Krank in Kandahar

Nach unseren zwei intensiven Sightseeing – Tagen in Herat verbrachten wir einen „Büro- und Wäsche- Tag“ im Hotel. Solche Tage sind bei Langzeitreisen immer wichtig, weil man ja nicht nach zwei Wochen Urlaub die Wäsche daheim in die Waschmaschine werfen kann und auch jede nächste Etappe oder das nächste Land vorbereitet werden muss. Wir verließen den ganzen Tag das Hotel nicht und ließen uns abends sogar vom Pizzaservice Essen aufs Zimmer liefern.

Die Wahl des Abendessens ist nicht immer einfach 🙂

Wir teilten uns ein Gericht, das „Pizza“ hieß, aber nicht mal Tomatensauce enthielt, sondern eher ein Teigfladen mit einem Berg Hackfleisch und Frischkäsecreme war. Und diese „Pizza“ hatte es in sich. Ich kämpfte die ganze Nacht mit Brechreiz, entschied mich aber im geistig umnachteten Hirn für Weiterschlafen statt Auskotzen und als wir am nächsten Morgen um 5 Uhr ins Auto stiegen, war mir gar nicht gut und mein Kreislauf drehte schon Extrarunden. Kaum waren wir aus der Stadt heraus, krabbelte ich ins Bett, während Jan fuhr.

Wir sind ja wie Einheimische angezogen und fallen daher auch mit Hans, unserem Passat, nicht auf. Auch an den vielen Checkpoints unterwegs ist niemandem aufgefallen, dass wir keine Afghanen sind, denn europäische Kennzeichen sind chic und an vielen Autos normal. Auch dass ich im Kofferraum im Bett lag, war nichts Außergewöhnliches, denn alle Kombis hier nutzen ihren Kofferraum zum Personentransport und meist sitzt Mutti mit drei oder vier Kindern hinter der Heckklappe. Ich hatte richtig Fieber und bekam von der gesamten Fahrt nichts mit.

Wir hatten eigentlich gar nicht geplant, bis Kandahar zu fahren, sondern wollten uns Qala e Bost, eine (wahrscheinlich) wunderschöne mittelalterliche Festung anschauen, von der noch heute schön verzierte Bögen aus Ziegeln stehen und die auf einem der Geldscheine abgebildet ist. Ein Symbol für nationale Identität vieler Afghanen und wichtiger Teil des nationalen Kulturerbes. Insbesondere im Abendlicht angeblich wunderschön. Weil ich im Fieber ganz bestimmt keine Festung anschauen würde und wir durch einen Feiertag zwei Tage später und unser auslaufendes Visum zeitlich unter Druck waren, entschieden wir in einem meiner wenigen wachen Momente, direkt bis Kandahar durchzufahren.

Das Hotel in Kandahar hatte eine Tiefgarage und befand sich im vierten Stock eines Geschäftsgebäudes. Eine Everest – Besteigung ist wahrscheinlich ein Klacks dagegen als bei über 40 Grad Außentemperatur und Fieber den vierten Stock zu erklimmen. Ich fiel völlig erledigt ins Bett und fieberte die ganze Nacht das Bett nass. Am nächsten Morgen war der Spuk halbwegs vorbei. Ich war das Fieber und mein Darm die „Pizza“ los und die Übelkeit war auch verschwunden – solange ich nicht an Essen denken musste oder versuchte, ein Stück Brot zu essen.

Wegen des anstehenden Feiertages und der ablaufenden Visumsfrist hatten wir für diesen Tag einen Guide gebucht, der uns Kandahar in nur einem Tag zeigen sollte. Ich musste das durchziehen, wenn ich etwas von der Stadt sehen wollte. Also los! Hasan holte uns mit seinem Auto ab und als erstes mussten wir – natürlich – zu Afghan Tour. Wie bereits im letzten Blogbeitrag erklärt, hat Afghanistan die Bürokratie von den Deutschen beigebracht bekommen und so musste wir unser in Mazar i Sharif ausgestelltes Permit für Kandahar gegen gleich zwei neue Zettel austauschen. Kostenlos, aber zeitraubend. Dann konnte es wirklich los gehen!

Unser erstes Ziel waren die „40 Stufen“ außerhalb der Stadt. König Babur (der mit dem Babur Garten in Kabul) hat dort 43 Stufen in eine Felswand einschlagen lassen, die zu einer kleinen Felskammer führen. Von dort oben hat man einen schönen Blick auf die Stadt Kandahar – wenn man oben ankommt. Ich war zu schwach und mein Kreislauf nicht stabil genug, sodass nur Jan die „40 Stufen“ hochkraxelte und mir Fotos von der Felskammer zeigte.

Die Felskammer ist mit persischen Inschriften verziert, die Babur nach jedem seiner Siege dort ins Gestein schlagen ließ. Sein Sohn führte diese Tradition weiter und so ist die kleine Grotte heute reich verziert mit Inschriften der Heldentaten der Familie Babur. Leider, sagt Jan, haben sich dort auch moderne Helden mit Edding verewigt.

Nicht weit entfernt von den „40 Stufen“ ist die Sehenswürdigkeit, die ich schon auf Fotos gesehen hatte und unbedingt life erleben wollte: das Mausoleum von Mirwais Hotak. Mirwais Hotak ist in gewissem Sinne ein Wegbereiter des modernen Afghanistans, da er einen Aufstand gegen die persischen Safawiden anführte und gewann. 1709 wurde Afghanistan dadurch zum ersten Mal unabhängig und „Opa Mirwais“ gilt so ein bisschen als „Vater der Nation“.

Von außen ist das Mausoleum ziemlich unscheinbar, aber innen ist es ganz anders bunt als alle anderen Mausoleen, die wir in Afghanistan gesehen haben: paschtunisch bunt eben und nicht persisch oder timuridisch filigran. Kandahar im Süden Afghanistans ist zu rund 90% (oder mehr) von Paschtunen bevölkert und Mirwai Hotak war einer von ihnen, sodass das Mausoleum insbesondere für Paschtunen wichtig ist.

Ich hatte ja vor zwei Wochen im Blogpost zum Minarett von Jam grob erklärt, wie die Bevölkerung von Afghanistan zusammengesetzt ist und die drei größten Gruppen (Paschtunen, Hazara und Tadschiken) erklärt. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an den Fakt, dass Paschtunen zum großen Teil Sunniten sind und Taliban fast ausschließlich Paschtunen. Die Stadt Kandahar ist die Hochburg der Taliban und deswegen in so ziemlich allen Belangen anders als alle anderen Städte und Regionen, die wir in Afghanistan bereits kennengelernt haben – und das sind sehr, sehr viele. Eigentlich alle außer dem extremen Osten des Landes.

Nicht nur das knallbunte Innere des Mausoleums ist anders in Kandahar, auch das gesamte sogenannte „Stadtbild“. Hier werden wahrscheinlich all die Fernsehbilder gedreht, die vermitteln sollen, dass Afghanistan ein vom Krieg gezeichnetes Land ist. Hier sieht man tatsächlich noch schwer beschädigte Häuser und Spuren des Krieges. Im Rest des Landes beschränkt sich das auf ein paar noch unverputzte Einschusslöcher in Hauswänden, der Rest ist „aufgeräumt“. In Kandahar ist wenig aufgeräumt. Es ist die dreckigste und ärmste Stadt, die wir im ganzen Land gesehen haben. Und es ist die einzige Stadt im Land, in der wir permanent angebettelt wurden. Von Sunniten. Und leider decken sich diese Beobachtungen aus Afghanistan mit unseren Beobachtungen in Westafrika.

Quelle: FAZ

Kandahar ist wahrscheinlich auch die Stadt, in der reißerische Falschmeldungen zur „Burkapflicht in Afghanistan“ gedreht werden, denn nur in Kandahar haben wir sehr, sehr viele Frauen mit Burka gesehen. Wie bereits in vorherigen Blogbeiträgen erklärt: die Burka wurde vor rund 200 Jahren erfunden und hat mit den Taiiban gar nichts zu tun. Sie wird außerdem fast ausschließlich von sunnitischen Frauen paschtunischer Herkunft getragen. Und da in Kandahar fast alle Menschen Paschtunen sind und diese mehrheitlich Sunniten, tragen dort auch viele Frauen Burka. Ganz einfach. Wer weder Paschtune noch Sunnit ist, trägt auch keine Burka. Und wird dafür auch nicht verprügelt. Uns machen diese falschen Nachrichten zu Afghanistan immer unglaublich wütend. Ja, es steht schlecht um Frauenrechte in Afghanistan, aber Lügen über die Situation zu verbreiten hilft auch nicht weiter, sondern schürt nur Fremdenhass und Islamophobie in Deutschland und überall dort, wo die Menschen nicht in der Lage sind, den Wahrheitsgehalt solcher „Nachrichten“ zu überprüfen und es als Fakt ansehen, dass in Afghanistan „Frauen unter Hausarrest stehen“ und „alle Burka tragen“. Beides falsch und sich gegenseitig widersprechend. Merkt nur keiner, wird einfach für bare Münze gehalten und weiter kolportiert.

Das zweite Mausoleum eines für das heutige Afghanistan wichtigen Menschen liegt mitten in der Innenstadt: der Ahmad Shah Baba Schrein. Ahmad Shah löste quasi die Dynastie von Mirwais Hotak (der mit dem knallbunten Mausoleum) ab und gründete 1747 den ersten unabhängigen afghanischen Staat. Der Weg dazu wurde ihm durch die Unabhängigkeit geebnet, die Mirwais Hotak erkämpft hatte. Ahmad Shah ist für viele daher der „Vater Afghanistans“ und sein Mausoleum sehr wichtig.

So wichtig, dass es wie viele Sehenswürdigkeiten, von Taiban bewacht wird, die von Touristen Permits kontrollieren. Wir hatten ja unser Permit gegen zwei handgeschriebene „Kandahar Exklusiv Permits“ umschreiben lassen, aber der zuständige Bärtige konnte nicht lesen und holte seinen Vorgesetzten. Der bat uns in perfektem Englisch zum Interview über unsere Religion, an dessen Ende er uns fragte, ob wir zum Islam konvertieren möchten. Jan sagte, er sei glücklich mit seiner Entscheidung und bleibe daher gerne Christ. Dann, so die Schlussfolgerung des Paschtunen, dürften wir auch keinen der beiden Schreine anschauen. Jan konnte es sich nicht verkneifen ihn herzlich in jede christliche Kirche dieser Welt einzuladen… Als Antwort kamen Schwurbeleien, die nichts mit dem Koran, sondern mit den Taliban zu tun haben und wir bekamen auf die Rückseite unseres Permits handschriftlich vermerkt, dass wir die Gebäude nur von außen anschauen dürften.

Hasan, unser Guide, kannte den Zirkus schon und versprach, einfach mit einem unserer Telefone Fotos von innen zu machen, da er als zwar schiitischer Muslim, aber nicht Christ, ja hineindurfte. Er bekam aber von einem bärtigen „Schatten“ im Inneren beider Gebäude das Fotografieren verboten, denn die Fotos waren ja für uns Ungläubige. Bitte wie, fragte Jan, solle man denn da zum Islam konvertieren, wenn man nicht mal gucken darf, ob’s einem gefällt? Unsere Laune war besser als die von Hasan, dem die ganze Geschichte ziemlich auf die Nerven ging. Er ist zwar Paschtune, aber Schiit mit iranischer Mutter und dementsprechend hat er eine ganz klare Meinung…

Der zweite Schrein auf dem Gelände, der, den wir eigentlich gerne „richtig“ gesehen hätten ist der, in dem der Mantel des Propheten Mohammeds aufbewahrt wird. Die Taliban haben ihn 1996, als sie zum ersten Mal an der Macht waren, aus dem Schrein herausgenommen und der damalige Führer Omar soll ihn als Machtsymbol getragen haben, um eine Art göttliche Legitimation zu symbolisieren. Der Mantel ist deswegen dieser Bevölkerungsgruppe besonders heilig und vor dem Hintergrund ist das Gehabe der Aufpasser uns gegenüber auch nachvollziehbar. Selbes Theater: Hasan durfte für uns keine Fotos aus dem Inneren machen, ein bärtiger Schatten verfolgte ihn überall hin.

Nach einer kurzen Pause mit Cola (ich hatte seit 2 Tagen immer noch nichts gegessen, es waren über 40°C und mein Kreislauf hatte nach dem Fieber noch etwas Mühe) brachte uns Hasan zum Basar. Und zwar in die Abteilung, die „Märchen aus 1001 Nacht“ verkauft. Schon im Februar, als wir in Hamburg in afghanischen Geschäften unsere Outfits gekauft haben, standen wir mit offenen Augen und Mündern vor den afghanischen Kleidern. Auf dem Weg zum Minarett von Jam haben wir gesehen, wie Frauen diese Kleider im Alltag tragen und hier auf dem Basar gab es sie zu kaufen.

Ein Kleid schöner und bunter als das andere! Man konnte komplette Kleider kaufen oder die Einzelteile in verschiedenen Größen. Ich selbst habe ja noch vor der Einreise in Usbekistan ein vergleichsweise sehr schlichtes Kleid gekauft und wenn ich Gelegenheit hätte, solche Traumkleider irgendwo zu tragen, ich hätte mir in Kandahar mein Kleid aus Einzelteilen selbst zusammengestellt: Stickereien, Stoffe, Bordüren, passende Hosen, Bündchen,…

Die Hochzeitskleider waren noch opulenter, aber viel zu „prinzessinnenhaft“ für mich persönlich, aber überall waren Frauen damit beschäftigt, diese Kleider so wie ich zu bewundern oder als Ganzes oder in Einzelteilen zu kaufen. Das einzig Negative auf dem Basar: durch das Fotografieren fielen wir natürlich als Touristen auf und hatten bald einen Rattenschwanz an Menschen hinter und um uns. Bettelkinder, Verkäufer und andere Neugierige, die sich weder von Jans noch von Hasans scharfen Worten vertreiben ließen. Die Mentalität der Paschtunen ist definitiv gewöhnungsbedürftig für uns. Und wir sind als „weiße Außerirdische“ von Westafrika einiges gewohnt. Sowohl Dreck als auch „Aufmerksamkeit“…

Statt Mittagessen gab es wieder Eis, das aber nicht „Eiscreme“ heißt, sondern „Shirja“ und in jeder Stadt für Verwirrung gesorgt hat, wenn wir „Eiscreme“ sagen, aber nicht verstanden werden, weil „Eiscreme ist etwas ganz anderes!“. Außer dass es per Hand gewalkt statt maschinell gerührt und mit traditionellen Zutaten wie Rosenwasser oder Kardamom zubereitet wird, können wir keinen Unterschied zu „Eiscreme“ erkennen. Es ist auf jeden Fall lecker! Normalerweise dürfen Frauen natürlich auch in die Eisdiele, aber nur, wenn es einen Familienbereich gibt. Überall in islamischen Ländern, nicht nur in Afghanistan. Den gab es in der kleinen Eisdiele nicht und so müssen Frauen ihr Eis (das ja keins ist, weil es anders heißt) auf der Eingangstreppe oder im Auto sitzend schlecken. Von mir aus! Es war das erste „Essen“ seit Tagen und mein Magen nahm es dankbar an.

Wir machten Mittagspause und ich schlief sofort ein: kein Essen, das Fieber der Nacht und des Vortages und die Stadttour hatten mir alle Kraft geraubt. Am späten Nachmittag holte Hasan uns wieder ab und fuhr mit uns aus der Stadt hinaus, immer an einem kleinen Fluss entlang, in dem Kinder im Wasser badeten, Ziegen tranken und Menschen auf Picknickdecken saßen und Tee tranken. Pure Idylle so nah an der Stadt! Aber nur mittwochs für Frauen, schließlich ist Kandahar anders als der Rest des Landes und wahrscheinlich die Quelle der Inspiration für Afghanistan-Märchen mancher Medien…

Hasan hatte den Tag perfekt choreographiert: zum Sonnenuntergang wollte er mit uns auf einen Aussichtsberg steigen, um Kandahar im Abendlicht zu sehen. Aus irgendeinem Grund meinten die bärtigen Herren auf dem Parkplatz, dass wir einen bewaffneten Begleiter für den Berg bräuchten. „Für unsere Sicherheit“, die ja wahnsinnig gefährdet war in einer Parkanlage mit kleinen Pavillons, in denen Menschen zum Sonnenuntergang Picknick machten und uns freundlich grüßten. Jan erklärte unserem Beschützer erstmal, dass er bitte den Finger vom Abzug seiner ausgeleierten Kalaschnikow nehmen sollte, wenn er schon meinte, es ginge um unsere Sicherheit. Dann ging es los.

Leider wollte mein Kreislauf noch keinen Berg besteigen und der Berg drehte sich mehr um mich als ich Höhenmeter gewann. Ich ließ Hasan und Jan weiterlaufen und brachte damit den Bewaffneten in die Bredouille: mit den Männern auf den Berg laufen oder mich im Picknickhäuschen bewachen? Naja, in Kandahar sind Bartträger auffällig gut ernährt und mit „Bierbauch“ (ganz sicher nicht von Bier!) läuft es sich schlecht bergauf, also hatte ich Gesellschaft.

Als die beiden Männer vom Berg hinunterkamen, fragte der nette Bierbäuchige, ob es Jan gut ginge. Jan ging es tatsächlich nicht gut, aber er schob es auf die Hitze, den Berg und die trockene Luft. Wir tranken etwas, aber es wurde nicht besser. Auf der Fahrt zum Abendessen bekam Jan richtig Fieber und wir brachen ab. Hasan brachte uns noch zum Hotel, „spielte“ kurz eine Episode Taroof mit uns (wir sind aus unserem halben Jahr im Iran so persisch assimiliert, dass wir das „Gesellschaftsspiel“ nicht nur erkennen, sondern mitspielen können), dann fielen wir beide ins Bett.

Ich, weil ich immer noch matt, kränklich, kreislaufschwach und unterernährt war, Jan weil sein Fieber rasant stieg. Weil es mir selbst nicht gut ging, hatte ich Mühe, Jan mit Elektrolytgetränken aus unserer Reiseapotheke zu versorgen. Wir haben drei verschiedene Sorten und Varianten und ich rührte eins ums andere für ihn und mich an. Jan fieberte immer stärker und am späten Abend hatte er eine kurze Phase von vielleicht einer Stunde von Delir, sodass ich mir richtig Sorgen machte und über Hasan und seine Kollegin Fühler nach ärztlicher Versorgung ausstreckte. Gottseidank ging diese Phase aber vorbei und irgendwann schliefen wir beide völlig erschöpft und erledigt ein.

Jan platzte während der Nacht mehrmals der Kopf vor Kopfschmerzen, er schwitzte das Bett nass wie ich die Nacht zuvor und ich versuchte, ihn mit Elektrolyten so gut zu versorgen, wie es mit selbst in meinem Koma-ähnlichen Schlafzustand möglich war. Am nächsten Morgen war ich gefühlt gesünder, jedoch ohne etwas essen zu können, Jan hatte immer noch richtig Fieber. Ich hatte einen klaren Kopf und konnte online recherchieren, dass wir uns wohl mit dem Hackfleisch der Pizza eine heftige Lebensmittelvergiftung eingefangen hatten, denn das war das einzige, was wir beide an dem Abend gegessen hatten, bevor ich Fieber und Brechreiz bekam. In Kombination mit dem später auftretenden Durchfall etc. war es insbesondere wegen des hohen Fiebers, das wir beide hatten, die schlimmste Erkrankung für Jan seitdem er in Usbekistan 2020 Typhus hatte und für mich seitdem ich vor vielleicht 20 Jahren mal Grippe hatte. Es hat uns beide ganz schön umgehauen!

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Wir verbrachten den ganzen Tag im Bett unseres fensterlosen Zimmers, das aber wenigstens (kalte) Dusche und eigene Toilette hatte. Leider war die Matratze natürlich so hart wie überall in Afghanistan, dass ich nach drei Tagen in dem Bett nicht mehr wusste, wie ich sitzen oder liegen sollte, ständig drückte es an Hüftknochen oder Schulterblättern oder mir schliefen Bein oder Arm ein. Nach einer dritten Nacht, in der Jan nochmal alles ausschwitzte, mussten wir wirklich los, denn, Ihr erinnert Euch, unser Visum, beziehungsweise der 30 Tage Road Pass von Hans lief aus und wir waren in Kandahar 2-3 lange Fahrtage von der Grenze entfernt.

Wir schafften es beide, etwas Brot und ein hartgekochtes Ei zu essen (das erste Essen nach 3 unfreiwilligen Fastentagen!) und fuhren los. Beziehungsweise: Jan fuhr los, denn wir hatten geizigerweise nur für Jan den 100$ teuren Road Pass beantragt und ich durfte ohne nicht fahren. Machen wir nie wieder! Geiz ist nämlich nur so lange geil, wie der einzige eingetragene Fahrer auch fahrtüchtig ist… Wir fuhren bis Ghazni und fielen, immer noch ziemlich erledigt und mit wackligem Kreislauf, auf die alles andere als sauberen Betten. Wir bestellten die einzige vegetarische Option des hoteleigenen Restaurants, die „Gemüsepizza“, die sich – hurra – natürlich wieder als Teigfladen mit Berg Hackfleisch entpuppte. Genau das, was uns so krank gemacht hatte! Es ist einfach unmöglich, dem Fleisch-Wahn zu entkommen. Wir essen ja grundsätzlich auch Fleisch, aber nur dann, wenn es hygienisch einwandfrei ist. Und das ist es bei deutlich über 40°C und unzuverlässiger Stromversorgung eben ganz bestimmt nicht…

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Wir saßen also auf dem Bett und versuchten, die „Pizza“ zu essen, als ich dachte „Mist, mir haut schon wieder der Kreislauf ab, alles schwankt!“. Aber dann fragte Jan „Ist das gerade ein Erdbeben?“. Ein Blick auf die schwankenden Vorhänge bestätigte die Vermutung: Erdbeben! Oh nein, nicht schon wieder. Ich habe in Peru und Chile unzählige Erdbeben erlebt und war unschlüssig, was wir tun sollten. Letztendlich sagte google, das Epizentrum war mit 6,1er Amplitude nach Richter etwa 170km entfernt und so pokerte ich, dass eventuelle Nachbeben nicht gefährlich für uns sein würden. Ich lag damit richtig, aber muss ehrlicherweise sagen, dass wir beide auch einfach zu matt und k.o. waren, um größere Entscheidungen zu treffen.

Ghazni hat eigentlich touristisch einiges zu bieten, aber wir hatten weder Kraft noch Motivation noch Zeit, das volle Programm durchzuziehen. Da wir ja schon beschlossen hatten, nochmal nach Afghanistan zurückzukommen, fuhren wir morgens um 5 nur zu den sternförmigen Minaretten hinaus und verschoben die wirklich schön aussehende Festung, die Ruinen eines Palastes und ein Mausoleum aufs nächste Mal.

Die beiden sternförmigen Minarette waren ursprünglich mal höher, aber wie überall im Land haben diverse Erdbeben daran gerüttelt, sodass nun nur noch die unteren Drittel übrig sind. Es war eine schöne Morgenstimmung. Rund um die Minarette ist ein Friedhof, auf dem Wege angelegt sind und die halbe Stadt war beim Frühsport oder Morgenspaziergang: Jogger, Fahrradfahrer, schnatternde Damenrunden und ältere Herren, die sogar ein paar Worte auf Deutsch mit uns wechselten.

Unser Morgenspaziergang war nur 1,2km lang in der Ebene, aber brachte Jan völlig außer Atem, er kämpfte noch sehr mit den Nachwirkungen unserer Lebensmittelvergiftung. Er hinkte mir quasi einen Tag hinterher und ich war definitiv auch noch nicht fit. Trotzdem mussten wir eine „Monsteretappe“ übers Knie brechen: durch Kabul fahren UND über den Salang Pass den Hindukusch überqueren! Wir fanden einen Schleichweg um Kabul herum, und weil wir ja aussahen wie Einheimische, wurden wir auch an keinem einzigen Checkpoint angehalten und „flutschten“ nur so durch.

Der Salang Pass ist diese staubige, steinige, grobe Angelegenheit, bei der man auf über 3500m den Hindukusch überquert. Vor drei Wochen war das ein ziemliches Chaos aus LKW, Taxis und Privatleuten, aber aus irgendeinem Grund war es diesmal so entspannt, wie es eben nur sein kann, wenn man auf einem unbefestigten Gebirgspass über grobe Steine von Südasien zurück nach Zentralasien holpert. An dem Tag waren nur sehr wenige LKW auf der Strecke und wir kamen erstaunlich gut durch.

Im Laufe des Tages wurden Jans Batterien auch immer voller, sodass wir entschieden, komplett bis Kunduz durchzuziehen und uns damit noch einen Puffertag herauszufahren. Man weiß ja nie, schließlich kann man ja (noch mal) krank werden oder Hans eine Panne haben… Und so schafften wir es an dem Tag auch noch ins wunderschöne Tal des Kunduz Flusses, an dessen Ufer Reis angebaut wird. Das ganze Tal wirkte, insbesondere nach der harschen Hochgebirgslandschaft des Hindukusch, fast lieblich auf uns.

Wir fanden in Kunduz ein Zimmer mit altbekannter Betonmatratze und im Restaurant gegenüber Nudelsuppe. Die erste echte “feste” Mahlzeit nach mittlerweile vier Tagen Fasten. Die Nudelsuppe war geschmacklich nur so weit erträglich, bis das Hungergefühl nachließ und wir wollten bald zahlen. Am Tresen stellten wir fest: der Restaurantinhaber war ein „IM“ der Taliban und gerade im WhatsApp Chat mit ihnen. Er verlangte unsere Pässe (die wir natürlich im Hotel hatten) und machte ersatzweise ein Foto von uns. Innerlich mussten wir lachen, denn wir hatten den Taliban ein Schnippchen geschlagen: dadurch, dass wir überall als Einheimische durchgingen und an keinem einzigen Checkpoint registriert wurden, hatten die Taliban wohl unseren Faden verloren und nun tauchten wir auf der anderen Seite des Hindukusch plötzlich wieder auf ihrem Radar auf…

Am nächsten Morgen schafften wir es, hartgekochte Eier hinunter zu würgen und flogen weiter unter dem Radar durch alle Chekpoints zur Grenze. Dann reisten wir mit sehr schweren Herzen aus. Afghanistan hat uns definitiv verzaubert. Wir möchten unbedingt nächstes Jahr nochmal hin, um all das zu bereisen und zu erleben, für das wir diesmal keine Zeit hatten. Aber wir brauchen jetzt auch unbedingt eine Pause. Afghanistan ist unglaublich anstrengend. Nicht nur, was die „Betonbetten“ betrifft, die ziemlich schlafvermindernd sind. Auch das Essen schlug uns irgendwann aufs Gemüt. Dazu die ewig langen Distanzen mit bis zu 15 Stunden im Auto, die Bürokratie mit den Permits und auch das ständige „auf der Hut Sein“ bei Begegnungen mit Menschen.

Ein (verunfallter) Bus aus der Heimat!

Es war für uns sehr leicht an Sprache und Optik zu erkennen, wer Hazara und somit vertrauenswürdig ist, aber schwer zu entscheiden, welchem Paschtunen wir trauen können, denn natürlich gibt es auch freigeistige und tolerante sunnitische Paschtunen. Es war für uns anstrengend, ständig Menschen zu „filtern“, denn wir wollten erfahren, wie das Leben derzeit im Land für diejenigen ist, die nicht die aktuelle Regierung unterstützen. Unser Vorteil war, dass wir mit der persischen Kultur sehr vertraut sind und uns in diesen sozialen Blasen sehr wohl und aufgenommen gefühlt haben. Aber alles außerhalb dieser „sozialen Blase“ war für uns anstrengend und wir haben uns manchmal etwas „eingeigelt und isoliert“ gefühlt, wenn wir wussten, wir sind von Regierungstreuen umgeben.

Trotzdem: Afghanistan ist ein absolut authentisches Land, das unsere Herzen erobert hat. Es ist definitiv nicht für Anfänger, aber Afghanistan ist unser 121. Land und war somit für uns gut machbar. Auch Hans und unsere einheimischen Klamotten haben uns sehr dabei geholfen, trotz blauer Augen in der Masse einfach unterzutauchen und oft sehr entspannt durch das gesamte Land zu „schwimmen“. Ohne Hans und in anderen Outfits wäre die Erfahrung ganz sicher eine andere, anstrengendere gewesen – die Klamotten haben wir aber auch sehr gerne getragen und damit auch viel Lob und Anerkennung von Einheimischen bekommen.

Wie war es mit den Taliban? Nicht anders als in jedem anderen Land dieser Welt, in dem es überall Checkpoints gibt. Kennt man in Europa nicht, im Rest der Welt aber schon. Und wie in jedem Land dieser Welt sind Checkpoints nervig und Uniformierte nie die Schlausten des Landes. Egal ob Afghanistan, Nigeria, Gambia oder… jedes andere Land. Für uns war es wesentlich entspannter, mit Hans durch Afghanistan zu reisen als durch z.B. Nigeria, weil wir in Afghanistan als Einheimische wahrgenommen wurden und in Afrika wegen unserer Hautfarbe überall Außerirdische sind.

Die derzeitige Regierung des Landes ist nicht so einfältig, wie sie in den Medien dargestellt wird und weiß sehr genau, wie sie international wahrgenommen wird und deswegen legt sie Wert darauf, dass Ausländer im Land freundlich und korrekt behandelt werden. Bis auf zwei Ausnahmen (in Mazar i Sharif und Kandahar) war das auch immer so. Die Infrastruktur im Land ist natürlich auch nicht so, wie sie in den Medien dargestellt wird: die Hauptstraßen sind teilweise besser als in Deutschland, das 5G Netz entlang dieser Hauptstraßen auch in der Wüste fast lückenlos, es ist (außer in Kandahar und einer Ecke in Herat) überall im Land blitzsauber und ordentlich. Kabul ist eine moderne Stadt wie jede andere in der Region und außer in Kandahar sieht man nirgendwo Spuren des Krieges.

Ihr dürft nicht vergessen, dass die derzeitige Taliban Regierung anders ist als die, die es Mitte der 1990er Jahre schonmal gab. Vieles, was damals passiert ist, wird von Medien heute ungeprüft und ungefiltert als „wieder wie damals“ kolportiert. Copy & Paste. Das ist aber nicht so. Die Taliban haben dazugelernt und einen ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag mit der Opposition geschlossen: es herrscht Frieden, solange die Taliban ihre Gesetze nur moderat umsetzen und der Bevölkerung, insbesondere den Hazara und Frauen, inoffiziell gewisse Freiheiten einräumen, die sie ihnen in ihrer ersten Regierungszeit verwehrt hatten. Ein fragiles Gleichgewicht, nach dem derzeit das gesamte Land funktioniert, denn die Taliban sind auf die Gesamtbevölkerung angewiesen, die mithilft, dieses Konstrukt zu erhalten. Die Taliban haben nicht in allen 34 Regionen des Landes die Mehrheit und dadurch nicht die personellen Kapazitäten und der aktuelle Status quo funktioniert nur durch dieses ungeschriebene Agreement.

Wir sind sehr froh, uns mit eigenen Augen ein Bild von Afghanistan gemacht zu haben und hoffen, Ihr habt durch uns eine Seite des Landes kennengelernt, die Euch in den Medien vorenthalten wird: die eines Landes voll Kultur, Literatur, Poesie, beeindruckender Geschichte, Traditionen und Baukunst außergewöhnlicher Schönheit und Einzigartigkeit. Ein Land, das sich dem Tourismus gerade öffnet und mehr zu bieten hat, als man in 30 Tagen Visum erleben kann. Ein Land, in dem die Menschen seit fünf Jahren keine Angst vor Terror mehr haben müssen und endlich ein wenig Stabilität herrscht. Ja, auch ein Land, in dem Frauenrechte mit Füßen getreten werden, aber nicht so, wie es Euch berichtet wird. Nochmal: behaltet bei aller deutschen (oder: NATO) Berichterstattung im Hinterkopf, dass die 47 Milliarden Euro, die Deutschland ausgegeben hat, um die Machtübernahme der Taliban zu verhindern, bis heute gerechtfertigt werden müssen und daher per se alles in Afghanistan schlecht sein muss, weil die Taliban die Macht übernommen haben und man das trotz Milliardenausgaben und toten Bundeswehrsoldaten nicht verhindern konnte.

Ihr dürft auch nicht vergessen, dass auch internationale Hilfsorganisationen ein finanzielles Eigeninteresse daran haben, gewisse Dinge in Afghanistan stark überspitzt darzustellen. Wir haben, dem Algorithmus sei Dank, in den letzten Wochen täglich Werbung von solchen Organisationen angezeigt bekommen, in denen jedes Mal suggeriert wurde, in Afghanistan müssten Frauen Burka tragen. Wir bekamen Bilder von bettelnden Frauen in Burka gezeigt, von rotznasigen Kindern im Dreck neben einem Häuflein Elend in Burka, Szenen aus vermüllten, staubigen Straßen, die suggerieren, dass ganz Afghanistan voll armer Kinder burkatragender Mütter sei. Solche Bilder drücken auf die Tränendrüse, denn Ihr sollt ja spenden. Spenden, damit diese Hilfsorganisationen mit ihren nigelnagelneuen Toyota Landcruisern durchs Land düsen können. Ja, wir haben sie gesehen, die weiße Flotte hochpreisiger Edelkarossen und chinesischer LKW mit „WFP“ oder „Unicef“ Logo. In Afghanistan und überall sonst. Die hellblauen, billigsten Unicef Schulrucksäcke “made in China” begleiten unsere Reise außerhalb Europas seit Jahren. Die nicht reißfeste, billigste UNHCR Plane hat nicht mal uns auf dem Kongo vor Unwetter schützen können, aber die Mitarbeiter in ihren tollen Landcruisern schlafen ja im Hotel und nicht unter Plastikplanen in Flüchtlingscamps entlang der pakistanisch – afghanischen Grenze. Ja, es gibt Elend in Afghanistan und es gibt Bedarf für internationale Hilfe, die aber nicht kommt, weil außer Russland niemand die Taliban als Regierung anerkennt (aber die Deutschen trotzdem mit den Taliban Abschiebeflüge vereinbaren!) und somit das gesamte Land finanziell sanktioniert ist. Aber Armut und Hilfsbedürftigkeit betrifft nicht das ganze Land, das wird nur suggeriert, um den Geldbeutel zu lockern. Wenn Ihr uns schon länger folgt, dann wisst Ihr: wenn wir unterwegs Projekte kennenlernen, bei denen das Geld ohne Umwege ankommt und wirklich sinnvoll eingesetzt wird, dann erzählen wir Euch davon. Auf dieser Seite: Eure Hilfe kommt an!

Wie war es für mich als Frau? Mir ist klar, dass ich drei Mal Privilegien hatte, die einheimische Frauen nicht haben: ich durfte in Mazar i Sharif zu den Tauben der Blauen Moschee, in Herat in den „Frauengarten“ und auf den Aussichtsberg im Freizeitpark. Ansonsten habe ich keine Extrawurst bekommen. Da ich aber schon oft und lange in islamischen Ländern unterwegs war, fällt es mir nicht schwer, mich automatisch konform zu verhalten: im Restaurant sofort den richtigen Eingang nehmen, bei Personenkontrollen die richtige Seite wählen, im Taxi hinten sitzen, niemals neben einem fremden Mann sitzen oder stehen, Jan alles reden und regeln lassen, bei Unsicherheit höflich fragen, ob ich als Frau darf, mich Fremden immer nur bedeckt zeigen, niemals Männern die Hand geben, bei Einladungen direkt zur Frauengruppe gehen und nicht zu den Männern gesellen… Das hat mit Respekt vor der Kultur zu tun und nicht mit „Taliban-Gesetzen“. Ihr wisst ja (hoffentlich!), dass „Taiban“ und „Koran“ nicht dasselbe sind…

Wer in der islamischen Welt neu ist, wird in viele Fettnäpfchen treten, die ich unbewusst und automatisch mit Erfahrung umschiffe. Für mich hat sich Afghanistan angefühlt wie „Iran 1996“, mein Debüt in der islamischen Welt mit damals noch wesentlich strengeren Vorgaben als heute. Ich habe innerlich über Euch alle gelacht, weil Ihr bei 40°C in Deutschland in kurzen Klamotten kurz vor dem Hitzetod wart, während Afghanistan, Pakistan, Indien, Irak und halb Afrika bei deutlich höheren Temperaturen ganz normal weiter funktioniert. Lockere, den Körper komplett bedeckende Kleidung ist bei Hitze nämlich besser als Jeans und T-Shirt! Aber die Erfahrung lasse ich Euch selber machen, falls Ihr Euch mal in Länder „verirrt“, die seit Jahrtausenden mit solchen Temperaturen prima klarkommen und solche Kleidung tragen. Es war also nicht schlimm, in Abaya herumzulaufen, nur der Hijab war manchmal im Nacken etwas „schwitzig“, weil ich dicken Jerseystoff genutzt habe. Selbst schuld. Urteilt also bitte nicht immer alles aus Eurer „erfahrungslosen“ Perspektive…

Ich hoffe, Ihr habt mit uns lernen können, dass auch in Afghanistan nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Klar gibt es Einschränkungen, aber wie in anderen Ländern gibt es immer Wege drumherum. Man kann die 6. Klasse einfach 3x „wiederholen“, wenn man nur bis zur 6. Klasse auf eine staatliche Schule gehen darf. Wer kann, lernt oder studiert online oder privat, Frauen organisieren sich hinter verschlossenen Türen und bilden Strukturen, die Dinge ermöglichen, die offiziell unmöglich sind. Das ist nicht nur in Afghanistan so, sondern überall auf der Welt. Auch Ihr macht das. Oder seid Ihr noch nie über eine rote Fußgängerampel gelaufen, habt noch nie die Parkuhr vorgestellt oder vielleicht Altglas zur falschen Uhrzeit oder sonntags entsorgt? Die Verstöße heißen nur anders, gehören aber trotzdem irgendwie zum Alltag. Irgendwie geht immer irgendwas und je restriktiver die Gesetze, desto kreativer die Menschen.

Ist Afghanistan gefährlich? In Eurer Wahrnehmung: ja: In der Realität: nein. Eure Wahrnehmung ist geprägt von Krieg und Bundeswehr, aber dieser Krieg ist seit fünf Jahren vorbei und es gibt weder Kampfhandlungen noch Terror mehr. Die Bevölkerung kann endlich aufatmen und ohne Angst in die Zukunft schauen. Der IS ist, wie überall auf der Welt, auch in Afghanistan mehr oder weniger aktiv, so wie in Deutschland auch – Ihr erinnert Euch? Duisburg? Mannheim? Solingen,… Trotzdem seht Ihr Deutschland als sicher an. Oder? Das Argument “bei so einer Regierung wie die der Taliban wird sowas doch sofort verheimlicht” ist in Zeiten von Social Media veraltet: Wäre in Afghanistan etwas passiert, von dem die Medien nicht berichten – Social Media würde es zeigen. So ist es derzeit auch im Iran, Russland und Gaza, wo auch Ihr nur “gefilterte” Nachrichten in Euer Wohnzimmer gespült bekommt – bei Eurer Regierung. Oh ja! Siehe der angebliche Burkazwang und noch viel mehr… Der IS ist derzeit verstärkt in Westafrika aktiv (wo wir die letzten vier Jahre verbracht haben!), nicht in Afghanistan. In Afghanistan wird das geplant, was Euch dann in Mannheim beim Einkaufen trifft – nicht uns als Touristen in Afghanistan selbst.

Jetzt brauchen wir erstmal Pause. Wir müssen uns von unserer Krankheit erholen und wieder zu Kräften kommen, gut schlafen ohne auf „Beton“ zu liegen, gut essen ohne Fettschwanzschaf-Fett und Zeit unter Menschen verbringen, denen wir trauen können. Dann sind wir wieder bereit für die Weiterreise, neue Erfahrungen, neue Erlebnisse – und tagelang Fettschwanzschaf – Fett 😊

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