanien saß…“ oder „Wie kommt man nach Tiger Island in Angola“ waren an der Tagesordnung.

Der legendäre Syrdarya Fluss
Es ging mittags ganz entspannt los mit einem Flug von Almaty nach Kyzylorda, wo wir in ein knuffiges Hotel eincheckten, dessen Rezeptionistin in uns dann doch einen gewissen Abschiedsschmerz weckte. Das Abendessen, von Shane organisiert und eine „zentralasiatische Interpretation internationaler Küche“ brachte uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: wir brauchten Pause vom Essen in Zentralasien. Später gesellte sich noch die Übersetzerin der Gruppe zu uns und es wurde ein schöner Abend, bevor es am nächsten Morgen dann „richtig“ losging und wir die 300km gen Westen nach Baikonur fuhren.

Auf dem Weg hielten wir am Korkut Ata Komplex. Wer die Steppe kennt, kennt auch den Wind, der dort immer bläst. Beim Korkut Ata Komplex wird er zu Musik, denn im Inneren des Denkmals streift der Wind über „Orgelpfeifen“, die einen Klang erzeugen, der dem traditionellen kasachischen Instrument „Kobis“ ähnelt. Die UNESCO hat die musikalische Tradition der Kobis in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Im Zentrum dieser Musikkultur steht Korkut Ata – der legendäre Philosoph, Dichter und Meistermusiker, dessen Vermächtnis das musikalische Herz der eurasischen Steppe prägt. Ihm zu Ehren spielt der Wind Musik in der Steppe…

Wir fanden: schöner kann man das Thema „Steppe, Wind, Poesie und Korbismusik“ nicht umsetzen! Und weil der Wind natürlich wie immer kräftig blies, konnten wir es auch gut hören. Man kann auch noch in einer Art „Kellerraum“ darunter eine Steinpyramide 7x umkreisen, was Glück bringen soll. Kann ja nicht schaden, also hat Jan es gemacht. Dann erreichten wir Baikonur Stadt, eigentlich Leninsk oder Tjuratam. Tjuratam war früher nur ein Bahnhof an der Eisenbahnstrecke von Moskau nach Taschkent und weit weg von größeren Siedlungen, in denen bei eventuell missglückten Flügen jemandem etwas auf den Kopf fallen könnte. Die Russen entschieden daher 1955, dort ein Testgelände für Interkontinentalraketen zu gründen.

Baikonur ist eigentlich ein kleines Dorf bei Karaganda, mehrere hundert Kilometer von Tjuratam entfernt. Zur Irreführung der Westmächte tauften die Russen ihr Testgelände auch „Baikonur“. Die sich südlich des Geländes entwickelnde Stadt wurde 1966 Leninsk getauft. Erst 1995 bekam die Stadt ganz offiziell den Namen Baikonur. Tjuratam und den Bahnhof gibt es heute immer noch. Wir hatten im Februar 2020 sogar Zugtickets nach Tjuratam, weil wir von Taschkent aus zu einem Raketenstart nach Baikonur wollten. Aber weil in Asien die Pandemie ja schon im Januar begann, kam es nicht dazu.

Doch jetzt waren wir da und standen an der „Grenze“ zwischen Kasachstan und Russland, um in die Stadt Baikonur hineinzukommen. Russland hat nämlich die Stadt und das nördlich davon gelegene, rund 85x90km große Kosmodrom von den Kasachen gepachtet. Wer die Stadt oder das Kosmodrom betreten möchte, braucht eine Art Visum und diverse Permits, weil man ja russischen Boden in Kasachstan betritt. Ausländer müssen diesen Prozess mindestens 55 Tage vor „Einreise“ über eine Agentur angestoßen haben, man kann also nicht spontan einen Städtetrip nach Baikonur unternehmen. Ein spontaner Städtetrip nach St. Petersburg z.B. geht allerdings, da es für Russland weiterhin ganz unkompliziert ein e-Visum gibt. An der „Grenze“ stieg Valentina von der kasachischen Agentur zu, die unsere Permits hatte. Stempel in die Pässe gab es keine, aber jeder wurde persönlich kontrolliert.

Baikonur wurde in den 1960er bis 1980er Jahre gebaut und seitdem genutzt, aber nicht mehr modernisiert. Warum auch? Die Stadt ist nur geleast und jeder Rubel, der für Modernisierung investiert wird, ist quasi für die Abrissbirne: 2050 endet der Pachtvertrag und die Kasachen bekommen eine fast 100 Jahre alte Stadt, in der plötzlich nur noch ein Teil der Bewohner lebt, denn heute sind 30% der Bewohner Russen und so ziemlich alle der 40.000 Einwohner direkt oder indirekt im Kosmodrom beschäftigt und dieser Arbeitgeber fällt ab 2050 komplett weg. Die gesamte Stadt ist daher eine Zeitreise in die 1960er bis 1980er Jahre Russlands: Plattenbauten mit Raketen, Raumschiffen und Satelliten, eine große Lenin Statue auf dem Hauptplatz und überall Hinweise auf Raumfahrttechnik. Selbst die Uhr in der Fußgängerzone ziert eine Rakete!

Der einzige optische Unterschied zum Russland der Vergangenheit sind die modernen Autos, die auf den Straßen fahren oder parken. Viele chinesische Fabrikate, da sich die europäischen Automarken durch ihre selbst auferlegten Sanktionen ja selbst einen riesigen Markt genommen haben (und jetzt herumjammern). Auch unser Hotel war eine Zeitreise in die 1960er: Platte mit Kühlschrank und Röhrenfernseher aus unserer allerfrühesten Kindheit und ein Klimagerät, das älter war als wir und so laut, dass man es nicht benutzen konnte. Zumindest nicht nachts zum Schlafen. Wirklich alles stilecht und mit Charme! Ob der museale Fernseher und dekorative Kühlschrank funktionierten, haben wir nicht ausprobiert.

Zur Einführung gab es eine große Stadtführung, die gleich mit einem Highlight begann: eine Sojus Rakete, beziehungsweise ein Mock-Up davon. Die „Sojus“ Rakete ist quasi das Weltraumtaxi zur internationalen Raumstation ISS! Seit 1966, seit 60 Jahren, wird die Sojus Rakete als absolut zuverlässiges Transportmittel ins All eingesetzt. Bis heute wird sie zur Versorgung der ISS genutzt und von verschiedenen Weltraumbahnhöfen in der EU, Russland und Kasachstan gestartet. Ich war 1996 im europäischen Weltraumbahnhof Kourou, wo einem damals nur die „Ariane“ präsentiert werden konnte. Erst von 2011 bis 2022 flog die Sojus auch von europäischen Boden!

Die Sojus ist quasi der „Lada Niva der Raumfahrt“: in den 1960er Jahren entwickelt und seitdem immer weiter modernisiert und heutzutage mit aktueller Einspritzung unterwegs. Mit dem großen Unterschied: die Sojus ist zwar genauso robust wie der Niva, aber darüber hinaus so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk und daher seit rund 1200 Flügen absolut verlässlich im Einsatz, während der Niva wahrscheinlich schon dreimal auf dem Schrottplatz gelandet wäre! Vielleicht sollten wir die Sojus besser mit unserem VW Passat „Hans“ vergleichen. Der transportiert uns auch absolut zuverlässig überall hin. Nicht gerade zur ISS, aber nach Kasachstan, wo im russischen Baikonur die Geschichte der Raumfahrt begann…

Der nächste Besichtigungspunkt war das Denkmal zu Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All. Vor genau 65 Jahren fand der erste bemannte Flug hier von Baikonur ins Weltall statt: Juri Gagarin flog im April 1961 als erster Mensch einmal um die Erde und landete danach wieder. Bis heute sind ihm rund 760 (!) Menschen gefolgt, darunter 120 Weltraumtouristen. Was vor 65 Jahren eine echte Sensation war, ist heute Alltag. Ob wir es noch erleben werden, dass Ausflüge ins All so „normal“ werden, dass wir es uns leisten können? Würdet Ihr fliegen? Wir schon!

Es gibt in Baikonur auch ein Freilichtmuseum, in dem man sich diverse Dinge rund um die Raumfahrt in Originalgröße als Mock-up oder im 1:6 Maßstab verkleinert ansehen kann: Raketen, Satelliten, Fahrzeuge, um Raketen zur Startrampe zu transportieren, ein Teil einer Raumstation, Raketentriebwerke und anderer technischer Kram, der uns ein wenig „erschlagen“ hat. Einerseits, weil die Infotafeln nur auf Russisch sind und unsere Übersetzerin nur übersetzen, aber keine technischen Sachverhalte erklären konnte, andererseits, weil wir in Sachen Raumfahrttechnik recht ungebildet waren und in den drei Tagen Tour quasi einen „Crashkurs“ machten.

Die Indonesierin unserer Gruppe war die Einzige, die sich wirklich bis ins Detail auskannte. Sie war in den USA aufgewachsen, aber großer Fan der russischen Raumfahrt und nicht „gehirngewaschen“ wie manche unserer Follower, die nur Erfolge der NASA als solche anerkennen und den „Wettlauf ins All“ anders interpretieren, weil es ihnen besser ins heutige geopolitische Bild passt – und schon immer westliche Interpretationen der Ereignisse für Fakten gehalten wurden. Fakt ist jedoch: Russland brachte mit Sputnik 1 den ersten künstlichen Satelliten in die Umlaufbahn, auch als „Sputnikschock“ bekannt. Googelt mal! Der „Sputnikschock“ wirkt bis heute, insbesondere jetzt sehr intensiv…

Auch das erste Lebewesen im All, die Hündin Laika, startete aus Baikonur, nicht aus den USA. Die erste (unbemannte) Mondlandung und die ersten Bilder vom Mond kamen nicht von amerikanischen Astronauten, sondern von einer russischen Sonde. Der erste Mondsatellit kam auch aus Russland. Der erste Mann und die erste Frau im All waren ebenfalls Russen und der erste Spaziergänger im All war auch einer. Was auf dem Mond gelang, wiederholten die Russen dann mit einer Landung einer Sonde auf Venus und Mars und auch die erste Raumstation kam aus Baikonur. Bitte selber googeln, falls Zweifel bestehen! Und nein, wir werden nicht “von Russland bezahlt”, um “solche Dinge zu behaupten”. Es ist nicht einfach derzeit mit Russenhassern unter unseren Followern…

Die USA waren allerdings die ersten, die eine bemannte Mondlandung schafften und die ersten, die eine wieder verwendbare Raumfähre bauten und das ist bis heute der Erfolg, der in unseren „Westköpfen“ als „Sieger“ verankert ist, beziehungsweise wird. Dass seit dem Zerfall der Sowjetunion eine Zusammenarbeit der ehemaligen Konkurrenten stattfindet und Raumfahrer aus aller Welt auf der MIR und ISS stationiert wurden, die ISS bis heute auch aus Russland mit russischen „Progress“ und „Sojus“ Raketen versorgt wird und von Baikonur aus überhaupt zum allerersten Mal bemannt wurde, wird gerne unterschlagen. Auch europäische Satelliten wie einige Eutelsat oder Copernicus wurden mit russischen Proton Raketen aus Baikonur ins All transportiert. Das passt heutzutage wie damals nicht ins politische Bild. Es ist daher immer ganz gut, sich vor Ort ein Bild zu machen und weil uns eine kompetente Reiseleitung fehlte (die Übersetzerin war lieb, aber technisch überfordert), waren Google, ChatGPT und die Indonesierin unsere Informationsquellen.

Besonders beeindruckt hat mich eine originale Kapsel, mit der ein Kosmonaut zur Erde zurückgekommen ist. Im Fernsehen sieht man immer, wie diese Kapseln irgendwo in Steppe oder Meer landen, die Raumfahrer die Klappe öffnen und strahlend aussteigen. Was nicht gezeigt wird (oder worauf ich bisher nie geachtet habe): wie verkohlt diese Kapseln außen sind. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wird es richtig heiß und von Innenaufnahmen aus dem Fenster der Kapsel sieht man dann Flammen. Bloß wie versengt und verbrannt diese Kapseln dann bei der Landung aussehen, das war mir nicht bewusst. Ziemlich schwarz verkohlt! Das würde mir, wenn es irgendwann erschwingliche Reisen ins All gibt, dann doch etwas Sorgen machen 😊

Wir streunerten im Dunkeln durch die kitschig bunt beleuchtete Innenstadt, flanierten die Fußgängerzone hoch und runter und erlebten eine Stadt, die einen interessanten Mix aus Kasachstan und Russland zeigt: die Geschäfte bieten Produkte aus beiden Ländern an, es gibt Polizei und Militär beider Länder und beide Währungen werden akzeptiert. Man kann in Rubel und Tenge bezahlen, bekommt aber nur Rubel als Wechselgeld. Aufgrund der Sanktionen können wir nicht mit Karte zahlen oder Geld abheben, was aber nicht schlimm ist, weil wir vorbereitet waren.

Zum Abendessen hatte die kasachische Agentur um Valentina sich wirklich Mühe gegeben, uns kasachische Küche zu kredenzen. Bloß dass das niemand aus der Gruppe würdigen konnte. Es gab breite Nudeln mit dünnen Scheiben Kochfleisch. Ohne Gewürze, ohne Kräuter, ohne Geschmack. Aber mit dickem Fettrand. Ich konnte das nicht mehr sehen, riechen oder essen und entschied, die zu jedem Essen gereichten Fettkrapfen und Salat zu essen. War auch wieder falsch, denn im Laufe des Abends wurde mir übel und ich beförderte alles wieder nach draußen. In die Duschkabine, weil die Toilette zu dreckig war. So oft wie in den letzten sechs Monaten und während unserer ersten Reisen in Zentralasien haben wir in vier Jahren Afrika nicht gekotzt! Ich war es so leid und beschloss, es wie der eine Tscheche zu tun: nur noch Fettkrapfen essen.

Zum Frühstück gab es immerhin magenschonenden Haferbrei und Kräutertee für alle, bevor es auf das Gelände von Roskosmos ging. Roskosmos ist das russische Pendant zur NASA. Im Gegensatz zu allen anderen Gebäuden der Stadt ist das ziemlich modern und die Plattenbauten auf dem Weg von der „Grenze“ zum Roskosmos Areal werden gerade mit bunten Metallplatten verkleidet und die Grünflächen gepflegt. Ein großer Gegensatz zum Rest der Stadt, in dem nichts investiert wird, bis der Pachtvertrag ausläuft. Es soll auf Fernsehbildern gut aussehen, wenn Raumfahrer vom Roskosmos Gelände zum Kosmodrom fahren und dabei gefilmt werden.

Auf dem Gelände von Roskosmos ist der berühmte Gartenpavillon am Syrdarja Fluss, in dem in geselliger Runde damals verkündet wurde, dass Juri Gagarin der erste Mensch im All sein würde. Angeblich entschied man sich für Gagarin, weil er hübsch aussah, sich bei Interviews gut verkaufen konnte, aus einfachen Verhältnissen kam und weil sein Name unverfänglich klingt. Zur Auswahl stand nämlich auch German Stepanowitsch Titow, der, englisch ausgesprochen, hätte suggerieren können, ein Deutscher sei ins All geflogen und nicht ein Russe. Außerdem war Gagarin mit 1,57m sehr klein und passte damit besser in die Raumkapsel, brauchte somit auch weniger Sauerstoff und produzierte weniger CO2. German Titow war 5cm größer und wurde später zweiter Mensch im All, als er die Erde ganze 17x umrundete.

Und dann fuhren wir, endlich, endlich, zum Kosmodrom! Dazu muss man erst wieder aus Baikonur Stadt ausreisen, durch ein Stück Kasachstan fahren und dann nach Baikonur Kosmodrom einreisen. Wir hatten ein ziemlich knappes Zeitfenster von sechs Stunden vorgeschrieben bekommen, in dem wir alle Sehenswürdigkeiten „abhaken“ mussten. Schließlich ist das Kosmodrom aktiv und an diesem Tag hätte ja eigentlich eine Progress Rakete zur ISS aufbrechen sollen. Man fährt als Tourist im laufenden Betrieb auf dem größten Weltraumbahnhof der Welt herum – und ist damit nicht alleine. An Tagen wie diesem, an dem eine Rakete starten soll(te), sind einige Busse mit Touristen unterwegs.

Auf YouTube und TikTok sind einige Selbstdarsteller unterwegs, die behaupten, man könne nur illegal ins Kosmodrom, aber im Prinzip sind es ganz einfache „Busrundfahrten“ und „Pauschalreisen“, die jeder buchen kann. Klingt nur langweilig, deswegen wird das ungern verraten. Wer ohne „Busreise“ in Baikonur unterwegs ist, macht das illegal und wird beim Erwischen mit saftigen Strafen bedacht. Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen und Überwachungskameras gesehen und vermuten, einige „YouTube Helden“ sind auch im Rahmen einer organisierten Tour dort unterwegs gewesen.

Als erstes fuhren wir zu einer unscheinbaren grauen Halle, die am Ende eines ziemlich zugewachsenen Zufahrtweges steht. Wir mussten etwas warten, bis eine andere Reisegruppe aus der Halle kam, dann bekamen auch wir Bauhelme aufgesetzt und standen ganz plötzlich vor der Buran. Beziehungsweise: vor gleich zwei Buran! Oder: vor dem „Vögelchen“ (Ptichka), der fast vollendeten zweiten Buran! Die „echte“ Buran, die 1988 die Erde 2x umrundete, ist leider in einem Sturm, der 2002 das Dach einer Montagehalle zum Einsturz brachte, zerstört worden.

Die Buran war die technisch am höchsten entwickelte Raumfähre: im Gegensatz zum Space Shuttle der NASA flog die Buran autonom und musste nicht von Astronauten an Bord gesteuert werden. Sie hatte auch eine wesentlich höhere Nutzlast, weil sie von einer Rakete „Huckepack“ ins All flog und nicht wie die amerikanische Variante ihren eigenen Antrieb mitschleppen musste. Sie war auch sicherer, weil sie für den Booster (beim Start) eine genau steuerbare Mischung aus Kerosin und Sauerstoff nutzte, die bei Problemen abschaltbar war. Sie hatte auch Schleudersitze, mit denen eventuell als „Fracht“ mitreisende Raumfahrer in der Start- und Landephase (bis Mach 3,5) „aussteigen“ konnten. Kann man auf Wikipedia nachlesen, für alle Ungläubigen: Unterschied Buran / Space Shuttle

Insgesamt wurden 5 Space Shuttle und je nach Zählweise bis zu 9 Buran gebaut, von denen aber nur eine einzige ein einziges Mal flog und 1988 die Erde 2x umrundete. Dann zerfiel die Sowjetunion und das Projekt wurde eingestellt. Wir wissen, dass im im „Wettlauf ins All“ unterlegenen „Westen“ bis heute der „Sputnikschock“ anhält und viel von dem, was in der russischen Raumfahrt lief, als „Kopie amerikanischer Systeme“ abgetan wird, aber wer googelt, Wikipedia und andere Quellen (auch in anderen Sprachen) lesen kann, sollte in der Lage sein, auch ohne Raumfahrt studiert zu haben, die völlig unterschiedlichen Konzepte von Space Shuttle und Buran zu erkennen: anderer Antrieb, andere Brennstoffe, autonom vs. pilotiert etc. Nach einer Woche Diskussion mit selbsternannten „Weltraumexperten“ fehlt mir nun wirklich die Energie, die Unterschiede zu erklären. Insbesondere in der heutigen Zeit, in der zu viele Russophobe zu viel flache Propaganda verbreiten und für technische Fakten nicht erreichbar sind.

In der Montagehalle steht außer dem „Vögelchen“ noch eine zweite fast fertig aussehende Buran, die von YouTubern und illegalen Einbrechern mit Graffiti „verziert“ wurde, das mittlerweile halbwegs entfernt ist. Sie ist aber nur ein Modell und wurde zu Testzwecken genutzt. Ich weiß, Ihr werdet uns nun sicherlich sagen, dass niemand so weit fahren muss, um eine Buran zu sehen, weil in Speyer im Technikmuseum auch eine stehe. Wissen wir. Aber wisst Ihr auch, dass in Speyer nur ein früher Prototyp steht, der noch einen Heckantrieb hatte, mit dem sie selbst abheben konnte, die „echte“ Buran, das „Vögelchen“ und damit die „Endversion“ nur Hilfsantrieb für Flugmanöver hatte, aber nicht selbst abheben konnte? Ganz sicher werden wir auch mal nach Speyer fahren, aber die „echte“ Buran steht dort nicht!

Weil wir mit einer kasachischen und nicht russischen Agentur unterwegs waren, hatten wir keine Permits, um auf dem Freigelände von Baikonur in eine dort parkende „Buran“ hineinzugehen. Dafür hätten wir rund 6000$ zahlen müssen und wir haben entschieden, dass wir, die wir nur 1/5 dessen gezahlt haben, für das gesparte Geld jederzeit nach Deutschland fliegen können und für 25€ in das Innere des Buran Prototypen im Museum in Speyer klettern können. In der Montagehalle von Baikonur jedoch ist es ganz speziell: es handelt sich ja nicht um ein Museum, sondern um den Geburtsort der Buran und alles „atmet“ die Zeit der russischen Raumfahrt. Sogar die Konstruktionspläne verstauben dort noch auf einem Tisch! Eine ganz spezielle Atmosphäre, den legendären Raumgleiter in seiner Geburtsstätte zu sehen!

Unsere Zeit im Kosmodrom tickte und so trieb uns Valentina zum nächsten Highlight: dem „Kontroll Punkt“, dem unterirdischen Kontrollzentrum in der Nähe der legendären „Gagarin Start“ Startrampe. Von dem Bunker aus konnte die Mannschaft die Vorbereitung und den Start kontrollieren. Man konnte mit Periskopen den Start der Rakete ganz genau beobachten und war doch im Falle einer Explosion oder eines Unfalls geschützt. An den Kontrollpulten wurde bis zum letzten Start von dieser berühmten Rampe noch 2019 gearbeitet – allerdings nicht mehr nur mit Knöpfen und Schaltern, sondern auch mit IBM Computern. Die Raumfahrer waren in ihrer Rakete mit dem Team im Bunker verbunden. Das Erstaunliche: obwohl so eine Rakete nach 23 Minuten Flug ja nun wirklich schon weit entfernt ist, bestand so lange Funkkontakt zwischen Gagarin und dem Kontrollpunkt. Heutige Raketen werden von einem neuen, moderneren Kommandopunkt aus gestartet.

Man kann dort alles anfassen und bedienen, mit den Periskopen auf die Startrampe lugen, die Aufzeichnungen des letzten Starts von 2019 anschauen und Techniker spielen. „Raumfahrt zum Anfassen“ im wahrsten Sinne des Wortes! Der unspektakuläre IBM Laptop, der auf einem Schreibtisch steht, interessierte niemanden unserer Gruppe, wir spielten alle an den Schaltern und Knöpfen und taten so, als sei 1961 und Gagarin warte in seiner „Wostok“ draußen auf der Startrampe auf den großen Moment.

Dann kamen wir auch zur Startrampe, an der Geschichte geschrieben wurde. Weil sie 2019 noch im Einsatz war, glänzte die Hydraulik noch wie neu und alles sah nicht ganz so nach 65 Jahre alter Antiquität aus wie erwartet. Es war imposant zu sehen, wie riesig der betonierte Kanal ist, über den die heißen Gase beim Start der Raketen abgeleitet wurden. Heutige Abschussrampen sind nach dem gleichen Prinzip gebaut, nutzen aber ein moderneres Kontrollzentrum.

Schon von weitem hatten wir die riesige Halle gesehen, die eher wie ein Turm aussieht. Die Rückseite des hohen Gebäudes ist eine riesige Schiebetür, durch die… die Energija Rakete ins Freie geschoben werden konnte! Damit wurde die Buran in den Orbit befördert! Natürlich nicht mit exakt dem Ding, vor dem wir staunend standen, denn das war „nur“ ein Prototyp, aber beeindruckend genug! Riiiiesig!

Die Energija Rakete war für eine Nutzlast bis zu 200 Tonnen ursprünglich als „Mehrweg-Rakete“ geplant. Quasi als „Schwerlast-LKW“ der Raumfahrt. Sie flog nur ein einziges Mal „richtig“: mit der Buran als Fracht in den Orbit. Dann zerfiel die Sowjetunion und das Projekt wurde aus finanziellen Gründen gestoppt. Ihre Triebwerke jedoch leben bis heute in der amerikanischen „Atlas V“ Rakete, der russischen „Angara“ und anderen weiter. Die Cargo-Kapazitäten der Energija wurden erst neuerdings durch das Starship von Space X übertroffen. Und: nein, die Energija war keine Kopie eines amerikanischen Modells, aber das könnt Ihr selbst nachlesen (wer lesen kann…). Sie ist, wie auch alle anderen für Touristen zugänglichen Orte in Baikonur schwer überwacht mit Sicherheitspersonal und Kameras. Ich musste Pipi und hatte Mühe, ein „stilles Örtchen“ im Außenbereich zu finden, wo ich nicht bei meinem „kleinen Geschäft“ gefilmt wurde…

Auf der Fahrt zum „Ausgang“ des Kosmodroms (und das ist weit, etwa 35km von der „Buran“ Halle entfernt) hielten wir an zwei kleinen Häusern: das von Gagarin und dem „Vater der Kosmonautik“, Sergej Koroljow, dem sowjetischen Raumfahrt – Chefkonstrukteur. Diese beiden schlichten Holzhäuser sind eigentlich nur mit den sauteuren russischen Permits zu besichtigen, aber Valentina ging vor schauen, ob gerade ein Wachmann da war oder nicht. Die Luft war rein, Überwachungskameras kontrollieren schließlich keine Permits, und wir konnten heimlich und schnell einen Blick in beide Häuser werfen. Nicht spektakulär, ganz normale Häuser mit Bad, Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer mit ganz normalen Möbeln im 60er Jahre Chic.

Und schon war unsere Zeit im Kosmodrom vorbei! 5,5 von den erlaubten 6 Stunden waren buchstäblich wie im Fluge vergangen! Wir haben gar nicht gemerkt, dass die Zeit verging, so spannend war es! Wir können verstehen, dass so auch die ganzen Gerüchte ins Internet kommen, dass man „überall in 10 Minuten durchgescheucht“ würde. Es fühlt sich tatsächlich so an, aber wir haben in Wirklichkeit in fast sechs Stunden „nur“ vier Sehenswürdigkeiten erlebt: die „Buran“, die „Energija“, die Startrampe und das Kontrollzentrum. Nur durch die Häuser wurden wir tatsächlich „durchgescheucht“, weil wir dafür keine Permits und auch nicht bezahlt hatten.

Um in konkreten Zahlen zu sprechen: wir haben pro Person 1200$ gezahlt und dafür insgesamt drei extrem vollgepackte und höchst interessante Tage bekommen. All inclusive Urlaub mit Unterkunft, Verpflegung, rund 700km Busfahrt und Permits für das Kosmodrom und Baikonur. Der Unterschied zu den 6000$ teuren Touren russischer Agenturen: mit russischen Permits kann man in die „Buran“ auf dem Freigelände hinein, man darf offiziell die beiden Holzhäuschen besichtigen und das kleine Museum im Kosmodrom besuchen. Falls eine bemannte Mission startet, bekommt man nur mit russischen Agenturen die Gelegenheit, die Raumfahrer zu sehen und bei deren Verabschiedung dabei zu sein. Da an dem Tag ursprünglich ein unbemannter Start hätte stattfinden sollen, wären das für uns über die kasachische Agentur 150$ Aufpreis gewesen. Man muss also vorher wissen, was man sehen möchte und was einem der Preisunterschied wert ist.

Wir fuhren zu einem sehr verspäteten Mittagessen, das, wie der Pole unserer Gruppe treffend formulierte „so aussah und schmeckte wie das geschmacklose Abendessen des Vortages, aber einen anderen Namen hatte“. Es blieb viel Reis mit Fleisch übrig, aber kein einziges Brot und kein einziger Fettkrapfen. Alle aßen ein „Anstandshäppchen“ und lächelten fürs Foto und Valentinas Bemühungen, uns Banausen die zentralasiatische Küche vorzuführen.

Weil wir mit unseren kasachischen Permits nicht ins Mini-Museum auf dem Kosmodrom durften, war eine lange, ausführliche Führung im städtischen Museum in Baikonur Stadt inklusive. Und die war super gemacht und unterhaltsam! Eine Museumsführerin in „Roskosmos“ Kostüm führte durch die Ausstellung, die vom Design her schon eine coole Zeitreise war. Wir erfuhren so viel, dass uns bald der Kopf schwirrte. Am Ende der Führung durfte jeder auf einer großen Weltkarte eine Stecknadel in seinen Heimatort stecken. Wir sahen: die meisten Besucher des Museums kamen aus Kasachstan und Russland, aber erstaunlicherweise hatte jemand schon an die einsame Stelle in Bulgarien einen Pin gesteckt, an den auch wir einen steckten! Wer bist Du?

Nach dem Museumsbesuch ging es zum Postamt von Baikonur, für diejenigen der Gruppe, die eine Briefmarke mit Baikonur Poststempel haben wollten, ihre Einkäufe erledigen. Wir sammeln keine Briefmarken, kauften aber im anschließend besuchten Souvenirgeschäft für die nächste Generation Raumfahrer daheim eine Kleinigkeit (kompatibel mit dem original Playmobil Raumschiff!). Ich hätte gerne ein cooles T-Shirt gehabt, aber wir drei Mädels der Gruppe gingen allesamt leer aus, weil wir Raumfahrer – Statur haben und daher selbst die kleinste Herrengröße Nachthemd ist.

Wir reisten aus Baikonur Stadt aus, um das berühmte „Fischmann“ Mosaik zu sehen und zu fotografieren. Das weiche Abendlicht war perfekt und weil es ohne Permits frei zugänglich ist, waren wir nicht alleine. Wegen des ursprünglich geplanten Raketenstarts waren viele Touristen in der Gegend, die das Ereignis aus der Ferne hatten beobachten wollen. Vielleicht haben wir nächstes Jahr Glück und wenn wir unseren Passat Hans abholen, findet ein Raketenstart statt! Aller guten Dinge sind schließlich drei!

Das Abendessen war wie das Mittagessen wie das Abendessen des Vortages und wir übten uns wieder in Anstandshäppchen und Lächeln, ließen keinen Krapfen und kein Brot übrig und wurden dann von Valentina vor die Herausforderung gestellt, pappsüße, sandige Zuckercreme – Torte zu essen. Weil der Raketenstart ausgefallen war und ihr das leid tat, kredenzte sie uns zum Trost Torte zum Nachtisch. Jan und ich stiegen aus. Wir konnten einfach nicht mehr. Unsere Geduld mit dem Essen in Zentralasien war nun vollends aufgebraucht. Die beiden uns gegenübersitzenden Tschechen verdienten sich unseren vollen Respekt, weil sie zwei ganze Stücke schafften! Außer ihnen war nur ein Amerikaner noch so stark. Wir fielen müde ins Bett. Ein langer, spannender Tag lag hinter uns!

Morgens gab es wieder Haferbrei mit Kräutertee, ein letztes Mal fuhren wir vorbei an den mit Raumfahrtmotiven verzierten Plattenbauten, ein letztes Mal sahen wir die Sojus, dann reisten wir endgültig aus Baikonur aus und nach Kasachstan ein. Und weil das hier jetzt schon sehr, sehr lang wurde, weil es sehr, sehr toll war, erzähle ich Euch nächste Woche, wie es weiter ging. Weil die letzte Woche so „voll“ war, gab es keine „Sonntagslektüre“, aber Jan hat Videos online gestellt. Ihr habt also das Vergnügen, bis zum nächsten Blogpost nicht ein Video, sondern gleich drei anschauen zu können!











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