Eine Kreuzfahrt ist ganz lustig

Die ersten Tage unserer Kreuzfahrt liegen hinter uns und wir haben uns nun schon ein bisschen „eingelebt“. Unterm Strich kann man sagen: Reisen mit der Mein Schiff 6 ist wie Urlaub in einem deutschen Hotel der gehobenen Mittelklasse.

Letzten Sonntag war Start in Las Palmas, Gran Canaria. Wir durften erst nachmittags aufs Schiff und mussten daher noch den Tag irgendwie „totschlagen“. Wir waren vor acht Jahren ja schon auf Gran Canaria, sind damals aber direkt von Deutschland geflogen, weil das unser Start ins Lebenskapitel „Reise open end“ war. Damals ist es uns nicht so aufgefallen, wie siffig und abgerockt die Stadt (und wie grottig das Internet) ist. Doch jetzt, nach den letzten Monaten in absolut sauberen, extrem gepflegten und „herausgeputzten“ Städten Zentralasiens (und acht Jahren in bester Internet – Infrastruktur) waren wir geschockt: die Stadt (und ihre Menschen) wirkte unglaublich verwahrlost auf uns. Stinkende Pfützen unbekannter Herkunft, Müll, Graffiti und andere Schmierereien,

in manchen Ecken ein penetranter Gestank nach Urin, Gras wächst fast kniehoch aus manchen Pflasterritzen (in Hamburg übrigens auch!), Putz bröckelt, Farbe blättert ab, Metallgeländer an Bushaltestellen rosten vor sich hin. Merkwürdige Menschen in seltsamen Outfits hängen morgens schon mit Bier Buddel oder Tetrapacks voll Rotwein herum, eine Kippe im Mundwinkel hängend und vom Leben gezeichnet. Nicht anders als in vielen deutschen oder anderen westeuropäischen Städten, aber wenn man wie wir die letzten Jahre so etwas nicht erlebt hat, wirkt Westeuropa plötzlich extrem abstoßend. Der Niedergang ist deutlich sichtbar. Wir fühlten uns sehr unwohl. Merkt man wie gesagt nicht, wenn man aus Deutschland nach Gran Canaria fliegt, ging uns beim letzten Mal auch so. Das „abgewrackte Westeuropa“ erkannte aber auch ein deutsches Ehepaar, das wir auf dem Schiff kennenlernen. Sie sind vor 10 Jahren nach Übersee ausgewandert und kommen damit auch schlecht klar.

Um irgendwie den Tag noch „rumzubringen“, gingen wir ins Technik- und Wissenschaftsmuseum. Wir hatten in Bewertungen schon online gelesen, dass viele Exponate beschädigt seien und einige Experimente nicht mehr funktionieren sollten, aber der Eintritt von 8€ trotzdem okay sei. So war es auch. Wir hatten bei dem, was funktionierte wirklich Spaß und weil ein 3D-Kino mit Film über Blauwale im Eintrittspreis inkludiert war, fanden wir den Eintritt sogar günstig. Und: wir schafften es, die Zeit bis zu Einchecken aufs Schiff mit Spaß zu verbringen.

Dann durften wir los. Die anderen Passagiere rollten ihre großen Hartschalenkoffer zum Hafen oder wurden direkt vom Flughafen mit Bussen herangekarrt, wir schleppten unsere „Türkenkoffer“ mit insgesamt 21kg für zwei mühsam zum Kreuzfahrtterminal. Diese Plastiktaschen haben einfach sehr dünne Plastikriemchen als Griffe und die schneiden ein, wenn man damit ein Stück (in unserem Fall 1,5km) läuft. Weil wir ja in Kapstadt mit den Motorrädern weiterreisen, können wir kein „richtiges“ Gepäck nehmen und reisen mit „Wegwerfgepäck“, beziehungsweise „Verschenk-Koffern“. Manchmal nehmen wir auch einfach große Pappkartons, aber die kann man ohne Gepäckwagen gar nicht transportieren.

Unser Gepäck wurde gescannt, wir zu unserer Gesundheit und vorherigen Aufenthalten befragt, zum Beispiel „Waren Sie in den letzten Wochen im Kongo?“. Mit meiner Gegenfrage „Welches Kongo?“ hat der „TUI-Mensch“ sicher nicht gerechnet, aber nein, wir waren in keinem der Kongos. Zumindest nicht in den letzten Wochen. Leider, denn ins „kleine, gute Kongo (RoC) möchte ich sehr gerne nochmal. Dann gab’s noch ein Fotoshooting und wir durften in unsere Kabine. Riesige Kabine! Wir haben ja unterste Buchungsklasse, unterstes Deck gebucht, aber den geringen Aufpreis für den Luxus einer Außenkabine gezahlt. Weil wir bisher nur auf Fähren waren, hat uns die Größe der Kabine wirklich positiv überrascht. Die beworbenen 17 Quadratmeter fühlten sich riesig an. Wie erwartet steht das Sofa am Fenster und im Fenster gibt es Polster, um stundenlang aufs Wasser schauen zu können.

Das Wasser ist auf Deck drei wirklich nah am Fenster, aber genauso nah sind dann natürlich auch Tiere wie Möwen, fliegende Fische und vielleicht auch Delfine oder sogar Wale. Auch das Bad kam uns sehr geräumig vor, wir waren insgesamt sehr positiv überrascht. Dann begannen wir, unser mickriges Gepäck auszupacken. Es gibt in der Kabine so viel Stauraum in Form von einer nicht endenden Zahl an riesigen Schubladen und Schränken, Regalen und Ablagen, dass wir hoffen, am Ende der Fahrt unsere „sieben Sachen“ auch wieder zu finden.

An Bord der Mein Schiff Flotte ist fast alles inklusive, aber auch nur fast. Wir machten einen ausgedehnten Rundgang durch alle Bereiche und 14 Decks des Schiffes, um zu lernen, was für uns inkludiert ist und was nicht. Für Gäste der Suiten gibt es separate Bereiche, in die wir nicht hineindürfen, aber ansonsten steht uns alles zur Verfügung. Manche Restaurants allerdings sind kostenpflichtig, wie zum Beispiel ein Sushi-Restaurant oder ein Steakhouse. In anderen Restaurants wie der Pizzeria sind einige wenige Gerichte (Pizza Margherita zum Beispiel) inklusive, alles andere hat normale Preise wie in der etwas gehobeneren deutschen Gastronomie mittlerweile üblich.

In den meisten Bars und Cafés sind auch viele Getränke, auch Alkohol, inklusive, aber eben auch nicht alle. Man muss die Karte genau studieren, bevor man bestellt. Das Café auf unserem Deck beispielsweise ist komplett kostenpflichtig, das vorne am Bug auf Deck 12 serviert alle Kaffeesorten inkludiert. Am zweiten Tag hatten wir grob verstanden, was inklusive ist und was nicht und wie wir ohne weitere Zusatzkosten bis Kapstadt kommen. Es ist nämlich möglich, sich jeden Tag zu überfressen und tot zu saufen, ohne einen Pfennig extra auszugeben.

Beim ersten Abendessen merkte ich auch: meine Angst vor billigem Industriefraß war völlig unbegründet. Der günstige Reisepreis von 1997€ in der untersten Kategorie bedeutet nicht, dass man Tiefkühlkost bekommt. Wir lernten, dass nur 14% der Kabinen keinen Balkon haben und die Masse der Passagiere mindestens den dreifachen Reisepreis bezahlt hatte. Man kann sich jeden Abend entscheiden, ob man in ein Restaurant geht und ein Menü genießt oder sich im Buffetrestaurant in die Schlacht begibt. Am ersten Abend entschieden wir uns für Restaurant und das vegane Menü und waren wirklich begeistert: Service und Essensqualität waren einfach super!

So deutsch, dass man besser noch einen Umlaut zu viel hinzufügt. Doppelt hält besser 🙂

Zum Frühstück gingen wir ins Buffetrestaurant, um mal zu sehen, was es dort gibt. Nun ja, es ist ein deutsches Schiff und da gibt es deutsches Frühstück; hauptsächlich Brot, Brötchen und Aufschnitt und Marmelade. Es gibt auch Müsli, aber die vier Sorten sind allesamt über Nacht eingeweichtes Zeug, neumodisch würde man das „overnight oats“ nennen. Das Obst beschränkt sich aus praktischen Gründen auf gut lagerfähige Sorten wie harte Melonen, holzige Kiwi, Zitrusfrüchte, Äpfel, harte Guaven und saure Blaubeeren. Manchmal reife Papaya. Es gibt ein bisschen Fisch (Rollmops etc.), Eierspezialitäten, Speck, Nürnberger Würstchen und Bohnen. Frischer Saft kostet extra.

Der erste Tag war ein Seetag. Wir fuhren von Gran Canaria nach Agadir. Liegt so überhaupt nicht auf der Strecke und ist komplett die falsche Richtung und war auch gar nicht geplant, als wir gebucht haben. Aber „heutzutage ist es einfach schwer, gutes Personal zu finden“, sagt ein Freund von uns immer und das Problem hat wohl auch die TUI. Der ursprünglich geplante Halt in Dakar hätte für die Passagiere bedeutet, dass alle eine Gelbfieberimpfung vorweisen müssen. Und das ist in der EU ein Problem, denn dort werden Menschen über 60 Jahren nicht mehr geimpft. Da das Durchschnittsalter an Bord wegen der extrem vielen Seetage der Reise wahrscheinlich deutlich über 60 liegt, war das ein Problem, das die TUI dann auch erkannte und die Route sinnlos änderte. Deswegen fuhren wir von den Kanaren „rückwärts“ nach Agadir – um dann wieder zurück auf die Kanaren, nach Teneriffa zu schippern.

Das Buffetrestaurant vor der Schlacht

Am Abend des Seetages probierten wir aus, was es im Buffetrestaurant so gibt. Es gibt vor allem: unbegrenzte Mengen. Es ist unglaublich, was sich die Leue alles reinschaufeln, nur weil es inkludiert ist! Und natürlich gibt es hauptsächlich deutsche Küche. Ein Spanferkel wurde angeschnitten, es gab Hirschgulasch und Petersilienkartoffeln. Kein lokales Essen, weder von den Kanaren noch von Marokko. Da könnte man so viel draus machen, aber wahrscheinlich wird das von den Gästen nicht angenommen. „Perlen vor die Säue“ vielleicht, zumindest im Buffetrestaurant. Am nächsten Abend aßen wir wieder ein Menü im Restaurant, wo Publikum und Atmosphäre eine ganz andere ist. Da wird nicht gefressen und geschaufelt, sondern diniert. Und am Ende des Fünfgangmenüs ist man zwar satt, aber nicht völlig überfressen.

Unsere “Kaffee-Schublade” und die zwei Weithalsflaschen. Spart täglich viel Geld!

Man kann theoretisch 24 Stunden durchfuttern oder durchsaufen, es gibt immer irgendwo etwas zu essen oder trinken und das ohne Aufpreis. Man muss wie gesagt nur aufpassen. Die Flasche Mineralwasser auf der Kabine kostet 3,10€, Wasser aus dem Wasserspender irgendwo vor dem Bordhospital versteckt ist kostenlos. Da wir aber dank einer Facebookgruppe zu dieser Reise bestens informiert waren, haben wir zwei große Weithalsflaschen dabei und zapfen einfach Trinkwasser. Auf der Kabine gibt es auch eine Nespresso Maschine, aber pro Tag und Person ist nur ein Kaffee inklusive, jede weitere Kapsel kostet so viel wie eine halbe Packung im Laden. Dank der Facebookgruppe haben wir aber Kaffeekapseln von zuhause mitgebracht und waren auch sonst bestens vorbereitet mit Magnethaken für Wäscheleine und Klamotten, Waschschüssel für die Handwäsche statt teurem Wäscheservice, sogar unser alter „Zuglufthund“, der uns fünf Jahre lang in unserem VW Passat „Hans“ die fehlende Matratzenbreite überbrückt hat, ist mit an Bord, um nachts die Badezimmertür lichtdicht zu machen, da darin konstant ein „Komfortlicht“ brennt, das dank der Zwangsbelüftung der Tür dann die gesamte Kabine erhellt.

Wenn man möchte, kann man an Bord ganz schön viel Geld ausgeben. Und nicht nur mit 3,10€ für Mineralwasser, auch sonst. Besuch auf der Brücke? 99€ pro Person. Tanzkurs, Backkurs, Verkostung, Kosmetikanwendungen, sogar Permanent Make-Up und Lebensberatung werden für nicht gerade kleines Geld angeboten – und angenommen. Wir brauchen weder Lebensberatung noch Make-Up und sind schon mit der Nutzung aller Inklusivleistungen gut beschäftigt. Jan geht jeden Tag ins Sportstudio und „fährt Fahrrad“, wir genießen die Lounge im Bug mit Seeblick und Tee, hören Lektoren zu und gönnen uns nachmittags zur „Kaffee und Kuchen“ Zeit eine Zimtschnecke, lassen aber die mittägliche Buffetschlacht aus. Die Abendveranstaltungen zeigen, dass wir eine Generation zu jung sind und zu Hits unserer Eltern ausgelassen gefeiert wird, aber das wussten wir vor der Buchung schon.

Wir haben keine überteuerten Landausflüge gebucht und sind an unserem ersten Halt Agadir nur ausgestiegen, weil wir noch lange genug an Bord sein würden und ich den Geruch eines nordafrikanischen Souks wieder riechen wollte. Nun ja, Agadir ist dafür zu touristisch. Und wenn zusätzlich zu den ganzen Strandurlaubern und Badegästen, die in den jetzigen Herbstferien die Stadt schon gut füllen auch noch ein Kreuzfahrtschiff ankommt, ist Agadir einfach nur völlig überlaufen. Genau der Grund, weswegen wir Agadir in der Vergangenheit nur zum Einkaufen genutzt haben. Denn Agadir bedeutet „letzter Baumarkt vor Namibia“ oder „erster Supermarkt seit Dakar“, je nach dem, aus welcher Richtung wir in den letzten Jahren kamen.

Nach einem Orangen-Granatapfelsaft auf dem Souk und einer Kanne „thé a la menthe“ in einem Straßencafé taten wir dann doch das, was wir in Agadir immer tun: einkaufen. Diesmal keinen Bremsenreiniger oder Schlauchschellen im Baumarkt und auch kein Dosenproviant im Hypermarché sondern reifes Obst vom Markt und Müsli aus dem Supermarkt. Dazu ein paar Chips und Schokolade, weil es wider Erwarten an Bord keinen kleinen Supermarkt gibt, in dem man eine Auswahl davon hätte. Es ist eben ein Kreuzfahrtschiff und keine Fähre. Fressen ist inklusive und wir sind nicht auf unser klassisches „Chips-Abendessen“ angewiesen, um unser Geld zusammenzuhalten oder schlechtes Essen zu umgehen.

Nachdem wir eingekauft, uns 7km die Füße vertreten und auch die eine oder andere Katze gestreichelt hatten, sind wir zurück an Bord, weiter das tun, weswegen wir hier waren: Urlaub. Entspannen. Lesen. Nichtstun. Und das klappt ganz gut. Man kann an Bord aus der Bibliothek kostenfrei Bücher ausleihen (das mit der Rückgabe verstehen leider einige Gäste nicht) oder im Laden kaufen. Wir sind mit rund 25 Büchern allerdings auch gut vorbereitet. Außerdem ist es ab und zu auch mal ganz nett, irgendwo auf dem Schiff zu sitzen und Leute zu beobachten. Die Passagiere sind größtenteils Deutsche oder zumindest deutschsprachige Gäste und man sieht einen kompletten Querschnitt durch die mitteleuropäische Gesellschaft: von Tigerlilly und Altrocker über bäuerliche, hemdsärmelige Rentner zu schrillen Gestalten in auffälligen Outfits und affektiertem Verhalten bis hin zu kultivierten Menschen angenehmer Sprache und Benehmens. Obwohl nicht alle Gäste Deutsch sprechen (wir haben zum Beispiel vier Amerikaner kennengelernt), ist doch alles auf Deutsch, was so weit geht, dass die verpflichtende Sicherheitseinweisung für die vier Amerikaner unverständlich war. Es gibt an Bord einige Kritikpunkte, aber das Meckern überlassen wir denen, die ein Vielfaches unseres Reisepreises gezahlt haben…

Unser heutiger Landgang ist auf Teneriffa, wo wir einen Mietwagen reserviert haben und im Waschsalon Wäsche waschen. Der Wäscheservice an Bord ist nämlich auch nicht gerade ein Schnäppchen 🙂 . Dann geht es in zwei Seetagen weiter auf die Kapverden, wo wir zwei Tage verbringen werden. Weil wir an Bord kein Internet haben (das wäre unglaublich teuer), lest Ihr davon erst, wenn wir wieder eine günstige Möglichkeit gefunden haben, um online zu gehen. Und Zeit dafür finden, denn auf den Kapverden, auf denen ich acht Jahre gearbeitet habe, sind wir schwer beschäftigt, schließlich will ich ehemalige Kollegen wiedersehen und Jan meine ehemalige zweite Heimat wenigstens ein bisschen zeigen. Wir melden uns schon irgendwann wieder! Wie Ihr diese Woche gemerkt habt, ist es sofort in allen Medien, wenn ein TUI Kreuzfahrtschiff Probleme hat. Falls wir also untergehen, bekommt Ihr das auch mit, ohne dass wir uns melden.

Wir sind von den Kapverden bis Namibia acht Tage auf See und gehen in Namibia auch nicht von Bord. Nicht unser Land und auch nicht unser Budget, für die zwei Tage 90€ Visum pro Person zu zahlen. Vielleicht sind wir da online, vielleicht auch nicht. Ihr hört von uns! Spätestens dann, wenn wir gut erholt voll neuer Energie in Kapstadt unsere Motorräder abholen.

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