
Nach einer Woche Pause in Nukus waren wir weder bereit für die Weiterreise und fuhren zunächst „entgegen unserer Fahrtrichtung“ nach Nordwesten, zum Aralsee. Beziehungsweise zu dem, was vom Aralsee übrig ist: die Aralkum Wüste. Alle, die uns vor sechs Jahren bei unserem letzten Besuch in Usbekistan vorgeworfen haben „den Blick auf Negatives“ lenken zu wollen und nicht „wie gewohnt vom Blog unterhalten“ wurden, warten bitte auf nächste Woche und sparen sich diese „Sonntagslektüre“.

Vor sechs Jahren ernteten wir einen ernsten Shitstorm, weil wir ein Foto von Usbekistan im Blog zeigten, das die andere Seite des Landes, abseits der „Glitzerwelt Disneyland“ zeigt: einen versalzenen Boden. Damals hatte Jan Typhus und wir haben im Blogbeitrag erklärt, dass die Typhusinfektionen in Usbekistan besonders hoch sind, seitdem der Aralsee ausgetrocknet ist. Uns wurde „Schwarzmalerei“ und „Negativität“ vorgeworfen und dieser Shitstorm ist der Grund, weswegen ich seitdem alle für Sofareisende „unbequemen“ Aussagen im Blog mit Links zu belastbaren Quellen hinterlege. Wer nur „Blingbling-Usbekistan“ sehen und lesen möchte, blättert besser im Reisekatalog. Wir sind diesmal an die „Quelle des Übels“ gefahren: nach Moynaq.

Moynaq war mal ein florierender Fischerort mit bis zu 60.000 Einwohnern. Er lag am Aralsee, hatte bis zu 19 Flugverbindungen pro Tag und unter anderem eine Fischfabrik, in der frischer Fisch aus dem Aralsee in Konservendosen verpackt wurde. Ab Mitte der 1980er Jahre war der Fischbestand im See so zurückgegangen, dass die Fabrik Tiefkühlfisch aus dem Atlantik und Pazifik zuliefern lassen musste, um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Mit dem Zerfall der Sowjetunion entfielen diese subventionierten Lieferungen und die Fabrik musste 1990 geschlossen werden. Damals war das Ufer des Sees schon rund 70km von der Stadt entfernt.

Heute ist das Ufer mindestens 120km entfernt und der Leuchtturm thront auf einer Klippe über der Wüste Aralkum, in der, unterhalb der Klippe, nun Schiffe im Sand verrosten. Und sie rosten schnell, denn der Sand ist salzig – und giftig. Salzig deswegen, weil der See mit abnehmender Größe immer mehr versalzte und nun salzverkrustete Böden zurückließ. Giftig, weil in den See nicht nur Abwässer eingeleitet wurden, sondern auch sämtliche Pestizide, Herbizide und Fungizide sowie Düngemittel inklusive Schwermetalle aus der Landwirtschaft. Darunter auch viele Gifte wie DDT, die heutzutage verboten und noch nicht abgebaut sind. Über die Wüste fegt durchschnittlich alle drei Tage ein Staubsturm, der die Gifte bis in die Atmosphäre hoch aufwirbelt und nicht nur in der Region rund um den ehemaligen See, sondern auch rund um de Erde trägt. Die Gifte aus dem Aralsee sind sogar im Blut von Pinguinen der Antarktis nachweisbar! Das Salz in der Atmosphäre führt unter anderem auch zum schnelleren Abschmelzen der Gletscher weltweit und somit auch derer im Ursprungsgebiet der Zuflüsse des Aralsees. Man dreht sich quasi zusätzlich den Wasserhahn ab.

Heute ist der Leuchtturm eine Aussichtsplattform, im „Café“ darunter bekommt man Nescafé serviert, der mit dem salzigen Leitungswasser zubereitet wird, mit dem die Bevölkerung leben muss. Vom Turm aus sieht man das gesamte Ausmaß menschlicher Zerstörung: salzige Wüste, soweit das Auge blicken kann. Rundum. Da, wo früher Wellen am Fuße des Leuchtturms ans Ufer schlugen, ist eine kleine Versuchsfläche, auf der Forscher diverse Pflanzen auf ihre Salztoleranz testen, um den ehemaligen Seeboden zu bepflanzen und so die Staubstürme zu mindern. Ich habe selbst zu Studienzeiten ein Praktikum im Wüsteninstitut Antofagastas (Chile) gemacht und genau an so einem Projekt gearbeitet und könnte Seiten dazu füllen.

Das Absurde ist: während ich im Wüsteninstitut arbeitete, während Jan im Abitur des Leistungskurses Erdkunde eine Arbeit zur Problematik des Aralsees schrieb, während die gesamte Menschheit zusah und wusste, was passiert, ging die größte menschengemachte Umweltkatastrophe einfach weiter. Und das bis heute. Insbesondere Usbekistan, aber auch Turkmenistan, haben die Zuflüsse des einst viertgrößten Sees der Erde für die Landwirtschaft abgezweigt, um Baumwolle anzubauen. Baumwolle braucht viel Wasser und das ist in der Steppe natürlicherweise nicht vorhanden. Um das trotzdem zu ermöglichen, wurde einfach der Aralsee angezapft und bis heute (!) ist der Baumwollanbau in beiden Ländern immer noch eine wichtige Säule der gesamten Wirtschaft.

Das „Anzapfen“ des Aralsees geschieht über Kanäle, die das Wasser der Zuflüsse zu den Anbaugebieten leiten. Offene Erdkanäle, aus denen 60-70% der Wassermenge entweder versickert oder im trockenen Steppenklima verdunstet, bevor es überhaupt im Baumwollanbaugebiet ankommt. Das ist bis heute so, wir haben all diese Kanäle in Usbekistan und Turkmenistan unzählige Male gesehen und kopfschüttelnd mit dem Auto überquert. Der Versalzung der Böden führt zu schlechteren Erträgen, die mit immensen Mengen von Dünger und Agrargiften vers(e)ucht werden, zu kompensieren. Diese gelangen natürlich wieder ins Grundwasser und über Staubstürme zu den Menschen. Ein Ende ist nicht wirklich in Sicht.

Außer in Kasachstan. Dort wurde 2005 ein Damm in Betrieb genommen, der den nördlichen Teil des Aralsees wiederbelebt, sodass Fischerei mittlerweile wieder möglich ist und sich auch das Mikroklima wieder verbessert hat: es gibt wieder Regen, weniger Staubstürme, die Temperaturen sind gesunken und die Tierwelt ist wieder zurückgekehrt und die lokale Wirtschaft kann wieder (in kleinem Maßstab) vom See profitieren. In Usbekistan ist das nicht mehr möglich, weil die Restfragmente des Sees mittlerweile rund 100km vom nächstgelegenen möglichen / ehemaligen Zufluss liegen.

Durch Staubstürme, belastetes Grundwasser und belastete Lebensmittel erkranken die Bewohner der Region an Tuberkulose und anderen Erkrankungen der Atemwege, die Krebsraten steigen, Typhus und andere „Magen-Darm-Infekte“ sind an der Tagesordnung (siehe Jan beim letzten Besuch in Usbekistan), Pestizide wirken erbgutschädigend und die konstante Salzbelastung schwächt das Immunsystem. Moynaq hat heute nur noch ¼ seiner Bevölkerung und wenn man die lange Hauptstraße entlangfährt, sieht man sehr viel Leerstand. Das, was die Regierung „aufhübschen“ kann, ist aufgehübscht: Kindergärten, Schulen, Verwaltungsgebäude, Krankenhaus etc. sind gepflegt und frisch gestrichen, der Flughafen renoviert – aber ohne Flugbetrieb.

Wir stapften eine gute Weile durch den Sand, fotografierten die Schiffe als traurige Relikte einer einst florierenden Stadt und ließen uns von der Sonne braten: ohne Meer keine „Wasserkühlung“. Aus „Sommerfrische am Meer“ wurde „heißes Wüstenklima“ mit einer um 6°C höheren Durchschnittstemperatur. Und all das, während wir schon auf der Welt waren und darüber in der Schule lernten – und ich ganz besonders später in der Uni als Dipl. Geo. Wir haben alle die Entstehung dieser riesigen Umweltkatastrophe live miterlebt und wir standen jetzt mittendrin.

Und wenn Ihr jetzt denkt „wilder Osten“ oder „tja, diese Sowjetstaaten“, behaltet dabei bitte im Hinterkopf, dass auch Deutschland ein Problem mit Grundwasser hat. Und weil Deutschland auch einen enormen Flächenverbrauch mit Werten der Oberflächenversiegelung über EU – Durchschnitt hat, verschärft sich das Problem Jahr für Jahr. In manchen Regionen ist der Grundwasserspiegel bis zu 6m gesunken und sinkt weiter. Dass da, wo Flächen durch Bebauung komplett versiegelt werden, die Biodiversität sinkt und Hitze steigt, muss ich nicht extra erwähnen, oder? Deutschland hat in landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Regionen außerdem zu hohe Nitratwerte im Wasser (und ist deswegen von der EU schon verurteilt worden), das zusätzlich durch Pestizide über Grenzwert belastet ist. Es bedarf der Zumischung von Wasser anderer Brunnen, um in diesen Regionen Trinkwasserqualität zu erreichen. Ja, auch wir Europäer steuern sehenden Auges auf etwas zu, was man durch viele effektive Maßnahmen wie Entsiegelung von Flächen (statt weiterer Versiegelung), veränderter landwirtschaftlicher Anbaumethoden, mehr Regenwassernutzung und viel mehr abwenden könnte, aber nicht macht. Wir sind nicht besser – nur später! Was eigentlich ziemlich dämlich ist.

Es gibt im Ort zwei Museen, die wir beide besuchten. Beide Male bekamen wir ein Video gezeigt, wie es früher war und die vielen Fischkutter in wogenden Wellen sind schwer vorstellbar, wenn man nur den heutigen Wüstenort kennt. Mit dem Wasser verschwand natürlich auch die gesamte Tierwelt. Nicht nur Fische und Wasservögel wie Pelikane, sondern auch Nutzvieh, denn durch die Versalzung der Böden gibt es nun auch kein Gras mehr für Kühe, Schafe oder Ziegen. Das Grün, was man auf Fotos sieht, sind extrem salztolerante Pflanzen, die von der Regierung in langen Reihen in einem Großprojekt angepflanzt wurden, um bei Stürmen weniger Staub aufwirbeln zu lassen und die Umweltbelastung zu reduzieren. Weil diese Pflanzen (Saxaul) jedoch Salz speichern, können sie nicht für Vieh genutzt werden.

Wir wollten nicht im Giftstaub campen und suchten uns ein Zimmer. Das, was das lokale Hotel anbot, hatte westafrikanischen Charakter: ein Stück Schaumstoff mit Bettwäsche, in die schon mehrere Gäste geschwitzt hatten zu einem Preis, für den man andernorts nicht nur saubere Bettwäsche, sondern auch Klimaanlage und Frühstück bekommt. Das Abendessen bestand aus vegetarischer Pizza mit extra viel Wurst („no meat“, wie die Köchin bestätigte) und lauter lieben Menschen, die entweder ein Foto mit uns wollten oder versuchten, mit uns zu kommunizieren, was aber schwierig war, denn Fremdsprachen waren Fehlanzeige. Nur die Köchin konnte Russisch und drei Brocken Englisch. Weil sie so lieb war, erklärten wir ihr nicht, dass ihre Extraportion Wurst nichts mit vegetarisch zu tun hatte…

Wir fuhren weiter nach Khiva, einem der von Usbekistan als „legendären Stadt der Seidenstraße“ vermarkteten Disneyland. Die Fahrt war frustrierend, weil wir dort schonmal waren und uns an eine angenehme, entspannte Fahrt zwischen Nukus und Khiva erinnerten und nun von Baustelle zu Baustelle holperten und schlecht vorwärts kamen. Immerhin: es werden Brücken gebaut und Straßen instandgehalten! In Khiva trafen wir die „Traefelis“ wieder, eine Schweizer Reisefamilie, die wir schon in der Türkei, Georgien und an der Grenze zu Russland getroffen hatten. Es war Retos Geburtstag, der Sohn und ich hatten ein paar Tage zuvor Geburtstag und so verbrachten wir einen schönen gemeinsamen Abend auf einer Dachterrasse der Altstadt.

Am nächsten Tag schlenderten wir durch die für unsere Maßstäbe ziemlich volle Altstadt. Usbekistan hat im ersten Quartal 2026 ganze 36% mehr ausländische Besucher als im gleichen Vorjahreszeitraum und ganz sicher ein Vielfaches mehr als bei unserem letzten Besuch 2020. Damals waren wir in der absoluten off-Season dort und sahen, wie Betonbauten (teilweise auch die Stadtmauer!) frisch mit Lem verputzt wurden, um für die kommende Saison die perfekte Illusion der „mittelalterlichen Gebäude“ zu bieten. Wie im letzten Blogpost schon erwähnt: Usbekistan steht für den teilweise kompletten Neubau historischer Gebäude mit modernen Materialien und Techniken (Stahlbeton, Acrylfarben, bunte Kacheln aus industrieller Produktion) mit der UNESCO in Diskussion und wird von internationalen Fachleuten scharf kritisiert, ein Disneyland mit Filmkulissen geschaffen zu haben.

Wir, die wir solche Gebäude aus anderen Ländern (Iran, Turkmenistan, Türkei,…) kennen, sehen das genauso. In anderen Ländern sind die Bauwerke aus dieser Zeit nicht komplett neu aufgebaut (und sogar wie im Fall von Samarkand durch zusätzliche Türme aufgehübscht!) worden, sondern entweder nur vor weiterem Verfall gesichert oder mit alten, handwerklichen Techniken und Materialien detailgetreu restauriert worden. In Usbekistan sind alle diese Gebäude ihrer Seele beraubt, indem sie nur Kulissen für Touristen sind. In Moscheen wird nicht mehr gebetet, in Medressen nicht mehr gelehrt, man darf in Hotpants bauchfrei in einst heilige Gebäude, in denen Souvenirgeschäfte Krimskrams verkaufen. Wer den Iran und andere Länder der Seidenstraße so intensiv wie wir bereist hat, fühlt sich in Usbekistan „vergackeiert“.

Und so nutzten wir diesmal wie damals die Altstadt von Khiva als Fotokulisse. Als nettes Ambiente zum Bummeln, Katzen gucken, Menschen beobachten, Kaffee und Tee trinken und für einen schönen Tag in Ferien – Atmosphäre. Wo Touristen sind, gibt es Infrastruktur, die Touristen mögen und da wir selbst Touristen sind, genießen wir natürlich auch das Stück Apfelkuchen und hammelfreies Essen, das es außerhalb von Disneyland selten gibt.

Wir fuhren weiter nach Bukhara und freuten uns schon auf die beste Pizza Zentralasiens, die wir uns dort damals gleich zwei Mal gegönnt hatten. Sie war immer noch richtig, richtig gut. In der Stadt war sehr viel los und wir liefen lange durch die uns schon vom letzten Mal bekannten Kulissen. Für uns fühlte sich das an wie ein Samstag im Hochsommer am Schwarzen Meer: man flaniert, überall läuft irgendwelche viel zu laute Musik, Kinder fahren Elektroautos, düsen mit Rollern oder Inlinern durch die Menschenmassen, Verkäufer bieten Luftballons und blinkendes Plastikspielzeug an, Touristen sitzen auf Terrassen beim Abendessen, Einheimische flanieren mit ihren Familien.

Bukhara ist so perfekt wiederaufgebaut, dass es schwer fällt, zwischen dem Bau eines modernen Sternehotels und eines „historischen“ Gebäudes zu unterscheiden. Jedes Gebäude der Altstadt passt sich perfekt der Kulisse an. Der einzige Unterschied: weil die „historischen“ Gebäude vor 25 Jahren „überrestauriert“ wurden, bröckelt doch hier und da schon ein wenig Putz oder platzt die eine oder andere schrill bunte Kachel weg, während Luxushotelbauten später dazukamen und noch makelloser sind. Man muss manchmal wirklich zwei Mal schauen!

Für uns ist Bukhara ein netter Ort zum Bummeln, zum Genießen touristischer Infrastruktur wie echtem Kaffee, italienischer Pizza und wunderschöner Sommerferien – Atmosphäre. Bukhara ist ein Freizeitpark, als der er von Einheimischen genutzt wird, deren Kinder am Springbrunnen spielen, an dessen Seiten Touristen in historischem Ambiente schlemmen. Wir wissen, dass wir in den nächsten ein bis zwei Monaten all diesen Luxus nicht haben, weil wir uns in authentischen Regionen der Seidenstraße bewegen werden, die überhaupt nicht oder weniger touristisch erschlossen sind. Darauf freuen wir uns genauso sehr, wie wir derzeit den Luxus des Touristenrummels genießen.

Unser neuestes Video zeigt, wie wir mit Hans durch die Wüstenlandschaft Mangystau gefahren sind und wahrscheinlich das komfortabelste Bett der Wüste genossen haben:











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