
Unsere Zeit in Turkmenistan war komprimiert: ein ganzes, großes Land in nur acht Tagen! Aber ein ganzes Land in nur einen Blogpost, eine einzige sonst übliche „Sonntagslektüre“ zu pressen, würde dem Land nicht gerecht werden – und Euch zu viel Zeit stehlen. Deswegen nun Teil zwei der Reise durch Turkmenistan – und auf diese Bilder habt Ihr sicher gewartet: Ashgabat, die weiße Stadt!
Doch es gibt noch eine viel weißere, viel neuere Stadt in Turkmenistan, die es noch nicht so ganz in die Medien geschafft hat. Außer als „Geisterstadt“, die sie nicht ist. Aber wir reisen ja, um die Wahrheit herauszufinden, so wie z.B. der im letzten Blogpost besuchte Badeort Awaza auch keine Geisterstadt ist. Wir verabredeten uns an einer Tankstelle mit Murad, mit dem ich im Vorfeld schon viele Nachrichten geschrieben hatte und er nahm uns in seinem Auto mit zu einer Stadtrundfahrt durch die „teuerste Geisterstadt der Welt“.

Arkadag war ein Vorort der Hauptstadt Ashgabat, der in nur vier Jahren Bauzeit (kein Tippfehler: vier!) zur „smart city“ wurde und heute Wohnraum für über 70.000 Einwohner hat. Die „Stadt, die niemand braucht“ ist, glaubt man ausländischen Medien, nicht nur unnütz, sondern auch leer. Wir waren gespannt: ist das auch so eine „Zeitungsente“ wie üblich? Wird mit solchen Headlines und Artikeln vielleicht davon abgelenkt, dass deutsche Städte es nicht mal schaffen, ihre bestehende Infrastruktur zu erhalten, geschweige denn, neuen Wohnraum zu schaffen? Wir fuhren als erstes an einer Baustelle vorbei: der Apartmentblock „Jan“ wird noch fertiggestellt – hinter weißen Bauzäunen. Das hat den Effekt, dass es ordentlich aussieht (man stelle sich vor seinem geistigen Auge mit Plakaten und Graffiti „verzierte“, hölzerne Bauzäune in Europa zum Vergleich vor), aber auch, dass der flüchtige Beobachter weder Menschen noch Bautätigkeiten sieht, sondern Sterilität. Der Baukran hat sich bewegt, daher sind wir sicher: hinter dem Bauzaun wurde gearbeitet!

In nur vier Jahren wurden über 300 Gebäude fertiggestellt: Verwaltungsgebäude, Apartmentblocks, Schulen, Sportstätten, Parkhäuser etc. Parkhäuser! Man stelle sich vor: die Städteplaner haben daran gedacht, dass die Einwohner der Stadt ja alle Autos haben, die irgendwo hin müssen und nicht dumm kreuz und quer bei der allabendlichen Parkplatzsuche im Viertel abgestellt werden sollen. Mit diesen Autos müssen viele Bewohner derzeit noch in die Hauptstadt zur Arbeit fahren, aber es wird gerade in Arkadag ein Industriegebiet gebaut, in der Pharmaindustrie angesiedelt werden soll.

Die Bewohner – die es wirklich gibt! – fahren innerstädtisch mit elektrischem ÖPNV. Die „smart city“ versteht sich auch als „grüne“ Stadt. Da sie in der Wüste liegt, wird der hauptsächliche Energiebedarf durch Solarenergie gedeckt, Regenwasser aufgefangen – und die Apartments allesamt digital vernetzt und per Smartphone steuerbar energieeffizient betrieben. Wir sahen zwar Topfpflanzen auf Fensterbänken, Wäsche auf Balkonen und Menschen in Bussen oder Autos, aber wo kaufen die ein? Wir sahen keine Geschäfte. Wohin kommt der Müll? Murad zeigte auf die Eingänge einiger Gebäude: wie in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion befinden sich Läden und Restaurants oft im Untergeschoss der Häuser. Weiß man das nicht, kommt man vorschnell zum Schluss „da kann keiner wohnen, weil man kann da weder einkaufen noch essen“. Selbst wir, die wir es hätten wissen müssen, hatten das übersehen! Und der Müll? Warum sollten Müllcontainer hässlich auf der Straße herumstehen, wenn man sie auch hinter den Häusern in den (grünen!) Innenhöfen aufstellen kann, wo sie genauso nützlich sind, aber die Optik nicht verschandeln? Klar, ist etwas umständlicher für das Müllauto, aber sieht sauberer aus und darum geht es.

Ach so: „digital vernetzte smart homes“. Auch wir waren bis zur Einreise nach Turkmenistan felsenfest davon überzeugt, dass die Medien recht haben, wenn sie schreiben, Turkmenistan sei ein „abgeschottetes Land“, weil es dort kaum Internet gäbe und die Einwohner von Informationen aus dem Internet ausgeschlossen würden. Wie konnten wir nach über acht Jahren Reise noch so naiv sein und den Mist aus den Medien selbst glauben und vorher Freunden und Familie melden, wir seien nicht zu erreichen? Shelby, unsere Reiseleitung, händigte uns noch vor dem Einstempeln der Pässe unsere Simkarten aus. Mit Datenvolumen. Das einzige, was man braucht, um manche Seiten aufzurufen, ist ein VPN. Und den hatten wir. Den hat in Turkmenistan jeder, obwohl das illegal ist. Und sogar manches Café-, Restaurant- oder Hotel – WiFi (auch das staatlicher ! Hotels) ist mit “eingebautem VPN” ausgestattet, sodass man selbst oft gar keinen braucht. Aber wir haben immer einen VPN bereit, so wie auch im Iran, China und anderen Ländern, die meinen, gewisse Inhalte im Internet sperren zu wollen. Auch Euer Land macht das! Merkt Ihr nur nicht und wird auch gerne totgeschwiegen. In Deutschland waren lange Jahre gewisse Videos auf YouTube nicht sichtbar oder tonlos, weil die liebe GEMA Lizenzstreitigkeiten hatte. Manche Glücksspielseiten, alles was nach deutschem Strafrecht verboten ist und auch russische Medien sind derzeit von der EU ausgesperrt, damit Ihr nur die Nachrichten lest, die “passen” Dann entsteht z.B. so eine “kollektive Fehlinformation” wie über Turkmenistan, aber man merkt es nicht, weil man ja nicht weiß, dass auch das deutsche Internet zensiert ist… Und wusstet Ihr, dass man mit ausländischer IP-Adresse viele deutsche Fernsehsendungen des öffentlich – rechtlichem Fernsehens nicht sehen kann? Nur ein paar Beispiele vor der eigenen Haustür, die gerne unter den Tisch gekehrt werden, wenn man sich über Länder wie Turkmenistan aufregen oder lustig machen möchte. Auch für Euch macht ein VPN Sinn. Wir nutzen diesen hier: VPN Express

Also: Arkadag ist keine Geisterstadt, sondern eine moderne, von Stadtplanern nach Lehrbuch angelegte Planstadt in Weiß. Ich als Geograph habe die Pflichtveranstaltungen „Stadtplanung“ zwar nicht wirklich gemocht, aber gelernt ist gelernt und wenn man als Stadtplaner freie Hand bekommt, kann man umsetzen, was optimal ist. Ich sah Frischluftleitbahnen, Verkehrsachsen, Kaltluftentstehungsflächen, grüne Infrastruktur und alles andere, was ich damals mit wenig Begeisterung lernen musste – und in deutscher Städteplanung kaum sehe, wo ich in Neubaugebieten fast Platzangst bekomme. Warum man wenig Menschen auf der Straße sieht? Weil es heiß ist und sich das Leben indoor abspielt. Das ist in jedem Golfstaat und jedem Wüstenstaat so. Warum die Straßen so leer wirken? Weil eine Stadt mit 70.000 Einwohnern keine vier- bis sechsspurigen Straßen braucht. Aber weil die Stadt wachsen soll, haben die Stadtplaner heute schon den Staus von morgen vorgebeugt.

Wir fuhren zurück zur Tankstelle und mit Hans weiter. Nach Ashgabat. Ashgabat, die „weiße Stadt“, in die angeblich nur weiße Autos hineinfahren dürfen und an einem Checkpoint vor der Stadt die Polizei alle andersfarbigen Autos an der Weiterfahrt hindern soll. Und unser Auto ist schwarz. Obwohl uns Murad und Shelby versicherten „das stimmt nicht“, fühlten wir uns doch so, als ob wir etwas Verbotenes tun. Natürlich passierten wir alle Polizeikontrollen und Checkpoints ohne angehalten zu werden. Im ganzen Land übrigens. Überhaupt: die „totale Überwachung“, die in einem Beitrag von gaileo (der uns extrem wütend gemacht hat!) propagiert wird, haben wir nicht erlebt. Ja, es gibt Polizei – Checkpoints an Straßen. Aber die gibt es außerhalb von Europa überall. Mir fällt gerade keine Region dieser Erde ein, wo es das nicht gibt. Meistens beim Überqueren der Stadtgrenzen oder regionaler Grenzen sind stationäre Polizeistützpunkte, an denen man in 95% aller Fälle durchgewunken wird. Weltweit. Außer in Guinea und Nigeria vielleicht, aber meist ist in Turkmenistan noch nicht mal jemand auf der Straße, denn Uniformierte lieben es auch bequem und im Häuschen mit Klimaanlage ist es doch netter als draußen in der prallen Wüstensonne Bürger zu nerven. Wer bisher nur in Europa unterwegs war oder Urlaub im Beachresort außerhalb von Europa zu Reiseerfahrung zählt, könnte sich von diesen Polizei Checkpoints verunsichern lassen.

Wenn man die “Platte” weiß anmalt, sieht sie fast hübsch aus!
Wir rollten als schwarzes Schaf durch die gleißend weiße Stadt Ashgabat und parkten Hans dann in der Tiefgarage eines bekannten Gebäudes in futuristischer Optik: der „Wedding Palace“ ist nichts anderes als das Standesamt mit vier Eingängen, von denen drei zum Eheschließen und einer zum Übernachten, ein Hotel, ist. In diesem Hotel bezogen wir ein – natürlich weißes – Zimmer, bevor uns Murad wieder zur Stadtrundfahrt abholte. Die „Altstadt“ besteht aus flachen Gebäuden aus Sowjetzeiten, die allesamt nicht weiß, sondern cremefarben oder pastellgelb gestrichen sind. Erst in den umliegenden, neuen Stadtvierteln ist Ashgabat die weiße Stadt, als die sie vermarktet wird. Aber auch die typischen Plattenbauten sehen in Ashgabat fast attraktiv aus, denn sie sind allesamt grellweiß gestrichen, wodurch auch alte Sowjetviertel sauber, hübsch und ordentlich aussehen. Natürlich bröckelt der Putz hier und da, aber allein der weiße Anstrich macht viel aus. Auf Facebook kommentierte ein Freund unsere Fotos mit „“Manchmal träumt man von einem Bildungsausflug für die Berliner Stadtverwaltung!“.

Murad und wir lagen auf gleicher Wellenlänge: Turkmenistan ist definitiv ganz anders, als man in den „Westmedien“ glauben gemacht wird, aber ein paar absurde Skurrilitäten gibt es doch. Und die zeigte uns Murad, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Schalk im Nacken. Als erstes fuhren wir aus der Stadt heraus zur Gedenk- und Grabstätte des ersten Präsidenten Turkmenistans, der sich „Turkmenbashi“ (= Turkmenenoberhaupt) nannte. Er liegt mit seiner Familie in einem prunkvollen Mausoleum mit viel weiß unter einer prächtigen Kuppel direkt vor seiner eigenen Moschee, der angeblich größten Moschee Zentralasiens. Ähnlich wie die größte Kirche Afrikas in Yamoussoukro steht diese Moschee auch mitten auf der „grünen Wiese“, losgelöst von der Stadt und den Gläubigen, die den Prachtbau vielleicht nutzen möchten.

Wenn ein Gläubiger die Moschee denn nutzen möchte, denn dem aufmerksamen Beobachter wird vielleicht auffallen, dass die Wände wie sonst nicht mit (für uns nicht lesbaren) Suren aus dem Koran, sondern mit (für uns lesbaren, aber unverständlichen) Zitaten aus einem „weltlichen“ Buch verziert sind! Das Buch „Ruhnama“ wurde von Turkmenbashi selbst verfasst und ist so „ungewöhnlich“, dass ich überlegt habe, es zu kaufen. Die Idee des Buches kann ich nachvollziehen: nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste Turkmenbashi aus fünf turkmenischen Stämmen eine turkmenische Nation schaffen. Das Buch sollte gefühlte Einheit erreichen, die Geschichte und Identität Turkmenistans vermitteln und damit unter den Turkmenen Patriotismus für die neu geschaffene Nation wecken und somit für staatliche Stabilität sorgen. So weit, so nachvollziehbar. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber angeblich soll der damalige Präsident historische Fakten mit Legenden, religiösen Elementen, Moralpredigten und Autobiographischem vermischt haben und daraus ein Werk geschaffen haben, was zur Grundlage von Schulbildung, Staatsdienst, Personenkult und Religion geworden sein soll. Es ist wohl eine ganze Generation Turkmenen aufgewachsen, für die Inhalte dieses Buches prüfungsrelevant waren und die angeblich durch das Buch in den Personenkult um Turkmenbashi hineingewachsen sind. Da Turkmenbashi seit 20 Jahren tot ist, das Buch keine Pflichtlektüre mehr ist und ich es nicht gelesen habe, weiß ich nicht, wie viel davon Spinnerei ist und wie viel Wahrheit darin steckt.

Jedenfalls sind diese Zitate an den Wänden der Moschee einer der Gründe, weswegen sich mehr Touristen als Gläubige hineinverirren. Ja, Touristen. Angeblich ist ja Turkmenistan so abgeschottet, dass „niemand“ ein Visum bekommt. Niemand außer uns und allen anderen Touristen, die wir trafen. Und das war auch schon 2019, vor sieben Jahren so, als wir beide schon zwei Mal das begehrte Transitvisum bekommen hatten. Jetzt ist es noch viel einfacher geworden, weil man nicht mehr wie früher persönlich zu einer Botschaft muss und den gesamten Papierkram online erledigen kann. Aber dass das ganz dolle schwierig und restriktiv ist, wissen die „Sofa – Spezialisten vor der Tagesschau“ sicherlich wieder besser.

In Ashgabat gibt es (fast) keinen Kreisverkehr ohne Denkmal oder Kunst. Und manchmal, so schien uns, musste auch erst etwas erfunden werden, um ein Denkmal in einen Kreisverkehr zu stellen. Der internationale Tag des Fahrrades zum Beispiel. Der findet seit 2018 immer am 3. Juni statt und wurde vom damaligen Präsidenten Turkmenistans erfunden und zur Anerkennung bei der UN eingereicht. Die Idee dahinter war, dass die Bevölkerung zu einem gesunden Lebensstil mit Bewegung an der frischen Luft motiviert werden sollte. Bloß fällt der Feiertag in die heißeste Jahreszeit, sodass die Umsetzung dessen bei der Bevölkerung nicht so viel Anklang findet. Aber zur Einweihung gab es ein riesiges Fahrrad – Denkmal in einem Kreisverkehr und eine vom damaligen Präsidenten angeführte riesige Fahrradtour durch die ganze Stadt. Ein Jahr später wurde daraus die größte Fahrradtour der Welt, bei der 1995 Fahrradfahrer hintereinander durch die Stadt fuhren. Das gab einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde.

Turkmenistan ist ein bisschen „besessen“, was solche Dinge betrifft. Feiertage erfinden, riesige Bauwerke bauen und Einträge im Guiness Buch der Rekorde sammeln. Darin finden sich ein paar Skurrilitäten wie „die meisten mit weißem Marmor verkleideten Gebäude“ oder „die meisten Springbrunnen in einer Stadt“ (was allerdings beides städteplanerisch Sinn macht in dem Klima!) oder „größter handgeknüpfter Teppich der Welt“ oder „größtes Indoor Riesenrad der Welt“. Das ist das Ding auf dem Foto. Murad fragte, ob wir eine Runde drehen wollten, wollte aber selbst nicht wirklich, denn so „indoor“ ist das Riesenrad nicht: durch die geöffneten (und nicht geputzten) Fenster fliegen Vögel und kacken angeblich innen alles schneller voll, als weg geputzt werden kann Wir haben auf eine Fahrt verzichtet.

Turkmenistan hatte sehr enge Bindungen zur Türkei. Als Turkstaat ist Turkmenistan Beobachter der „Organisation der Turkstaaten“, aber kein Mitglied, denn das Land hat sich als komplett neutral anerkennen lassen und tritt dadurch vielen Bündnissen nicht bei. Da die Türkei aber zu allen Turkstaaten enge Beziehungen pflegt, gab es in Turkmenistan und vielen anderen Ländern weltweit elitäre türkische Gülen Schulen (auf die Murad und Shelby gegangen sind), die international als „sektenähnlich“ bezeichnet und nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 alle geschlossen wurden. Die turkmenische Regierung hatte Angst, dass durch diese Schulen die Türkei klammheimlich politische Einflussnahme nehmen könnte und distanzierte sich politisch, aber nicht wirtschaftlich von der Türkei und das, obwohl die Türkei 1991 das erste Land war, das die Unabhängigkeit Turkmenistans anerkannte! Der Argwohn Turkmenistans ist nicht unbegründet, denn die Türkei hat seitdem immer wieder versucht, sich „einzuschleimen“. Zum Beispiel mit dem Geschenk einer Moschee, fast eine Kopie der „Blauen Moschee“ in Istanbul, an die Stadt Ashgabat. Uns gefällt die Kopie besser als das Original und wir staunten mal wieder, wie schnell in anderen Ländern gebaut wird! Für die Moschee brauchten die Türken von 1993 – 1998 nur fünf Jahre! Obwohl die politischen Beziehungen der beiden Staaten abgekühlt sind, lieben die Bürger diese Moschee. Als wir da waren, konnten wir Gläubige beim Beten erleben – und nicht wenige.

Überhaupt: Ashgabat wirkte auf uns wie eine ganz normale Stadt. Im Zentrum wie eine normale zentralasiatische Stadt, in den Neubaugebieten mit weißem Marmor nicht anders als irgendeine Stadt in irgendeinem Golfstaat dieser Welt. Da sind die Häuser und Autos auch alle hell, weil das in der Wüste nun mal die beste Farbe bei Hitze ist. Und da findet das Leben auch indoor in Malls in klimatisierten Räumen statt, weil keiner bei 45°C in der Sonne herumlaufen möchte, wenn er nicht muss. Und wer draußen etwas unternehmen möchte, tut das nachts im Park, wo Springbrunnen die Temperatur ein kleines bisschen senken. In Ashgabat wie in Doha, Riyad oder Dubai. Wer diese Lebensart nicht kennt, der wird Ashgabat natürlich als „menschenleere Geisterstadt“ portraitieren.

Was uns in Ahgabat und Arkadag optisch fehlte: Werbung. Nirgendwo Litfaßsäulen, großflächige Plakate, Werbetafeln oder riesige Werbeflächen auf Gebäuden. Wenn Werbung gemacht wurde, dann entweder als kleiner, ordentlicher Schriftzug auf dem Dach von Gebäuden (siehe Foto) oder an Ampelkreuzungen mit digitaler Leuchtreklame. Alles schön ordentlich statt wild bunt. Wild bunt wird die Stadt erst nachts, doch dazu beim nächsten Mal.

Abends gingen wir essen und waren gespannt: Turkmenistan liegt zwischen Iran mit sensationellem Essen und Zentralasien mit „der Hunger treibt’s rein“ Essen. Wie ist die turkmenische Küche? Eher Zentralasiatisch. Es gibt hauptsächlich Fleisch und das ohne viel Gemüse und ganz ohne Gewürze. Wir fanden auf der Speisekarte „Fleisch in Butter mit Zwiebeln“ und „Fleisch auf Auberginenpüree“. Salat ist in Turkmenistan auch „Fleisch mit…“. Und weil „Fleisch“ nicht immer ein Genuss ist und vor allem nicht in der Menge, waren wir froh, dass wir im Rest der acht Tage im Land in Restaurants waren, die nicht nur lokale Küche anboten. Wir sind ja sonst immer sehr für lokale Spezialitäten zu haben, aber nach fast vier Jahren „Reiserei“ in Zentralasien haben wir definitiv genug Fleisch, Plov und Lagman gegessen.

Nach dem Essen motivierte uns Murad noch, uns die Stadt im Dunkeln anzuschauen und erklärte uns den Weg zu einem Aussichtspunkt. Aber wir waren platt. Dieser Tag hatte ja im Bergdorf Nohur bei den Widderhörnern auf den Grabsteinen begonnen, ging dann auf dem Gestüt bei den edlen Pferden (siehe letzter Blogpost), in der Planstadt Arkadag und dann in Ashgabat weiter. Das Reisen in Turkmenistan war anstrengend für uns, weil die Tage lang waren und weil wir ja selbst fahren und deswegen nicht mal zwischen den Sehenswürdigkeiten ausruhen konnten.

“Einheimischen ist der Kontakt mit Touristen verboten”. So ein Quatsch!
Weil wir in den letzten Tagen mehrmals gefragt wurden, wie wir uns mit unseren „Aufpassern“ vertragen hätten: wir hatten keine Aufpasser. Ja, das Touristenvisum von Turkmenistan ist an eine Tour gekoppelt und eine Tour beinhaltet eben auch einen Reiseleiter, aber er ist ein Reiseleiter, kein Aufpasser. Insgesamt hatten wir in den acht Tagen im Land drei verschiedene Reiseleiter und alle waren fachlich top, sprachen perfekt Englisch, haben allesamt im Ausland studiert (Hongkong) oder gearbeitet (Zypern, Türkei) und sind nach getaner Arbeit alle nach Hause oder ins Bett. Wir konnten uns immer wenn wir gewollt hätten frei bewegen, waren nur zu müde dazu. Und weil in Turkmenistan auch Russen wohnen, wären wir (außer wegen der schwarzen Farbe des Autos) in der Stadt gar nicht aufgefallen. Die „Weisheit“ die man „im Westen“ so hat, dass Turkmenen nicht mit Touristen sprechen dürften oder würden, können wir nicht nachvollziehen. Wir sind ja nicht als Touristen mit Rucksack, Trekkingschuhen und Expeditionskleidung verkleidet erkennbar und werden überall für Russen gehalten und auf Russisch angesprochen! Außerdem haben wir ja auch in einem Homestay bei einer Familie übernachtet, was laut „Tagesschau -Jüngern“ ja auch höchst illegal sei.

Oh! Eine weitere „Legende“ Turkmenistans ist, dass dort angeblich Menschen „gezwungen werden, Tracht zu tragen“. WTF? Der flüchtige Beobachter könnte eventuell, aber nur dann, wenn er sein Hirn dabei nicht einschaltet, die Schuluniform für Tracht halten. Grundschulmädchen tragen grüne, wunderschön bestickte Kleider mit weißer Schürze, ältere Schülerinnen ohne Schürze. Studentinnen ganz tolle rote Kleider mit Stickerei. Jungs in jedem Alter schwarze Hose und weißes Hemd. Dazu tragen Jungs wie Mädchen hübsche bestickte Kappen. Keine Tracht, sondern Schuluniform wie in so vielen Ländern dieser Welt! Nur eben außergewöhnlich schöne Schuluniform. Die Kleider sind übrigens absolut identisch in Stil und Schnitt mit denen, die Usbekinnen privat auch tragen (siehe Foto weiter oben), also eigentlich nichts besonders. Nur die Pflicht für Mädchen, zur Schuluniform zwei geflochtene Zöpfe zu tragen finde ich persönlich übergriffig. Aber da ich sowieso lange Haare habe, würde es mich auch wenig stören, ich kann mir aber vorstellen, dass das für Mädchen, die eigentlich kurze Haare haben möchten, nervig ist. Aber „Zwang zur Tracht“ gibt es definitiv nicht! Solche Geschichten sind eigentlich lustig, wenn man vor Ort darüber nachdenkt. Sie werden „im Westen“ mit so großer Überzeugung propagiert, dass auch wir auf einigen solchen Mist reingefallen sind. Wie zum Beispiel, dass wir in Turkmenistan kein Internet nutzen könnten.

DAS ist eine Geisterstadt, allerdings nicht in Turkmenistan.
Und wenn Ihr wirklich mal eine Geisterstadt erleben möchtet, dann fahrt nach Äquatorialguinea. Dort gibt es glitzernde Bürogebäude, Alleen, Krankenhäuser, Apartmentblocks und eine ganze Universität, aber weder Menschen noch Geschäfte, in denen die Menschen einkaufen könnten. Es gibt sogar einen großen, internationalen Flughafen und eine Autobahn durch den Urwald, um die „Cuidad de La Paz“, die neue Hauptstadt des Landes, zu erreichen. Bloß eben im ganzen Land nicht genug Bürger, um die Stadt zu besiedeln. Also wenn Ihr wirklich mal eine skurrile Hauptstadt als Geisterstadt in einen restriktiven Land erleben möchtet, dann ist Turkmenistan die falsche Adresse. Turkmenistan bekommt nur mehr Aufmerksamkeit in den Medien. Wohl, weil es mal Sowjetunion war und sowieso der ganze Osten vom Westen aus überkritisch propagandistisch beäugt wird…
Dass Turkmenistan an der Seidenstraße liegt und auch UNESCO Weltkulturerbe Stätten zu bieten hat, ist wenig bekannt, aber davon erzähle ich Euch im nächsten Beitrag. Wenn Ihr noch Zeit und Lust habt, könnt Ihr im neuesten Video sehen, wie Hans Kamele kennenlernt hat und zum ersten Mal Overlander – Kumpel traf, als er offroad durchs wunderschöne Mangystau in Kasachstan fuhr:











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