Die verlorenen Buddhas von Bamyan

Nach drei Nächten in Kabul ließen wir unseren Passat „Hans“ stehen und stiegen in einen Toyota 4 Runner um. Das, was wir uns vorgenommen hatten, wäre zwar mit Hans machbar gewesen, aber nicht in der knappen Zeit, die wir dafür kalkulieren mussten. Leider haben wir nur 30 Tage Visum und Hans nur 30 Tage „road pass“ und wir haben Mühe, in die kurze Zeit all das unterzubringen, was wir in Afghanistan sehen und unternehmen möchten – und dabei haben wir uns schon ziemlich beschränkt…

Um Zeit zu sparen, haben wir also einen Fahrer, Noor, und seinen Toyota angeheuert. Noor spricht nur ein paar Brocken Englisch und sonst nur Farsi. Wir können nur ein paar Brocken Farsi aus unserem halben Jahr Reise durch den Iran und trotzdem verstanden wir drei uns von der ersten Sekunde an perfekt. Sogar das „Nummernschild“ passte: der Rahmen von Ralliart und darin ein „Germany“ Plastikschild.

Weil wir Zeit sparen mussten, ging es gleich um 6:30 los aus Kabul raus Richtung Westen. Unser Plan: den Hindukusch auf über 700km von Kabul aus nach Westen Richtung Herat zu durchqueren. Ins Herz Afghanistans zu fahren, mittendurch! Die ersten 230km waren asphaltiert, danach eine immer schmaler werdende Piste. Die auf der Karte als „dick orange“ eingezeichnete Straße existiert so nicht mehr, denn sie führte auf den letzten 350km durch ein enges Tal entlang eines Gebirgsflusses, der die Straße komplett „weggefressen“ hat. Stattdessen sucht man sich jetzt seinen Weg über Höhenrücken und durch Täler. Spannend, aber mit Hans und seinen im Vergleich zum 4 Runner kleinen Rädern und geringerer Bodenfreiheit eine zeitraubende Angelegenheit, weswegen wir ihm in Kabul eine wohlverdiente Pause gönnten.

Kabul bedeutet normalerweise: chaotischer Verkehr, Stau und kein Vorwärtskommen. Oft ist man zu Fuß schneller. Doch nicht um 6:30, da rollten wir ganz entspannt aus der Stadt. Kabul liegt auf rund 1800m und es ging beständig bergauf, bis wir auf 3500m auf einem Pass standen und die schneebedeckten Berge rundherum richtig sehen konnten. Was für ein landschaftlich spektakulärer Start in den Tag und diese Tour entlang des Hindukusch!

Nach vier Stunden Fahrt kamen wir in Bamyan an, registrierten uns bei den T-Boys (Vertretern der aktuellen Regierung) und kauften Eintrittskarten. Tourismus in Afghanistan ist nicht billig. Für jede Region muss man für rund 13€ pro Person ein „Permit“ beantragen. Macht also für die Region Bamyan dann schonmal 26€ für uns beide. Dann muss man noch für Sehenswürdigkeiten weitere 13€ pro Person Eintrittsgeld zahlen. In Bamyan sind in dem Eintrittsticket offiziell alle Sehenswürdigkeiten inkludiert, aber das bedeutet in Afghanistan gar nichts: man muss natürlich noch ein zweites Ticket für 13€ kaufen, um zum eigentlich im ersten Ticket inkludierten Nationalpark zu dürfen. Macht also für uns zwei 78€ an Eintrittsgeldern und Gebühren an nur diesem einen Tag. Plus Unterkunft. Die Unterkünfte, die Ausländer akzeptieren, kosten auch alle zwischen 30-35€ und sind nicht gerade das, was man anderswo fürs selbe Geld bekommt. Wildcamping wäre zwar ab und zu möglich, aber nachdem wir in Kabul im „OMAR Mine Museum“ waren, ist uns das nicht ganz geheuer, denn wir wissen, dass überall im Land noch Landminen und Blindgänger von z.B. Streubomben liegen und keiner weiß, wo. Wir wollen nicht zu den drei Toten alle zwei Tage gehören…

Noor kannte ein gutes Restaurant, in dem es auch mal etwas anderes als Kabuli Pulao (Berg Fleisch auf Berg Reis) oder Kebab serviert wird. Wir bestellten Ashak: mit Spinat gefüllte Teigtaschen mit Joghurt. Und dann waren wir gut gestärkt, um auf die Festung Schar-e Gholghola hoch zu laufen. Die Festung aus dem 13. Jahrhundert ist Teil des UNESCO Weltkulturerbes Bamyan-Tal, das nicht nur eine der Haupthandelsrouten von Europa nach China, sondern auch ein wichtiges buddhistisches Zentrum war. Bis, wie immer, Dschinghis Khan kam und alles verwüstete.

Im Falle der Festung machte Dschinggis Khan keine halben Sachen: er schlug nicht nur alles kurz und klein, sondern tötete auch gleich alle Einwohner. Wann immer wir uns „schlau lesen“ (gegenseitig Wissenswertes über die gerade besuchte Sehenswürdigkeit vorlesen) und es geschichtlich ungefähr um das Jahr 1220 ist, hält der Vorlesende inne und der Zuhörende vervollständigt mit „… und dann kam Dschingis und zerstörte alles“. Und jedes Mal war es natürlich auch so. Für eine wesentlich frühere Epoche gilt dasselbe für „… und dann kam Alexander der Große und eroberte alles“. Das war bei Bamyan allerdings nicht der Fall.

Heute ist der imposante Festungshügel ein toller Ort, um von oben auf das ganze Tal zu blicken. Insbesondere auf die Buddha – Statuen, beziehungsweise auf die leeren Höhlen in der Felswand, in denen bis 2001 fast 1500 Jahre lang mal Buddhas standen.

Der ganze Hügel war rundum besiedelt und die Mauern aus Lehm sind von Weitem fast unsichtbar wie die vielen Bergdörfer, die wir unterwegs „am Hang kleben“ gesehen hatten. Der Legende nach soll die Tochter des damaligen Herrschers ihren Vater an die Mongolen verraten haben, weil sie sauer war, dass ihr Vater nochmal geheiratet hatte. Und vielleicht auch, weil sie sich Hoffnung auf ein wildes Leben als Ehefrau von Dschingis Khan gemacht hat…

Wir hatten vom Gipfel des Festungshügels die Felswände der Buddha – Statuen schon gesehen, jetzt fuhren wir hin. Ursprünglich waren die in Felsnischen stehenden Buddhas 53 und 35m hoch und damit die beiden größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. In weiteren Felsnischen standen noch andere, kleinere Buddhas, doch heute gähnen überall nur leere Felshöhlen aus der Felswand.

1998 fing die Zerstörung der Buddhas an. Zunächst wurden die Gesichter zerstört, die Höhlenmalereien um und hinter den Statuen abgeschlagen und dann im März 2001 die ganzen Statuen in die Luft gesprengt. Warum? Damit man nichts „Falsches“ anbeten könne. Aha. Muss man nicht verstehen, man kann nur sehr, sehr traurig darüber sein.

Ende 2001 begann die UNESCO mit der Sicherung der Trümmer, der Felshöhlen und der Konservierung der noch vorhandenen Reste der Wandmalereien. Bis heute liegen die übriggebliebenen Steinbrocken in einer Halle in der Nähe der Buddhas und keiner weiß, wie es damit weitergeht, weil derzeit ja genau diejenigen an der Regierung sind, die alles zerstört haben, aber gerne Eintrittsgeld von Touristen nehmen, die sich das Drama aus der Nähe anschauen möchten.

Richtig traurig. Man stapft zwischen Trümmern und dem Gerüst herum, welches die Felsnische sichert und hat große Mühe sich vorzustellen, wie es hier vor nur 25 Jahren mal aussah. Es fühlt sich mehr an wie eine Baustelle, als eine UNESCO Welterbestätte und der Bärtige mit dem Schlüssel zum Bauzaun lässt Besucher deutlich spüren, was er davon hält.

Am kleinen Buddha, beziehungsweise der Nische dessen, ist ein anderer, wesentlich netterer Bartträger und zeigt einem den Einstieg in die Kletterpartie durch die Höhlen hinter und um den kleinen Buddha herum. Durch steile, teils enge in den Fels hineingehauene Treppen und Gänge kommt man bis auf die ehemalige Kopfhöhe des Buddhas und kann durch ein in den Fels gehauenes Fenster dem Buddha in den Nacken pusten – wenn er denn noch da wäre.

Die Höhlen rund um die Statuen waren nicht nur mit in den Fels geschlagenen Ornamenten verziert, sondern auch farbig bemalt, aber von der ursprünglichen Bemalung wurden ja rund 80% zerstört, sodass man richtig Mühe hat, sich das Ganze so vorzustellen, wie es noch vor 25 Jahren war.

Bis 1979 die Sowjetunion nach Afghanistan einmarschierte, war das gesamte Bamyan – Tal ein beliebtes Touristenziel, Stichwort „Hippie-Trail“. Dafür sind wir zu jung und beneiden alle, die damals losgezogen sind und das noch in ursprünglicher Schönheit genießen konnten. Wären wir damals schon auf der Welt gewesen, wir wären höchstwahrscheinlich mit einem VW-Bus den Hippie-Trail gefahren. Jetzt sind wir immerhin mit einem VW Passat bis Afghanistan, aber der Hippie Trail ist weiterhin unmöglich, weil die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan gerade geschlossen ist. Vielleicht schaffen wir das noch in diesem Leben! Und vielleicht auch mit einem VW-Bus. Wer weiß…

Wir verließen Bamyan und fuhren eine Stunde weiter in den Band-e Amir Nationalpark. Das Wetter „zog sich zu“ und so konnten wir vom Aussichtspunkt aus nicht das berühmte knallige Blau der Seen bewundern. Aber aufgrund des diesigen Wetters sah alles aus wie ein Gemälde! Auch schön – besonders schön sogar!

Weil sich angeblich in der Vergangenheit „Frauen unsittlich benommen haben“ (nackt im See geschwommen und das auf Social Media gepostet) dürfen Frauen nun nicht mehr zum See. Aber weil auch Bärtige geregelte Arbeitszeiten haben, geht frau einfach später zum See. Und nicht nur eine – Massen! Bis „Feierabend“ ist, bummeln alle Frauen über den Bazar. Allerdings bummelte dort kurz vor Feierabend auch die Sittenpolizei. In Afghanistan muss man als Frau Behörden gegenüber das Gesicht verhüllen, sonst nicht. Aber die Sittenpolizei sieht das natürlich anders (oder sich etwa selbst als Behörde?) und so mussten alle Frauen auf dem Basar ihr Gesicht verhüllen und wurden ermahnt. Mir reichte eine Frau schnell eine OP- Maske, die hier zu diesem Zweck jede Frau in der Tasche stecken hat. Kaum waren die an ihren weißen Klamotten erkennbaren Religionspolizisten um die Ecke, liefen alle Frauen wieder mit unverhüllten Gesichtern. Ganz einfach! Keine Prügel, keine Peitschenhiebe.

Kaum sprang der Zeiger der Uhr auf „Feierabend“, schon strömten Frauen und Familien zum See. Der „Run“ auf die Tretboote war eröffnet. Wir ergatterten eine gelbe Ente und stachen zusammen mit Noor in See. Oder: auf einen der sechs Seen, die durch natürliche Dämme entstanden und an Wasserfällen „auslaufen“. Vom System geologisch ähnlich wie Pamukkale oder Plitvicer Seen. Nur viel größer und weniger touristisch. Und in einem atemberaubenden, wilden Canyon gelegen. Eine Kombination als Grand Canyon plus Plitvicer Seen, minus Touristen. Wun-der-schön!

Wir fuhren mit unserer gelben Ente zur Kante, über die der See als Wasserfall „überläuft“, schipperten entlang der steilen Felswände, genossen die Landschaft im warmen, schönen Abendlicht und die ausgelassene Stimmung unter Einheimischen. Manche Frauen hatten sich extrem aufgehübscht und ich hatte zwar ein afghanisches Kleid an, fühlte mich aber unter all den (teils überschminkten) glitzernden Prinzessinnen doch wie ein hässliches Entlein auf dem je nach Licht grellblauen See.

Weil der Nationalpark auf 3000m liegt, wurde es auch sehr schnell sehr frisch, sobald die Sonne weg war, sodass wir zum Hotel fuhren. Seit Ende des Jahres hat die Regierung es für Hoteliers zur Pflicht gemacht, ausländische Touristen zu registrieren. Darauf hat natürlich nicht jeder Lust, außerdem kostet es noch eine Gebühr. Für uns blieb deswegen nur ein Hotel im Ort übrig und dort versuchte man, aus der Situation Reibach zu machen. Doch wir kennen mittlerweile die Preise in Afghanistan und nahmen zwar ein Zimmer, aber fuhren mit Noor zum Bazar zum Abendessen.

Wir fanden eine Bude, die für uns Spießchen grillte, Salat machte und Tee kochte und verabredeten dort auch ein frühes Frühstück. Wir schliefen schlecht. Das Bett war, wie viele Betten in Afghanistan, hart wie Beton, die Gardinen weiße Bettlaken und unser Zimmer direkt vor der grellen Außenbeleuchtung des Hotels. Wir waren vor dem Wecker wach und brachen nach einem Frühstück in der Marktbude (Brot mit Rahm) früh auf. Vor uns lagen 11 Stunden holprige Fahrt.

In den folgenden drei, sehr staubigen, sehr langen und sehr holprigen Tagen haben wir ein Stück von unserem Herzen an Afghanistan verloren. Warum, lest Ihr im nächsten Blogpost. Wir sind mittlerweile schon ein Stück weiter, seit heute früh um 5 auf den Beinen (oder: Straßen) und ich schaffe es bei diesem Reisetempo nicht, aktuell zu schreiben. Ich reiche nach, versprochen!

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