Die Seidenstraße Tadschikistans

Wir sind zurück in Tadschikistan, zurück in Duschanbe und zurück auf der Startposition für den Pamir Highway! Fast wie bei Monopoly „Rücke vor auf Los“ sind wir jetzt endlich bereit für den Pamir Highway, den wir 2020 schon fahren wollten, als wir mit dem VW T4 in Kasachstan waren. Und 2021, als wir den T4 aus Kasachstan abgeholt haben. Aber damals war Pandemie und der deutsche Reisepass alles andere als hilfreich…

Jetzt sind wir wieder „auf Los“ und diesmal klappt es! Auch, wenn wir letzte Woche einen kurzen Abstecher in unser altes Zuhause in Taschkent, Usbekistan, gemacht haben. Dieser ungeplante Abstecher führte aber dazu, dass wir jetzt schon den Nordwesten Tadschikistans kennenlernen konnten, den wir eigentlich von Kirgistan aus erkunden wollten.

Wir verließen mit schweren Herzen bei 44°C unsere Wohnung in Taschkent (wir hatten während der Pandemie dort 3,5 Monate gewohnt) und rollten Tadschikistan entgegen. Auch dort waren es 44°C und wir können Euch sagen: ein schwarzes Auto ist da nicht ganz so schlau. Damals im Irak bei 47°C war uns ja eine Spraydose im Werkzeugfach explodiert und hat eine Delle im Blech (von innen nach außen!) verursacht, diesmal lief nur der aufrecht stehende Oktanbooster aus den original verschlossenen Flaschen über, der Deckel der Spüliflasche sprang ab und die Flasche mit dem Glasreiniger blähte sich auf. Aber hier beschwert sich niemand, weil so eben jeder Sommer ist. Wer transportiert auch schon Spüli und Glasreiniger in einem schwarzen Auto? Eben…

Wir fuhren bis Chudchand / Khujand (je nach Schreibweise) und lernten: weil hier jeder Sommer über 40°C ist, leben die Menschen hier (wie auch in Afghanistan) einfach im Sommer anders: Museen zum Beispiel haben bis spät in den Abend geöffnet, sodass wir abends um 20 Uhr gleich ins erste Museum hineinspazieren konnten. Warum uns das andere Reisende empfohlen hatten, erschließt sich uns bis heute nicht. Die Exponate waren nichtssagend wie eine Vitrine mit Steinen, die mit „Steine“ beschriftet war. Tja, für mich als Dipl. Geo. sind Steine zwar grundsätzlich interessant, aber soooo…?

Wir verließen das Museum nach einem kurzen Rundgang wieder und stellten fest: auch die Festung hat am späten Abend noch geöffnet! Eigentlich sind solche extrem über-restaurierten Sehenswürdigkeiten nicht nach unserem Geschmack, aber in der Festung von Chudchand geht es nicht hauptsächlich um ein historisches Gemäuer, sondern um lokale Handwerkskunst. Den „Lehmhaufen“, der von der von Alexander dem Großen gegründeten (und von den – natürlich – Mongolen zerstörten) Siedlung übrig ist, kann man gar nicht besichtigen, sondern nur vom Zaun aus sehen. Innerhalb der Festungsmauern wurde die damalige Altstadt neu errichtet und in den neu mit alten Techniken aus Lehm (und ohne Beton, wie in Khiva…) aufgebauten Häusern kann man alte Gewerke lebendig sehen.

In wunderschönen Innenhöfen und Innenräumen mit bunt bemalten Holzdecken kann man Handwerkskünstler bei der Arbeit beobachten: Näherinnen besticken Wandbehänge, ein Töpfer töpfert, ein Maler bemalt kunstvoll und bunt Alltagsgegenstände und schafft kleine Gemälde, es gibt einem Schmied, eine Weberei, eine Teppichknüpferei, einen Instrumentenbauer und eine Mosaikwerkstatt.

Chudchand ist berühmt für Mosaike aus Halbedelsteinen, nicht aus Keramik. Wir sahen, wie aus farbigem Gestein passgenaue Stücke zugeschnitten und geschliffen wurden, um dann, Stück für Stück, Farbe für Farbe, zu kleinen oder großen Kunstwerken zusammengesetzt zu werden. Der berühmte, knallblaue Lapislazuli aus Afghanistan war der Exot unter den bunten Materialien, die anderen „Farben“ kommen alle aus der Region, bekamen wir erklärt. Im Museum sahen wir ganze Wände mit solchen Mosaiken.

In der Mitte der Festung steht ein „Neubau im alten Stil“. Anders als in Usbekistan ist hier von vornherein klar, dass es sich nicht um ein historisches Gebäude handelt, sondern um eine Demonstration tadschikischer Baukunst. In Inneren des Gebäudes repräsentiert jeder Raum eine Region des Landes und zeigt die für diese Region typische Bau- und Handwerkskunst: Intarsien, Holzschnitzereien, Stuck, Kacheln und Keramik, Mosaike,…

Man läuft staunend mit Puschen an den Füßen von Raum zu Raum und fühlt sich wie in einem Palast. So waren früher, vor 2000 Jahren, die Gebäude der Seidenstraße gestaltet! So wohnten Herrscher wie Timur seinerzeit! Man hat durch dieses Gebäude die Möglichkeit, nicht nur schöne Kulissen zu fotografieren, sondern auch zu sehen, wie es damals im Inneren dieser Disneylandgebäude ausgesehen haben könnte. Und für 2,50€ Eintritt pro Person für die gesamte Anlage ein absolutes Schnäppchen!

In Ländern mit „Sommertemperaturen“ erwacht das Leben erst nach Sonnenuntergang und so reihten wir uns ein in die Massen der Einheimischen, die durch die Parks flanierten, Fahrrad fuhren, joggten, draußen aßen oder einfach nur im Park am Springbrunnen oder künstlichen Wasserlauf saßen und die laue Abendluft genossen.

„Die Liebe kam lautlos zu mir,
nahm Herz und Seele sanft in ihre Hand.
Seit ich dein Antlitz sah, Geliebte,
ist jeder Ort für mich dein Land.“
(Kamol Khujandi)

Persische Poesie ist herrlich romantisch! Im Iran haben wir Hafiz kennengelernt, in Afghanistan Rumi und in Tadschikistan Kamol Khujandi und Rudaki.  Im Park hinter der Festung steht ein Mausoleum, das keins ist und zu Ehren des dort geborenen persischen Dichters Kamol Khujandi gebaut wurde. Es sieht zwar aus wie ein Mausoleum, aber in ihm ist nur Erde aus seinem wirklichen Grab in Tabriz (Iran) „begraben“.

Tadschikistan lebt persische Kultur und Traditionen: es wird Nowruz gefeiert, die Sprache ist eine Variante von Farsi, die Literatur ist dieselbe und die Gastfreundschaft ist ähnlich außergewöhnlich. Hier in Tadschikistan ist auch der einzige Ort weltweit, an dem noch mit dem Yaghnobi eine Variante des Sogdisch gesprochen wird – die alte Sprache der Seidenstraße von vor 1000 Jahren! Es werden heutzutage Touren in die Dörfer der Yaghnobi Sprecher angeboten, die zu Sowjetzeiten in abgelegene Bergregionen flüchteten, aus denen sie dann letztendlich per Hubschrauber zur Zwangsarbeit bei der Baumwollernte deportiert wurden…

Am nächsten Morgen liefen wir direkt nach dem Frühstücklos zum Basar von Chudchand, der in einem besonders hübschen Gebäude untergebracht ist. Es war schon 9 Uhr und das Leben in vollem Gange. Wir waren ein bisschen zu spät, aber der Basar hat grundsätzlich den ganzen Tag auf, nur im Sommer ist nicht den ganzen Tag was los, sondern nur frühmorgens und abends, denn der Basar erstreckt sich auch auf den Vorplatz, „Registan“ genannt, und dort gibt es keinen Schatten – außer von Sonnenschirmen der Marktstände.

Direkt am „Registan“ sind auch Moschee, Minarett und Mausoleum von Emir Muslih ad Din, der angeblich so ein toller Diplomat war, dass er Dschingis Khan davon überzeugt haben soll, seine Stadt nicht zu zerstören und seine Bevölkerung zu verschonen. Nun ja. Kaum war der Emir tot und lag in seinem Mausoleum, kamen die Mongolen wieder und nutzten die Situation aus. Der gesamte Komplex wurde im 16. Jahrhundert wieder aufgebaut, als der „Mongolen – Spuk“ vorbei war.

Heute ist das Mausoleum nur von außen zu besichtigen und die Moschee mit einem (hässlichen) Glasbau erweitert und wir verbrachten eine entspannte Zeit auf den Stufen der alten Moschee und beobachteten frischgebackene Eltern mit ihren Babys dabei, wie sie sich, hübsch herausgeputzt, von Photographen vor der historischen Kulisse ablichten ließen. Hier werden Babys bei 44°C in gepolsterten Tragen und Spitzendecken gleich an die Sommertemperaturen gewöhnt, die uns Schweißflecken verursachten…

Eigentlich wollten wir dann nur noch einen Kaffee trinken und uns in den nächsten Ort aufmachen, doch auf dem Weg zum Auto sahen wir einen uns bekannten LKW parken und fanden dessen Bewohner aus Kevelaer im KFC nebenan. Wir verbrachten spontan einen gemeinsamen Tag bei KFC und in einem netten Café und zogen zu Sonnenuntergang wieder ins selbe Hotel ein, aus dem wir am Morgen ausgecheckt hatten.

Nach einem gemeinsamen „Abschiedskaffee“ am nächsten Morgen, zu dem dann auch noch zwei Belgier, die wir in Kasachstan getroffen hatten, auftauchten, schafften wir dann wirklich den Absprung und fuhren die 60km nach Istaravshan. Das einzige dort auf booking buchbare Hotel war uns mit 66€ zu teuer und wir fanden im Zentrum ein anderes Hotel, das sich das Gebäude mit einem Kindergarten teilte. Wir stellten nur schnell unser Gepäck ab und liefen los. Direkt gegenüber war die erste Sehenswürdigkeit: ein wirklich hübsches Minarett aus Ziegelsteinen gemauert. Allerdings sind wir, seitdem wir in Jam und Ghazni (Afghanistan) und Konya Urgench (Turkmenistan), an deren Ziegel Minaretten waren, sehr anspruchsvoll geworden, was solche Minarette angeht. Wer sowas noch nicht gesehen hat, wird jedoch in Istaravshan schwer begeistert sein.

Viel mehr konnte uns die Madrasa begeisterten, die tief in den Gassen der Altstadt versteckt steht. Ganz Istaravshan ist völlig untouristisch und wird maximal auf der Durchreise als kurzer Fotostopp besucht, aber die Madrasa ist absolut sehenswert, denn sie ist so authentisch! Als wir ankamen, war sie verschlossen, aber ein paar Kinder riefen den alten Mann mit dem Schlüssel. Nachdem er uns die großen Holztüren geöffnet hatte, bekamen wir eine Privatführung auf Russisch.

Die Madrasa ist vergleichsweise klein und war für rund 40 Schüler konzipiert, aber trotzdem mit dem typisch türkisfarben lasierten Kacheln auf der Kuppel und kunstvollen bunten Kachelverzierungen, die noch im alter Technik aus einzelnen Motiven und nicht mit bunt bemalten Kacheln den Haupteingang schmücken. Damit besitzt das Gebäude einen Charme, den keine auf Hochglanz restaurierte Sehenswürdigkeit nachahmen könnte: Die originalen Kacheln erzählen ohne Worte von vergangenen Jahrhunderten, auf der türkisfarbenen Kuppel wächst ein wenig Gras, in den Nischen haben Vögel ihre Nester gebaut – und jeder Winkel scheint Geschichte zu atmen. Ein lebendiges Stück Seidenstraße – fernab der Menschenmassen und perfekt inszenierten Postkartenmotive Usbekistans. Das hier ist die Seidenstraße, die wir mögen! So wie in Turkmenistan und Afghanistan spürt man hier Geschichte und nicht nur Kommerz…

Ein wirklich schönes, authentisches und unverfälschtes Erlebnis! Die Kuppel trägt von außen ein stützendes Gerüst aus Metall, weil die regelmäßigen Erdbeben in der Region hier das Gebäude etwas gekippt haben, aber auch das trägt zum unverfälschten Charme bei. Wir lieben solche authentischen Orte einfach und haben dem alten Mann einen Schein in die Hand gedrückt, denn Eintritt hat die Besichtigung auch nicht gekostet.

Wir fanden eine Stolovaya, ein Kantinenrestaurant, und aßen gut und günstig zu Abend, dann liefen wir zurück ins Hotel. Wir hatten ein Zweibettzimmer und ich lag auf meinem Bett und sortierte Fotos. Aus dem Augenwinkel sah ich etwas krabbeln: eine Kakerlake kletterte auf der Tapete die Wand neben mir hoch, während auf der anderen Seite des Bettes eine andere Kakerlake mein Ladekabel auf dem Nachttisch inspizierte. Wir rückten das Bett von der Wand und fanden noch viel mehr Kakerlaken – und deren Rückstände sogar unter dem Bettlaken! Genauso sah es bei Jans Bett aus und beim genaueren Hinsehen auch in den Ritzen des Badezimmers und unter dem Badvorleger. Wir packten zusammen und checkten aus. Der Rezeptionist gab uns sofort das Geld zurück und sagte, das sei in allen Zimmern so. Er tat uns leid.

Es war 21 Uhr und rund 40°C und nicht unbedingt das Wetter, bei dem man in einem schwarzen Auto, das den ganzen Tag in der Sonne stand und Backofen-Temperatur erreicht hatte, schlafen möchte. Das bei booking für 66€ verfügbare teure Hotel im Ort war ein verlogener Haufen, der behauptete, es sei nur noch ein 80€ Zimmer verfügbar. Wir beschlossen, lieber im Auto zu schlafen als Lügnern Geld in den Rachen zu werfen und versuchten unser Glück. Leider hatten wir im Hellen schon gesehen, dass das Tal extrem dicht besiedelt war und quasi jede Piste zu einem Gehöft oder Dorf führte. Nach 1,5 Stunden Suche parkten wir einfach in einer solche Zufahrt zu einem Hof und beschlossen, früh wieder weg zu fahren.

Um 5:30, als der Bauer sein Vieh aus dem Stall und uns aus seiner Zufahrt trieb, machten wir uns auf in die Berge. In der Nacht hatte es stark gewindet und abgekühlt, nach 50km fing es an, zu regnen. Wir hatten ursprünglich geplant, zum Alaudin See zu laufen, aber bei Regen und später heftigem Gewitter in den Bergen verwarfen wir den Plan ganz schnell und fuhren bis Duschanbe. Dazu mussten wir zwei Pässe mit jeweils 2700m überqueren, was Hans natürlich anstandslos schaffte.

In Duschanbe bezogen wir dasselbe Apartment, in dem wir vor zwei Wochen, als wir aus Afghanistan gekommen waren, schonmal gewohnt hatten und beantragten am nächsten Morgen mit unserem netten Vermieter zusammen nochmal die 30 Tage Aufenthalt in Tadschikistan und das GBAO Permit, um nun wirklich den Pamir Highway zu fahren! Eigentlich wollten wir unseren 10. Hochzeitstag auf dem Pamir Highway verbringen, aber wir sind ja nicht so gut darin, Pläne einzuhalten. Aber grundsätzlich hat der grobe Plan geklappt: genau vor einem Jahr, an unserem 9. Hochzeitstag, lagen wir in Hans und beschlossen spontan, ihn diesen Sommer nach Almaty zum Lackieren zu bringen, endlich Turkmenistan und Afghanistan zu bereisen und den Pamir Highway mit Hans zu bezwingen. Ich finde, wir liegen ganz gut im Plan, auch wenn wir den Hochzeitstag nicht auf dem Pamir, aber immerhin ein paar 100km davon entfernt verbracht haben!

So feierten wir unsere „Rosenhochzeit“ in Duschanbe. Und da ist es auch schön! Im Rudaki Park (Rudaki ist auch ein persischer Dichter!) gibt es viele, viele Rosen und es war der perfekte Tag, um dort gleich zwei Mal spazieren zu gehen. Einmal am Nachmittag nach einem leckeren „Kaffee und Kuchen“ und einmal im Dunkeln nach unserem „Festessen“. Leider war irgendetwas am „Festessen“ nicht ganz so festlich, sodass Jan den nächsten Tag in der Nähe einer Toilette verbringen musste.

Es ist schon merkwürdig: wir sind jetzt seit 8,5 Jahren unterwegs und hatten bisher maximal ein einziges Mal pro Jahr „Magen-Darm“, obwohl wir lange insbesondere in West- und Zentralafrika in hygienisch deutlich schwierigeren Regionen unterwegs waren. Doch hier in Zentralasien erwischt es uns jedes Mal mehrmals – und jedes Mal heftig. Zuerst 2018 in Aserbaidschan, zuletzt vor drei Wochen mit der schlimmsten Lebensmittelvergiftung aller Zeiten in Afghanistan. Und wir wissen, dass es anderen Langzeitreisenden auch so geht. Wir vermuten, es liegt an der zentralasiatischen Obsession für Fleisch. Selbst wenn man wie wir in solchen Regionen eigentlich Fleisch vermeidet, scheint sich die Bakterienwelt aus verdorbenem Fleisch auch auf vegetarische Gerichte auszubreiten – oder vegetarische Gerichte enthalten von vornherein (verdorbenes) Fleisch, weil „vegetarisch“ hier eher „weniger Fleisch“ oder „hat auch eine Erbse“ bedeutet…

Wir hoffen sehr, uns nicht in die Massen der Reisenden einzureihen, die den Pamir Highway nicht genießen können und sind ausgestattet mit genug Lebensmittelvorräten für mindestens eine Woche, Handdesinfektionsmittel und den festen Vorsätzen, uns von Toiletten und Essen auf den gesamten 1500km fern zu halten. Wir werden berichten, wie erfolgreich wir diese Strategie durchsetzen können und ob wir gesund in Kirgistan ankommen. Wir wissen nicht, wie lange wir unterwegs sein werden, denn der Pamir Highway bietet viel Raum für Heldengeschichten aus dem Reich der Phantasie. Irgendwo zwischen „Expeditionsfahrzeug mit 1m Bodenfreiheit nötig“ und „bestens asphaltiert“ wird die Wahrheit liegen.

Auch in Afghanistan lag die Wahrheit ja oft weit entfernt von den Medienberichten und wir haben uns in die Schönheit des Landes verliebt. Das neueste Video zeigt genau den Teil der Reise, der Afghanistan ganz tief in unsere Herzen verankert hat:

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