Wunderschönes Afghanistan!

Wir sind in Afghanistan! Endlich! Schon sehr lange wollten wir hier hin, aber als wir das letzte Mal in der Nähe waren, im Februar 2020, war die Sicherheitslage noch so, dass wir davon abgesehen haben. Seit August 2021 ist die aktuelle Regierung an der Macht und seitdem ist Tourismus auch wieder möglich. Und seit dem haben wir die Situation genau verfolgt, um dieses Zeitfenster, in dem Reisen in Afghanistan möglich sind, nicht zu verpassen. Und jetzt sind wir da!

Die Einreise war die respektvollste und freundlichste Grenze seit… langem. Vielleicht sogar die angenehmste Grenze, die wir überhaupt erlebt haben. Noch nie wurde unser Hab und Gut mit so viel Sorgfalt inspiziert und wieder ganz ordentlich an den ursprünglichen Platz zurückgelegt, geöffnete Fächer oder Gepäck wurden sorgfältig wieder verschlossen und am Ende war alles so, als hätte kein Zöllner unser Auto jemals untersucht. Das war zuletzt bei der Einreise nach China (!) ähnlich. Auch der Papierkram wurde sehr organisiert und strukturiert abgewickelt und viele konnten Englisch. Das ist uns wahrscheinlich außerhalb nicht englischsprachiger Länder noch nie passiert.

Achtung, Wanderdüne von rechts!

Direkt nach dem Überqueren des Amurdaya Flusses änderte sich die Landschaft. Von fruchtbarer Ebene in Usbekistan zu Sandwüste mit Dünen in Afghanistan. Wir fuhren nach Mazar i Sharif, wo die Deutsche Bundeswehr ihr Camp hatte, nahmen uns ein Hotel und liefen in die Stadt. Was wir sahen, war wie erwartet anders als in den Medien dargestellt. Angeblich, so die Medien, seien Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und aus dem Stadtbild verschwunden. Ich weiß nicht, ob es in anderen Städten anders ist, aber in Mazar und Kabul ist das viel zitierte „Stadtbild“ ganz normal: Frauen wie Männer gehen ihrem Alltag nach. Fakt ist allerdings, dass es verboten ist, Frauen zu fotografieren und deswegen natürlich in unsere Medienlandschaft nur Bilder gespült werden, auf denen keine Frauen zu sehen sind.

Was auch sein kann ist, dass solche Aussagen und Artikel von Männern geschrieben werden, die sich in der muslimischen Welt nicht auskennen. Als Mann bewegt man sich unter Männern, als Frau unter Frauen. Geht man als Mann zum Beispiel zum Mobilfunkanbieter, wird man sofort in den Herrenbereich geleitet, als Frau geht man in den Damenbereich. Würde man dort eine Momentaufnahme machen, könnte man sagen „in Afghanistan nehmen Männer nicht am öffentlichen Leben teil“, weil nur Frauen dort einkaufen und arbeiten. Die Dame, bei der ich meine Simkarte kaufte (und die dort logischerweise arbeitet, was laut Medien ja angeblich nicht erlaubt ist), sprach übrigens perfekt Englisch und etwas Deutsch.

Wir feierten unsere Ankunft in Afghanistan mit Eis in einer riesigen, bekannten Eisdiele. Auch dort: geht man nur als Mann oder unter Männern Eis essen, kann man davon überzeugt sein, dass Frauen kein Eis essen dürfen. Geht man als Mann mit einer Frau Eis essen, geht man in den Familienbereich. Dort ist der ganze Raum voll mit hübschen, zum Teil stark geschminkten Frauen in teils schrill glitzernden Abayas. Man sitzt zwar in einem „Familienabteil“, aber weil sich niemand die Mühe macht, die Vorhänge zu schließen, sitzt man doch mit allen Frauen und Familien inklusive Männern zusammen. Das Eis wurde uns übrigens mit „das beste Eis in 130 Ländern“ empfohlen. Afghanistan ist „erst“ unser 121. Land, aber soweit wir die „Eis – Leckerheit“ weltweit beurteilen können, ist dieses Eis definitiv in unseren Top drei. Mit Damaskus und Isfahan. Das Eis hier wird vor den Augen der Gäste aus frischen Erdbeeren, Sahne und Pistazien zubereitet. Und weil Afghanen super liebe Menschen sind, bekamen wir noch eine Schale Pistazien geschenkt. Welcome to Afghanistan!

Auf der Straße sprach uns ein junger Mann an, der hinter uns lief und uns reden gehört hatte. Er war Afghane aus Stuttgart und meinte, uns beruhigen zu müssen. „Macht Euch keine Sorgen, Afghanistan ist sehr sicher. Wahrscheinlich sicherer als Deutschland!“. Wir wissen, was Ihr denkt und das wusste auch der fremde Afghane und hat uns deshalb diese, Eure, Ängste nehmen wollen. Aber wir haben uns informiert und sehen es genauso wie er: Deutschland hat ein Problem mit Sicherheit, nicht Afghanistan. Wie im letzten Blogbeitrag schon erklärt: behaltet bitte immer im Hinterkopf, dass Deutschland in Afghanistan sehr, sehr viel Geld und Menschenleben verloren hat und das vor den Bürgern bis heute durch entsprechende Berichterstattung rechtfertigen muss.

Am nächsten Morgen kümmerten wir uns um die Permits. Man muss für jede Region, die man bereist, bei der staatlichen Tourismusbehörde ein Permit beantragen. Auch dort wie auch auf der Bank, wo man die Gebühren dafür zahlen muss, sprach man fließend Englisch. Wir sind beeindruckt, denn das haben wir in den letzten Jahren nirgendwo erlebt (außer im Iran und in englischsprachigen Ländern) – und versucht das mal in Deutschland: auf welchem Amt und in welcher Bank könnt Ihr Eure Geschäfte auf Englisch erledigen?

Aus Gründen werde ich in Zukunft Mitglieder der aktuellen Regierung Afghanistans nicht mit Namen nennen, aber Ihr wisst dann schon, wer gemeint ist, wenn ich erzähle, dass der „T-Boy“, der uns die Permits ausgestellt hat, bisher der einzige unangenehme Mensch ist, mit dem wir im Land zu tun hatten. Alle anderen außer ihm waren bisher immer extrem respektvoll mit uns. Auch wir sind respektvoll mit ihnen. Ich als Frau muss mich islamkonform kleiden, Jan nicht, aber weil die T-Boys für die eigene männliche Bevölkerung gewisse Regeln aufgestellt haben, hält sich auch Jan aus Respekt daran und erntet damit auch von Menschen, die nichts mit der Regierung am Hut haben, sehr viel Anerkennung und strahlende Gesichter. Es scheint jedoch eine Order zu geben, dass alle Mitarbeiter der Regierung Touristen keine Steine in den Weg legen dürfen.

Mit dem Permit in der Hand liefen wir hinter dem T-Boy her zur Blauen Moschee Mazar i Sharifs. Wir, wie auch Ihr, haben damals, als die Bundeswehr hier war, oft Bilder aus Afghanistan und insbesondere Mazar-i-Sharif in den Medien gesehen. An die Blaue Moschee erinnere ich mich nicht – obwohl sie mehr als eine Aufnahme wert ist! Ihre Bibliothek (den Bibliothekar schulte 2025 das Goethe Institut Kabul) und das Museum sind winzig und ein bisschen lustig. Im Museum steht zwischen all den historischen Artefakten aus Ausgrabungen der Region ein zerschraddeltes Motorrad mit Plüschdecke, handgewebten Satteltaschen und Kalaschnikov. „Damit haben wir den Krieg gewonnen“, bekamen wir erklärt. „Die Ausländer hatten moderne Technik und teure Ausrüstung, wir hatten nur das.“ Ganz so war es nicht, aber die Aussage hat eine dicke Portion Wahrheit.

Die Blaue Moschee ist ein wichtiger Wallfahrtort für alle Muslime – und manche Zoroastrier, denn in der Moschee befindet sich ein Schrein mit einem Grab darin. Muslime sind davon überzeugt, dass sich darin die sterblichen Überreste von Imam Ali befinden. Schiiten verehren Ali als ersten Imam, Sunniten als ihren vierten Imam. Für beide muslimischen Glaubensrichtungen ist die Blaue Moschee somit Wallfahrtsort. Und ein wunderschöner!

Außen bröseln derzeit noch ein paar Kacheln, die letztes Jahr, im November 2025, bei einem großen Erdbeben beschädigt wurden, aber die UNESCO ist gerade dabei, das zu dokumentieren. Als nicht – Muslime dürfen wir nicht in die Moschee hinein, aber bis zur Teppichkante vorlaufen. Dort bot uns ein netter Mensch (eigentlich sind ja alle nett!) an, mein Handy mit reinzunehmen und damit Fotos zu machen, damit wir die Schönheit auch sehen können. Und das ist wirklich WOW!

Neben der Moschee ist noch ein Taubenschlag mit weißen Tauben. Er ist riesig! Es gibt eine große erhobene Plattform, auf der sich die Tauben tummeln, die man füttern kann. Sowas ist in Deutschland verboten, im bösen Afghanistan haben Groß und Klein Spaß daran, Futter zu kaufen und den Tauben beim Picken zuzugucken. Derzeit allerdings nur Männer und Ausländer jeglichen Geschlechts, aber das ändere sich ständig. Nachts schlafen die Tauben in einem Keller unterhalb dieser Plattform.

Abends wurden wir wieder vom afghanischen Essen enttäuscht. Der „kabuli pliau“, das Nationalgericht aus Lammfleisch und Reis vom Vortag war zwar ganz gut, aber riss uns nicht vom Hocker. Die Kombination „Fleischberg auf Reisberg“ kommt uns seit Wochen zu den Ohren wieder heraus. Als es in Düsseldorf noch ein afghanisches Restaurant gab, waren wir dort sehr gerne essen und hatten all diese ultra leckeren, oft vegetarischen Gerichte hier erwartet und uns gefreut, nun täglich schlemmen zu können. Nun ja. Diese Gerichte gelten hier alle als „Hausmannskost“, die es daheim von Muttern gibt und niemals im Restaurant. Der Afghane erwartet im Restaurant Grillgerichte und Fleisch, denn zuhause wirft er eben nicht ständig den Grill an oder kocht stundenlang Fleisch für den Pilau.

Von Erector – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8166069

Auch im zweiten uns von anderen Reisenden empfohlenen Restaurant gab es nur Pilau oder Fleischspieße. Der von uns blind von der Speisekarte gewählte Spieß war verfeinert mit dem Schwanzfett des Fettschwanzschafes. Das ist hier eine absolute Delikatesse, aber schon bei unserer ersten Reise entlang der Seidenstraße fanden wir die wie Kamelhöcker am Schafpopo schwabbelnden Fettbollen alles andere als appetitlich. Weder am Schaf noch auf dem Teller. Aber das ist halt Zentralasien…

Am nächsten Tag wollten wir nach Balkh, der „Mutter aller Städte“. Den Beinahmen trägt Balkh deshalb, weil die Stadt mit 4000 Jahren eine der ältesten Siedlungen der Welt ist und über Jahrtausende ein bedeutendes Zentrum der Seidenstraße für Kultur, Handel, Spiritualität und insbesondere Literatur und Poesie war. In der Stadt wurden über die Jahrhunderte mehrere berühmte und beliebte Dichter geboren, deren Gräber hier und dort in der Stadt zu kleinen Mausoleen bebaut wurden. Der berühmteste dieser Dichter und Philosophen ist Rumi, denn er schrieb nicht nur sehr romantische Gedichte über die Liebe, die Sehnsucht nach der Ferne und die Menschlichkeit, sondern war auch Gründer des Sufismus.

Der berühmte Tanz der Derwische geht auf Rumi zurück, der für ihn die „Reise der Seele zur göttlichen Liebe“ darstellt und bis heute getanzt wird. In seiner poetischen Tradition steht übrigens ein weiterer persischer Dichter: Hafis aus dem Iran, der allerdings erst rund 50 Jahre nach dem Tod Rumis geboren wurde. Im Iran und in Afghanistan feiert man die Yalda Nacht, die längste Nacht des Jahres und mit ihr den Sieg der Sonne über die Nacht und des Guten über das Böse und jedes Land liest in dieser Nacht Gedichte seines Poeten: Afghanen lesen Rumi, Iraner Hafiz. Wir haben damals im Iran Yalda gefeiert und der Gedanke daran macht uns immer noch Gänsehaut: so schön, mystisch, poetisch und besonders! Übrigens ein immaterielles UNESCO Welterbe.

Wir waren mit einer Guidin, Farzana, nach Balkh gekommen, denn in der Stadt besteht die Pflicht dazu. Sie ist große Verehrerin von Rumi und kann einige seiner (langen!) Gedicht auswendig. Sie schreibt selbst Gedichte und ist in einem lokalen Literaturclub: definitiv der richtige Mensch für diesen Ausflug! Weil wir keine Lust hatten, Hans umzubauen, waren wir zu dritt mit dem Sammeltaxi unterwegs. In Balkh selbst machte Farzana uns ein Tuktuk klar, das uns zu den Sehenswürdigkeiten fuhr. Ach so, ja: weiblicher Guide. Frauen dürfen in Afghanistan arbeiten. Glaubt bitte nicht, was in der Zeitung steht! Farzana ist von den T-Boys lizensierte Reiseleiterin und arbeitet mit ihnen zusammen, ohne deren Ansichten zu teilen: ihr Vater hat für die amerikanischen Truppen gearbeitet und die Familie wollte mit einer Visumszusage in die USA auswandern. Der Termin auf der US-Botschaft zur Erteilung des Visums war leider 10 Tage nach Amtseinführung von Trump, der die Visa für Ortskräfte in Afghanistan sofort aussetzte. Kommt uns sehr bekannt vor. Welches andere Land nochmal hat sich genauso fies benommen? Mittlerweile hat die aktuelle, von diesem jenem Land nicht anerkannte Regierung jedoch alle Ortskräfte rehabilitiert und keiner muss mehr Repressionen oder Arbeitslosigkeit fürchten. Weiß man nur bei uns nicht, wäre ja positiv. 

Eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Balkh ist die „Grüne Moschee“, die so heißt, weil sie grün ist. Auch sie hat leider beim schweren Erdbeben im November 2025 Schaden genommen, trotzdem gefiel sie uns wesentlich besser als alles, was man als Tourist in Usbekistan zu sehen bekommt. Als Jan das zu mir auf Deutsch sagte, reagierte Farzana kurz etwas „kratzbürstig“: „Diese Moschee ist ganz anders als Samarkand! Ganz anderer Stil, ganz anders alles! Warum schauen die Touristen immer auf Samarkand?“ Wir beruhigten sie. Wir kennen den Unterschied zwischen Disneyland und echtem Leben.

So echt, dass wir gebeten wurden, kurz eine kleine Runde durch den Park zu drehen, denn man erwarte eine Trauergemeinde zu einer Beerdigung. Und schon trabte eine Truppe Männer heran, die auf ihren Schultern eine Bahre trugen. Wir drehten eine Runde durch den Park und vielleicht 15 Minuten später war der Vorplatz der Moschee wieder leer und die Trauergesellschaft wieder verschwunden. Tote müssen so schnell wie möglich unter die Erde, aber mit so schnell hatten wir nicht gerechnet. Ein Mann ging für uns in die Moschee und machte Fotos. Der grüne Teppich im Inneren ist grüner als die grünen Kacheln außen…

Wir liefen zur alten Stadtmauer der Stadt. Eigentlich erwarteten wir nicht viel, denn wir waren letztes Jahr in der alten Handelsstadt Kano in Nigeria, die einst auch mit einer riesigen Stadtmauer aus Lehm umgeben war und von der heute nichts übrig ist. Und da Balkh, die Mutter aller Städte, einige Jahrtausende älter ist als Kano und in etwa gleichem Klima liegt, dachten wir, es könne nicht mehr viel übrig sein. Aber wir hatten vergessen, dass Afrikaner keine Asiaten sind und selbst Dschingis Khan, der sonst alles niedergebrannt hat, hat die Mauer nicht zerstört, sondern einfach weiter genutzt!

Wir kraxelten auf die Mauer auf einen (restaurierten) Wachturm und staunten, wie viel noch von der Mauer übrig ist und wie grün es um die Stadt ist! Balkh ist berühmt für Baumwolle und Melonen – und so liefen wir zwischen Baumwollfeldern zurück zur Straße. Noch vor wenigen Jahren wuchs um die Stadtmauer Mohn. Den hat die aktuelle Regierung allerdings sofort verboten. Das heutige Balkh ist übrigens das antike Baktra, das Alexander der Große eroberte. Auch er hat die Stadtmauer stehengelassen.

Wir fuhren mit dem Tuktuk zur alten Festung, von der selbst nicht mehr viel übrig ist, da auch sie aus Lehm gebaut war – aber die diese Festung umfriedende Wehrmauer ist noch fast komplett erhalten! Kreisrund am heutigen Stadtrand und ein beliebtes Ausflugsziel, zu dem Einheimische zum Schaukeln und Reiten kommen. Es war ein sehr windiger und dadurch sehr staubiger Tag, sodass wir die einzigen Besucher waren und der Mann mit seinem wunderschön aufgesattelten Pferd keine Kundschaft bekam.

Das Tuktuk brachte uns zu unserer letzten und eigentlich auch beeindruckendsten Sehenswürdigkeit von Balkh: Die „Moschee der neun Kuppeln“. Die, man ahnt es, so heißt, weil sie früher neun Kuppeln hatte. Heute, zig Erdbeben später, hat sie keine einzige Kuppel mehr, ist aber trotzdem wunderschön, denn ihre Säulen sind reich verziert aus dem vollen Stein geschnitzt und nur die Wände mit Stuck verziert verkleidet!

Bevor der Islam nach Zentralasien kam, waren die Menschen hier Buddhisten und Archäologen nehmen an, dass diese älteste Moschee Afghanistans an derselben Stelle erbaut wurde, an der vorher ein wichtiger buddhistischer Tempel stand. Um in Afghanistan Sehenswürdigkeiten besichtigen zu dürfen, muss man das von uns gleich am ersten Tag beantrage Permit vorzeigen. Meist können die T-Boys nicht lesen, was darauf steht, aber es ist trotzdem wichtig. Für Balkh war auch wichtig, einen Guide zu haben, aber die T-Boys der 9-Kuppel-Moschee vermissten unseren bewaffneten Beschützer. Den hatten wir tatsächlich nicht und das gab Ärger.

Letzten Endes sind wir mit einem Auto voll mit Äpfeln (und Bienen), in das wir uns zu dritt spontan gefaltet haben, zurück nach Mazar-i-Sharif gedüst. Der „Apfelmann“ schenkte uns noch eine ganze Tüte Äpfel und wir fuhren zu dritt zum Rapport zu den T-Boys. Dort trafen wir die schweizer Reisefamilie wieder, die wir schon in der Türkei, Georgien, Russland und Usbekistan getroffen haben. Nachdem die Bartträger alles ausdiskutiert hatten, gingen wir erstmal mit Farzana handgeknetetes Sorbet essen, nochmal in die Blaue Moschee und dann zurück zum Hotel. Die Schweizer hatten über ihren Guide hausgemachtes vegetarisches Essen für uns alle organisiert und wir schlugen uns die Bäuche voll.

Am nächsten Morgen änderten wir spontan unsere Fahrtrichtung und fuhren statt nach Herat in Richtung Kabul. Am Etappenziel angekommen, fragten wir in der Unterkunft nach, ob man nicht für uns etwas ohne Fleisch kochen könne. Man konnte! So langsam aber sicher bekommen wir die Leckereien zu essen, die wir aus dem Restaurant in Düsseldorf kennen: ohne Fettschwanzschaf-Fett, richtig gut und endlich hatte ich auch wieder Appetit! Fettschwanz – Schafe sind die beliebteste Rasse Zentralasiens. Sie haben das, was Kamele auf dem Rücken tragen, am Po. Je größer, desto besser und, für Einheimische, desto leckerer. Der Fettschwanz ist hier in allen Ländern Delikatesse und wird separat verkauft und natürlich Gästen bevorzugt serviert, weil besonders lecker. Wenn man damit aufgewachsen ist. Wenn nicht, dann… freut man sich über Gerichte, in denen keine Delikatesse enthalten ist.

Und dann überquerten wir den Salang Pass, den wichtigsten Pass über den Hindukusch. Was der Brenner für die Alpen ist, ist der Salang für den Hindukusch. Nur mit 3400m wesentlich höher, aber mit derselben Verkehrsproblematik: auf der Zufahrtstraße schieben sich PKW und LW in Schlangen durch die Ortschaften. Um das Ganze etwas zu entzerren, dürfen LKW erst ab 18 Uhr und bis 8 Uhr früh über den Pass, aber entweder halten sich nicht alle daran oder es gibt wie in Europa auch, Ausnahmeregeln.

Wir haben uns die Strecke auf zwei Fahrtage aufgeteilt, weil wir von anderen Reisenden von schlimmen Straßenverhältnissen gehört haben. Es war entspannter in zwei Tagen, aber auch nicht wirklich nötig. Entweder ist Hans, unser Passat, der allergrößte Überflieger oder andere Reisende übertreiben. Die Fakten: Der Pass ist 3878m hoch, aber seitdem es einen Tunnel gibt, muss man sich nur auf 3400m Höhe hochrumpeln. Ungefähr 70km sind nur teilweise asphaltiert, weil, da Hochgebirge, jeden Winter Bergrutsche und Lawinen die Straße zerstören. Dann kommt ein Bagger und schiebt alles wieder zurecht und die LKW walzen es platt. Man fährt also ganz schön rumpelig über große und kleine, runde und spitze Steine – und ganz viel Staub, wenn es länger nicht geregnet hat.

Es hat länger nicht geregnet und so wurde es eine ziemlich staubige Angelegenheit. Aber spektakulär! Die Landschaft im Hindukusch ist umwerfend – wirklich wie im Bilderbuch! Wilde Bergflüsse, Wasserfälle neben der Straße, schneebedeckte Gipfel rundherum, Ziegen und Schafe, kleine Dörfer überall, die fast unsichtbar sind, so gut fügen sie sich farblich in die Umgebung ein.

Die vielen Tunnel haben ab und zu „Fenster“, durch die man jedes Mal „wow“ rufen möchte, weil der Ausblick so wunderschön ist. Weil nicht alle Tunnel asphaltiert sind und nur der 2,5km lange Salang Tunnel beleuchtet und belüftet ist, freut man sich an jeder Tunnelausfahrt umso mehr über das atemberaubende Panorama. Herrlich! Hans reihte sich ein in all die Toyota Corolla Taxis und Privatfahrzeuge, die den Pass hoch und runter holperten. Und wunderschöne LKW! Wie in Pakistan!

Ursprünglich hatten wir geplant, von Afghanistan nach Pakistan zu fahren, um den Karakorum Highway zu fahren, aber wegen Streitigkeiten der beiden Länder ist die Grenze seit März dieses Jahres geschlossen und wir müssen diesen Plan auf irgendwann verschieben, obwohl wir uns extra ein Carnet de Passages organisiert haben. Für Interessierte: nach Afghanistan darf man mit dem eigenen Fahrzeug einreisen, muss aber für jeden Fahrer einen „Road Pass“ beantragen. Das dauert einen Tag und kostet 100$, sodass wir nur für den Fahrzeughalter, Jan, einen Road Pass beantragt haben. Hätten wir nochmal 100$ ausgegeben, dürfte auch ich als Frau fahren. Wir haben uns das Geld und den Aufwand aber gespart und so fährt hier nur Jan.

Das Coole an Hans ist: wir gehen als Einheimische durch, so wie auch in Kasachstan. Es gibt hier zwar keine einzigen Volkswagen, aber die allermeisten Autos fahren mit europäischen Kennzeichen. Manche haben alte entwertete EU-Kennzeichen, andere Phantasiekennzeichen auf EU-Kennzeichenblech. Das afghanische Kennzeichen, wenn vorhanden, klemmt hinter der Windschutzscheibe. Und weil die meisten Autos Toyota Corolla Kombis sind und Hans auch ein Kombi, sind wir hier ziemlich inkognito. Es gibt viele Checkpoints der T-Boys, aber weil wir ein „lokales“ Auto fahren und wie Einheimische gekleidet sind, fallen wir auf den ersten Blick nicht auf. Auf den zweiten Blick schon, aber den muss der T-Boy wagen und es ist meistens heiß und die Sonne scheint und das Fensterglas spiegelt… Wir reisen hier also grundsätzlich sehr entspannt.

Und dann rollten wir auf feinstem, neuen Asphalt auf Kabul zu. Ein surreales Gefühl, wenn man den Ort nur aus dramatischen Fernsehbildern kennt und nun mit dem eigenen „Einkaufswagen und Familienkutsche“ hinein rollt. Auf dem Pass und entlang der Zufahrtstraße nach Kabul: überall Straßenbauarbeiten, Brückenbau und sonstige Infrastrukturmaßnahmen. Auf dem Pass übrigens LTE-Netz, nur so nebenbei bemerkt. Womit das alles bezahlt wird, obwohl das Staatsvermögen immer noch eingefroren und nur zu humanitären Zwecken freigegeben wird? Die neue Regierung hat die Verwaltung komplett neu besetzt (mit eigenen Leuten, logischerweise) und dadurch extrem verschlankt und effizienter gestaltet (und fällt da ein Land ein, dass das auch nötig hätte…), die Zölle, Zollgebühren und Unternehmensabgaben erhöht und den Export von Bodenschätzen und Bergbaukonzessionen aus ausländische Investoren gefördert. Jeder Cent des Staatsvermögens, der von den USA eingefroren ist, verhindert jegliche weitere Infrastrukturmaßnahmen und Investitionen in z.B. Bildung etc. und darunter leidet in erster Linie, wie immer bei jeglicher Form von Sanktionen, die Bevölkerung, nicht die Regierung.

Jetzt erkunden wir erstmal Kabul, bevor wir uns etwas ganz Besonderes anschauen… Bis dahin genießt das neueste Video aus Turkmenistan über die „weiße Stadt“, die Hauptstadt Ashgabat:

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