
… und wie Afghanistan in unsere Herzen kam. Das Minarett von Jam gehört zu den UNESCO Weltkulturerbe Stätten, die am schwierigsten zu erreichen sind – und damit besonders magisch. Wir sind unglaublich froh, dass wir vier Tage Staub gefressen haben, um das Bauwerk zu sehen, zu dem nur wenige Ausländer sich die Mühe der Anreise machen. Letztendlich sind wir ins Herz Afghanistans gefahren und haben Afghanistan fest in unsere Herzen verankert. Drei Tage Fahrt braucht man insgesamt von Kabul aus, einer steckte uns und dem Toyota von Noor schon in den Knochen.

Es war noch kühl auf 3000m, als wir nach einem leckeren Frühstück mit frischem Rahm und Brot aufbrachen. Vom ersten Moment an fuhren wir durch eine zauberhafte Landschaft, die das warme Morgenlicht noch zauberhafter machte. Vor uns lagen 400km Piste und kleine Wege. Die auf der Karte als „dick orange“ eingezeichnete Straße existiert so nicht mehr, denn sie führte auf den letzten 350km durch ein enges Tal entlang eines Gebirgsflusses, der die Straße komplett „weggefressen“ hat. Stattdessen sucht man sich jetzt seinen Weg über Höhenrücken und durch Täler. Spannend, aber mit Hans und seinen im Vergleich zum 4 Runner kleinen Rädern und geringerer Bodenfreiheit eine zeitraubende Angelegenheit, weswegen wir ihm in Kabul eine wohlverdiente Pause gönnten.

Früher mal, als die Natur sich noch nicht die Straße (und damit ihre Ruhe) zurückgeholt hatte, war die Piste die kürzeste Verbindung zwischen den beiden größten Städten Afghanistans: Kabul und Herat. Heute ist nur noch wenig Verkehr auf den zahlreichen Pisten, die sich auf 3000 – 3500m durch die Berge winden. Nur die LKW, Minibusse und Autos, die die Dörfer und Siedlungen dieser großen Region des Hindukusch versorgen, fahren dort. Und viele kleine indische Motorräder, mit denen wir viel schneller gewesen wären, hätten wir welche. Das Problem: weil die meisten Fahrzeuge auf den vielen möglichen Wegen Motorräder sind, ist die Navigation für Autos nicht immer einfach.

An diesem zweiten Tag lagen rund 250km vor uns und wir brauchten 11 Stunden. Elf. Ohne Pause – außer Pipipause, denn wir hatten uns mit Snacks für unterwegs versorgt und knabberten Chips, wenn der Hunger kam. Die Piste schlängelte sich in vielen Kehren und Kurven die Pässe hoch und wieder herunter und jedes Mal eröffneten sich andere, jedes Mal atemberaubende Ausblicke auf den Hindukusch und dessen Ausläufer. Wir fuhren durch Siedlungen, die mehr nach „Berberdorf in Marokko“ als nach „Afghanistan“ aussahen, weil die Frauen so bunte, zum Teil glitzernde und unglaublich schön bestickte Kleider trugen. Wir waren im Land der Hazara unterwegs.

Um Afghanistan zu verstehen, muss man wissen, dass Afghanistan ein Vielvölkerstaat ist. „Den Afghanen“ gibt es, außer vom Pass her, nämlich nicht. Schon ein Bayer würde sich niemals mit einem Hanseaten gleichsetzen lassen (und umgekehrt), aber immerhin teilen Nord- und Süddeutsche gleiche Werte und eine gleiche Sprache, wenn auch regional geprägt. In Afghanistan ist das nicht so. Wir kennen das aus vielen afrikanischen Ländern, aber dem „Westler“ ist das fremd und er verallgemeinert. Offiziell gibt es nämlich 14 verschiedene ethnische Gruppen im Land! Vierzehn.

Dung trocknet als Brennstoff zum Kochen und Heizen
Um es für Euch einfacher und übersichtlicher zu gestalten, beschränken wir uns auf die wichtigsten drei, die rund 80% der Bevölkerung stellen: Paschtunen, Tadschiken und Hazara. Alle drei haben ihre eigene Sprache und Kultur. Wie so immer ist nur eine Ethnie an der Macht. Das ist nicht unbedingt immer der Wille des Volkes, aber auch in Westafrika herrscht eine einzige Ethnie in vielen Ländern, ohne unbedingt wirklich demokratisch gewählt worden zu sein. In Afghanistan sind derzeit die Paschtunen an der Macht.

Die heutigen Grenzen Afghanistans wurden von den Briten und Russen am Reißbrett gezeichnet, um eine Art Pufferzone zwischen „mein“ und „dein“ zu schaffen: südlich „Britisch Indien“, nördlich Russland. Dieser Strich auf der Landkarte teilte das Siedlungsgebiet der Paschtunen in zwei Länder auf: dem heutigen Pakistan und Afghanistan. Und aus genau diesem Grenzgebiet formten sich in den 1990er Jahren die Taliban. Die Ideologie der Taliban ist eine Mischung aus einem traditionellen Ehrenkodex und Glaubensgrundsätzen der Paschtunen und einer extrem konservativen Auslegung des sunnitischen Islams. Daraus entstand eine „Lehre“ die mit dem Koran oft wenig zu tun hat. Wer also die Taliban mit Muslimen gleichsetzt, hat schon das nicht verstanden.

Fast alle Taliban sind Paschtunen, aber nicht alle Paschtunen sind Taliban. Und nicht alle Paschtunen sind Sunniten. Eine kleine Minderheit der Paschtunen ist schiitisch. Taliban sprechen Paschtu und fördern die Sprache im Land, obwohl die Mehrheit der afghanischen Staatsbürger gar kein Paschtu spricht, sondern Dari, also das afghanische Persisch und das auch bisher Verkehrssprache war.. Die Taliban versuchen derzeit, ihre Ideologie und Sprache 13 anderen Ethnien im Land überzustülpen. Ein paar Tadschiken und Usbeken haben sich rekrutieren lassen, da sie auch Sunniten sind und die Taliban Verbündete im Norden Afghanistans brauchten. Aber in der Mitte des Landes, im Herzen Afghanistans, lebt die drittgrößte Ethnie: die Hazara.

Hazara sind Schiiten und genetisch verwandt mit den Mongolen und die Wissenschaft vermutet, dass Dschingis Khan dahinterstecken könnte: schließlich ist das Hauptsiedlungsgebiet der Hazara genau dort, wo Dschingis Khan wütete: das Bamyan Tal in der Mitte Afghanistans. Wahrscheinlich entstanden die Hazara aus einer Mischung von Mongolen und dem damaligen Chorasan (heute größtenteils auf iranischem Staatsgebiet). Weil Hazara anders aussehen, anders glauben und anders sprechen als Paschtunen, wurden und werden sie diskriminiert und sogar vor rund 135 Jahren Opfer eines Völkermordes durch die Paschtunen. Daraus entstand eine bis heute „rebellische“ Mentalität, die natürlich zu weiteren Verfolgungen und Massakern führte und führt. Wer das Buch (oder den Film) „Drachenläufer“ kennt, der wird sich vielleicht erinnern…

Behaltet diese Info einfach immer im Hintergrund. Insbesondere dann, wenn es (mal wieder) um „die Afghanen“ in Deutschland geht, um Abschiebeflüge und solche blödsinnigen Aussagen wie „jeder Afghane ist ein Taliban“ oder “die böse Religion”. Nicht jeder Deutsche ist ein wortkarger Fischkopf und auch nicht jeder Deutsche ein schuhplattelnder Gamsbartträger. Für uns hier im Land ist es recht einfach zu erkennen, wer wohin gehört, weil jede Ethnie ihre eigene Kopfbedeckung hat, die nicht nur als Erkennungszeichen, sondern auch als politisches Statement getragen wird und weil wir die Gesichtszüge sehen und Dari/Persisch von Paschtu unterscheiden können. Das könnt Ihr alles nicht und seid deshalb bitte vorsichtig, wenn Ihr von „Afghanen“ sprecht – oder mit ihnen zu tun habt.

Wir fuhren jedenfalls durch das Siedlungsgebiet der Hazara und weil die Hazara seit Jahrhunderten dafür bekannt sind, ihren Frauen mehr Rechte einzuräumen, fiel uns das ganz besonders auf. Nicht nur in Form von den besonders knallbunten, besonders schönen Kleidern, sondern auch im Alltag. Wir sahen sogar große Teenager auf dem Heimweg von der Schule – obwohl Mädchen offiziell nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen dürfen. Aber, so bekamen wir erklärt, man kann ja auch ein paar Mal „sitzenbleiben“ und die „6. Klasse“ immer wieder wiederholen müssen…

Übrigens versuchen wir uns während unseres gesamten Aufenthaltes in Afghanistan mit Hazara zu umgeben – und das nicht nur, weil wir ein paar Brocken Persisch sprechen. Ihr versteht jetzt wahrscheinlich, warum. Und vielleicht könnt Ihr die ganze Asyl- und Abschiebedebatte jetzt ein kleines bisschen besser verstehen. Noch besser vielleicht, nachdem wir in Kandahar waren und Euch von dort erzählen. Aber das ist erst unsere vorletzte Station im Land, habt Geduld!

Nach 11 Stunden Fahrt kamen wir ziemlich „platt“ in Tschaghtscharan an. Zwei Tage waren wir unterwegs, 250km über eine rumpelige, sehr staubige Piste geholpert und plötzlich begrüßte uns eine 15.000 Einwohner große Stadt mit jeglicher Infrastruktur mitten im gefühlten Nirgendwo! Noor kannte ein wirklich nettes Hotel, in dem (in der ersten Nacht) auch alles funktionierte und die Matratzen nicht betonhart waren. Wir ließen uns einen „Berg mit Reis unter Berg von Fleisch“ (Kabuli Pulao) ins Hotel liefern und mümmelten zu dritt ziemlich müde vor uns hin, bevor wir tief und fest schliefen.

Am nächsten Morgen fuhren wir um 6 Uhr los, denn ein weiterer langer Tag lag vor uns. Jetzt kam der Part der Strecke, auf dem es keine allgemeine Hauptpiste gab, sondern sich jeder seinen eigenen Weg suchte. Insbesondere nach dem Frühjahr hatten sich die Pisten durch die LKW, die im feuchten Boden so manche Wege unpassierbar machen, ziemlich verändert und überall sah man Autos, LKW und 4×4-Minibusse in der Landschaft herumgurken auf der Suche nach dem besten Weg. Dazu die ganzen Motorräder, die auch Eselspfade fahren können.

Für die 130km brauchten wir fünf wunderschöne Stunden, die uns durch Dörfer brachten, die wir so noch nirgendwo gesehen haben. In einem winzigen, fast unsichtbar am Hang „klebenden“ Bergdorf fragte Noor vor einem Haus nach dem Weg. Die drei Frauen, die aus der Tür kamen, waren in den schönsten, märchenhaftesten Kleidern gekleidet, die ich jemals gesehen habe. Und es war kein Fest! Die Frauen trugen diese für mich festlichen Kleider überall: bei der Feldarbeit, auf der Dorfstraße, beim Teppichklopfen im Garten, überall.

Besonders schön, wenn eine ganze Gruppe Frauen in solchen Traumkleidern vor uns herlief. Nein, es gibt keine Fotos, denn es ist in Afghanistan verboten, Frauen zu fotografieren und wir respektieren das. Wir sahen ein Afghanistan, das uns direkt ins Herz ging: alle Dörfchen waren unglaublich hübsch und sauber, die Menschen sehr aufgeschlossen und freundlich und die Landschaft dazu fast biblisch: grüne Täler mit klaren Bergbächen, an deren grünen Wiesen Ziegen und Schafe geweidet werden und Menschen Landwirtschaft betreiben.

Wir waren ja mit Noor und seinem 4 Runner unterwegs, weil uns die Strecke mit Hans, unserem Passat, zu viel von der kostbaren Zeit im Land geraubt hätte. 30 Tage sind für ein so großes Land und die langen Distanzen einfach ziemlich stressig. Im Nachhinein wäre alles mit Hans machbar gewesen – bis auf ein paar „Schlüsselstellen“ auf den letzten 5km zum Minarett. Dann nämlich, wenn die „Straße“ auf ihren ursprünglichen Verlauf trifft: mitten durch eine enge Klamm, mitten im Flussbett. Das ist natürlich nicht bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit möglich, aber wir hätten Spaß daran gehabt, es mit Hans zu meistern – aber niemals in der kurzen Zeit!

Und dann, 500m vor dem Ziel, beschloss Noor „jetzt essen wir erstmal was!“ und bestellte uns im nigelnagelneuen Guesthouse Hühnerspieße. Mitten im Nirgendwo steht ein blitzsauberes, glänzend neues Guesthouse für Touristen. Bloß: welche Touristen? Wir hatten einen Beitrag von der UNESCO zum Minarett von Jam gesehen, in dem es hieß, man müsse es Touristen einfacher machen, das Minarett zu besuchen und Geld in der Region zu lassen. Und nun gibt es ein Guesthouse! Bloß brauchen Touristen immer noch drei stramme Fahrtage voller Staub von Kabul aus und zwei noch strammere, noch heftigere Fahrtage von Herat aus, um überhaupt erst zum Guesthouse zu kommen!

Und dann, frisch gestärkt, liefen wir die letzten 500m zu Fuß, um den Moment des Ankommens auch gut erleben zu können. Erst ganz zum Schluss macht der Weg eine kleine Kurve und man steht vor dem Minarett von Jam. Drei Tage Rumpelfahrt haben sich definitiv gelohnt! Das mit 65m zweithöchste Backstein – Minarett der Welt steht auf einer kleinen Landspitze an der Mündung von drei Gebirgsflüssen mitten in einem engen Tal mit steilen Felswänden. Einfach so: BÄM!

Doch noch waren wir nicht da, wie sahen das Minarett nur, standen aber auf der anderen Seite eines der drei Flüsse und mussten aufs andere Ufer. Dazu gibt es eine Seilrutsche: ein Metallbügel an einem Stahlseil über den Fluss, gezogen von Kindern auf der anderen Seite mit einem Seil. Was für ein Spaß! Unter einem der rauschende Fluss, vor einem das sagenhafte Minarett. Gibt es eine spektakulärere Seilrutsche auf der Welt? Ganz sicher nicht!

Auf der anderen Seite erwartete uns schon der von der UNESCO beauftragte „Aufpasser“. Er hat nicht viel zu tun als Aufpasser, denn die größte Gefahr für das Minarett sind nicht wie an anderen Orten etwa rücksichtslose Touristen, sondern die Natur. Das Fundament des Minaretts wurde kürzlich mit Beton befestigt, doch trotzdem besteht immer noch die Gefahr, dass nach 830 Jahren ein einziges Hochwasser genügt, um den Turm umzukippen.

Das Minarett steht schon so lange, ganz isoliert und einsam mitten in der spektakulären Landschaft und Erdbeben und Hochwasser haben es bisher nur ein bisschen gekippt – wobei nicht ganz klar ist, ob das nicht schon ziemlich bald nach dem Bau passiert ist oder irgendwann in den folgenden Jahrhunderten. Weil das Minarett so extrem abgeschieden steht, wurde es irgendwann von der Welt vergessen und erst 1886 wiederentdeckt, aber es dauerte bis 1957, bis die Welt davon erfuhr.

Wir fragen uns bei sowas (wie auch damals bei den „ausgestorbenen“ Wüstenkrokodilen in Mauretanien) wie man so etwas vergessen kann. In den 830 vergangenen Jahren wird das Wissen um das Minarett sicherlich in der Region unter gelegentlich vorbeiziehenden Hirten nicht verloren gewesen sein. So etwas Gigantisches kann man doch nicht vergessen! Besonders, wenn es sonst in der Region nichts Vergleichbares gibt: türkisfarbene Kacheln glänzen in der Sonne, jeder Zentimeter ist mit Reliefs aus Ziegeln verziert.

Was wir nur aus dem UNESCO Beitrag wissen: innen gibt es eine Doppelwendeltreppe, auf der zwei Personen gleichzeitig laufen können, ohne sich jemals zu begegnen. Der Turm ist aber heute verschlossen, das konnten wir nicht ausprobieren. Was wir nicht wissen und auch die Historiker nicht: wo ist der Rest? Was war hier früher? Warum steht hier in Minarett, das so groß, so schön und so wichtig ist?

Man vermutet, dass das Minarett früher zu einer Sommerresidenz oder Sommer-Hauptstadt der Ghuriden (eine damalige Dynastie mit riesigem Reich) gehörte und dass es vielleicht das einzige Überbleibsel ist, was nicht zerstört wurde als… (wenn Ihr den letzten Blogbeitrag aufmerksam gelesen habt, könnt Ihr mit uns jetzt im Chor vervollständigen) … Dschingis Khan kam und alles kurz und klein geschlagen hat. Man weiß, dass der wilde Dschingis in anderen Städten auch religiöse Monumente wie Mausoleen oder Moscheen stehengelassen hat. Vielleicht auch hier?

Nach einer halben Stunde hatten wir uns aus nächster Nähe satt am Minarett gesehen und überquerten mit der Seilrutsche wieder den Fluss. Der bärtige Aufpasser kam mit auf die andere Seite und als wir ihn baten, von uns dreien ein Foto zu machen, blühte der Alte richtig auf und schoss ein Foto nach dem anderen. Leider öfter mit dem Finger vor der Linse und dann mit Fingerabdrücken darauf, sodass er am Ende mehr Spaß als wir gute Fotos hatten. Aber egal, das Minarett von Jam wird für immer in unseren Herzen bleiben!

Auf dem Weg zurück zu Auto verschwindet das Minarett sehr schnell wieder im Unsichtbaren des engen Bergtals. Noch einmal umdrehen, dann sahen wir es nicht mehr. Wir hoffen sehr, dass das nächste Erdbeben, die nächste Schneeschmelze, das nächste Hochwasser nicht das Ende dieses so wunderschönen, einzigartigen Bauwerkes ist!

Die fünf Stunden Fahrt, die uns zum Minarett gebracht hatten, mussten wir an diesem Tag auch wieder zurück rumpeln. Wieder über kleinste Wege, Feldwege und Pisten, durch hübscheste und ursprünglichste Dörfer und Siedlungen, vorbei an Ziegen- und Schafherden, fußballspielenden Kindern, ackernden Erwachsenen und durch wunderschöne Landschaft.

Als wir von einer kleineren auf eine größere Piste kamen, sprach uns ein Mann mit rotem Rauschebart an. Ob wir ihn bitte mitnehmen könnten? Der Herr war 70 Jahre alt und Geschichtslehrer, sprach ganz wenig Englisch und war unterwegs von seiner einen zu seiner anderen Familie. Er hatte eine Art, die uns beide verzauberte. Und er hatte eine Sprache, als sei er die Wiedergeburt vom Poeten Hafiz (oder Rumi, wir sind ja in Afghanistan!) persönlich. Sein Farsi war so schön melodisch und poetisch, als würde er stundenlang Gedichte von der Rückbank rezitieren.

Durch seine Anwesenheit wurde die Fahrt zum Märchen. Seine poetische Stimme, seine gütigen Augen, sein herzlicher Umgang (auch mir drückte er die Hand und nannte mich „Schwester“!) und auch das Teilen seiner getrockneten Quarkkugeln mit uns füllte unsere Herzen, die schon den ganzen Tag vor Schönheit Afghanistans zu platzen drohten, mit so viel Wärme, dass wir beschlossen: Afghanistan, wir kommen wieder!

Die letzten Kilometer fuhren wir im Sonnenuntergang auf der engen, steilen Straße oberhalb des Flusses, der im Abendlicht glänzte und schimmerte. Eine Ziegenherde lief vorbei, die Tiere meckerten gemütlich vor sich hin, der Hirte grüßte, es roch würzig-staubig nach Sommer auf dem Land, die Welt um uns herum wurde golden, warm und weich. Am Ende der Fahrt hatten wir 1kg getrocknete Quarkkugeln in der Hand und eine Einladung zu dem Herrn, der 5km vom Minarett von Jam wohnt und dort seine Schaf- und Ziegenherden hütet. Der Zettel mit seiner Wegbeschreibung liegt nun im Handschuhfach von Hans. Fürs nächste Mal!

Mit den Herzen voll allerschönster Erinnerungen an diesen Tag, die Fahrt durch die kleinsten Dörfchen Afghanistans, die Begegnungen mit den Menschen in den Örtchen und Siedlungen, die Anwesenheit unseres Anhalters mit den Quarkkugeln und der Höhepunkt, das Minarett von Jam, ließen und selig einschlafen. Jeder Kilometer, jeder der drei Tage Anreise hatte sich gelohnt! Jetzt mussten wir nur noch zurück…

Wir hatten entschieden, die Rückfahrt buchstäblich übers Knie zu brechen. Der schlimmste Teil der Strecke lag schon hinter uns, die noch fehlenden 480km wären an einem Tag zu schaffen. Vorausgesetzt, man steht früh auf und fährt im Dunkeln. Und das taten wir. Punkt 5 Uhr saßen wir drei im Auto und machten uns auf den langen Weg zurück nach Kabul. Und weil es ja nicht „diese eine Piste“ gibt, sondern man sich sucht, was man findet, fand Noor für die Rückfahrt eine andere Strecke für uns.

Auch diese Strecke ging mehrmals auf rund 3500m hoch, schlängelte sich entlang eines Flüsschens und über Höhenrücken. Und wie auf der Herfahrt sahen wir überall in den Dörfchen Frauen mit bunten Kleidern, die, ganz neugierig, sofort Noor fragten, woher wir kämen. So viel zum Thema „Frauen dürfen nicht mit Männern reden“ oder „Frauen dürfen nicht aus dem Haus“. Auf dem Land, insbesondere bei den Hazara, ist das nirgendwo so.

Es war ein langer Tag, aber wir drei waren mittlerweile zu einem tollen Team gewachsen. Wir hatten unsere Pipi- und Noors Raucherpausen synchronisiert, knabberten Quarkkugeln statt Frühstück und hielten in Bamyan, um uns die Bäuche mit Bolani vollzuschlagen. Bolani sind frittierte Teigtaschen, die mit Spinat oder Kartoffeln gefüllt werden. Dazu literweise Grüntee und es konnte weitergehen.

Finde die Festung!
Noor wollte uns noch „die rote Stadt“ zeigen. Eine Festungsanlage im Tal von Bamyan, ziemlich unsichtbar im roten Sandsteinfels mit roten Sandsteinen und rotem Lehm gebaut. Aber es zog ein Gewitter auf und wir hatten auch keine Motivation mehr, das im Regen zu erkunden. Kaum waren wir zurück auf der asphaltierten Hauptstraße, regnete es auch schon. Alles richtig gemacht.

Es war neun Uhr abends, als wir in Kabul in unserer Unterkunft ankamen und Hans begrüßten. Der Abschied von Noor war herzlich und dann schälten wir uns aus unseren unglaublich staubigen, verschwitzten und dreckigen Klamotten. Wir duschten lange und gründlich, um uns nach vier Tagen Dauerstaub „abzustauben“. Dann fielen wir selig ins Bett: diese vier Tage waren lang, anstrengend und staubig, aber auch zauberhaft und traumhaft schön. Afghanistan ist nun tief in unseren Herzen verankert. Und das Minarett von Jam für immer in unserer Erinnerung…











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