
Ein heiß diskutiertes Kapitel dieser Reise, bei der wir deutlich gesehen haben, wie der deutsche Michel tickt und wer aus unserem sozialen Umfeld sein Gehirn auch zum Denken nutzt. Während Deutsche daheim an der Tastatur Hetzkommentare schickten, hatten wir, mal wieder, eine tolle Zeit in Russland. Für mich war es das 10. Mal dort.
Da diesmal der Fokus unserer Reise nicht auf Russland, sondern auf Ländern der Seidenstraße liegt, hatten wir nur das deutlich günstigere Transitvisum beantragt. Für die mit 600km kürzeste Strecke von Georgien nach Kasachstan durch Russland bekommt man von der russischen Botschaft in Tiflis drei Tage, also 72 Stunden, Zeit. Das klingt gut machbar und entspannt, aber schon da scheiden sich die Geister.

Die kürzeste Strecke führt nämlich durch Tschetschenien und Dagestan. Und da, so weiß der gut informierte deutsche Michel auf dem heimischen Sofa, ist es unglaublich gefährlich, noch gefährlicher als in Russland generell. Wenn Ihr mal in die Abgründe der deutschen weltfremden Bildungslosigkeit und Propagandaopfer schauen möchtet, scrollt gerne durch eine Auswahl der Kommentare, die wir geschickt bekommen haben, als wir einfach nur unsere Freude über das Transitvisum teilen wollten… Wir sind bei sowas immer froh, dass wir seit mittlerweile über acht Jahren sicher sind, solche Menschen nicht täglich beim Bäcker treffen zu müssen. Hier eine Auswahl mit Klarnamen, weil diese Menschen ihre Meinung auf unserem öffentlichen Profil genau so öffentlich kundgetan haben:
Der letzte Blogbeitrag endete mit großer Ungewissheit: unser Transitvisum startete am Sonntag und der Bergpass zur einzigen georgisch-russischen Grenze war seit Donnerstag gesperrt. Wir saßen noch am Samstag im Skiort Gudauri fest, in dem schon alles geschlossen war, denn laut Kalender ist ja schon längst Frühling und die Schneemassen vor der Tür unglaublich ungewöhnlich. In der langen Schlange der seit Tagen Wartenden steckten auch viele Reisende fest, deren Visa schon begonnen hatte. Wir waren ganz entspannt, denn irgendwie wird irgendwann immer alles gut.

So auch diesmal: der Pass öffnete nachmittags und wir rollten über den tief verschneiten Kreuzpass gen Norden. Wir sind den Pass schon unzählige Male gefahren und er ist auch im Sommer schön, aber jetzt, im Winterwetter (Ende April), war es spektakulär schön. Auf der anderen Seite eines Tunnels wurde das ewige Grau des Himmels sogar blau und unser Warten wurde mit allerschönstem Winterwetter belohnt: herrlich!

Stepantsminda, am Fuße des Kasbeg Berges begrüßte uns zwar winterlich, aber doch ein wenig heimatlich – so oft waren wir schon dort. Wir nahmen uns ein Zimmer in einem für dieses Jahr allerletzten georgischen Homestay, verprassten unsere letzten georgischen Lari für ein allerletztes georgisches Festmahl und kuschelten uns bei draußen -7°C in herzige Bettwäsche.

Punkt acht Uhr trafen wir uns mit den „Traefelis“, einer Reisefamilie aus der Schweiz, um gemeinsam zur Grenze zu fahren. Wegen des tagelang gesperrten Bergpasses hatten wir lange Wartezeit vor uns und zu sechst wartet es sich irgendwie schneller. An dieser Grenze wartet es sich allerding auch besonders schön, denn man fährt oder steht in einem engen, steilen und schroffen Tal. Wir Frauen und Kinder hatten leichtes Spiel, da unsere Autos jeweils auf die Männer zugelassen sind und der Fahrzeughalter die Zollpapiere erledigen muss. Auf russischer Seite trafen wir Kathrin von „holyandhappytravelers“ wieder. Ihr Mann wurde bei der Einreise zum Interview gebeten. So auch Jan und andere ausländische Männer. Das ist, anders als online von „Experten“ fabuliert, nicht neu, sondern ganz normal. Für Jan war es das dritte Interview, seitdem wir zusammen reisen und diverse Reisefreunde kennen das auch. Auch das Notieren der IMEI-Nummer der Handys wurde schon 2018 gemacht, als wir zur Fußball-WM nach Russland (an derselben Grenze) eingereist sind. Nichts hatte sich am Prozedere geändert, seitdem wir vor fünf Jahren zuletzt nach Russland eingereist sind. Gar nichts.

Was sich geändert hatte ist, dass mancherorts das GPS-Signal gestört wird: für Endgeräte, die weder chinesische noch russische Satelliten empfangen können (und das sind die der Durchschnittsreisenden), ist das in und um die Stadt Vladikavkas. Für Reisende, die „weltoffenere Endgeräte“ haben, ist das GPS-Signal nur rund um den Flughafen gestört. Was diesen Reisenden allerdings nichts ausmacht, denn die können nach Straßenschildern fahren. Dazu muss man halt Kyrillisch lesen können oder sich vorher die Orte zumindest mal auf der Landkarte angeschaut haben. Aber auch das ist für den Durchschnittsreisenden nicht einfach und daher gibt es all diese reißerisch – dramatischen Berichte im Internet.

Wir rollten durch Tschetschenien Richtung Grozny. Weil wir schon öfter in Russland waren, wissen wir, dass es in Russland autonome Republiken gibt und diese an ihren Landesgrenzen immer eine Art Grenzkontrolle haben. Wer Landeskunde lesen kann, weiß das auch. Wer nicht weiß, dass man bei Ein- und Ausreise nach und aus solcher Republiken Checkpoints hat und dass an diesen Grenzen eben Uniformierte wie an jeder anderen Grenze dieser Welt stehen, der erzählt dann halt auch Blödsinn im Internet. Wir reisten nach einem freundlichen Gespräch mit netten Tschetscheniern mit tollen roten Bärten ein und später genauso nett wieder aus.

Auch Dagestan ist eine Republik und auch da gibt es Checkpoints. Angeblich hätten wir, wenn all die Infos anderer Reisender stimmten, insgesamt 11-mal angehalten werden müssen. Ob es daran lag, dass wir oder andere nicht richtig zählen können oder wir Glück hatten oder die angebliche Masse an Checkpoints nicht realisiert haben, weil wir ein normales Auto und kein auffälliges Fahrzeug fahren, wissen wir nicht. Wir rollten ganz entspannt durch Dagestan, als unser Passat Hans komische Geräusche machte. Die Sonne war gerade untergegangen und wir wollten eigentlich noch einige Kilometer fahren, weil wir eben nicht die kürzeste Route fahren wollten, obwohl wir durch Tschetschenien und Dagestan fuhren.

Eine Panne ist blöd, nachts nicht gerade angenehm, während eines tickenden Transitvisums etwas ungünstig – und wir waren beide trotzdem ganz entspannt. Wir sahen nämlich rund 500m entfernt eine Tankstelle. Und als ich die Kassiererin der Tankstelle nach einer Werkstatt fragte, deutete sie auf den Platz hinter ihr: es war Sonntag, 20 Uhr und die Werkstatt hatte auf. Mütterchen Russland passt auf uns auf! Als sich der Werkstattmeister dann auch noch mit „Hans“ (als Kurzform von Hassan) bei uns vorstellte, wussten wir: besser geht’s nicht!

Hans schaute Hans unter die Haube und bald war klar: das Lager der Servopumpe war nach 35 Jahren doch schon dabei, sich in Einzelteile zu zerlegen. Nach längerem Hin und Her entschied Hans, dass es für uns besser sei, ohne Neuteil weiter zu fahren. Seiner Meinung nach würde es zu lange dauern (es war ja Sonntagabend), eine neue Pumpe zu besorgen und er hatte Bedenken, sie dicht zu bekommen. Er bastelte uns einen kürzeren Riemen für den Fall, dass wir ohne Servolenkung fahren wollten und berechnete nichts. Der Preis? „Freundschaft!“ Fast zwei Stunden saßen wir bei ihm mit seinem Mitarbeiter und diversen Kunden in der Werkstatt auf dem Sofa und verstanden uns mit all den bärtigen Männern prächtig.

Es war spät und wir fragten, ob es okay sei, auf dem Garagenhof in Hans zu übernachten. Bitte was? Alle Anwesenden in der Werkstatt schauten uns an! Nein! Das ist Dagestan! Ihr kommt mit nach Hause! Und schon düsten wir mit Hans Hans hinterher. Seine Frau tischte auf, dass der Tisch sich bog. Der Neffe hatte Geburtstag und es war viel vom Festmahl übriggeblieben. Und weil das nicht reichen konnte, holte Hans noch eingeweckte, selbst gesammelte Waldpilze und Kompott (das ist außerhalb von Westeuropa ein Obstgetränk) aus dem Kellerloch unter dem Küchenteppich.

Es war nach Mitternacht, als wir ins Gästebett auf dem Sofa krabbelten. Nach einem gemeinsamen Frühstück voll hausgemachter Leckereien machten wir uns auf die Weiterfahrt. Obwohl uns die Familie so umsorgt und gemästet hatte, durften wir nicht fahren, ohne auch noch ein Geschenk von 3l „Kompott“ (das Getränk, nicht das Essen) anzunehmen. Ungebrochene Gastfreundschaft, sobald man Westeuropa verlässt!

Hans der Mechaniker hatte den Zahnriemen an Hans dem Auto etwas gelockert, was den Geräuschpegel des defekten Lagers senkte. Er war der Meinung, dass wir die noch fehlenden rund 350km zur russischen Grenze schaffen sollten. Und wir waren er Meinung, dass wir noch ein bisschen mehr Risiko und Abenteuer wollten und beschlossen, an unserer ursprünglich geplanten Route festzuhalten und keine 600, sondern 1130km durch Russland zu fahren. Wir kamen nur 250km weit. Dann wurde das Geräusch furchtbar und es trat Öl aus, was auf dem heißen Motor zu rauchen begann, sodass wir besser doch anhielten. Direkt vor einem Feld, auf dem gerade ein Bauer eine Ladung Kohlköpfe verschacherte. Ich bat um Hilfe und als ein paar Bündel Rubel und ein paar Papiere den Besitzer gewechselt hatten, war das Kohlgeschäft gemacht und der Bauer bat mich in seinen Lada Niva. In Deutschland aus Gründen nicht auf dem Markt, ist das aktuelle Modell ein echter Wolf im Schafspelz. Außen optisch unverändert, innen Hightech mit großem Bildschirm und tausend Knöpfen, die in einem aktuellen „Westfahrzeug“ ebenso zu finden sind. Der Bauer schaute Hans kurz unter die Haube und düste mit seinem Niva los, einen Mechaniker holen. Der sah sich das Problem von Hans an, telefonierte herum und hatte eine Mietwerkstatt klargemacht, in der er für uns arbeiten durfte.

Kaum war die defekte Servopumpe ausgebaut, war sie auch schon bestellt. Lieferzeit: 1,5 Stunden. Stunden. Nicht Tage, wie in …land. Um die Wartezeit zu überbrücken, schlug der Mechaniker vor, im Restaurant gegenüber (vier Tische) zu Mittag zu essen. Während wir aufs Essen warteten, kam ein Unbekannter ins Restaurant, der vom Dorf-Funk erfahren hatte, dass Ausländer da seien und wollte wissen, aus welchem Land wir kommen. Wir sagen mit bulgarischen Kennzeichen immer „Bulgarien“, auch weil das in den meisten Ländern der Welt im Gegensatz zu „wir sind aus Deutschland“ konfliktfrei ist. Und das schien ein Volltreffer zu sein: der Unbekannte war Ringen-Fan und erzählte, dass es viele Athleten aus Dagestan gäbe, die für Bulgarien starten – und gewinnen.

Wir wissen, dass Bulgarien sehr stark im Kampfsport ist, aber mussten dann auch erstmal googeln: Der Olympiasieger im Ringen von 2024 (Magomed Ramazanov) tritt zwar für Bulgarien an, stammt aber aus Dagestan – und ist auch noch Ehrenbürger in „unserer“ Stadt Veliko Tarnovo! Auch sein Sportkollege Shamil Mamedov stammt aus Dagestan und kämpft erfolgreich für Bulgarien. Zugegeben: Ringen ist nicht so unser Sport, wir wissen nur, dass Bulgarien da sehr oft gewinnt. Aber der Fremde war so begeistert und es sprudelte nur so hervor aus ihm über „Trainingsmethoden aus Dagestan“, die Bulgarien so erfolgreich im Ringen mache. Letztendlich sprang er auf und zahlte am Tresen unsere Rechnung. Einfach so. Für uns und den Mechaniker. Dann verschwand er fröhlich und wir haben jetzt gelernt, dass Dagestan am bulgarischen Sporterfolg maßgeblich beteiligt ist. Wir kannten vorher nur Dan Kolov, den „stärksten Mann der Welt“ aus den 1930-er Jahren und die bulgarische Sportikone im Ringen.

Nach der zweiten Kanne Tee wurde unsere neue Servopumpe geliefert – allerdings ohne neue Dichtung, sodass der Mechaniker die 35 Jahre junge wieder verwenden musste. Er gab uns noch eine zweite Flasche Servoöl mit und wünschte uns eine gute Reise. Während all der Zeit, die Hans das Auto uns ein wenig „Abwechslung“ beschwert hat, dachte ich „das kann man einfach niemandem erklären, warum wir mit einem 35 Jahre alten Fahrzeug reisen“. Genau solche Erlebnisse mit Hans dem Mechaniker, den Begegnungen in seiner Werkstatt, seiner Familie, dem Kohl-Bauer und seinem tollen Lada, dem Ringer-Fan und dem Mechaniker mit Katze,… all das wäre uns entgangen, wenn wir mit einem Neuwagen in kürzester Zeit durchs Land gedüst wären. In diesen zwei Tagen in Dagestan haben wir so viele Menschen kennengelernt, Gespräche geführt und Dinge gelernt, die anderen Reisenden in ihren Hochglanzfahrzeugen verborgen bleiben. Wir sind Hans nicht böse für die Panne, sondern dankbar. Und Russland ist ein perfektes Land, um eine Panne mit Hans zu haben, denn Teile sind überall verfügbar.

Wie auch sonst so ziemlich alles verfügbar ist. Für uns hat sich das Angebot in russischen Supermärkten nicht verändert. Überhaupt nicht. Es gibt weiterhin Coca-Cola und alle anderen „Westlebensmittel“, man kann „Westkosmetik“ und alles andere wie früher auch kaufen. Was sich tatsächlich geändert hat, ist der Preis. Selbst unser russisches Lieblingseis ist deutlich teurer geworden. Ihr bekommt in Deutschland einfach ein komplett anderes Bild von Russland vermittelt und glaubt es, ohne zu hinterfragen. Ach ja: die Autobahnen sind nachts beleuchtet, wo wir unterwegs waren. Nur mal so. Fahrt einfach mal selbst in die Welt, statt sie vor dem Fernseher „kennenzulernen“!

Es waren noch 11km zum Ekranoplan, der Grund unseres Umweges. Die „Lun“ ist die letzte Überlebende ihrer Art: ursprünglich in den 1970ern gebaut, um trotz ihrer immensen Größe schnell und unsichtbar feindliche Schiffe angreifen zu können. Ein Ekranoplan fliegt in ein bis fünf Metern über der Wasseroberfläche und war in den 1970ern fast unmöglich, auf dem Radar zu entdecken. Und weil die „Lun“ keinen Wasserkontakt hat, ist sie auch nicht mit Sonar zu entdecken. Mit ihrer Geschwindigkeit von 500km/h ist sie deutlich schneller als Schiffe und konnte dadurch blitzschnell aus dem Nichts auftauchen und wieder unsichtbar verschwinden. Ein cooles Gerät, was ich schon länger mal sehen wollte!

Mit dem Zerfall der Sowjetunion endete der Kalte Krieg und die Lun wurde unnütz. Vor einigen Jahren wurde sie im Süden Dagestans an einen Strand gezogen und dort kürzlich renoviert. Um sie herum entsteht gerade ein Freilichtmuseum mit weiteren russischen „Fluggeräten“ und ein Museumsgebäude, auf dessen Terrasse man jetzt schon quasi „Auge in Auge mit dem Piloten“ ist. Wenn wir das nächste Mal „in der Gegend sind“, kommen wir auf jeden Fall wieder in der Hoffnung, die Lun dann auch von innen bestaunen zu können.

Das „Kaspische Seemonster“ ist irgendetwas zwischen Schiff und Flugzeug und wirkt wirklich monströs: sie ist fast so lang wie eine Boeing 747-8, aber gegen das Seemonster wirkt der Buckelwal fast sportlich-filigran. Aber sie ist ja auch die Queen, die Königin der Lüfte und kein Monster. Das Monster hingegen hat vergleichsweise fast Stummelflügel und mit ihren acht Triebwerken (doppelt so viele wie die Dicke Berta!) wirkt es auch ziemlich übergewichtig. Wir dachten an die Papageientaucher: die sind auch pummelig, haben Stummelflügel und können sich in Wasser und Luft bewegen. Und wir mögen Papageientaucher. Und auch das Seemonster.

Dann hatten wir noch rund 30 Stunden Zeit, die 780km zur Grenze abzureißen. Wir fuhren wieder, bis es dunkel wurde und nahmen uns das erstbeste Hotel, um dort kurz zu schlafen, bevor es morgens wieder weiter ging. Russland zu durchqueren ist immer eine Geduldsache. Man fährt geradeaus. Immer. Tagelang, wochenlang. In der Regel ändert sich die Landschaft wochenlang nicht. Die einzige Abwechslung besteht aus „Birke links, Birke rechts“ oder „Kiefer links, Kiefer rechts“. Städte gibt es auch nur alle paar Tage. Eigentlich, denn zwischen Georgien und Kasachstan gibt es viele, viele Städte und die Landschaft ändert sich doch, sodass die Strecke für „Russland – Einsteiger“ ein wenig „Lockmittel“ ist: man fährt zunächst entlang des derzeit noch spektakulär verschneiten Kaukasus, nähert sich dann grünem Küstengebirge mit mystischen Wolken, um dann in die für Einsteiger noch neue „mongolische Steppe“ Kalmückiens zu fahren, in der Schafe, Ziegen und Pferde grasen und hier und da eine Stupa steht. Mongolei eben.

Wir waren schonmal in der autonomen Republik Kalmückien und so warteten wir regelrecht auf die „Mini-Mongolei“. Denn auch ethnisch sind die Menschen dort mongolisch! Sie kamen im 17. Jahrhundert aus dem Westen der Mongolei und leben bis heute ihre mongolisch – buddhistischen Traditionen – und ihre Sprache, das „Kalmückisch“. Ich kann es nicht vom Mongolischen unterscheiden und frage mich, ob ein moderner Mongole und ein moderner Kalmückier sich in ihren jeweiligen Muttersprachen verstehen würden?

Kurz vor Astrachan wurde der GPS – Empfang wieder gestört, aber wir fuhren auch wieder in der Nähe des Flughafens, auf den gerade eine MiG zuflog. Auch ohne GPS navigierten wir zügig durch die Stadt und rollten pünktlich zum Sonnenuntergang auf die Grenze zu: vier Stunden vor Ablauf des Visums wurden wir ausgestempelt. Hinter uns lagen schöne Erlebnisse, „herzwarme“ Erinnerungen an gastfreundliche Menschen und 68 viel zu kurze Stunden. Wir können nur all jenen, die sich so über uns und unser Visum aufgeregt haben raten, den Fernseher auszuschalten, die Zeitung beiseite zu legen und sich die Welt mit eigenen Augen anzuschauen. Mütterchen Russland hat uns auch dieses Mal wieder in ihrem Schoß willkommen geheißen!

Und dann wurde es dank Zeit Umstellung sehr schnell sehr spät. Es war nach 10 Uhr abends, als wir in eine überteuerte Bleibe 45km hinter der Grenze eincheckten. Es war zu spät, um noch etwas zu Essen aufzutreiben, zu spät, um selbst zu kochen und so lagen wir auf dem Bett und knabberten bulgarische Brotstangen. Das Frühstück am nächsten Morgen fiel auch mager aus (Schokoriegel von der Tankstelle), aber wir rollten trotzdem rundum zufrieden durch die kasachische Steppe mit ihren Kamelen und Pferden.

Der 35 Jahre alte Dichtring sprühte konstant, aber beherrschbar Hydrauliköl in Motorraum und unter Hans hindurch auf die Heckklappe, sodass unser erster Stopp in Atyrau eine Werkstatt war, die sofort und unkompliziert eine neue Dichtung einsetzte. Die ist jetzt auch dicht und Hans frisch gewaschen.

Wir sind ja nach Kasachstan gekommen, um Hans „zu pimpen“ und Atyrau ist unser erster Stopp. So verbrachten wir den zweiten Tag auch in und um Werkstätten, denn hier gibt es mit der „Car City“ ein Kaufhaus, in dem es nur Autoteile gibt. Und natürlich alles, was wir für Hans brauchten. Das Wichtigste: er hat jetzt keine hässlichen „Ochsenaugen“ mehr, sondern guckt mit den Augen in die Welt, die sich VW vor fast 40 Jahren mal für ihn ausgedacht hat. Ich langweile Euch jetzt nicht mit weiteren Details zu Hans, aber möchte noch schnell erzählen, wie sehr wir derzeit genießen, wieder andere Reisende zu treffen.

In den letzten vier Jahren in Afrika haben wir, da wir antizyklisch und abseits der Hauptrouten reisen, nur sehr, sehr selten andere Reisende getroffen. Hier sind wir, insbesondere seit Tiflis, auf völlig ausgetretenen Pfaden unterwegs und haben zwischen Tiflis und Atyrau schon so viele andere Reisende getroffen, wie in ganz Afrika nicht. Es ist schön, nicht mehr allein zu sein!

Während Ihr das hier lest, machen wir uns auf unseren neuen, russischen Sommerreifen auf den langen Weg nach Süden: am 11.5. reisen wir in Turkmenistan ein und bis dahin liegen noch rund 1500km durch die Wüste vor uns. Und wir möchten mit Hans auch ein paar Tage „richtig“ in die Wüste. Mal sehen, wie gut das klappt, denn vor zwei Wochen hat es in Mangystau Unwetter gegeben und gestern erreichten uns Bilder von anderen Reisenden, de dort im Schlamm stecken genlieben waren. In Mangystau. In der Wüste. Dieses Jahr ist der Wetter-Wurm drin. Unser „Wetterfluch“ ist seit der Einreise nach Russland endlich gelöst: seit einer Woche kein Regen mehr!
Im aktuellen Video könnt Ihr sehen, warum das trockene Wetter so gut für die Seele ist: hinter uns liegen mittlerweile fast zwei Monate Mistwetter:



























































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