
Nachdem wir das Minarett von Jam gesehen und ein Afghanistan erlebt haben, was nur wenige Besucher aufgrund der Abgeschiedenheit dieser Region sehen, waren wir zurück in Kabul und hatten den Zeitdruck im Nacken: noch so unglaublich viel zu sehen und schon so viel Zeit von den 30 Tagen Visum „verbraucht“! Wir entschieden, in zwei langen Fahrtagen auf der „Ringstraße“ Afghanistan quasi zu ¾ zu umrunden und nach Herat zu fahren, um uns von dort aus „häppchenweise“ gegen dem Uhrzeigersinn Richtung Tadschikistan fortzubewegen.

Der erste Fahrtag brachte uns bis Kandahar. In unserer ursprünglichen Planung wäre Kandahar unser Sprungbrett nach Pakistan gewesen, das nötige Carnet de Passage ist im Gepäck, aber die seit Oktober 2025 immer mal wieder geöffnete und dann wieder geschlossene Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ist seit März für Touristen definitiv unpassierbar. Wir verbrachten eine Nacht auf der Durchreise in einem Hotel, in dem es bessere Bodenmatten als Matratzen gab und ich auf dem Boden statt im Bett schlief. Matratzen in Afghanistan sind nämlich in der Regel hart wie Beton.

Um aus den Großstädten Afghanistans (Kabul, Herat und Kandahar) gut herausfahren zu können, hatten wir uns angewöhnt, immer um 5 Uhr loszufahren. Irgendwie passen für uns und alle anderen die Uhrzeiten nicht zur Sonne, denn es ist jeden Morgen schon um 4:30 hell und ab 6 Uhr steppt der Bär auf den Straßen: Geschäfte sind geöffnet und Menschen erledigen ihr Tagewerk. Das liegt vielleicht auch daran, dass es morgens um 5 noch angenehme Temperaturen von rund 25 Grad hat, bevor dann im Laufe des Tages das Thermometer auf weit über 40°C steigt, das Leben draußen ruhiger wird und erst spätabends wieder auflebt, wenn die Sonne untergegangen ist. So lebt man in Ländern, in denen seit Generationen die Temperaturen jeden Tag über 40°C steigen – und wir passten uns an. Hilft!

Nach 10 Stunden Fahrt kamen wir in Herat an und fanden ein Hotel in der Stadt, das ausnahmsweise eine Matratze hatte, auf der man nicht Trommel spielen konnte. Herat hat unglaublich viel zu bieten und wird nicht umsonst „Perle Persiens“ oder „Florenz Zentralasiens“ genannt, denn Herat war eines der wichtigsten Zentren der islamischen und persischen Kultur, Literatur, Architektur und Kunst. Außerdem war Herat ein wichtiges Handelszentrum der Seidenstraße und dadurch reich und all das führt zu einer bis heute erhaltenen riesigen Auswahl an wunderschönen, historischen Gebäuden.

Hätten wir richtig entspannt Zeit, so wie damals im Iran zwei Mal drei Monate, hätten wir die Stadt liebend gerne in unserem Tempo und häppchenweise erkundet. Mit dem tickenden Visum im Nacken entschieden wir aber, uns die Highlights der Stadt in 2 intensiven Tagen von einem Guide zeigen zu lassen. Shirzad, unser Guide, natürlich auch ein Hazari, holte uns morgens mit einem Tuktuk ab. Wir lieben Tuktuks und wenn man nicht gerade Motorrad fährt, sind sie für uns der beste ÖPNV im chaotischen Verkehr Asiens und Afrikas.

Wenn man in Afghanistan in eine neue Stadt kommt, in der man etwas besichtigen möchte, muss man sich bei „Afghan Tour“ vorstellen und sein Permit zeigen. Afghan Tour ist die staatliche Tourismusbehörde und man kann sich das vorstellen wie das Vorsprechen beim Dorfältesten, wie es auch in vielen afrikanischen Kulturen normal ist, bevor man ein Dorf betritt. Die Herren bei Afghan Tour sprechen auch Englisch und wenn die Papiere in Ordnung sind, tragen sie einen nur in ein Buch ein und man darf losziehen. So war das auch in Herat: Permit überprüft, Daten in Buch eingetragen, schönen Aufenthalt gewünscht und los.

Bloß dass unser Permit dem Bärtigen in der Zitadelle nicht gefiel. Wir hätten ein neues Permit ausstellen lassen sollen. Eins, das nur in Herat gilt. Kostenlos natürlich, aber das Permit, auf dem alle von uns besuchten Provinzen stehen, war ihm nicht präzise genug. Er ließ uns die Zitadelle besichtigen, aber unser Guide musste versprechen, dass wir sofort und ohne Umwege ein neues Permit ausstellen lassen würden.

Wir wissen, dass damals die Deutschen in Afghanistan zur Schulung von Polizei, Sicherheitsinstitutionen, Militär und Ministerien eingespannt waren. Aber wie effektiv deutsche Zettelwirtschaft gelehrt und bis heute verinnerlicht wurde, war uns bis Herat nicht ganz klar. Immerhin steht das Faxgerät in Afghanistan im Museum, in Deutschland in der Amtsstube. Den Schritt der Digitalisierung hat Afghanistan dann ganz offensichtlich ohne deutsche Anleitung gemacht. Die Bürokratie jedoch ist geblieben…

Die Zitadelle ist riesig, über 2.000 Jahre alt und hat mehr Renovierungen hinter sich als so manche Altbauwohnung. Kriege (Ihr wisst schon: Alexander der Große und… richtig… Dschingis Khan!), Erdbeben (zuletzt im Dezember 2025) und unzählige Herrscher haben sie immer wieder zerstört. Heute ist sie für uns ein bisschen zu sehr renoviert, aber nach 2000 Jahren Renovieren haben die da mittlerweile Übung drin…

In einem der Räume war ein Mann mit Kalligraphie beschäftigt und taute richtig auf, als wir Interesse zeigten. Herat gilt seit Jahrhunderten als eines der kulturellen Zentren der islamischen Welt und die kunstvolle islamische Kalligrafie hat hier eine lange Tradition – und lebt bis heute weiter. Mit viel Geduld und Können entstehen aus arabischen und persischen Schriftzeichen wunderschöne Kunstwerke. Ein schöner Beweis dafür, dass Worte nicht nur etwas sagen, sondern auch Kunst sein können.

Der Mann führte uns in einen anderen Teil der Zitadelle, wo er uns einen Ausstellungsraum aufschloss, in dem seine Werke und die seiner Kollegen und Lehrer hingen. Shirzad und er konnten jedes dieser Bilder lesen und übersetzten uns einige dieser Kunstwerke. Sie sind Zitate aus dem Koran, Suren oder Gedichte und die Auswahl der Texte zeigte uns, dass wir es auch bei den Künstlern nicht mit Paschtunen zu tun hatten…

Dann mussten wir los, unser Permit austauschen. Natürlich kostet das nichts, schließlich hatten wir ganz am Anfang in Mazar i Sharif pro Person, Permit und Region rund 13€ gezahlt, aber es ist einfach lästiger, zeitraubender Papierkram. Und weil Afghanistan nicht gerade eine Massentourismus – Destination ist, war das Büro überfüllt mit jungen bärtigen Männern, die auf den Sofas herumlungerten, Tee tranken und an Handys spielten. Keine Touristen, keine Aufgaben, denn selbst unser „Spezial Herat Zettel“ war ja schnell ausgedruckt.

Nicht weit entfernt führte uns Shirzad durch einen unscheinbaren Torbogen zu einem unserer persönlichen Highlights der Stadt: Die Mukhtarzada Karawanserei! Vom ersten Augenblick an hat sie uns mit ihrer speziellen Atmosphäre irgendwie verzaubert. Der riesige Innenhof, die drei Etagen mit ihren 96 (!) Lager- und Handelsräumen, die vielen Backsteingewölbe und die kunstvoll geformten Backsteine mit ihren kleinen, erhabenen Sternmotiven machen sie zu einem architektonischen Juwel.

Das Besondere: seit über 160 Jahren wird die Karawanserei immer noch als Handelsplatz und Warenlager genutzt. Es ist kein Museum, kein restauriertes Gebäude, das Eintritt kostet, sondern ein lebendiger Ort mitten in der Innenstadt Herats, in dem Menschen ihre Fahrräder und Motorräder parken, Händler ihre Waren lagern, im Schatten der Weinranken im Innenhof Tee trinken oder sich in den kühlen Räumen ausruhen.

Wir lernten dort einen alten Mann kennen, dessen Familie dort in dritter Generation eine Schneiderei hat – solche Begegnungen machen Geschichte noch viel lebendiger! Er kannte die Karawanserei als Kind noch als einen Ort mit noch viel mehr Leben, mit mehr Geschäften als Lagerräumen wie heute und als Ort, in dem er quasi durch die Schneiderei seiner Familie aufgewachsen ist. Er bat uns zu sich in einen kühlen Gewölberaum, platzierte uns auf seinem Bett und ermunterte uns zu gemeinsamen Fotos.

Herat liegt in der Nähe der iranischen Grenze und die persische Mentalität, die wir im Iran so lieben gelernt hatten, schimmerte endlich durch. Ja, Afghanen sind super liebe, nette und gastfreundliche Menschen, aber anders als das, was wir aus dem Iran kennen – und definitiv unterschiedlich, je nach Ethnie. Aber dieser Mann machte uns ein warmes Gefühl ums Herz mit etwas Wehmut nach dem Iran… Alte Mauern erzählen eben die schönsten Geschichten!

In Afghanistan fahren viele Leute mit Teppichen auf ihren Autositzen herum. Statt Sitzbezügen verwenden sie Teppiche und wir hatten uns schon ein paar Tage lang überlegt, ob wir das nicht vielleicht auch machen sollten. Denn auf fluffiger Wolle sitzt es sich angenehmer als auf Kunstfaser-Autositzen. Früher, in unserem VW T4 Kittymobil hatten wir Schaffellbezüge und natürliche Wolle ist einfach „unschwitzig“ an Rücken und Po. Neben der Karawanserei war ein Teppichgeschäft und wir setzten unsere Idee spontan um. Wir haben zwei schöne „Afghanen“ gekauft, die wir jetzt nur noch irgendwie an den Autositzen befestigen müssen!

Afghanen wie Iraner haben überall tolle Eisdielen mit lokalen Spezialitäten. Jede Region hat ein Spezialrezept und in Herat heißt das „Majuhn“ und ist eine Art „Brei“, der aus Trockenfrüchten und Honig gekocht wird. Auf den erkalteten Brei wird dann eine Kugel Milcheis gesetzt und diese unter Obstsalat und Nüssen begraben. Ein Dessert so sättigend wie eine Hauptmahlzeit und zur Mittagszeit ziehen sich Freundesgruppen und Familien in Eiscafés zurück, entspannen auf den Teppichen und Kissen (es gibt ja keine Tische und Stühle in Restaurants!), löffeln eiskaltes Dessert und entgehen der Mittagshitze mit Obst und Nüssen. Wir haben es nicht anders gemacht!

Nach der Mittagspause brachte uns das Tuktuk an den Stadtrand, wo die berühmten Minarette von Herat stehen. Diese bis zu 55 Meter hohen Minarette sind die letzten Überreste eines gewaltigen Bauensembles mit Moschee, Medrese und Mausoleum, das im 15. Jahrhundert von Gawhar Shad, der Ehefrau vom damaligen Schah Ruch, gestiftet wurde. Ursprünglich gehörten zwölf Minarette zu der Anlage. Heute, unzählige Erdbeben später, stehen nur noch fünf, von denen ein Großteil der ursprünglich türkisfarben verzierten Kacheln abgefallen ist.

Gawhar Shad war eine der bedeutendsten Bauherrinnen und Förderinnen von Kunst und Wissenschaft ihrer Zeit. Die Minarette sind bis heute ein beeindruckendes Zeugnis ihres Werkes. Wenn man sich aktuell die Situation für Frauen in Kunst und Wissenschaft in Herat anschaut, ist es umso trauriger zu wissen, welche Rolle eine Frau einst für die Blüte dieser Stadt spielte. Frauen haben die Geschichte Herats nicht nur miterlebt – sie haben sie mitgestaltet, werden heute aber ausgeschlossen.

Die Bauherrin der Minarette von Herat wurde auf demselben Areal in ihrem Mausoleum in ihrem eigenen Garten beigesetzt. Dieser von ihr selbst entworfene Garten um das Mausoleum herum ist als „Frauengarten“ bekannt und war bis 2021 ein beliebter Treffpunkt für Frauen und Familien zum Spazieren und Picknicken. Heute ist der Garten verschlossen, einheimische Frauen haben generell keinen Zugang mehr, Ausländer nur mit dem „Spezial Herat Permit“ Zettel.

Wir hatten ja den Zettel und bekamen, zusammen mit einer kleinen Gruppe einheimischer Besucher, das Tor zu Garten und Mausoleum geöffnet. Es zählt zu den schönsten erhaltenen Bauwerken der Timuridenzeit. Seine türkisfarbene Kuppel und die Mosaikfliesen spiegeln die Blütezeit wider, in der Herat neben Samarkand zu den bedeutendsten Kulturzentren des Reiches gehörte.

Doch während die Monumente in Samarkand durch Rekonstruktionen mit modernen Materialien heute nur wie eine historische Kulisse wirken, ist das Mausoleum in Herat trotz aller Schäden und behutsamen Restaurierungen in weiten Teilen authentisch erhalten geblieben. Gerade diese Patina und die sichtbaren Spuren der Jahrhunderte verleihen ihm eine besondere Ausstrahlung. Wer also die timuridische Architektur in ihrer ursprünglichen Form erleben möchte, findet in Herat eines ihrer eindrucksvollsten Zeugnisse. Ihr wisst ja: Disneyland ist nicht so unser Ding…

Umso mehr mögen wir die vielen weiteren Mausoleen in der Stadt, die allesamt „authentisch ehrlich“ wirken: wunderschöne Gebäude, innen teils intensiv bemalt, außen teils schlicht oder opulent mit türkisfarbenen Kacheln geschmückt und mit einer Atmosphäre aus verträumter Vergangenheit und gelebter Geschichte, denn die Mausoleen in der Stadt sind keine sterilen Museen, sondern Rückzugsorte für Gläubige und Ruhepole in einer sonst lauten, hektischen Stadt.

Betritt man das Areal eines solchen Mausoleums, betritt man eine andere Welt aus gepflegten Gärten mit blühenden Blumen oder Friedhöfen mit unzähligen Gräbern. Je nach Region des Landes (in Mazar und Kabul haben wir das nicht gesehen), sind jedoch die Gedenktafeln auf Gräbern, auf denen Gesichter der Verstorbenen zu sehen sind, mit schwarzer Farbe übersprüht oder mit Aufklebern überklebt. Dahinter steckt die Idee der Taliban, dass die Scharia die Darstellung von Lebewesen verbiete und Menschen dazugehören. Das wird nicht staatlich durchgesetzt, aber einige dieser Bartträger fühlen sich persönlich dazu verpflichtet, Gräber zu schänden oder z.B. das Werbeplakat eines Zahnarztes, auf dem ein Patient mit offenem Mund zu sehen ist, so zu besprühen, dass der Patient nur noch aus Mund besteht und kein Gesicht mehr hat.

Wir liefen über den Basar und unterhielten uns darüber, welches Bild von Afghanistan im Ausland durch die Medien gezeichnet wird. Beispiel „Burkazwang“, denn genau deswegen war Herat vor drei Wochen in der deutschsprachigen Presse. Angeblich seien in Herat Frauen unzüchtig gekleidet aufgegriffen und ausgepeitscht worden, da in Afghanistan Burkazwang herrsche und sich diese Frauen nicht daran gehalten hätten. Jaja. In Wirklichkeit war es die alte Hetzjagt „Paschtunen gegen Hazara“ und da Taliban zu 95% Paschtunen sind und Paschtunen schonmal einen Genozid an den Hazara veranstaltet haben, das aber kaum ein Journalist weiß, wird das im Ausland oft missverstanden und als „Taliban gegen Frauen“ propagiert. Wirklich passiert ist, dass Hazara Frauen wegen „Unzüchtigkeit“ festgenommen wurden, daraus im Stadtteil der Hazara Proteste entstanden, bei denen von der paschtunischen Polizei drei Hazara getötet wurden. Später töteten die Hazara drei Taliban und seitdem herrscht „Waffenruhe“. Mit „Burkapflicht“ hatte das nie etwas zu tun. Die gibt es nämlich nicht.

Auch die weltweite Lesart, Frauen in Afghanistan dürften das Haus nicht verlassen und seien vom sozialen Leben ausgesperrt, ist erfunden. Ab ca. 18 Uhr ist wahrscheinlich keine einzige Frau Herats zuhause, denn plötzlich waren die Straßen der Altstadt geradezu verstopft von bummelnden, lachenden, shoppenden und flanierenden Frauen, dass sich Jan als Exot fühlte. Scheinbar trifft frau sich nach Feierabend in der Altstadt. Und Burka tragen übrigens nur sunnitische Frauen. Und davon auch nur die, deren Männer das möchten oder die es selbst so entscheiden. Schiitische Frauen oder sunnitische Frauen anderer Ethnien als der Paschtunen tragen in der Regel keine Burka. Die Burka ist außerdem keine Erfindung der Taliban, denn sie existierte schon vor rund 200 Jahren im Süden Afghanistans. Lasst Euch also bitte keine Märchen erzählen. Frauen in Afghanistan müssen keine Burka tragen. Punkt.

Das Schöne an Herat ist: man stolpert irgendwie an jeder Ecke an einem schönen Gebäude vorbei. Man muss nur den Blick dafür haben. Fast wären wir im Sog der shoppenden Frauen Herats an einer wunderschönen Moschee vorbeigelaufen, doch Shirzad wusste natürlich, wo der Eingang zur Kherqa Mubarak Moschee ist.

Sie ist nicht groß, aber trotzdem wunderschön. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an den persischen Dichter Rumi aus Balkh, dessen Geburtshaus wir am 2. Tag in Afghanistan besucht haben. Er gründete die Sufi-Mystik und diese kleine Moschee gehört zum Sufismus. Allerdings wurde sie erst 130 Jahre nach Rumis Tod gebaut und erfreut seit über 550 Jahren Gläubige und Besucher wie uns mit ihren blumigen Kachelmustern und dem Spiegelmosaik über dem Portal.

Das Abendessen wurde etwas schwierig. Wir dachten, weil wir ja mit unserem Guide einen Muttersprachler dabeihatten, wäre es einfach, etwas zu essen zu finden, was nicht entweder Kebab oder Kabuli Palau ist. Nun ja. Er und der Tuktuk Fahrer fuhren diverse Restaurants an, aber nirgendwo gab es etwas anderes. Es lag also nicht an mangelnden Sprachkenntnissen unsererseits, dass wir jeden Tag dasselbe aßen, sondern daran, dass es nichts anderes gibt. Also stopften wir wieder einen Berg Fleisch und einen Berg trockenen Reis in uns hinein…

Am nächsten Morgen hatte Shirzad uns Kaymak zum Frühstück organisiert. Das, was man zuhause frühstückt und was wir im Iran lieben gelernt haben: frischer Rahm auf frischem Brot. Ganz einfach und lecker. Hier gab es noch persische Karottenmarmelade dazu und wir waren froh, mal wieder etwas wirklich Leckeres gegessen zu haben. Die leckeren Gerichte, die wir früher in Düsseldorf in einem afghanischen Restaurant geschlemmt haben, sind nämlich leider Hausmannkost, die man in Afghanistan nur von Muttern bekommt, aber niemals im Restaurant…

Gut gestärkt fuhren wir zur großen Moschee von Herat. Jeder Afghane, egal ob männlich oder weiblich, kann einfach rein und raus, wie er oder sie möchte. Ausländer müssen das Permit vorzeigen. Und weil in der Regel der Aufpasser nicht lesen und schreiben kann, dauert sowas immer ewig. Entweder macht derjenige dann ein Foto vom Permit und schickt es einem Lesekundigen, der dann angerufen wird, oder man muss in ein Büro oder Nebenraum, wo jemand lesen kann. So auch hier. Weil wir aber als Einheimische gekleidet sind, fliegen wir, solange wir alleine unterwegs sind, meist „unter dem Radar“, aber unser Guide hielt sich natürlich penibel an die Regeln.

Die Moschee ist nicht nur richtig groß, sondern auch richtig schön. Sie wurde leider beim letzten großen Erdbeben 2023 an einigen Ecken zerstört und gerade renoviert. Die Bauarbeiter ließen uns aber durch die Absperrungen, sodass wir auch in den derzeit nicht öffentlichen Bereich kamen.

Aber auch das, was öffentlich zugänglich ist, ist toll und lebendig: Kinder verloren die Aufmerksamkeit für ihren Lehrer der Koranstunde, als wir auftauchten, Einheimische machten genauso Fotos wie wir, Männer dösten im Schatten und in der Kühle der Gewölbe, kleine Grüppchen saßen leise plaudernd zusammen und Menschen lasen oder saßen entspannt in einer ruhigen Ecke. Wie Mausoleen sind auch Moscheen Oasen in der Hektik der zweitgrößten Stadt Afghanistans.

“Restauration” mit “Baumarkt-Kacheln” in Buchara, Usbekistan
Bestimmt erinnert Ihr Euch an die Kritik von uns und der UNESCO zur Restaurierung der historischen Gebäude der Seidenstraße in Usbekistan. Dort wurde „schnell und billig“ ein „Seidenstraßen – Disneyland“ geschaffen, indem die Gebäude mit modernen Materialien wie Beton neu aufgebaut wurden, in Samarkand sogar ein Turm, den es historisch niemals gab, hinzugefügt und mit Akrylfarben und „Badezimmerkacheln“ in knallbunten Farben „restauriert“. In unseren Augen furchtbar, aber die Touristenmassen sehen das anders.

In anderen Ländern der Seidenstraße wird, wie auch von der UNESCO eigentlich gefordert, mit Materialien und alten Techniken restauriert. Fällt also bei einem Erdbeben eine Kachel ab, wird diese nicht aus dem Baumarkt ersetzt, sondern in alter Handwerkstradition gefertigt. Und wie, das haben wir in einer kleinen Werkstatt direkt neben der Moschee erleben dürfen, denn dort werden die Kacheln und Mosaike in mühevoller Handarbeit hergestellt, die beim Erdbeben zerbrochen sind.

Zunächst wird der Ton für die Kacheln per Hand geknetet und in Holzmodel gepresst. Nach dem Trocknen werden die Rohlinge in einem mit Holz befeuerten Ofen bei 960 Grad gebrannt. Danach wird eine Seite der Kacheln in eine Lösung aus natürlichen Metalloxiden getaucht und wieder gebrannt. So entstehen Kacheln, die in blau, grün, gelb, weiß oder anderen Farben lasiert sind.

Möchte man ein hübsches Blumenmuster aus Kacheln restaurieren, wird nicht wie im Nachbarland einfach das Muster auf die Kachel gebrannt, sondern das Blumenmuster aus Einzelteilen als Mosaik zusammengesetzt. Die Einzelteile wie Blüten, Blätter, Ranken etc. werden auf weiße Kacheln einzeln aufgezeichnet und farbig gebrannt.

Dann werden die Einzelteile sorgfältig mit Nägeln aus der Kachel herausgehämmert und an den Rändern glattgeschliffen. Eine mühselige und langwierige Arbeit, denn je nach Motiv werden einzelne Blütenblätter ausgeschnitten und einzeln bearbeitet, bevor dann jedes kleine einzelne Teil in einem Holzrahmen spiegelverkehrt auf einer Schablone zum Gesamtbild zusammengesetzt wird.

Um ein Mosaik auf einer runden Oberfläche von einem Minarett zu bilden, muss auch die Form halbrund sein, was den Schwierigkeitsgrad erhöht, um aus den vielen, kleinen Einzelteilen „verkehrt herum“ ein Gesamtkunstwerk zu puzzeln, welches dann mit „Fugenmasse“ ausgekleidet und ein letztes Mal gebrannt wird. Jeder Arbeitsschritt Handarbeit, aber das Ergebnis ist um ein Vielfaches toller als mit Akrylfarben auf Baumarktkacheln aufgemalte Muster… Für uns definitiv ein Highlight von Herat – wenn auch keine klassische Sehenswürdigkeit.

Etwas außerhalb der Stadt befindet sich die Malan Brücke, die uns ein klitzekleines bisschen an Isfahan erinnert hat. Weil der Fluss derzeit kein Wasser führt, konnten wir unter der Brücke im Zickzack um die Bögen auf die andere Seite des Flusses laufen. Der Legende nach sollen zwei Schwestern die Idee zum Bau der Brücke gehabt haben. Weil sie aber nicht genug Baumaterial hatten und die Brücke immer wieder einstürzte, vermahlen sie die Eierschalen ihrer Hühner zu Mörtel und seitdem steht die Brücke bombenfest.

Zurück in die Stadt hielten wir an einem weiteren Schrein, in dem sich die Einheimischen sehr über unseren Besuch freuten, was für uns eigentlich der schönere Teil der Besichtigung war, weil selbst Shirzad, unser Guide, die Legende zum Schrein mit so viel Augenzwinkern erzählte, dass der Schrein an sich fast nebensächlich wurde. Wir bekamen Kekse gereicht und von einem alten Mann noch diese und jene Ecke des Gebäudes gezeigt, die er zeigenswert fand. Zum Beispiel den „Fußabdruck Imam Alis“. In Basalt, was Frau Dipl. Geo. dann auch zum Lächeln brachte und den Schrein zu einem Märchenhaus werden ließ…

Unser Mittagessen war wie am Vortag eher ein „um eine riesige Portion eiskalten Nachtisch Herumliegen“, bevor wir weiterzogen. Außerhalb der Stadt liegt der Khwaja Abd Allah Schrein eines Sufi Mystikers. Der Schrein hat einen ganz besonderen Zauber, der sich für uns fast wie eine Zeitreise anfühlte, denn nichts daran ist restauriert und im Innenhof herrscht ein Chaos aus Gräbern.

Um den Schrein ranken sich auch Geschichten, aber es ist nicht ganz klar, was wirklich wahr ist. Was ganz sicher dort passiert ist, ist ein Selbstmordattentat 2022, bei dem 18 Menschen starben. Das Attentat galt einem radikalen Geistlichen, der bei seinen Reden für die Taliban warb. Man vermutet, dass der IS hinter dem Anschlag steckt, aber sicher ist das genauso wenig wie andere Geschichten, die sich um den Schrein ranken.

Zum Abschluss des Tages quälte sich das Tuktuk auf den Aussichtsberg der Stadt, wo wir auf der Terrasse eines geschlossenen Hotels saßen und auf die Stadt hinunterschauen. Das Hotel befindet sich in einem Freizeitpark mit Freibad, der seit 2021 für Frauen nicht mehr zugänglich ist. Auch ich durfte nur durch einen einzigen Eingang hinein und auch nur auf den Berg und nicht z.B. Riesenrad fahren. An Imbissständen dürfen Frauen aber im Park arbeiten. Logisch ist das alles natürlich nicht.

Als wir uns vor unserem Hotel von Shirzad und dem Tuktuk Fahrer verabschiedeten und doch nochmal nach einem Restaurant fragten, in dem es, vielleicht, vielleicht, doch etwas anderes zu essen gibt, entschied Shirzad spontan „kommt mit zu mir nach Hause, meine Mutter kocht was!“. Und schon tuckerten wir los in die Vorstadt Herats in das Viertel der Stadt, in der vor drei Wochen die großen Proteste waren und in dem nur Hazara leben.

Shirzads Schwester ist Miniaturmalerin und hat in ihrem Schreibwarenladen Malkurse gegeben. Seit drei Wochen darf sie das nicht mehr und ihr Mann führt den Laden jetzt und verkauft ihre Kunstwerke. Bei der Familie zuhause gab es – natürlich – erstmal Tee. Bevor die Schwestern, Mutter und ich auf dem Küchenfußboden mit der Zubereitung des Abendessens begannen. Die Mutter machte Nudeln und schnitt sie in besorgniserregender Geschwindigkeit mit einem scharfen Messer, die Töchter stampften Knoblauch mit Salz und mischten das mit Dough (einer Art Ayran). Die gekochten Nudeln wurden dann mit der Joghurtsauce gemischt und mit gebräunter Butter serviert. Fertig war eines der besten Gerichte Afghanistans!

Die Familie wollte uns überreden, bei ihnen zu übernachten, aber das ist in Afghanistan nicht erlaubt. In Anbetracht der Tatsache, dass im ganzen Viertel Taliban in Dreiergruppen stationiert waren und wir die Hazara Familie nicht in Schwierigkeiten bringen wollten, haben wir uns nach dem Abendessen von der ganzen Großfamilie verabschiedet. Persische Gastfreundschaft par excellence, aber derzeit nicht ohne Risiko für alle. Und schließlich sind wir nicht nur Gast bei der Familie, sondern auch im Land und respektieren die Gesetze.

Herat hat uns durch und durch gefallen und sehr an den Iran erinnert. Die inter-ethnischen Spannungen der vergangenen Wochen waren leider spürbar und wir hoffen, dass sich das in den kommenden Wochen und Monaten wieder etwas entspannt. Wir hatten ursprünglich vor, direkt von Mazar i Sharif nach Herat zu fahren, hatten das aber verschoben, um die Proteste abklingen zu lassen, bis wir uns die Stadt anschauen. Und das war genau richtig. Gar nicht nach Herat zu fahren wäre ein großer Verlust gewesen, denn wir verstehen nun, warum man die Stadt auch „Perle Persiens“ nennt…
Und wenn wir schon beim Thema “Seidenstraße – Disneyland” und “Baumarkt-Kacheln” sind… unser neuestes Video ist online. Und es zeigt genau das: Akrylfarben, Disneyland und Badezimmerkacheln in Usbekistan. Vergleicht selbst:











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