Turkmenistan: aller guten Dinge sind drei!

Es war unser dritter Versuch, nach Turkmenistan zu reisen. Unser drittes Mal, dass wir das früher so schwierige Visum für Turkmenistan bekommen hatten. Und weil aller guten Dinge schließlich drei sind, hat es diesmal geklappt! Die beiden vorherigen Versuche, 2019, sind beide Male rund 70km von der Grenze entfernt an einem Motorschaden im Iran gescheitert. Diesmal kamen wir von Kasachstan und mit dem Auto statt Motorrad und haben es geschafft. Endlich!

Die Visaregeln für Turkmenistan haben sich kürzlich geändert und es gibt nun keine Transitvisa mehr. Es sei denn, man sitzt am Steuer eines mit Fracht beladenen LKW. Wir saßen am Steuer unseres 35 Jahre alten VW Passat “Hans” und brauchten daher ein Touristenvisum. Das Touristenvisum bekommt man nur über eine Agentur, die sicherstellt, dass man während des gesamten Aufenthaltes von einem Guide begleitet wird und nicht von der im Visum notierten Route abweicht. Das macht eine Reise durch Turkmenistan sehr teuer – und in unserem Fall sehr stressig. So ein Guide muss nämlich komplett finanziert werden: seine Unterkunft, sein Essen, sein Honorar. Je kürzer man in Turkmenistan reist, desto weniger Tage muss man einen Guide mit „durchfüttern“. Wir hatten uns deswegen entschieden, unseren Aufenthalt im Land auf acht Tage zu begrenzen und trotzdem in dem riesigen Land alle Highlights zu sehen und zu erleben. Stress vorprogrammiert, aber unser Bankkonto dankt es.

Bett zusammengerollt, Rückbank aufgeklappt, Platz für Passagiere!

Weil wir in Hans Platz auf der Rücksitzbank haben und kein zusätzliches Fahrzeug samt Fahrer und Guide mitfinanzieren müssen, war das für uns die günstigste Lösung. Allerdings wollte eine der beiden Agenturen, bei der wir wegen der Reise ein Angebot eingeholt hatten, uns nicht mit Hans. Die Straßen unserer geplanten Route seien zu schlecht, Hans zu alt und überhaupt völlig ungeeignet. Wir wissen, dass viele Reisende in Turkmenistan ihr (geländegängiges Allrad-) Fahrzeug wegen der miserablen Straßenzustände zerstört haben und wir wussten auch, dass wir bei neun Tagen Visum und acht Tagen Tour wenig Spielraum für Pannen hatten. Allerdings wussten wir auch: der Hans, der kann’s! Damit er es kann, haben wir ihm nämlich schon letzten Sommer ein 4cm höheres Fahrwerk, einen massiven Unterfahrschutz aus Metall und in Kasachstan “Extra Load” Reifen mit doppelter Stahlkarkasse und größerem Querschnitt spendiert, um noch mehr Bodenfreiheit zu gewinnen und Reifenschäden vorzubeugen. Wir wussten, worauf wir uns mit Turkmenistan einließen und vertrauten Hans. Und das tat auch Murad einer anderen Agentur, der uns schließlich das Visum organisierte und uns mit Hans als seine Kunden akzeptierte.

Wir hatten von anderen Reisenden gehört, die Straße auf kasachischer Seite zur turkmenischen Grenze sei schon furchtbar schlimm, sodass wir am Tag vor Beginn unseres Visums schon anreisten. Nun ja. Jeder hat so seine Reiseerfahrung. Wir ein bisschen mehr, denn Turkmenistan wurde unser 120. bereistes Land. Die Straße zur Grenze war nichtmal „westafrikanisch“ und so kamen wir am frühen Nachmittag an der Grenze an, ohne „rüber machen“ zu können. Also campierten wir auf dem Schotterparkplatz der Grenze und konnten am nächsten Morgen fast vom Bett zum Schalter.

Die Ausreise aus Kasachstan war wie immer einfach und dann begann das angebliche Absurdistan. Turkmenistan hat ja den Ruf, besonders „anders“ zu sein. Angeblich sei dort alles absurd, künstlich, skurril, übertrieben, restriktiv und verrückt. Auch hier müssen wir nach acht Tagen im Land sagen: diese Sichtweise hängt doch sehr von der Reiseerfahrung ab und da ist unsere anders als die des Durchschnittsreisenden. Die Einreise dauerte fünf Stunden, wofür sich die Agentur und unsere Reiseleiterin Shelby, die den Papierkrieg begleitete, tausendfach entschuldigten. Weil wohl die meisten Touristen ihren Guides und Agenturen erzählen, der turkmenische Papierkrieg sei einzigartig dämlich, glauben die das wahrscheinlich auch. Wir haben zum Beispiel gut vier Stunden länger für die Einreise nach Russland gebraucht und wissen nicht so ganz, worüber man sich aufregen hätte sollen. Menschen in Uniform, speziell Polizisten und Grenzer, sind weltweit nicht besonders smart und an jeder Grenze gibt es für uns genug zu lachen. Diesmal über die Weltmarke „Wolkswagen“ oder auf anderem Papier auch „Volksfagen“ mit dem bekannten Modell „Passad“. Obwohl unser Fahrzeugschein auf kyrillisch ist, wurde Hans zum Deutschen. Als wir das korrigieren lassen wollten, kam die Antwort, dass „Wolkswagen“ ja eine deutsche Marke sei und das deshalb in Ordnung ginge. Wir hatten trotz der Stunde Mittagspause, in der alle Uniformträger zwar am Platz waren, aber demonstrativ nichts taten und stumpf ignorierend schauten, unseren Spaß bei der Einreise. Shelby nicht, ihr war das Verhalten ihrer Landsleute peinlich.

Und dann waren wir endlich in Turkmenistan! Unser 120. Land! Direkt nach der Grenze ging das Gerumpel schlechter Straßen los: 270km, für die wir 6,5 Stunden gebraucht haben. Es war laut, holpernd, langsam, staubig und voll LKW, denn dies ist der einzige Grenzübergang zwischen Kasachstan und Turkmenistan. Shelby saß zum zweiten Mal an diesem Tag auf dieser Rumpelstrecke im Auto und ließ sich in den Schlaf rütteln. Das Gerücht, Guides in Ländern wie China oder Turkmenistan seien „Aufpasser“, können wir auch hier nicht bestätigen. Insgesamt hatten wir in Turkmenistan drei verschiedene Guides, in China vier und alle haben die meiste Zeit tief und fest geschlafen. Die letzten Kilometer der Rüttelstrecke mussten wir im Dunkeln fahren, was bei all dem Staub und den teils tiefen Löchern nicht angenehm war. Als wir um 21:30 in Turkmenbashi im Hotel ankamen, hatten wir seit dem Frühstück morgens um 7 nichts gegessen, waren aber zu erschöpft, um noch ins Restaurant zu gehen und gingen mit leerem Magen ins Bett.

Die Innenstadt von Turkmenbashi von oben.

Das Hotel war für unsere Verhältnisse Luxus, aber in Turkmenistan geht man als Tourist nicht in ein x-beliebiges Hotel, sondern in Unterkünfte, die Gäste elektronisch registrieren können. Das ist nicht ungewöhnlich und nicht nur in Turkmenistan so. Man kann natürlich auch in anderen Unterkünften übernachten, muss dann aber trotzdem registriert werden, weswegen solche Hotels die unkomplizierte und zeitsparende Lösung sind. Das ist auch in einigen EU – Ländern so, man bekommt das nur selten mit, wenn man selbst einen EU Reisepass hat. In diesem Fall war das riesige Zimmer aber seinen Preis von 50$ wirklich wert: wir hatten vom elften Stock eine tolle Aussicht auf Stadt und Meer und bekamen auch ein gutes Frühstücksbuffet, bei dem wir uns recht früh am Morgen mit Shelby trafen, weil auch dieser Tag lang sein würde: 500km Fahrt plus Besichtigung plus Einkaufen, plus Geldwechsel, plus tanken plus,…

Ausländer zahlen in Turkmenistan übrigens grundsätzlich ihre Unterkunft in bar und in US$. Zum offiziellen Wechselkurs natürlich. Auch das ist nicht einzigartig, das haben/hatten andere Länder auch. Der Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt beschert einen bis zu 5x größeren Geldsegen, sodass wir mit 20 US$ die gesamten acht Tage auskamen: inklusive Tanken, Souvenirs und Kleinkram. Natürlich ist das illegal, aber jeder tut es und auf dem Parkplatz des Basars von Turkmenbashi wedeln Geldwechsler völlig offen mit ihren Geldbündeln. Durch diesen Wechselkurs kostet dann der Liter Benzin nur 8 Cent (ja: 0,08€) an der Zapfsäule. Für Einheimische. Aber nicht für uns, denn weil wir ja weder Bürger noch Steuerzahler Turkmenistans sind, mussten wir bei der Einreise eine „Treibstoff – Kompensation – Gebühr“ bezahlen, die auf Basis der im Visum angegebenen Fahrtstrecke berechnet wurde. In unserem Fall waren das 300 US$, was für uns letztendlich einen Literpreis von rund 2€ bedeutete. Deutsche Verhältnisse also, keinen Aufreger wert. Und auch das gibt es auch in anderen Ländern und ist nicht auf Turkmenistan beschränkt. Ungarn z.B. ist ein aktuelles Beispiel aus der EU. Es ist erstaunlich, wie solche weltweit verbreiteten Dinge (wie Treibstoffsubvention oder Zahlung in US$) immer medienwirksam und stimmungsmachend ins Negative gezogen werden, wenn es ein Land betrifft, was man sowieso diskreditieren möchte.

Und dann ging es endlich los. Endlich würden wir mehr vom Land sehen als Steppe, Meer und Rumpelstraße! Wir fuhren nach Awaza, dem in Medien zur „modernen Geisterstadt skurriler Perfektion“ stilisierten Badeort am Kaspischen Meer. Wir reisen ja, um die Wahrheit hinter solcher Propaganda kennenzulernen und das war der erste Augenöffner in Turkmenistan: die angeblich „menschenleere Geisterstadt“, der „skurrile, moderne lost place“ wurde ab 2007 an einen Strandabschnitt nördlich von Turkmenbashi gebaut und soll, glaubt man „Westmedien“, das ganze Jahr über „gähnend leer“ sein. Nun ja. Es ist anders.

Zunächst mussten wir auf einem riesigen, riesigen, überdachten Parkplatz unser Auto parken, um mit einem staatlichen Taxi in die Stadt zu fahren. Es war ein ganz normaler Wochentag und der Parkplatz war alles andere als leer. Man könnte meinen, die Taxipflicht sei nur eine staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ist es natürlich auch), aber mit Shelby diskutierten wir weitere Gründe: erstens gibt es dann in der Stadt Awaza selbst keine Parkplatzprobleme, keine Verkehrsprobleme und keine Unfälle mit Betrunkenen, denn Alkohol (und Treibstoff) in Turkmenistan ist billiger als Wasser und Awaza ist insbesondere an Wochenenden ein Ort für Partyvolk und Alkohol. Und zweitens – und da geben wir ihr recht – sieht es natürlich auch viel besser aus, wenn im Strandresort keine bunten Autos herumstehen. Aber so kommt es dann auch zu Aussagen in den Medien von „da ist niemand“.

Das Taxi fuhr uns zu einem der rund 30 weißen Hotelbauten und schon in der Lobby trafen wir auf Menschen. Es war 8:30 morgens und Frühstückszeit. Definitiv keine Geister, die da im Hotel herumliefen! Am Strand trafen wir dann die Menschen, die man in jedem anderen Badeort morgens um 8:30 genauso treffen würde: Mütter mit Kinderwagen und Rentner. Frühaufsteher eben und keine Geister. Verlassen? Menschenleer? Einsam? Nö! Nicht anders als um 8:30 an der Costa Brava im Mai. Nur viel sauberer und hübscher.

Das Café auf der Mole hatte so früh schon geöffnet und wir gönnten uns einen leckeren Kaffee in der Sonne am Meer. Ein bisschen enttäuscht war ich doch von der angeblichen Geisterstadt: statt gähnender Leere und Utopia besuchten wir einen stinknormalen Badeort in der Vorsaison, in dem wie überall auf der Welt gerade der Pool geschrubbt, die Strandliegen aufgestellt und Sonnenschirme ausgebessert wurden, bevor im Juni die Sommerferien beginnen und nicht nur Rentner und junge Eltern mit Kleinkindern den Strand bevölkern.

Die oft als Beweis für den „Geisterstadt – Status“ fotografierte dreispurige Straße entlang der Hotels ist tatsächlich nicht gerade stark befahren und man muss nicht lange warten, um sie ganz ohne Verkehr zu fotografieren, aber das liegt daran, dass man wie erklärt mit dem Taxi fährt und jetzt Vorsaison ist. Das „Flanieren“ auf vier Rädern und „dumm Herumknattern“ mit Scootern gibt es deswegen einfach nicht. Auch dann nicht, wenn jedes Hotel ausgebucht ist.

Die „Putzarmeen“, die angeblich täglich „Laternen polieren“ und „leere Straßen fegen“ sahen wir wirklich. Sie waren aber Gärtner, die die wirklich schönen Grünanlagen der Stadt pflegten, wässerten und sauber hielten. Ja, die Stadt ist sehr sauber und wirkt dadurch steril auf westliche Besucher, in deren Heimatstädten Müll im Park herumfliegt und Graffiti die Gebäude „verziert“. Das ist aber auch in jeder Stadt der Golfregion so “steril” und daher ungewohnt für Europäer. Wir fragten Shelby, warum das Land so sauber sei. Irritiert schaute sie uns an: „Warum sollte jemand Müll in die Natur werfen, den dann jemand anderes wieder wegmachen muss? Das wäre doch völlig respektlos!“ Sehen wir auch so. Und wir wissen, wie es in jeder Autobahnauffahrt Deutschlands in der Nähe eines Schnellrestaurants aussieht… Respektlos.

Insofern war der Besuch von Awaza enttäuschend. Keine skurrile Geisterstadt, sondern ein stinknormaler Badeort wie jeder andere um diese Jahreszeit. Nur wesentlich sauberer und gepflegter, weil auch erst rund 15 Jahre alt. Und ohne Stau, Verkehr, wildem Parken, Müll und sonstigem Dreck. Wer schonmal in einem der Golfstaaten in einem Strandresort war, weiß, wie sowas aussieht. Und da wir schon in allen Golfstaaten (außer Kuwait) waren, war Awaza für uns nichts Besonderes. Ein „Turkmenistan – Mythos“ entzaubert!

Und dann fuhren wir Richtung Ashgabat. Und fuhren und fuhren. 470km lang. Man darf in Turkmenistan nur 90km/h fahren, oft auch nur 60km/h und dadurch werden Tage lang. Auch, wenn die Straßen gut sind wie zwischen Turkmenbashi und Ashgabat. Manchmal fressen sich Dünen auf die autobahnähnliche Straße, manchmal ist der Belag so wellig, dass man fast seekrank wird, aber alles besser als die ersten 270km im Land! Wir fuhren den ganzen Tag entlang der Grenze zum Iran und uns blutete ein wenig das Herz, denn wir waren zuletzt 2018/2019 ganze sechs Monate im Land und wissen ganz genau, wie es auf der anderen Seite des Gebirgszuges aussieht: damals waren wir nämlich auf iranischer Seite bei den Turkmenen, ihren Pferden und Traditionen und haben in einer turkmenischen Jurte übernachtet.

Auf dem Weg zum Bergdorf Nohur konnten wir gleich den nächsten „Turkmenistan – Mythos“ entzaubern: den, dass die Einheimischen angeblich nicht mit Ausländern reden, sehr reserviert und ängstlich seien oder dass Kontakt mit Touristen gar verboten sei. Bei der Ölstandskontrolle stand Hans nicht gerade, sodass gleich zwei Fehler passierten: ich stellte fälschlicherweise fest, dass Öl fehlte und Jan schüttete dann Öl nicht in den Motor, sondern auf den Krümmer. Und dann brannte es. Hans schlugen Flammen aus der Motorhaube! Wir kippten Wasser in den Motorraum (weil es nicht viel Öl war, was danebengegangen war) und eine riesige Dampfwolke schoss auf, die dafür sorgte, dass sofort drei Autos hielten und alle Insassen mit Wasserflaschen auf Hans zurannten und löschen halfen. Als es nichts mehr zu löschen gab, blieb ein Mann noch da, um abzuwarten, ob bei dem Brand nicht vielleicht ein Schaden entstanden war. Wir kontrollierten alle Kabel und alles war in Ordnung: es hatte tatsächlich nur das daneben gekippte Öl gebrannt, sonst nichts. Diese spontane, blitzgescheite Hilfsbereitschaft hat uns sehr an den Iran erinnert.

Als wir in Nohur ankamen, wurden wir in unserem Homestay von der Familie herzlich begrüßt, unser kleines Feuer – Fiasko belacht und gleich weiter über alte (und neue) Autos gewitzelt. Fast wäre Jan am nächsten Morgen mit dem Lada Niva der Familie weitergefahren, für den er mich hätte eintauschen können, weil ich „gut mit Tieren und die Kuh melken kann“. Unser Zimmer bei der Familie bestand aus einem weichen Teppich, auf den wir Matten zum Schlafen legten. Das kennen wir schon unter anderem aus dem Iran: Häuser brauchen keine Möbel, alles findet auf dem Fußboden statt: schlafen, kochen, essen,…

Das geht so weit, dass auch „Wohnmobilbau“ anders aussieht. Im Iran trafen wir ein Pärchen mit einem VW T4 Bus wie unserem damaligen „Kittymobil“ und wollten deren „Ausbau“ sehen. Wir ernteten irritierte Blicke: „Ausbau“? Der Bus war bis auf eine Box für Kram und Krempel leer. Auf dem Boden lag ein Teppich. Fertig! Das Konzept „Einbauküche“ ist unnötig, wenn man einfach auf dem Boden sitzen und Essen zubereiten kann. Und das fertige Essen auch auf dem Boden, der dann mit einer Tischdecke bedeckt wird, gegessen wird. Bei unserer turkmenischen Gastfamilie gab es den Luxus aus einer auf dem Boden stehenden Tischplatte, um die wir saßen und turkmenische Hausmannskost aßen.

Die Familie besitzt eine Kuh und drei Schafe und macht ihren eigenen Kefir und Käse, der himmlisch schmeckte. Dazu frische Gurken aus dem Garten und eingewecktes Obst zum Nachtisch und wir fühlten uns auch ganz wie zuhause. Wir lernten noch Backgammon spielen und rollten dann unsere Matten aus, um herrlich gut zu schlafen. Am nächsten Morgen ging ich mit der Dame des Haues in den Kuhstall, die Kuh melken, von der am Abend der Hausherr behauptet hatte, dass sie nur bei seiner Frau Milch gäbe und alle anderen Melker trete und „zu mache“. Ob wahr oder nicht, aber bei mir gab die Kuh richtig Milch und es machte Spaß, zu zweit im Rhythmus den 10l Zinkeimer voll zu melken. Der frische Rahm zum Frühstück schmeckte wie immer himmlisch. Schade, dass viele diesen Geschmack nicht (mehr) kennen…

Nohur ist berühmt in Turkmenistan, weil es „anders“ ist. Nicht nur, weil man als Mann dort mehrere Frauen haben darf, obwohl das in Turkmenistan grundsätzlich verboten ist, sondern auch, was die Religion betrifft. Beziehungsweise: den Glauben. Weil „Religion“ kann man die wilde Mischung nicht nennen. Grundsätzlich bezeichnen die Dorfbewohner sich als Muslime, allerdings trinken sie Alkohol, hängen Stofffetzen an eine Felsspalte und montieren Widderhörner auf ihre Gräber. Und weil sie an der Grenze zum Iran leben, wird Zoroastrismus auch noch mit verwoben.

Wir liefen zu einer Felsspalte, um die herum überall Stofffetzen geknotet waren. Der Legende nach sollen durch diese Felsspalte Schwestern vor lüsternen Männern geflohen sein. Der Fels habe sich für sie geöffnet und für die Männer wieder geschlossen. Als die Männer weg waren, öffnete sich der Fels wieder und die Schwestern wurden quasi „wiedergeboren“. Deswegen ist die Felsspalte nun eine Art Symbol für „weibliche Geburt“ und Frauen kommen dorthin und hinterlassen dort eine Haarspange oder / und einen in Wiegenform festgebundenen Stofffetzen, um den Wunsch nach einer Tochter erfüllt zu bekommen.

Nohur ist außerdem berühmt für seine beiden Friedhöfe, auf dem viele Gräber Hörner von Widdern oder Steinböcken zieren und deren Grabsteine mit Stofffetzen oder Tüchern umwickelt sind. Obwohl das Begräbnis nach islamischem Ritus erfolgt, finden nach der Beerdigung andere Bräuche statt. Die Hörner sollen vor bösen Geistern schützen. Und davon gibt es, das weiß man ja, auf Friedhöfen besonders viele und daher macht das auch absolut Sinn. Eigentlich ist das aus Artenschutzgründen in Turkmenistan illegal, aber in Nokhur gelten diese Gesetze alle nicht. Siehe Polygynie.

Für uns, die wir ja schonmal fast vier Jahre in Zentralasien unterwegs waren, machen auch die um den Grabstein gewickelten oder geknoteten Tücher Sinn: sie symbolisieren nicht nur das Gedenken an den Verstorbenen, sondern tragen auch Wünsche mit dem Wind in den Himmel. Das gibt es in ganz Zentralasien und im Süden Russlands oft. Wahrscheinlich kennt Ihr Bilder von der Insel Olchon im Baikalsee, das ist das bekannteste Beispiel. In der Dorfmitte steht auch ein heiliger Baum, angeblich einige tausend Jahre alt, der auch magische Kräfte haben und Wünsche erfüllen können soll. Damit es besonders gut wirkt, kann man sich auch noch ein Stück Zweig, grob zurechtgeschnitzt, mit nach Hause nehmen.

Nohur ist anders und es hat uns sehr gut gefallen! Wir wären richtig gerne noch eine zweite Nacht bei unserer Gastfamilie geblieben, hätten beim Käse Machen geholfen, nochmal die Kuh gemolken oder wären auf die Sommerweide in die Berge gelaufen, aber unser Zeitplan war unglaublich straff. Wir hatten das selbst so verursacht, weil wir ja für jeden einzelnen Tag für den verpflichtenden Guide Unterkunft, Verpflegung und Honorar zahlen müssen und uns zusammen jeder einzelne Tag um die 300€ gekostet hat. Da geht ein „Trödeltag“ sehr ins Geld!

Und so düsten wir weiter zu einer Besonderheit Turkmenistans, von der Ihr vielleicht auch schon gehört habt: Pferde! Turkmenen sind verrückt nach Pferden. Nicht diese Pferde, die in Kasachstan und der Mongolei überall zu tausenden in der Steppe herumstehen, sondern edle, extrem teure und besondere Achal – Tekkiner, eine der ältesten Pferderassen der Welt. Die Zucht dieser besonderen Pferde ist so einzigartig, dass sie zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit gehört. Während der Sowjetzeit war die Zucht dieser Rasse in privaten Gestüten verboten („alle sind gleich“ bezog sich wohl auch auf Pferde!), sodass es zur Unabhängigkeit Turkmenistans nur noch sehr wenige reinrassige Tiere für die Zucht und den Erhalt der Rasse gab.

Die Pferde sind das Wappentier Turkmenistans und heutzutage bemühen sich Züchter, wieder genug Tiere zu züchten, um die Rasse, die auch in Russland, Afghanistan und Kasachstan vorkommt, zu erhalten. Solange das Fortbestehen nicht gesichert ist, dürfen keine Tiere ins Ausland verkauft werden. Wir besuchten einen Züchter, der uns erklärte, wie edel und besonders die Tiere sind: ihre Hitzebeständigkeit, ihr besonderes Fell, ihre außergewöhnlichen Fellfarben, der charakteristische Körperbau, die Ausdauer und Belastbarkeit. Manche Tiere haben metallisch glänzendes, fast goldenes Fell. Dann brachten Stalljungen ein paar Tiere und wir durften sie mit Karotten füttern und bestaunen.

Das Fell ist nicht wie das anderer Pferde, auch die Haut nicht. Es fasst sich an wie flüssige Seide: extrem glatt, dünn, fein und seidig, fast geheimnisvoll schimmernd. Wikipedia sagt, das liege daran, dass manche Teile der einzelnen Haare keine Pigmente besitzen und dadurch Licht ungewöhnlich gebrochen wird. Es klingt blöd, aber für uns fühlten sich die Pferde an wie Van Katzen, die auch ein sehr dünnes Fell ohne Unterfell haben, was darüber hinaus sogar wasserabweisend ist. Natürlich ist ein Pferd keine Katze, aber wir sahen und fühlten Parallelen.

Dann wurde uns ein fast rosa Pferd mit blauen Augen vorgeführt. Manchmal kommt es dazu, dass das Tier fast ausschließlich pigmentfreie Haare im Fell hat, durch das dann die rosa Haut schimmert. Strengt sich das Pferd an und schwitzt, wird die Haut stärker durchblutet und das nasse Fell fast unsichtbar. Dadurch wirken diese Pferde dann pink. Wir dachten, es sei ein Albino, aber wurden belehrt: Albinos haben rote Augen, diese Pferde haben blaue Augen. Tatsächlich! Hübsch ist das nicht, so ein rosa Pferd, aber außergewöhnlich.

Man darf auch eine Runde reiten, wenn man möchte. Weil so ein Pferd natürlich extrem teuer ist und mit goldfarbenem Fell über 100.000€ kostet, darf man natürlich nur in Begleitung wie beim Kindergeburtstag reiten. Und fürs Foto bekam ich noch Hut und Stola. Naja. Das angeblich so schwungvolle und elastische Galoppieren der Rasse konnte ich so nicht erleben. Aber als Jan sah, dass das Pferd lieb ist und man nicht alleine ist, ist er auch eine Runde durch das Gestüt geritten.

Im Stall sahen wir noch mehr dieser besonderen Pferde mit ihren schönen, mandelförmigen Augen. Als wir nach all den gestreichelten seidigen Pferden unsere Hände wuschen, fiel mir auf: der würzige Pferdegeruch fehlte. Der warme, angenehme Geruch von Pferd, der sonst an Haut und Textilien bleibt, war nicht vorhanden. Liegt wohl auch am besonderen Fell der Tiere!

Das ist zwar erst der halbe dritte Tag unserer Zeit in Turkmenistan, aber hier im Blog schon die siebte Seite und Ihr habt doch keine Zeit. Deswegen gibt’s jetzt bewegte Bilder für Euch von uns in Russland: drei Tage Transitvisum, in denen Hans dafür gesorgt hat, dass wir ganz viele liebe Menschen kennengelernt haben! Mehr von Turkmenistan gibt’s beim nächsten Mal!

Dieses Blog abonnieren

Zeig ein bisschen ❤️ und spendier uns einen ☕

Spenden mit PayPal

Wenn Dir gefällt, was Du hier liest und Du uns für die schöne Zeit, die Du auf unserer Webseite verbringst, virtuell zum Kaffee oder Bier einladen möchtest, darfst Du das gerne über paypal tun. Spritgeld geht natürlich auch. 🙂

Folge uns auf Facebook

Wenn Du uns aus fremden Taschen unterstützen möchtest, dann mache Deine Einkäufe und Buchungen über diese Buttons oder Affiliate-Links. Danke!

Amazon Booking.com Express VPN

30 Tage gratis

Astrill VPN Curve Nomad Insurance by Safetywing Polo

Beiträge

Kaffee Spenden

Unterstützen ohne Extra-Kosten? Geht!

Danke, dass Ihr nicht nur unsere Inhalte konsumiert, sondern uns auch dabei unterstützt, die Kosten für Website & Co zu decken. Das geht ganz einfach aus fremden Taschen:

Abonniert unseren YouTube channel:
unser YouTube Kanal

Kauft über unseren Amazon Affiliate Link ein: 
Amazon.de

Bucht Reisen und Unterkünfte über unser Booking Affiliate: Booking.com
Lest oder verschenkt unser EISREISE Buch (und hinterlasst eine Bewertung): unser EISREISE Buch
Designt über diesen Link T-Shirts und mehr für Euch oder als Geschenk: https://travelove.myspreadshop.de/

Zückt Euer eigenes Portemonnaie und ladet uns virtuell zum Kaffee ein. Paypal Spende: https://www.paypal.me/travelove4u

Möchtest Du uns regelmäßig auf ein Käffchen einladen, schau mal hier: Steady

Wir gehen mit der Zeit und akzeptieren auch Bitcoins. Unser Wallet: 3PVxaabSZGwfWwzFykxLJqTwV7rYrpqjK8Kopiert!
Kommentieren hilft auch! Deine Gedanken, Fragen oder einfach ein nettes Hallo freuen uns – und andere Leser!

Sag's weiter! Wenn Dir unser Beitrag gefallen hat, schick ihn doch an Freunde, Familie oder Dein zukünftiges Reise-Ich.

Kommentare zeigen / schreiben (0 Kommentare)
L

0 Comments

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert