Pamir Highway – endlich!

Endlich, endlich sind wir auch den Pamir Highway gefahren! Ursprünglich geplant war der für den Sommer 2019 mit Motorrädern auf dem Weg nach China. Das hatte damals wegen Motorschaden im Iran nicht geklappt. Dann war die Idee, das im Winter Anfang 2020 mit dem VW-Bus zu machen, aber weil in Asien die Pandemie damals früher als solche erkannt wurde als in Europa, waren die Grenzen schon ab Januar dicht und wir kamen wieder nicht zum Pamir Highway. Dann wollten wir im Herbst 2021 bei der Abholung unseres VW Buses aus Kasachstan endlich hin, haben aber mit unseren deutschen Pässen damals kein Visum bekommen, weil Deutschland das mit der Pandemie nicht ganz so im Griff hatte, wie Euch dort erzählt wurde und der deutsche Pass dadurch ziemlich wertlos war. Nun, fünf Jahre später, fand unser vierter Anlauf statt – mit Hans, unserem 35 Jahre alten VW Passat!

Der Pamir Highway ist (nach dem Karakorum Highway) die zweithöchste Fernstraße der Welt. Der höchste Pass ist 4655m hoch und man bewegt sich die meiste Zeit auf über 3500m. Die Straße verbindet die Stadt Osh in Kirgistan mit der Stadt Khorog in Tadschikistan und ist 1252km lang. Wie Ihr im letzten Blogbeitrag gelesen habt, sind wir den Umweg über den Wakhan Korridor gefahren und erst etwa auf Höhe Alichur auf den dort asphaltierten Pamir Highway gestoßen. Der Pamir Highway war früher komplett asphaltiert, ist das aber schon lange nicht mehr. Manche Teilstücke, insbesondere nördlich von Murghab und ab Sary Tash in Kirgistan sind in bestem Zustand, dazwischen ist meist übles Waschbrett oder eine Kraterlandschaft aus tiefen Schlaglöchern mit scharfen Kanten.

Als wir von der Piste des Wakhans auf den Asphalt der Pamir Highways, der M41, stießen, blutete uns das Herz, denn der Wakhan ist landschaftlich richtig schön und wir waren sechs Tage lang mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch unterwegs gewesen, haben fünf Nächte bei Vollmond in tollster Bergkulisse gecampt und die „wilde“ Seite Tadschikistans erlebt. Der Wakhan gilt als eine der unzugänglichsten Regionen der Welt, wobei wir das eher auf die afghanische Seite beziehen würden als auf die Route, die wir gefahren sind. Aber das ist Ansichtssache, für viele ist auch der tadschikische Teil schon sehr abgelegen.

Auf dem Pamir Highway fahren bis Murghab all die LKW, die voll beladen mit Elektroautos und anderen Gütern aus China kommen – oder leer nach China fahren. Dementsprechend „zerbombt“ ist der Asphalt und dementsprechend viel LKW – Verkehr herrscht auf der Strecke. Nach den Tagen voller Natur im Wakhan nicht ganz der beste Einstieg in den Pamir Highway. Die Straße ist so kaputt, dass wir, wo möglich, die unbefestigten Umfahrungen genommen haben, weil man da schneller vorwärts kommt und im „Schlagloch – Ballett“ nicht von LKW von der Straße oder ins nächste Loch geschubst wird.

Sechs Tage lang hatten wir Glück mit dem Wetter, doch kaum rollten wir auf dem Pamir Highway, zog sich der Himmel zu und dicke graue Wolken ersetzten das übliche strahlende Blau des Himmels. Wir entschieden, bis Murghab zu fahren und dort einen Pausentag einzulegen. Wir brauchten eine Dusche, ein paar windstille Stunden und eine Nacht ohne Vollmondschein. Weil wir in den letzten Wochen nur eine Person getroffen haben, die auf dem Pamir Highway nicht krank geworden ist, hatten wir uns eigentlich geschworen, keine Unterkünfte, Restaurants oder Toiletten aufzusuchen. Nachdem wir in Afghanistan so krank waren (Magen-Darm), wollten wir das nicht wieder erleben. Wir griffen unser Handdesinfektionsmittel und jeder eine Tüte Chips als Verpflegung und zogen in ein Guesthouse ein.

Der Plan war, dort zwei Nächte zu bleiben und ein wenig aufzutanken: mal kein Windgeräusch nachts, mal kein Gerumpel durch Schlaglöcher oder über Waschbrettpisten, mal kein Vollmondschein ins Gesicht. Ja, wir hätten die Fenster auch abdunkeln können, aber da wir gerne Sternschnuppen aus dem Bett heraus gucken und es lieben, den Sonnenaufgang über den Bergen ohne Aufstehen zu erleben und Abdunkeln bei uns auch „Fenster zu“ bedeutet, haben wir uns jeden Abend gegen Abdunkeln und für Vollmond entschieden. Leider hatte das Guesthouse weder richtige Vorhänge noch gute Betten, sodass die Nacht nicht ganz so erholsam war wie gedacht. Am nächsten Morgen war auch die Wettervorhersage alles andere als gut und wir entschieden spontan, den Pausentag ausfallen zu lassen und am laut Vorhersage letzten regenfreien Tag bis Kirgistan zu fahren, denn es lagen noch zwei unbefestigte Bergpässe und zwei Wasserdurchfahrten vor uns.

Noch vor acht Uhr rollten wir ganz entspannt auf fast perfektem Asphalt weiter. Die LKW waren alle Richtung China abgebogen, die Touristen schliefen noch und wir hatten den Pamir Highway ganz für uns alleine. Irgendwann holten uns zwei russische Motorradfahrer aus demselben Guesthouse ein, kurz vor dem 4655m hohen Ak-Baital Pass schoben die ersten Fahrradfahrer gerade ihre Räder vom Wildcampingplatz zurück auf die Straße. Wann immer wir Fahrradfahrer sehen, halten wir an oder fahren mit geöffnetem Fenster nebenher und bieten Wasser an. Als Motorradfahrer mit gleichem (oder kleinerem) Gepäck wissen wir, wie schwierig es ist, für so große Etappen genug Trinkwasser zu transportieren.

Pünktlich vor dem Pass hört der Asphalt auf und man fährt etwas steil gen Himmel. Und Hans macht das einfach. Dem ist es total egal, ob er auf 0m ÜnN zum Bäcker oder auf 4600m über den Pamir fährt. Das war damals im Himalaya mit unserem VW T4 „Kittymobil“ schon beeindruckend, wie locker wir da über die 5500m hohen Pässe gefahren sind. Heutige moderne Euro 6 Diesel können das nicht, die bleiben ab 3000m ÜnN stehen, weil der Dieselpartikelfilter nicht mehr richtig regenerieren kann und der Motor dann im besten Fall in Notlaufmodus geht und weil der Diesel zu viel Schwefel enthält. Kann man bei vielen noch illegal ausprogrammieren, wenn man den (geistig) beengten Raum der EU verlassen möchte, aber das ist nicht bei allen Fahrzeugen möglich. Habt Ihr also ein modernes Fahrzeug, mit dem Ihr die Welt rettet, kümmert Euch vor Abreise (besser: vor Kauf!) darum oder rettet die Welt in Europa, denn weiter kommt man damit nicht…

Nördlich des Passes beginnt eine Strecke mit einer der schlimmsten Waschbrettpisten, die wir weltweit erlebt haben. Auf dem Altiplano ist es ähnlich, erinnert sich Jan, der vor weniger langer Zeit zuletzt dort war als ich. Warum da (wie auch in Namibia oder Island z.B.) niemand mal drüberfährt und die Straße zumindest ein Mal im Jahr mit einem Grader glättet, verstehen wir nicht. Der Pamir Highway ist touristisch wirklich stark befahren und wir sind uns sicher, jeder Tourist wäre froh, wenn er mit einer Art „Kurtaxe“ zur Pflege dieser legendären Straße beitragen könnte. Wir haben bei jeder Einreise nach Tadschikistan 25$ Gebühr für Hans bezahlt und würden uns freuen, wenn diese insgesamt 50$ dafür eingesetzt werden würden. So aber zerstören sich einige Reisende die Fahrwerke ihrer Fahrzeuge deswegen.

Wir nicht, wir fahren schließlich Hans (und nicht zum ersten Mal auf solchen Straßenverhältnissen), sind aber auch, wo vorhanden, auf den meist etwas sandig ausgefahrenen Nebenstrecken gefahren, weil das Gerappel und Gerumpel schwer auszuhalten war. Die Landschaft hingegen war super! Seitdem wir Murghab verlassen hatten, war die langweilig monotone Hochebene einem Bergpanorama gewichen und manchmal konnten wir tatsächlich schneebedeckte Berge sehen. Und Yaks. Die hatten wir zuletzt in Tibet um uns und es war ein willkommenes Wiedersehen mit den „Urviechern“.

Und dann erreichten wir den Karakul See. Er liegt auf rund 4000m und leuchtet schon von weitem türkisblau. Wir sind an den „Strand“ gefahren und haben dort erstmal ein (sehr) verspätetes Frühstück genossen, denn aufgrund der Wettervorhersage hatten wir uns das am frühen Morgen verkniffen. In der Ferne sieht man die schneebedeckten Gipfel der Gebirgskette, die Tadschikistan und Kirgistan trennt und wir versuchten unter all den Gipfeln den 7134m hohen Pik Lenin zu erkennen. Es ist uns nicht gelungen, aber das Panorama ist kitschig schön!

Da ein nur leichter Wind wehte (ausnahmsweise!!!), entschieden wir, unseren Drachen aus Kabul steigen lassen. Es war der dritte Versuch. Der erste Versuch, den traditionellen Papierdrachen aus Afghanistan steigen zu lassen, ist im Hindukusch an einer Windböe gescheitert, die den Drachen zu Boden geschmettert und zerrissen hat. Nach der Reparatur ist ein Drogenspürhund an der Grenze zu Usbekistan in den Drachen gesprungen und mit ihm an allen vier Pfoten wieder aus dem Auto gehopst, sodass ich ihn wieder reparieren musste. Der nächste Startversuch scheiterte wieder an einer Windböe im Wakhan und weil aller guten Dinge schließlich drei sind, stieg er nun auf, als sei er gerade erst handgefertigt worden. Wir müssen sagen: alle Drachen, die man in Europa so kaufen kann, sind gegen diese afghanischen Traditionsdrachen langweilig. Man kann mit ihm Manöver fliegen, für die in Europa Lenkdrachen mit zwei Schnüren verkauft werden. Und das, obwohl sich in Kabul Verkäufer und andere anwesende Kunden alle einig waren, dass unsere Wahl von Drachen und Schnur maximal für kleine Kinder tauge…

Den Drachen endlich fliegen zu sehen war fast schöner als das Bergpanorama. Wir waren beide viel, oft und lange in den Anden und auf dem Altiplano unterwegs, ich habe 2x dort in unterschiedlichen Berufen gearbeitet und daher war für uns die Bergwelt nicht ganz so besonders wie für die meisten Touristen um uns herum. Für uns fühlte es sich an wie „schön, mal wieder da zu sein“, aber uns fehlte die reiche Tierwelt der Anden: die Vikunjas, die Flamings, die Andengänse,… Für uns fühlte sich der gesamte Pamir Highway „leer“ an.

Wir fuhren weiter, verteilten fleißig Wasserflaschen an Fahrradfahrer und bezwangen den letzten größeren Bergpass der Strecke, den Kyzyl-Art Pass mit „nur“ 4282m. Auf dem Weg dorthin ist eine Brücke weggespült und man muss durchs Flussbett. Das Wasser war uns zu tief, um vorher durchzulaufen und so warteten wir einfach, bis ein Landcruiser kam und es vormachte. Die Gruppe Motorradfahrer, die gerade ihr Gepäck durch den Fluss trugen, weil sie Angst hatten, Motorrad samt Taschen im Wasser zu versenken, baten wir, mit anzupacken, falls wir uns im tiefschottrigen Flussbett festfahren würden. Nun ja. Hans wäre nicht Hans, wenn er nicht einfach durch den Fluss gefahren wäre. Die Motorradfahrer johlten, klatschten und feierten Hans so wie wir und wir hatten unsere Freude an unserem 435.000km erfahrenen, 35 Jahre jungen und 900€ teurem Overlander.

Der letzte unbefestigte Pass war ein bisschen grob und wäre im laut Wetterbericht für die gesamte folgende Woche angekündigten Regen, etwas glitschig geworden (und der Fluss wesentlich voller), sodass wir mit unserer Entscheidung, keine Pause in Murghab und auch nicht am Karakul See zu machen, unseren Frieden schließen konnten. Eine Woche lang wegen Mistwetter in Murghab festzuhängen entspricht nicht wirklich unserer Vorstellung von „Urlaub in den Bergen“…

Noch vor der Passhöhe reisten wir aus Tadschikistan aus. Tadschikistan war unser 122. Land und hat uns gut gefallen: wesentlich authentischer und weniger touristisch als Usbekistan, mit netter Hauptstadt und wunderschöner Landschaft. Nun fehlt uns nur noch Pakistan von den „Stan Ländern“ und eigentlich wollten wir diesen Sommer auch nach Pakistan, um dort die höchste Fernstraße der Welt zu fahren, bevor es mit dem Pamir Highway nur auf die „B-Ware“ geht. Wir sind vorbereitet, haben ein Carnet de Passages für Hans im Gepäck und mussten doch in Afghanistan umdrehen, weil die Grenze zwischen den beiden Ländern leider geschlossen blieb. Aber aufgeschoben ist definitiv nicht aufgehoben!

Zwischen den Grenzposten von Tadschikistan und Kirgistan liegen 25km „Niemandsland“, auf denen man den Pass bezwingt und auf der anderen Seite sehr steil wieder hinunterfährt. Dabei kommt noch eine Wasserdurchfahrt, aber auch diese letzte Herausforderung war für Hans keine, denn genau so kam er vor sechs Jahren zu seinem Namen: wir waren damals mit dem für uns noch neuen Passat offroad in Bulgarien unterwegs und kamen an eine Flussdurchfahrt. Die erste von uns als Team, also stiefelte ich durchs Wasser, um die beste Spur zu finden. Als der VW dann locker flockig durchs Wasser rauschte, als hätte er das schon 29 Jahre lang täglich gemacht, entfuhr es mir „Jawohl, der Hans, der kann’s!“. Seit diesem Tag heißt unser treuer Reisepartner Hans. Und er kann’s wirklich.

Als wir auf den kirgisischen Zöllner zurollten, staunte der nicht schlecht. Alle anderen Fahrzeuge am Grenzübergang waren hochgeländegängige Expeditionsfahrzeuge anderer Overlandreisender oder Landcruiser mit Touristengruppen. Und eben Hans. „Ein B4?“, fragte der Zöllner auf Russisch. „Ein B3!“ antwortete ich und erntete damit ein breites Lächeln und bevorzugte Grenzabwicklung eines neuen Fans von Hans. Während Jan sich um die Zollformalitäten kümmerte, verteilte ich Wasserflaschen an Fahrradfahrer und motivierte sie: wenn ein Passat das schafft, schafft Ihr das locker! Trotzdem ist der Pamir Highway für keinen von uns eine Strecke, die wir mit dem Fahrrad fahren wollen würden: zu viel Waschbrettpiste, zu viele LKW, zu steile Pässe.

Wir sind Motorradfahrer und halten eine Enduro mit gutem Fahrwerk für das am besten geeignete Fahrzeug für die Strecke, denn damit (und mit entsprechendem Fahrkönnen) ist Waschbrett gut zu fahren, die tiefen Schlaglöcher gut zu umzirkeln und Etappen auch bei Mistwetter gut zu schaffen. Der Vorteil vom Auto ist, dass man damit auch im meist sehr steinigen Untergrund campen und auch wenn es dort nicht eben ist mit Steinen unter den Rädern eine ebene Schlaffläche schaffen kann. Außerdem ist es im elendigen, dauerhaft starken Wind angenehmer, im Auto zu sitzen als in einem Zelt. So hat alles Vor- und Nachteile! Was wir nicht empfehlen können: Dachzelt wegen Wind und Wetter und LKW im Wakhan wegen Überhängen, engen Kehren und schmalen Abschnitten mit Gegenverkehr.

Kaum waren wir in Kirgistan eingestempelt, hatten wir wieder besten Asphalt unter den Rädern. Wir suchten eine halbwegs ebene Fläche für die Nacht und trafen als erstes auf eine riesige Fahrradgruppe, die schon eine Art Zeltstadt aufgebaut hatte. Wir waren 2019 auf dem Weg nach China schon in Kirgistan und hatten das Land damals schon als zu touristisch für unseren Geschmack empfunden, sodass wir nicht überrascht waren, solche Massen zu sehen. Am zweiten möglichen Übernachtungsplatz standen schon zwei Expeditionsmobile. Wir fragten höflich, ob wir in der Nähe campen dürften und bekamen die Antwort, es sei genug Platz. Dann ging die Tür des Trucks zu und nie wieder auf. Kein gemeinsames Beisammensitzen wie sonst üblich. Auch das kannten wir schon: mit Hans werden wir diskriminiert. Je teurer das andere Fahrzeug, desto ignoranter.

Wir holten Tisch und Stühle raus, kochten Abendessen und saßen einfach nur da und schauten direkt auf den Pik Lenin, der majestätisch vor uns lag. Im Laufe des Abends verzogen sich auch die Wolken und es klarte auf, sodass wir noch vom Bett aus, vom Vollmond beleuchtet, das besondere Panorama genießen konnten. Um uns herum tobte wieder der Wind und es war so kühl, dass wir die Daunendecke ausgepackten. Eine Herde Yaks, eine lustige Ziegenherde und viele Pferde zogen an uns vorbei und wir hatten das Gefühl „zurück in Zentralasien“. In der Nähe wohnten Kirgisen in Jurten und es sah aus wie im Bilderbuch.

Am nächsten Morgen saßen wir wieder draußen und sogen das Panorama in uns auf. Unser letzter Tag auf dem Pamir Highway war angebrochen, ab jetzt war es nur noch lockeres Rollen auf Asphalt zum Ziel in Osh. Die Besatzung der beiden LKW in unseren Nacken hatte den gesamten Abend ohne uns verbracht und bis wir um 8:30 fuhren, hörten wir zwar Geschirrklappern und Wasserpumpe, aber die Rollläden blieben fest verschlossen, die wunderschöne Welt des Pamirs für die Insassen unsichtbar. Für uns absolut unverständlich. Als wir gerade Geschirr spülten, kam ein Junge mit Milchkannen auf einem Esel zu uns geritten und bettelte um Schokolade. Er zeigte zielstrebig auf unsere Küchenkiste und forderte Süßkram. Da weiß man dann auch, was andere Touristen tun: Kinder mit Schokolade füttern. Na super. Verhältnisse wie in Marokko und anderswo auf der Welt, wo Touristen durch ihr Verhalten anderen Touristen das Leben schwer machen (und Kindern ohne Zugang zu medizinischer Versorgung Karies verursachen).

Wir rollten ganz entspannt über noch zwei weitere, mit knapp über 3000m nur mittelhohe Pässe nach Osh und verteilten weiter Wasserflaschen an Fahrradfahrer. Einer tauschte Wasser gegen Brot und wir hatten insgesamt auf den gesamten 1500km Pamir Highway und Wakhan zu den vielen, vielen Fahrradfahrern einen viel besseren Draht als zu den Besatzungen der (mindestens) vierrädrigen Fahrzeuge. Als wir letztes Mal in Kirgistan waren, haben wir das mit unserem VW T4 Blümchenbus genauso erlebt – von bösen Blicken über Ignorieren bis hin zu komplett rücksichtslosem Verhalten beim Camping uns gegenüber. Hans und Blümchenbus zeigen, dass man mit jedem Fahrzeug reisen kann. Wartet also nicht, fahrt los mit dem Fahrzeug, das Ihr habt, es ist gut genug!

Auf dem letzten unbefestigten Pass des Pamir Highways kam uns übrigens ein Einheimischer mit einem klitzekleinen Chevrolet Matiz entgegen. Wir fragen uns immer, wie die sich wohl fühlen müssen, wenn ihnen auf ihren alltäglichen Strecken hochgerüstete Expeditionsfahrzeuge mit Touristen entgegenkommen (oder im Weg stehen, weil die Kehren zu eng sind)?

Wir gönnten uns in Osh, dem Ende (oder Beginn?) des Pamir Highways als erstes einen Kaffee und zogen dann in ein Guesthouse ein. Leider war dort die Elektrik stümperhaft installiert, sodass nach einem leckeren Abendessen mit Pizza die ganze Nacht die Deckenlampe glimmte, als lägen wir immer noch direkt unterm Vollmond – nur diesmal ohne lautes Windgeräusch. Das kennen wir schon von abenteuerlichen Elektroinstallationen aus Afrika, aber hierfür 30€ für die Nacht unter Lampenlicht zu zahlen, war kein guter Start in die „Zivilisation“. Wir zogen am nächste Morgen in eine andere Unterkunft um, schliefen herrlich ohne Licht und ohne Wind und überlegen jetzt, was wir als nächstes tun.

Wir waren ja schon in Kirgistan und haben deswegen keinen Entdeckungsdrang mehr. Damals hatten wir nicht die Zeit, das Land intensiv zu erkunden und jetzt haben wir nicht die Motivation, das zu tun. Es ist einfach sehr überlaufen, weil derzeit Hochsaison ist und sich das Land in den vergangenen sechs Jahren sehr erfolgreich als Tourismusdestination vermarktet hat. Bei uns ist derzeit die Luft raus. Der Pamir Highway stand seit vielen Jahren auf unserer Wunschliste und wir haben es nun endlich geschafft. So, wie letztes Jahr, als wir nach einer Woche auf einem Schleppverband auf dem Kongo in Brazzaville ankamen, fühlen wir uns jetzt auch: ein bisschen leer.

Der Pamir Highway war wunderschön, aber der Wakhan noch viel spektakulärer. Dennoch: weil wir die Anden gut kennen und das Altiplano lieben, haben wir den Vergleich und wenn wir wählen müssten, wäre der Pamir ganz sicher nicht unsere erste Wahl. Für uns war die Natur zu steril, uns fehlten die Tiere. Und weil wir Afghanistan kennen und den Wakhan eigentlich auf afghanischer Seite fahren wollten, ist da immer noch eine Art „unbefriedigte Sehnsucht“ in uns.

Wir treffen bald eine bulgarische Freundin, die uns noch ein Carepaket aus Bulgarien nach Bishkek bringt, dann schauen wir mal, was wir mit dem Rest vom August so anfangen. Der September ist schon fest verplant und wird nochmal ganz, ganz besonders! Afghanistan war vielleicht noch ein bisschen mehr besonders, schaut, wie anders als Herat (Video von letzter Woche) Kandahar ist!

 

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