Die südliche Seidenstraße

Als wir das erste Mal auf der Seidenstraße unterwegs waren, haben wir die „touristisch klassische“ Route gewählt: Istanbul – Eskisehir – Bursa – Tabriz – Teheran – Maschad – Khiva – Bukhara – Samarkand – Taschkent – Fergana – Bischkek – Xi’An. Doch weil es ja nicht „die eine“ Route gibt, sondern mehrere, parallel verlaufende Routen, sind wir diesmal auf einem südlicheren Zweig unterwegs, angefangen wieder in Bursa, dann Ankara, weiter über Sivas und dann in Turkmenistan Merv und nun, nach einem Abstecher auf die „Hauptroute“, in Termez. Und dann…

Samarkand im Febuar 2020

Nach Khiva und Bukhara fuhren wir nach Samarkand, DEM touristischen Hotspot der Seidenstraße. Wir waren vor sechs Jahren schon dort und haben damals in einem Café unser zweijähriges Nomadenleben gefeiert, während Jan mit Typhus kämpfte. Damals war wenig los, weil Ende Februar 2020 und Usbekistan sowieso noch nicht so die Massentourismus Destination war wie heute. Wir waren damals nicht alleine in all den Sehenswürdigkeiten, aber voll war es nicht.

Beim zweiten Mal hat man immer die Möglichkeit, Dinge besser zu machen. So wussten wir, welche Unterkunft wir besser nicht buchen, weil die Matratzen dort in Plastikfolie eingepackt im Bett waren und das Bad schimmelte. Wir buchten buchstäblich drei Häuser nebenan, ebenfalls mitten in der Altstadt, ein Homestay, das sich zum Highlight entpuppte. Unser Zimmer war mit einem wunderschönen, handgestickten Wandbehang dekoriert und das tägliche Frühstück im Innenhof voll leckerer Köstlichkeiten frisch aus dem Backofen unserer Gastgeberin.

Diese grell türkisfarbene Kuppel gab es nie.

Weil wir bei unserem ersten Besuch schon alle Sehenswürdigkeiten mit viel Zeit besichtigt hatten, beschränkten wir unseren Aufenthalt diesmal nur auf Bummeln und Kaffeetrinkern. Und schauen, wie es jetzt, mitten im Tourismus – Boom, so ist in Samarkand, der am heftigsten kritisierten Stadt der Seidenstraße, denn die prägnanteste Medresse am Registan wurde nachträglich mit einer riesigen türkisfarbenen Kuppel ausgestattet, die es historisch nie gegeben hat. Sah wohl besser aus auf Fotos, weswegen die „Restauratoren“, die auch wegen der Verwendung von Acrylfarben in der Kritik stehen, kurzerhand eine Kuppel bauten. Disneyland halt, sonst nichts. Braucht ja auch keiner zu wissen außer der UNESCO, die Touristen wollen bunte Fotos und die bekommen sie.

Außerdem, insbesondere von Menschenrechtsorganisationen, kritisiert: um die heutige „Touristenmeile“ zu verwirklichen, wurde eine Schneise durch ein Stadtviertel geschlagen und die noch bleibenden ärmlichen Häuser der Einheimischen hinter hohen Mauern versteckt. Als Tourist flaniert man nun auf dieser mit Souvenirshops und Restaurants „gepflasterten“ Fußgängerzone und realisiert nicht, dass hinter der geschickt hinter Hecken und Bäumen versteckten Mauer das ist, was niemand sehen soll: dass die Bevölkerung von ihrem eigenen kulturellen Erbe ausgesperrt wird. Braucht auch keiner wissen und wir sehen „immer nur das Negative“, gell? Wurde uns zumindest vor sechs Jahren vorgeworfen, als wir das mit der Mauer schonmal thematisierten.

Selbst wer als Einheimischer (im Übrigen waren das hauptsächlich „Zigeuner“ Lyuli / Mughat, die dort hinter Mauern versteckt wurden!) in einem großen Umweg um die Mauern herumläuft und in den Touristenrummel gelangt, hat keinen Zugang zum berühmten Registan Platz und all den anderen historischen Gebäuden: Drehkreuze und hohe Eintrittspreise verhindern, dass diejenigen, die jahrhundertelag in direkter Nachbarschaf gelebt haben, nun an „Glanz und Gloria“ teilnehmen können. Woran jeder kostenfrei teilnehmen kann, ist der Rummel, der sich mit Einbruch der Dunkelheit rund um die touristischen Orte entwickelt: Elektrofahrzeuge brausen die Fußgängerzone von Bauwerk zu Bauwerk entlang, „Zigeuner“ verkaufen Plastikspielzeug, Maiskolben, Liebesäpfel und Popcorn, Kinder fahren Fahrrad oder Bimmelbahn und die berühmte Tradition der Seiltänzer von Samarkand zeigt Kunststücke.

Auch jeden Abend: eine Sound & Light Show auf dem Registan Platz. Einst riesiger Marktplatz zwischen Medressen, heute nur mit Eintrittskarte zu betreten, um die Bauwerke zu erleben. Beziehungsweise: die „Shopping Malls“, wie wir sie nennen. Denn in den historischen Gebäuden befinden sich heutzutage Souvenirgeschäfte. Wenn eine Reisegruppe zahlt, wird eine wirklich sehenswerte Lasershow auf die Gebäude projiziert, die die Geschichte Usbekistans lebendig erzählt. Zahlt niemand, gibt es eine einfache Sound & Light Show, die den Registan zur Disko macht: laute Musik und bunte Diskobeleuchtung.

Das mit der Disko auf dem Registan muss nicht wirklich sein, aber wir müssen zugeben, für ein paar Abende (wir waren drei Nächte in Samarkand) ist die Stimmung nett: stundenlang, bis der Popo weh tut, auf den Steinstufen hinter der Absperrung sitzen und dem Treiben auf dem Platz zuschauen und den Sommer spüren hat was! Außerdem bedeutet Massentourismus natürlich auch: speciality coffee und vegetarisches Essen. Und das genießen wir weltweit sehr, wenn es das mal gibt!

Vor der nächsten Etappe wollten wir nochmal sicher gehen, dass Hans topfit ist, die seit Turkmenistan verstellte Spur neu einstellen und die Klimaanlage vor dem heißen Sommer warten lassen. Weil wir für Öl- und Kühlwasserwechsel bei Kia in Nukus so gute Erfahrungen gemacht hatten, sind wir auch in Samarkand zu Kia gegangen und wurden nicht enttäuscht: wie überall in diesem Teil der Welt sitzt man als Kunde direkt bei seinem Fahrzeug, während daran gearbeitet wird und wird mit Getränken versorgt. Der Werkstattleiter hat in Mosambik gearbeitet und sprach fließend Portugiesisch, sodass die Kommunikation easy war. Wie schon im letzten Blogpost erwähnt, sind Russischkenntnisse in Usbekistan unter jüngeren Leuten nicht mehr üblich und Englisch leider auch selten.

Drei Tage Samarkand mit all dem Rummel waren wirklich genug und wir bogen ab gen Süden, um wieder zurück auf eine südliche Route der Seidenstraße zu kommen: Termez. Der Reiseführer schreibt in etwa „wer die Sehenswürdigkeiten der Seidenstraße ganz alleine erleben möchte, ist in Termez richtig“.

Jan in seinem neuen Look

Und außerdem befindet sich in Termez ein Konsulat, in dem wir das Visum für unser nächstes, unser 121. Land beantragt haben: Afghanistan. Einen ganzen Tag lang fuhren wir zwischen Copyshop, Nationalbank und Konsulat hin und her, dann hatten wir unser Visum und Hans seinen „Road Pass“ in der Tasche. Und jetzt wisst Ihr auch, warum Jan seit Monaten einen Bart züchtet. Der kommt sofort wieder ab, wenn wir in Tajikistan ankommen!

Man muss 2x schauen, aber er ist es wirklich!

Auf dem Konsulat trafen wir ausschließlich türkische und usbekische LKW – Fahrer. Während Europa moralisch den Zeigefinger gegen die aktuelle Regierung Afghanistans hebt, machen andere Staaten das Geschäft. Unser Hotel in Termez liegt am „Hafen“ und wir staunen, wie viele Container dort umgeschlagen werden. Während die Wirtschaft in Moralapostel – Ländern den Bach hinunter geht, machen andere Gewinn. Siehe auch die Sanktionen gegen Russland, wie in diesem Blogpost beschrieben: Armenien hat sich verändert

Wir sind sehr gespannt, was uns auf der anderen Seite des Amurdaya Flusses erwartet und was von all dem, was man in den „Westmedien“ über Afghanistan so liest, auch wirklich stimmt. Da wir selbst ja ganz aktuell einigen Zeitungs – Enten (oder muss man das Propaganda nennen?) zu Turkmenistan aufgesessen sind, werden auch wir sicherlich einige „Augenöffner“ erleben, obwohl wir von anderen Reisenden schon ganz andere Eindrücke gehört haben, als man uns in den Medien glauben machen will. Man muss bei der Beurteilung von deutschen Berichten über Afghanistan immer im Hinterkopf behalten, dass dort die meisten deutschen Soldaten seit Bestehen der Bundeswehr ums Leben gekommen sind und geschätzte 47 Milliarden Euro dafür ausgegeben wurden. Das muss man natürlich rechtfertigen. Bis heute. Wir freuen uns sehr darauf, mit eigenen Augen zu sehen, wie es wirklich ist! Fakt ist: seitdem die von Deutschland nicht anerkannte Regierung an der Macht ist, kann man als Tourist dort wieder reisen und als Einheimischer ohne Angst vor täglichem Terror leben. Letzteres ist das Wichtigste, denn das ist der Alltag von Millionen Menschen.

Doch Termez hat noch viel mehr als das afghanische Konsulat, schließlich war Termez auch eine Handelsstadt entlang der alten Seidenstraße, auf der wir uns nun Richtung Süden bewegen. Das Besondere an Termez: hier wurden nicht nur Waren ausgetauscht, sondern auch Religion! Termez wurde durch die Handelsbeziehungen über Afghanistan nach Indien eines der größten buddhistischen Zentren Zentralasiens, bevor der Buddhismus später vom Islam überrannt wurde. Im archäologischen Museum von Termez sieht man Fundstücke aus der Zeit: diverse Buddhastatuen, Wandgemälde, Gipsfiguren von Elefanten und Lotusblüten und buddhistische Accessoires aus Indien und Afghanistan.

In den Ausgrabungsstätten rund um die Stadt kann man in dem damals größten buddhistischen Klosterkomplex Zentralasiens herum streunern, der noch nicht vollständig „ausgebuddelt“ ist. Man kraxelt in der Anlage auf Trampelpfaden herum und stößt hier und da mit der Schuhspitze mal an eine hübsche Basis einer Säule, Fragmente einer Mauer oder anderen Strukturen, die noch nicht von Archäologen gesichert wurden. Das klingt jetzt schlimmer, als es ist, denn die gesamte Anlage ist großräumig abgesperrt und befindet sich am mit Stacheldraht mehrfach gesicherten Grenzstreifen zu Afghanistan. Man kann nur mit Eintrittskarte auf das Gelände und es ist nicht so, dass dort „Hinz und Kunz“ Archäologe spielen kann. Weder Hinz noch Kunz kommen nach Termez. Wir waren den ganzen Tag völlig alleine in allen Sehenswürdigkeiten.

Eine andere Ausgrabungsstätte ist die eines buddhistischen Tempels neben einer Stupa, die gar nicht nach Stupa aussieht, sondern eher nach „Star Wars“. Krabbelt man in das Innere der Stupa (wozu uns die Ticketverkäuferin ausdrücklich ermutigt hat), sieht man: die Stupa wird bis heute aktiv von Buddhisten aus aller Welt genutzt, die dort Räucherstäbchen, Kerzen, Heiligenbildchen und mehr hinterlassen. Der Buddhismus verschwand aus der Region mit der Einführung des Islam, der bis heute die vorherrschende Religion ist.

Das „alte Termez“ liegt heutzutage leider mitten im Grenzstreifen zu Afghanistan. Man steht vor einem Grenzzaun, sieht die historischen Mauern und kann nur von einem großen Schild lesen und erahnen, wie es dort wohl aussieht. Am damaligen Stadtrand kann man unterirdische Gebets- und Meditationsräume buddhistischer Mönche besichtigen, die uns ein wenig an Kappadokien erinnert haben, allerdings führen hier in Usbekistan die Treppen nicht in Felsen hinein, sondern nach unten in den Boden, weil es keine Felsen gibt.

Schatten gibt es auch keinen und das dazugehörige Museum war bis auf einen von Tauben bevölkerten Raum mit einer Schautafel leer und so kühlten wir uns in der Stadt in einem Café ab, bevor wir uns einen wunderschönen Mausoleums Komplex außerhalb der Stadt anschauten. Wer in Samarkand war, kennt die Bauweise der großen Mausoleen, die in einer Art „Straße“ aneinander aufgereiht sind und wie eine „Stadt in der Stadt“ wirken.

Im großen Unterschied zu Samarkand ist in Termez nur die Fassade der Moschee an der Stirnseite mit blauen Kacheln verziert, die Mausoleen selbst sind kunstvoll mit Ziegelsteinen gemauert und haben nur ganz wenige türkisfarbene Elemente. Wir waren die einzigen Besucher und konnten ganz in Ruhe alles anschauen und entdecken. Vor der Moschee saßen drei Männer, die uns ansprachen und es stellte sich heraus: der jüngste der Drei konnte etwas Deutsch und machte uns den Guide.

Er ließ uns in die Moschee, erklärte uns den „historischen Lautsprecher“ und schloss uns dann ein Mausoleum auf mit den Worten „Ich mache die Tür zu und öffne eine andere“. Er zeigte auf eine enge, steile Wendeltreppe und wir kletterten los. Der schmale Weg führte uns quasi durch die Wände des Mausoleums, sodass wir plötzlich mitten in der Fassade wieder herauskamen. Unser neuer Freund wartete bereits winkend und fotografierend unten und erwartete uns nach einer weiteren Kletterpartie durch die „Innereien“ des Mausoleums an einer anderen Tür. Sehr, sehr cool!

Zum Abschluss haben wir noch das „Märchenschloss“ „Kir Kiz“ der 40 wilden Kriegerinnen erkundet. Der Sage nach soll eine Prinzessin mit 40 Kriegerinnen, die besonders gut mit Pfeil und Bogen schießen konnten, in der Burg gelebt haben. Als ein gewaltiges Heer vor der Festung erschien, verteidigten die 40 Mädchen ihre Prinzessin Tag und Nacht und leisteten tagelang erfolgreich Widerstand, obwohl sie zahlenmäßig völlig unterlegen waren.

Viele Kämpfe später blieb nur noch die Prinzessin übrig und sie trat den Angreifern mutig und mit Entschlossenheit gegenüber. Da erkannten die Angreifer, dass ein Sieg über solche Menschen kein Ruhm ist und zogen sich zurück. Angeblich bewahren die Mauern bis heute den Geist der vierzig mutigen Mädchen, der eine Erinnerung daran sein soll, dass Mut nicht von Größe abhängt. Je nach Version der Geschichte waren die 40 Kriegerinnen auch noch Jungfrauen oder die Prinzessin wurde getötet, obwohl sie sich ergab.

Auf dem Schild der Festung steht die historisch korrektere Variante der Burg, die der Sache mit den Jungfrauen näherkommt: in den Gemäuern sollen die 40 klügsten Schülerinnen wissenschaftlich gebildet worden sein, vielleicht aber auch religiös, denn nichts genaues weiß man nicht. Fakt ist, der Name der Burg „Qirqqiz“ bedeutet tatsächlich „40 Mädchen“. Als wir dort waren, haben wir kein einziges Mädchen getroffen, wir waren, mal wieder, komplett alleine.

Im neuesten Video könnt Ihr sehen, wie wir nach Turkmenistan eingereist sind und die ersten Städte und Stätten eines so missverstandenen Landes kennengelernt haben:

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