
Wir sind gerade etwas erschlagen von den Erlebnissen der letzten 1500km und sortieren uns, unsere Fotos und weiteren Reisepläne. Der Wakhan Korridor gehörte zu den Highlights dieses Sommers und stand schon seit sieben Jahren auf unserer Reise – Wunschliste…
Der „Wakhan“ gilt als eine der abgelegensten Regionen der Welt, die sich zum Teil in Tadschikistan, hauptsächlich aber in Afghanistan befindet. Die Hochgebirgsregion erstreckt sich auf teilweise über 4000m und ist landläufig als „Wakhan Korridor“ bekannt. Streng genommen ist dieser „Korridor“ jedoch nur auf afghanischer Seite und bezeichnet den langgestreckten, dünnen „Zipfel“ Afghanistans, der an Tadschikistan, Pakistan und China grenzt. Dieser Korridor entstand, als im 19. Jahrhundert eine Art „Pufferzone“ zwischen dem Russischen Reich und den Briten (Britisch Indien, heutiges Pakistan) gezogen wurde.

Bis heute ist diese Zone in beiden Ländern relativ „eigen“. Dort leben die Wakhani und die machen ihr eigenes Ding. Auf afghanischer Seite war es dort zu jeglichen Krisenzeiten immer ruhig und sicher, auf tadschikischer Seite ist die autonome Region Gorno-Badakhshan, für die man ein Permit braucht. Das haben wir in Duschanbe beantragen und unterwegs an unzähligen Militärposten vorzeigen müssen. Ursprünglich hatten wir geplant, den Wakhan auf afghanischer Seite zu durchfahren, was wesentlich anspruchsvoller und spektakulärer ist, aber da der Wakhan Korridor in Afghanistan eine Sackgasse ist und wir alles wieder hätten zurückfahren müssen und wir so oder so schon richtig Stress mit unseren nur 30 Tagen Visum hatten, sind wir auf der klassischen Route in Tadschikistan unterwegs gewesen.

„Klassische Route“ deswegen, weil man auf dem Weg zum Pamir Highway mindestens eine Teilstrecke des Wakhan befahren muss, denn der Pamir Highway, die M41, startet in Khorog. Bis dahin ist die Straße auch oft asphaltiert oder asphaltiert gewesen und man teilt sich das schmale Stück Land zwischen tosendem Fluss und Felswand mit dem gesamten LKW-Verkehr aus und nach China und sehr vielen Geländewagen organisierter Touren und vielen Radreisenden. Und anderen Overlandern wie wir, die mit eigenen Fahrzeugen oder Mietfahrzeugen ebenfalls Richtung Pamir oder tiefer in den Wakhan unterwegs sind. Ab Khorog zweigt dann die M41 ab und wer sich dort gegen Pamir Highway und für Wakhan entscheidet, hat mehr Ruhe, mehr Natur, mehr spektakuläre Landschaft, aber keinen Asphalt, keine LKW, keinen Staub und wenig bis gar keine Infrastruktur. Das ist, wo Tadschikistan etwas „wild“ wird. Aber nur etwas, denn es herrscht immer noch genug Touristenstrom, um nicht alleine zu sein, falls man Hilfe bräuchte. Aber wir fahren mit unserem VW Passat namens Hans und Hans braucht keine Hilfe. Der ist mit 35 Jahren schon lange erwachsen.

Wir verließen Duschanbe und rollten die ersten 200km entspannt auf nigelnagelneuem Asphalt durch die hügelige Berglandschaft. In Tadschikistan sind „Hügel“ auch ziemlich hoch, denn die Straße an sich verlief schon auf um 2000 Höhenmetern. Weil die Strecke die einzige Verbindung nach China ist, bauen die Chinesen seit Jahren intensiv daran, die Strecke zu asphaltieren und durch Tunnelbau einfacher und schneller zu machen. Am ersten Tag genossen wir das Ergebnis dieser Bautätigkeiten und glitten dahin. Generell ist es aber schwierig entlang des Grenzflusses einen Platz zum Wildcampen zu finden, weil das Tal sehr eng ist und meist die gesamte Talsohle von der Straße eingenommen wird.

Wir fanden eine „stillgelegte Kurve“ der alten Strecke, fuhren dort ein bisschen in den Hang und hinter einen Busch und beschlossen, den Tag dort ausklingen zu lassen. Es war nicht der beste Platz, aber in der Not frisst der Teufel eben auch Fliegen – oder campt inmitten von Feuchttüchern anderer Reisender, die dort wie wir eine Nacht verbracht haben. Die Umgebung machte keine Lust, groß zu kochen und so entschieden wir, Instant Nudeln zu machen (Jan nennt das trotzdem „Kochen“, weil man ja Wasser kocht). Die Nacht war etwas unruhig, weil auch LKW-Fahrer die Bucht für eine Pause nutzten und der Verkehr recht nah vorbeirollte.

Am nächsten Morgen startete eine Art „Kampftag“, an dem wir 330km lang im Staub der vielen LKW hingen, die hauptsächlich chinesische Elektroautos transportierten – oder leer zum Laden solcher Autos nach China fuhren. Viele neue Elektroautos fuhren auch ohne Nummernschilder auf eigener Achse. In Tadschikistan sind Elektroautos von Importzöllen befreit und so boomt das gerade sehr. Dementsprechend viel Verkehr ist auf der dünnen „Landstraße“, die entweder aus massiv „zerbombtem“ Asphalt oder Schotter oder zu feinem Sand gemahlener Erde besteht. An Steigungen quälen sich die vollbeladenen LKW oft in mehreren „Anläufen“ durch die tief ausgefahrenen Bodenwellen und den tiefen, losen Staub, sodass Staus entstehen.

Dazu kommen noch Bauarbeiten und die dazugehörigen Baufahrzeuge: mit Schotter voll beladene LKW, unendlich langsame Bagger und andere Baumaschinen und enge Umleitungen, in denen LKW und PKW in Millimeterarbeit aneinander vorbeinavigieren, ohne entweder im Fluss oder in der Felswand zu landen. Und all das in einer Landschaft, die unglaublich rau und spektakulär ist. Im Juli und August, den heißesten Monaten, ist die Schneeschmelze in den umgebenden Gebirgsketten des Pamir, Hindukusch und Sarikol Gebirges besonders groß und dementsprechend wild tost der Fluss direkt neben der Piste.

Und auf der anderen Seite, zum Greifen nah: Afghanistan. Für viele Reisende ist das ein aufregender Anblick: malerische Bergdörfer, ordentlich beackerte Felder und Bewässerungsgräben und eine teilweise direkt in den Felsen geschlagene parallel verlaufende Piste, auf der die Autos oft schneller und weniger „rumpelig“ vorwärtskamen als auf tadschikischer Seite. Für uns bedeutete der ständige Blick nach Afghanistan Sehnsucht. Wir waren dort, wir wären gerne länger geblieben, wir kennen solche Dörfchen nicht als Fotomotiv aus der Ferne, wir haben sie bereist und lieben gelernt. Und wir wollen Afghanistan nochmal bereisen, vielleicht auch wirklich auf der anderen Seite des Flusses fahren…

Weil es entlang der Strecke nicht einfach ist, Übernachtungsplätze zu finden, fuhren wir an Tag zwei weiter als wir eigentlich gedacht hatten. Natürlich hätten wir in einem der Örtchen in ein Guesthouse oder Homestay gehen können, aber weil wir nur eine einzige Reisende getroffen haben, die nicht den „Pamir Bug“ bekommen hat und sonst alle Reisenden mindestens einmal auf der Strecke krank wurden (Magen-Darm), hatten wir uns geschworen, uns komplett von Restaurants und Unterkünften fernzuhalten und uns ständig die Hände zu desinfizieren. Nachdem wir beide in Afghanistan die schlimmste Lebensmittelvergiftung unseres Lebens mit tagelang Fieber und ohne Essen durchgemacht haben, hatten wir beschlossen, auf die Erfahrung „Homestay“, die wir in anderen Ländern so lieben und auf die wir uns dort eigentlich auch gefreut haben, zu verzichten.

Als das Tal sich zu einem kleinen Seitental leicht öffnete und an einem Bach eine Wiese zum Campen einlud, standen dort natürlich schon andere Reisende: ein Expeditionsmobil, das sich aber schon vor unserer Ankunft „abgesondert“ hatte und zwei schweizer Hilux mit Wohnkabine, das klassische Overlanding Fahrzeug heutzutage. Die Reisenden darin zwei Ehepaare, älter als wir, die schon zusammensaßen. Wir verbrachten einen netten Abend miteinander, wobei es wieder interessant war, wie andere Leute auf Hans reagieren…

Man muss vorwegnehmen, dass im Wakhan die Einheimischen fast ausschließlich um die 25 Jahre alte Opel Astra fahren. Die Straßenverhältnisse sind extrem schlecht, aber auch mit einem Astra zu schaffen. Und natürlich auch mit Hans. Das ist aber vielen Reisenden, die viele, viele tausend Euro in ihr Reisefahrzeug investiert haben, nicht immer bewusst und so ist die Reaktion auf unser Auftauchen auch sehr unterschiedlich von Begeisterung bis aggressive Ablehnung. Hans zeigt auch dem dümmsten Reisenden, dass man eben kein 300.000€ teures Expeditionsfahrzeug braucht, um dorthin zu kommen, wo sie sind. Und so kühlte das eine Ehepaar auch merklich ab, als sie im Laufe des Abends realisierten, dass wir „nur ein ganz normales Auto“ haben und damit über „diese Strecke“ gekommen waren.

Das gemeinsame Frühstück blieb aus, wir wuschen uns im unglaublich klaren aber eiskalten Bergbach und quatschten noch ein bisschen mit dem anderen schweizer Ehepaar. Beide Rentner und mit Neuwagen in ihren ersten drei Monaten „Weltreise open end“. Dass moderne Dieselfahrzeuge ab 3000m Probleme bis hin zu Notlauf und Motorschaden bekommen, weil die EU mit der Euro 6 Abgasnorm die Welt retten (aber nicht bereisen lassen) will, wussten die beiden nicht. Auch nicht, dass sie für ihre Dieselheizung ein Höhenkit bräuchten, um diese auf über rund 3000m nutzen zu können. Schließlich sei das Fahrzeug (aus Sandwichplatten…) von einem „absoluten Spezialisten“ vorbereitet worden und der Toyota Händler habe versichert, dass man mit dem Hilux „überall hinkomme“. Wir wünschen uns sehr, dass die beiden es noch sicher irgendwohin geschafft haben…

Wir fuhren nach Khorog zum Tanken. In Khorog trennt sich der Weg zwischen M41, dem Pamir Highway, und dem „wilden“ Wakhan. Die Schweizer wollten nicht diesen Teil des Wakhan befahren, weil es dort an einer Stelle sehr schnell und sehr steil auf große Höhe geht und sie sich gesundheitliche Sorgen machten. Wir machten uns technische Sorgen um ihr Fahrzeug und haben sie nicht wiedergetroffen. Hans fährt mit LPG und Benzin und ihm ist diese „wir retten die Welt Problematik“ der EU mit seinen 35 Jahren völlig unbekannt. Er fährt einfach, solange man ihn füttert. Und das taten wir in Khorog. Mit 60 Cent ist in Tadschikistan LPG deutlich teurer als anderswo (sogar teurer als daheim in Bulgarien!), aber immer noch wesentlich billiger als Benzin.

Die Straße entlang des Panj, tiefer in den Wakhan hinein, ist ab Khorog nur noch eine Art Feldweg, der mal asphaltiert war, aber es nicht mehr ist. Vom ursprünglichen Asphalt sind noch Reste mit scharfen Kanten und tiefen Löchern erhalten, sodass ich, die ich an dem Tag mit Fahren an der Reihe war, nur vom ersten in den zweiten Gang schaltete. Wir rumpelten langsam voran und trafen unterwegs eine Familie mit einem Opel Astra, dessen Radaufhängung gebrochen war. „Kein Problem“, versicherten sie uns. „Wir haben schon in Khorog angerufen und bekommen das Ersatzteil gebracht!“. Merke: entlang der gesamten Strecke gab es LTE-Empfang. Und für Opel Astra in jedem Dorf Teile.

Es war unser dritter Tag auf der Strecke und Zeit für ein Bad. Wir hatten uns dazu die heißen Quellen von Garm-Chasma ausgeguckt, weil es dort einen Pool mit natürlichen Kalksinterterrassen gibt. Die Quellen sind 8km aufwärts in ein Seitental des Panj in einem kleinen Dorf. Als wir dort ankamen, war Halligalli. Im Dorf stapelten sich geradezu die Landcruiser der Touranbieter, es war völlig überlaufen. Die meisten Touren rumpeln tatsächlich nur zu den heißen Quellen und dann wieder zurück über Khorog auf den Pamir Highway. Wir drehten um und fanden auf halber Strecke einen Platz unter Bäumen an einem Flüsschen direkt neben der Straße.

Die Straße ist nachts fast gar nicht befahren und als die ganzen Landcruiser die Badegäste wieder abtransportiert hatten, verbrachten wir einen schönen lauschigen Abend zu zweit am rauschenden Fluss. Kochten etwas und als es dann auf 2300m zu kühl zum Draußensitzen wurde, verzogen wir uns zum Lesen ins Bett in Hans. Am nächsten Morgen kam eine polnische Radfahrerin zum Schwatz vorbei, dann packten auch wir ein und folgten wieder dem Panj Fluss.

Es gibt ja noch mehr heiße Quellen! Wir beschlossen, nicht die schönste, sondern die versteckteste Thermalquelle aufzusuchen. Kein Schild verriet, dass im Keller des Hauses, das gerade gebaut wurde, zwei Badebecken versteckt sind. Die Leute ließen uns frisches Wasser ein und weil ja jederzeit weitere Badegäste kommen könnten, bekam jeder seinen eigenen Pool: Jan den für Männer, ich den für Frauen. Weil keine anderen Badegäste kamen, trieb ich ganz alleine im warmen Wasser und genoss durch das geöffnete Fenster den Blick auf die Berge. Herrlich sauber fuhren wir weiter. Die Straße war mittlerweile eine bessere Piste, auf der wir gut vorwärtskamen.

Wir trafen den ganzen Tag nur ein anderes Auto mit anderen Touristen, die zu dritt mit einem Mietwagen – Landcruiser unterwegs waren. Wir fuhren durch idyllische Dörfer, in denen Kinder winkten und erreichten gegen Mittag Ishkashim. Ishkashim ist berühmt für seinen „border market“, einem Samstagsmarkt auf afghanischer Seite, den bis letztes Jahr auch Ausländer mit einer Art Sondergenehmigung besuchen konnten. Das geht jetzt nicht mehr.

Tadschikistan zieht im Wakhan derzeit die Daumenschrauben an und baut einen Grenzzaun entlang des Flusses. Angeblich, um Rauschgiftschmuggel aus Afghanistan zu unterbinden, weil sich angeblich Anfang des Jahres drei Schmuggler aus Afghanistan der Festnahme widersetzt haben und erschossen werden „mussten“. Bloß dass der Grenzzaun aus in Sandlöcher mit Steinen „befestigten“ Pfosten und grünen Gartenzaun-Maschenzaunelementen besteht, die mit je drei Rohrschellen an den Pfosten befestigt werden. Meist kann ein schlanker Mensch wie ich ohne Mühe unter dem Zaun durchkrabbeln – oder mit den Händen den Sand soweit wegschieben, dass auch größere Menschen (und Tiere) drunter durchkommen. Einfach lächerlich und leider verschandelt dieser Zaun in Zukunft die gesamte Strecke. Da, wo er von in der Sonne schuftenden jungen Soldaten schon errichtet wurde, fährt man als Tourist nun direkt am Zaun entlang statt am Wasser des Grenzflusses und fühlt sich eingesperrt (und vergackeiert).

Zusätzlich zum pro-forma Grenzzaun trifft man entlang des Flusses auf „Spaziergänger vom Karnevalsverein“: Soldaten auf Patrouille. Da wir wissen, dass in Afghanistan seit 2022 definitiv kein Mohn mehr angebaut werden darf und die Taliban das sehr strikt kontrollieren (wir haben die ehemaligen Mohnfelder mit eigenen Augen gesehen!) verstehen wir nicht, was wirklich der Grund für den Zaun ist. Der angebliche „Drogenschmuggel“ kann nicht der Grund sein. ChatGPT vermutet, der Zaun könne eine Art „Symbol“ des „demokratisch gewählten Präsidenten“ an die autonome Region sein. Wie auch immer: wir sind froh, jetzt dort unterwegs gewesen zu sein und die Landschaft größtenteils ohne Zaun genossen zu haben!

Bei Yamchun gibt es die unter Overlandern beliebten „Bibi Fatima“ Thermalquellen, doch nach unserer Erfahrung vom Vorabend hatten wir kein Lust mehr auf touristische Hotspots und entschieden, daran vorbei zum Wakhan Museum zu fahren. Ein älterer Herr betreibt in einem Haus in traditioneller Bauweise ein kleines Hausmuseum, in dem er in lustigem Mix aus Englisch und Russisch Führungen über die Kultur der „Wakhani“ gibt. Die Etnie der Wakhani lebt „hüben wie drüben“ zu beiden Seiten des Flusses und weil der Fluss im Oberlauf recht schmal ist, kann man sich mit den Leuten am anderen Ufer unterhalten.

Der Mann zeigte uns traditionelle Instrumente, Handwerkskunst und erklärte das Haus, spielte Musik und ermunterte Jan, der Gitarre spielen kann, mit ihm zu musizieren. Weil wir ein paar Worte Farsi können und die Wakhani viele persische Wörter nutzen, hatten wir einen guten Draht zueinander und der Mann freute sich sehr darüber, dass wir nicht ganz neu in seiner Kultur waren. Zum Abschied schenkte er uns noch Äpfel, die er schnell vom Baum in seinem Garten pflückte. Als ich ihn dann nach dem Weg zum „Steinkalender“ fragte, lief er spontan mit uns mit.

Der „Steinkalender“ ist ein Stein mit Loch, mit dem früher Nowruz (21. März, persisches Neujahr) bestimmt werden konnte. Schaut man durch das Loch, sieht man am gegenüberliegenden Hang aufgestellte Steine. Am Sonnenuntergang des 21. März sind Sonne, Steine und Loch in genau einer Linie und der Tag des persischen Neujahrsfestes exakt bestimmt. Das war nicht nur wichtig für das Fest, sondern auch für die Landwirtschaft (Aussaht etc.). Uns erinnerte das stark an die Maya und Inka mit ihren Sonnenkalendern. So hat jede Kultur ihre Art, Zeit exakt zu bestimmen!

Wir verabschieden uns vom netten Mann und fuhren weiter, auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz. Was wir fanden war nicht ideal, aber akzeptabel: eine kleine freie Fläche direkt neben der Straße. Dort hatten wir eine geniale Aussicht auf die schneebedeckten Berge des Hindukusch, aber auch so heftigen Wind, dass Kochen fast unmöglich war. Wir schafften es, den hinter dem zusammengeklappten Campingtisch stehenden Kocher dazu zu überreden, Wasser zum Kochen zu bringen und verzogen uns dann mit unseren Pappbechern mit „Chinanudeln“ im Auto und löffelten den Mist mit Blick auf die Berge.

Die ganze Nacht wurde Hans vom Wind durchgerüttelt und wir waren froh, weder in einem schwankenden Van noch in einem ach – so – praktischen Dachzelt zu liegen. Zum Frühstück war der Wind gnädig genug, um draußen sitzen zu können. Unser Problem war mittlerweile der Müll, denn wie auch in Afghanistan sind die Dörfer hier extrem sauber, aber wir sahen keine öffentlichen Müllcontainer. Unsere Mülltüte hatte schon das Stinken angefangen, sodass ich beschloss, im Windschatten eines großen Steins unseren Müll häppchenweise zu verbrennen. Später fand Jan hinter einem anderen Stein nicht nur Müll, sondern auch die altbekannten Hinterlassenschaften anderer Reisender: Feuchttücher. Sowas regt uns immer sehr auf: Leute, die vorgeben, die Natur zu lieben und doch entlang ihrer Reiseroute eine Spur aus Feuchttüchern hinterlassen…

Vor uns lag nun ein Pass, über den wir gesagt bekommen hatten „wer den schafft, schafft auch den Pamir“. Angeblich seien die Kehren sehr eng, lose und steil. Naja, das kommt einfach sehr auf die Perspektive, Erfahrung, Fahrzeug und Wetter an. Mit einem leichten Fahrzeug mit im Vergleich zu Toyota Hilux und Unimog etc. kurzem Radstand sind die Kehren kein Problem. Trotz Frontantrieb kam der leichte Hans auch in sandigem Untergrund ohne Mühen Kehre für Kehre höher. Und das alles mit herrlichem Blick auf den Hindukusch!

Wir gewannen schnell Höhe und trafen auf dann 3200m auf ein Camp anderer Overlander: ein jüngeres schweizer Pärchen mit einem aufgemotzten 4×4 Sprinter mit allem, was der Zubehörkatalog so hergibt, ein Ü70 Geographen-Ehepaar aus der Schweiz mit weniger aufgemotztem Reisemobil auf 4×4 Sprinter Basis und ein junger Deutscher mit einem 24 Jahre alten Nissan Pickup mit Allrad und Bimobil Kabine. Wir hielten an und riefen „Guten Morgen“ zu der Truppe, woraufhin die Geographin und der Deutsche sofort angesprintet kamen. Die Geographin war verwirrt, als sie Hans sah: „Wohnt Ihr hier?“ Der Deutsche war völlig aus dem Häuschen: „Wie seid Ihr bloß mit dem Auto hier hingekommen?“ Er war begeistert, der Geograph kam dazu, es wurde viel gelacht. Das junge Pärchen aus dem aufgemotzten Expeditionssprinter fand Hans nicht lustig und reagierte extrem unterkühlt.

Wir hielten uns nicht lange auf, weil wir wussten, dass wir eine angeblich später am Tag mit steigendem Schmelzwasserpegel heftige Flussdurchfahrt vor uns liegen hatten. Die wollten wir früh am Tag durchqueren, weil Hans ja nur eine sehr geringe Bodenfreiheit und somit quasi nicht vorhandene Wattiefe hat. Der Deutsche und die Geographen, mittlerweile Hans – Fans, wollten uns zur Hilfe eilen, falls Hans den Fluss nicht schafft. Doch als wir ankamen, stellten wir fest: die Märchenstunde der Abenteurer hatte mal wieder zugeschlagen. Der Fluss floss durch zwei große Betonröhren und rundum gab es nur nasse Steine, Rinnsale und viel loses Geröll. Kein Problem für Hans, der nur „nasse Füße“ bekam, aber nicht mal einen Stein am Bauch kitzeln hatte.

Wir dachten, mit Hans langsamer als die Allradfraktion unterwegs zu sein und ließen die Dreiergruppe vor, merkten aber, dass das Fahrtempo gleich war und wir fast in Kolonne fuhren. Bei einer gemeinsamen Mittagspause erzählten die Geographen und der Deutsche munter weiter mit uns, das Pärchen, das sein Geld in ein Expeditionsfahrzeug investiert hatte, strafte uns und unser 900€ Reisefahrzeug mit Ignorieren und abgewürgtem Smalltalk. Die Wahrheit, dass man das viele Geld nicht ausgeben muss, um an diese wunderschönen Orte zu kommen, vertragen nicht alle.

Und ich vertrug die Höhe nicht. Wahrscheinlich. Während der Mittagspause auf 3700m kroch Kopfweh in meinen Kopf und Nacken. Als wir noch weiter hochfuhren, gesellte sich Übelkeit dazu. Ich habe in Peru im Altiplano gearbeitet, war problemlos in Tibet auf 5500m Höhe, war Bergsteigen in den Anden, im Schulaustausch in La Paz und erlebte zum ersten Mal selbst, dass Höhe Auswirkungen auf den Körper haben kann. Weil Jan damals in Tibet so schlimm Höhenkrank war (mit drei Tagen Erbrechen, Kopfschmerzen etc.) hatte ich mir eher Sorgen um ihn als um mich gemacht. Wir entschieden, wieder ein Stück zurück zu fahren und auf 3700m zu übernachten. Nach einem ausgedehnten Nachmittagsschläfchen ging es mir zwar wieder gut, aber wir verspürten keine große Motivation mehr, noch bis zum eigentlich verabredeten Nachtplatz zu der Dreiergruppe zu fahren. Besser für Laune und Gesundheit!

Am anderen Flussufer grasten Kamele, uns kamen Kühe besuchen und weil es auf der Hochebene keinen Windschutz gibt, toste der Wind wieder so heftig um uns herum, dass wir den Abend in Hans verbrachten und es wieder Instantnudeln gab. Der Vollmond zauberte allerdings eine tolle Stimmung und insbesondere zu Sonnenaufgang war die Welt draußen voll Zauber des Hochgebirges. Unglaublich schön, trotz Wind! Hans bot uns ein wenig Windschatten für ein kurzes Frühstück, dann fuhren wir weiter. Vor uns lag mit 4200m der höchste Punkt der Wakhan Route.

Dort oben sausten die Murmeltiere herum, hoppelten über die Hochebene, futterten Gras und Kräuter und verschwanden schnell in ihren Löchern, wenn wir ihnen zu unheimlich wurden. Lustige, niedliche Tiere, die Jan seit dem Kleinkindalter liebt, denn sein Lieblingsstofftier, Piffi, ist ein Murmeltier.

Wir blieben auf über 4000m und rumpelten über teils übelstes Waschbrett durch herrlichstes Bergpanorama. Irgendwann war es soweit: die Piste machte einen Knick und wir warfen einen letzten, dann einen allerletzten Blick auf den Hindukusch. Für uns ist er nicht nur eine Kulisse aus weißen Gipfeln, sondern weil wir ihn mit Hans im Juni gleich zwei Mal überquert haben auch eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an unsere Zeit in Afghanistan.

Seitdem wir den angeblich so engen, so steilen, so losen Pass erklommen hatten, war der Grenzfluss Panj nur noch ein wenige Meter breiter, relativ braver Gebirgsfluss, den man mit Leichtigkeit hätte überqueren können. Dort oben gibt es aber weder Grenzzaun noch Patrouillen noch Feuerstellungen aus Steinen noch sonstige Anzeichen irgendeiner Grenze. Vielleicht hat ChatGPT wirklich Recht mit der Vermutung, das „Theater“ im Tal sei reine Symbolik des Präsidenten…

Irgendwann verabschiedeten wir uns auch vom Grenzfluss, die Piste bog ab ins Landesinnere von Tadschikistan und wir schauten ein letztes Mal wehmütig nach Afghanistan. Wir haben fest vor, zurückzukommen in das Land, das wir diesen Sommer lieben gelernt haben! Die Strecke führte an salzigen Bergseen vorbei entlang eines Tals mit Blumen, Vögeln und noch mehr Murmeltieren. Und Radfahrern. Sobald wir Radfahrer sehen, halten wir grundsätzlich an und bieten Trinkwasser an. Radfahrer müssen für mehrere Tage Trinkwasser mitschleppen und weil wir als Motorradfahrer mit exakt demselben Ortlieb Gepäcksystem reisen, wissen wir, dass das schwer ist. Manche Radfahrer haben allerdings mehr Gepäck als wir auf dem Motorrad – und müssen das aus Muskelkraft den Berg hoch schuften!

Das heftige Waschbrett machte das Fahren zäh, aber je langsamer man fährt, desto mehr Murmeltiere und Landschaft sieht man natürlich. Und dann, 1060km nach der Abfahrt aus Duschanbe, kamen wir an eine Kreuzung mit einer Asphaltstraße. Vor uns lag der Pamir Highway, die legendäre M41, die zweithöchste Fernstraße der Welt. Hinter uns lag die Wakhan Route mit ihren einzigartigen Ausblicken auf den Hindukusch, Pamir und Karakum, die dem Pamir Highway Reisenden verborgen bleiben.

Wir hatten es geschafft! Hans hat uns klaglos über die unter Reisenden als „nur mit 4×4 fahrbare“ Route gebracht. Fünf Nächte haben wir draußen verbracht, auf großen Höhen unter dem wunderschönen Vollmond geschlafen, uns ein bisschen vom ewigen, starken Wind nerven lassen und die Fahrradfahrer bemitleidet, haben sehnsuchtsvoll nach Afghanistan geblickt und die herrliche Landschaft genossen. Vor uns lag nun das nächste Kapitel: Pamir Highway. Doch davon erzähle ich Euch im nächsten Blogbeitrag. Der hier hat Eure Zeit schon überstrapaziert…

Und falls Ihr Euch weniger für Berge, Natur und “Hans” interessiert, sondern Euch wie wir von Afghanistan verzaubern lassen möchtet (oder konntet): das neueste Video aus Afghanistan ist online! Schaut Euch die “Perle Persiens”, Herat an! Die für uns schönste Stadt Afghhanistans, die ihren Beinamen wirklich verdient hat:











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