Armenien hat sich verändert

Wir wissen nicht so genau, wie oft wir schon in Armenien waren. Vier oder fünf Mal sicherlich, aber letzte Woche war das erste Mal seit dem russisch – ukrainische Konflikt und die Veränderungen, die das für Armenien bedeuten, haben uns nur in dem bestätigt, was wir schon lange vermutet haben: Sanktionen nützen niemandem – außer dem Gewissen der Sanktionierenden.

Bei der Einreise nach Armenien fiel zunächst Hans negativ auf: er war auch schon in Armenien, aber damals nicht auf Jan zugelassen, sondern auf unseren Freund Niki in Bulgarien und auch nicht mit Jan am Steuer, sondern mit mir und mit meinem Pass verknüpft. Jetzt ist Hans mit gleichem Kennzeichen auf Jan zugelassen und da man als Passagier in der gesamten Region hier nicht mit dem Auto zusammen ein- oder ausreisen darf, befand ich mich im Passagierterminal, während Jan am Autoschalter stand. Leider sprach kein Beamter Englisch und wir kein Wort Armenisch, sodass Jan draußen und ich drinnen lange nicht verstanden, dass Hans das Problem war. Die Uniformierten liefen raus und rein, von Schalter zu Schalter und wir beide verstanden irgendwann „Passat“. Aber was war mit dem Passat? Hans der Passat war bei seinem letzten Aufenthalt in Armenien durch Raserei auffällig geworden und da nur das Kennzeichen, nicht aber der Fahrer fotografiert wird, ist die Strafe dem Halter zuzuordnen – der aber gar nicht da war und auch nicht mehr der Halter ist. Der jetzige Halter hatte aber als Passagier die Person dabei, die letztes Mal den Passat nach Armenien eingeführt hatte. Und diese Passagierin musste dann an einen anderen Schalter im Passagierterminal, wo schon ein Iraner stand. Der hatte schon dank google translate mit dem dortigen Beamten geklärt, dass sein (und Hans‘) Problem ein Knöllchen war: das des Iraners von 2019, das von Hans von 2021. Der Iraner sprach natürlich Englisch und teilte sein mühsam mit dem Grenzer erörtertes Wissen, dass wir nun zwei Wochen Zeit hätten, das Knöllchen zu bezahlen und das gleich im Terminal erledigen konnten. Am Ende des Terminals, beim Zoll, traf ich Jan wieder, der immer noch nicht so ganz verstanden hatte, was das Problem mit dem Passat war. Wir bezahlten umgerechnet 12€ Strafe für das Knöllchen und führten Hans jetzt auf Jans Namen in die Eurasische Zollunion ein. Dieser Zollunion gehört unter anderem Russland an und das ist für unsere weiteren Beobachtungen wichtig. Doch zunächst zu einer anderen Situation mit Armenien.

Armenien und Aserbaidschan. Diese beiden Länder liegen seit 1991 miteinander im Konflikt, weil sich beide Länder über die sich für unabhängig erklärte Republik Arzach / Bergkarabach nicht einig sind. Armenien, weil die Menschen in der Region ethnisch Armenier sind / waren unterstützt die Unabhängigkeit und Aserbaidschan ist der Meinung, dass sich Arzach auf aserbaidschanischem Staatsgebiet befindet. Deswegen „knallt“ es da seitdem immer wieder, zuletzt erklärten beide Parteien nach einem schweren Aufflammen der Kämpfe 2020 den Krieg für beendet. Eigentlich. Aber das war nur auf dem Papier, denn jedes Jahr gab es neue Kämpfe entlang des gesamten Grenzverlaufs zwischen Armenien und Aserbaidschan. Im August 2025 haben beide Parteien durch Trumps Vermittlung einen neuen Friedensvertrag geschlossen, der aber schon wieder wackelt, weil Aserbaidschan plötzlich fordert, Armenien solle die Verfassung ändern. Wir waren ja einige Male und Jahre in der Region und in allen beteiligten Ländern und haben aufgrund unserer Erfahrung vor Ort unsere Meinung zu dem Konflikt, die wir Euch gerne mal beim nächsten Lagerfeuer erzählen.…

Wir entschieden uns, entlang der Grenze zu Aserbaidschan zu fahren, um uns anzuschauen, wie es derzeit wirklich vor Ort aussieht. Was uns sofort auffiel: dicker, doppelter, neuer und glänzender Nato-Draht überall. Die Straße führt streckenweise parallel zur Grenze und man fährt entlang der Grenzbefestigung aus Zaun, im Berg vergrabenen Stellungen, armenischen und aserbaidschanischen Flaggen, Befestigungen hüben wie drüben. Über eine Strecke lang wurde sogar eine hohe, glatte Metallwand errichtet, die die beiden Länder wie eine Mauer trennt. Das war alles neu! Wir waren zuletzt 2021, nach dem damaligen „Friedensvertrag“ von 2020 dort und diese Konstrukte und Stellungen sind definitiv danach errichtet worden. Auf beiden Seiten sieht man Bewaffnete patrouillieren und in den Orten entlang der Grenze und im Rest des Landes sind die Gemälde der gefallenen Soldaten an den Hauswänden mehr geworden. Insgesamt sind schon mindestens 40.000 Menschen dieser „Streitigkeit“ zum Opfer gefallen, zuletzt 2023, soweit man weiß und den Informationen trauen kann.

Wir fuhren bis zum Sewan-See, dem größten See des Kaukasus, an dem wir schon oft gecampt haben und wo wir immer in einem bestimmten Restaurant Fisch aus dem See essen. Es war alles wie immer: riesige Portionen leckerer Fisch und ein großer Supermarkt mit allen Produkten der eurasischen Zollunion, sodass wir unsere liebsten Leckereien aus Russland kauften und zum Nachtisch auch noch genossen. Und weil es so kalt war und überall Schnee lag, entschied sich Jan noch für einen Upgrade seiner Mütze und kaufte eine mit zusätzlichem Fleecefutter. Der Unterschied zu unserem letzten Besuch: die Preise! Armenien war teuer geworden! Nicht teuer im „deutschen Sinne“, aber teuer im Vergleich zu früher und Georgien.

Der Winter hat uns ja seitdem wir in die Türkei eingereist sind voll im Griff. Wir sind froh, die Winterreifen noch drauf zu haben, hatten aber nicht damit gerechnet, sie bis Mitte April tatsächlich noch täglich zu brauchen! Immerhin: der Sewan-See sieht mit Schnee wirklich hübsch aus! Uns blutete das Herz, diesmal nicht am See zu campen, aber die Wettervorhersage versprach die ganze Nacht Schneefall und wir wollten nicht irgendwo im Nationalpark alleine einschneien. Wir hatten ein homestay gebucht, in dem wir wahrscheinlich das ehemalige Zimmer der Tochter bekamen: rosarot!

Wir lieben die Homestays in Armenien und Georgien, weil man dann mit den Familien nicht nur unter einem Dach wohnt, sondern auch von ihnen bekocht wird. Es hatte tatsächlich die ganze Nacht geschneit und wir wurden mit einem zusätzlichen Heizlüfter und einem riesigen, leckeren, hausgemachten armenischen Frühstück verwöhnt. Dann rollte Hans durch den Neuschnee im dicken Schneetreiben und Nebel nach Jerewan, wo wir aus dem Staunen nicht mehr herauskamen.

Jerewan gehörte in der Vergangenheit zu den Städten, in denen wir uns recht entspannt und oft sogar ohne Navi mit diversen Fahrzeugen fortbewegt haben. Der Verkehr war immer „armenisch kreativ“, aber flüssig und ein kunterbuntes Durcheinander aus Ladas, Wolgas und anderen älteren Fahrzeugen in buntem Mix mit ein paar modernen Autos. Jetzt war Hans mit Abstand das älteste Auto: wir standen im Stau zusammen mit diversen Luxuskarossen wie einem Maybach nach dem anderen und einer Masse an Elektroautos chinesischer Hersteller. Einige Hersteller kannten wir schon aus anderen außereuropäischen Ländern, andere konnten wir nichtmal entziffern und tauften sie „Nasenauto“ oder „lalacar“. Krass! Wo kamen all die Neuwagen her und warum gab es plötzlich so viel Luxusautos und Stau?

Wir besuchten Arsen und Arthur von den Dreamriders und über Kaffee und Keksen erfuhren wir schon mehr: die Elektroautos sind billig, weil die Regierung die Elektromobilität durch zollfreien Import fördert, Elektroautos keine Parkgebühren zahlen und auch keine KFZ-Steuern. Armenien fördert Photovoltaik und 2025 wurden 14% des Strombedarfs mit Sonne gedeckt. Überall, auch auf dem Land, gibt es Stromtankstellen. Wie man dort tankt und bezahlt, wissen wir jedoch nicht. Da die Autos aus China kommen und sowieso schon günstig sind, kann man nun für wenig Geld ganz schön viel Auto kaufen – und betreiben. Und das machen die Armenier, allerdings meist auf Kredit.

Der Durchschnittsarmenier nämlich leidet unter den gestiegenen Preisen für alles im Land und kann sich immer weniger leisten, während überall neue Apartmentblocks entstehen und die Baubranche boomt. Doch wer soll in all diesen neuen Gebäuden wohnen? Ein Teil der Käufer sind Armenier, die noch in der typischen „Platte“ wohnen, ihre Wohnung dort aber an die Flüchtlinge der durch Aserbaidschan betriebenen Fluchtwelle ethnischer Armenier aus Bergkarabach günstig verkaufen. Doch das können sich nur wenige dieser Flüchtlinge leisten. Wer kauft dann all die neuen Apartments?

Diaspora-Armenier. Der Großteil der Armenier lebt nicht in Armenien: dort leben nur rund 3 Millionen, in der Diaspora jedoch geschätzt bis zu 10 Millionen Armenier! Das bedeutet: ¾ aller Armenier leben gar nicht in Armenien, sondern im Ausland. Die Gründe sind eine Geschichte von Verfolgung und Genozid, dem damals Deutschland tatenlos zugeschaut hat. Als wir 2018 das erste Mal in Armenien waren, war gerade Angela Merkel zu Besuch und der Aufschrei groß, weil sie, über 100 Jahre später, den Völkermord nicht als solchen bezeichnet hat, obwohl der Bundestag 2016 entschieden hatte, dass sie die Geschehnisse des ersten Weltkrieges als Genozid anerkennen. Die Armenier waren wütend, dass sich Deutschland da immer noch öffentlich aus der Verantwortung zieht und wir können das sehr nachvollziehen. Insbesondere nachdem wir das Genozid-Museum besucht und die Rolle Deutschlands damals verstanden hatten.

Jedenfalls leben die meisten Armenier im Ausland, hauptsächlich in Russland und den USA. Bekannt ist Euch vielleicht der Musiker Charles Aznavour, die Sängerin Cher, die Kardashians und Andre Agassi. Durch diese Mehrheit der Armenier, die in Ausland leben, aber immer noch sehr starke Bindungen in ihre Heimat haben, fließt sehr viel Geld nach Armenien. Die Weltbank beziffert dies mit Zahlen von bis zu über 20% des BIP, je nach Jahr. Deswegen ist Armenien zwar laut amtlichen Zahlen das ärmste Land des Kaukasus, wirkt aber ganz anders, ähnlich wie wir es in Moldawien erlebt haben. Diese Armenier der Diaspora haben insbesondere in Krisenzeiten Immobilien als Investitionsmöglichkeit für sich entdeckt und sind Käufer dieser neuen Wohnungen, ohne dort selbst zu wohnen. Aber dafür werden viel zu viele Wohnungen gebaut. Wer kauft noch?

Pfiffige Armenier, die sich die Sanktionen westlicher Staaten gegen Russland zunutze machen und Profit daraus schlagen. Das, was wir schon im Iran erlebt haben, passiert natürlich auch mit Russland: Sanktionen schaden erstmal nur den Firmen, die sanktionieren. Also z.B. europäischen Autoherstellern, die weder Autos noch Ersatzteile mehr in Russland verkaufen (und ihren Marktanteil komplett und langfristig an Chinesen verlieren), Elektronikhersteller, die ihre Smartphones dort nicht mehr verkaufen dürfen und alle anderen, die vorher auf dem russischen Markt (gute) Geschäfte gemacht haben. Der Russe (oder Iraner), der ein iPhone (oder einen BMW) haben möchte, kauft ihn einfach trotzdem – nur etwas teurer und nicht beim Händler auf russischem Boden. In diesem Fall: oft beim Armenier in Armenien und das sogar oft noch auf gleichem Weg wie vor den Sanktionen: online!

Die russische online – Handelsplattform „Wildberries“ funktioniert wie Amazon: Händler können ihre Waren dort anbieten und direkt an Kunden versenden. Natürlich dürfen armenische Wildberries-Partner keine sanktionierten Güter an Kunden in Russland schicken, aber weil nicht immer jeder so genau schaut und Wildberries zu den größeren Steuerzahlern Armeniens gehört, ist es weiterhin möglich. Nur teurer und etwas langsamer. Und was nicht über den offiziellen Online-Handel geht, läuft über die Diaspora -Armenier in den USA und Russland und die Verbindung über die eurasische Zollunion: der Armenier, ob Händler oder Privatmann, kann nämlich zollfrei Dinge von Armenien nach Russland schicken. Und das kann nicht nur der Armenier, sondern auch jeder Kasache oder Kirgise, die auch Mitglied in der Zollunion sind. Natürlich weiß man, dass Verkäufe solcher Waren mit den Sanktionen in den Nachbarländern Russlands angestiegen sind, wahr haben möchte man das als „Westler“ jedoch nicht.

Möchte ein Russe einen BMW oder Mercedes kaufen, fährt er einfach ins Nachbarland aus gleicher Zollunion und kauft da. Und das führt natürlich zu einem Boom in den Nachbarländern, insbesondere unter all denen, die das verstanden haben und auch über ihre Verwandten in der Diaspora Zugang zu dieser Ware haben, ohne über offizielle Kanäle in Armenien oder Russland gehen zu müssen. Der „kleine Mann“ am Bankschalter kann an dem Boom natürlich nicht teilhaben, weil er auf den Zug nicht aufgesprungen ist und muss dem Preisanstieg zusehen, bei dem er nicht weiß, wie er das mit des stagnierten Gehalt stemmen soll.

Arsen erklärte uns, inmitten teuerster Motorräder in Sonderanfertigung, dass er mittlerweile seine ehemaligen russischen Lieferanten mit Ware aus den USA versorge – natürlich mit Aufschlag. Die Luxusmotorräder in seiner Edelschmiede sprachen eine ganz klare Sprache: der Kundenkreis war größer, nicht kleiner geworden. Waren die Kunden vor allem Russen? Nein, Armenier! Aber solche, die in den letzten Jahren zu ordentlich Geld gekommen waren.

Und was ist mit den Russen? Die Flüchtlinge der ersten Zeit seien mittlerweile nicht mehr in Armenien, erklärte Arsen. Die hauptsächlich online arbeitenden Russen seien mittlerweile in günstigere und klimatisch angenehmere Länder weitergezogen: in die Türkei, nach Thailand oder Indonesien. Nach Armenien gekommen sind jedoch russische Firmen, die aufgrund der Sanktionen ihren Firmensitz nach Armenien verlegt haben und somit weiterhin international arbeiten können. Einige dieser Firmen haben ihre Mitarbeiter aus Russland mitgebracht und einen Teil in Armenien neu eingestellt – auch diese Menschen führen zu Preisanstieg und Nachfrage nach neuen Immobilien. Obwohl der durchschnittliche Armenier derzeit wesentlich schlechter dasteht als bei unserem letzten Besuch vor fünf Jahren, sind die Cafés und Restaurants der Innenstadt an einem Wochentag trotzdem voll und die Shoppingmeile belebt: es gibt durchaus viele Menschen, die von den Sanktionen profitieren. Im Grunde genommen schauen nur die in die Röhre, die nicht Profit aus der Situation schlagen – und diejenigen, denen im „Westen“ die Sanktionen auferlegt wurden.

Nach genug Kaffee, Keksen und Austausch fuhren wir zum Hotel. Jan hatte ein extrem günstiges Angebot gefunden und als wir das Hotel betraten, waren wir mitten in Indien gelandet: die gesamte Lobby war überfüllt mit jungen Männern aus dem Süden Indiens, die nach Räucherstäbchen und leckeren Gewürzen rochen. Was war da los?

Das ganze Hotel war völlig „abgerockt“ und abgenutzt und überall waren Inder, die versuchten, Zeit totzuschlagen. Im Aufzug hing ein Zettel in zwei südindischen und einer „übergreifenden“ indischen Sprache, in der die Gäste gebeten wurden, nicht zu rauchen und den Müll zu entsorgen. Die Kommunikation mit den Gastarbeitern war freundlich, aber schwierig, weil wir keine dieser drei indischen Sprachen sprechen. Über Tag war uns schon aufgefallen: neuerdings sind in Armenien (und Georgien) die Fahrer von Essenslieferdiensten auf Zweirädern alle aus Indien. Warum?

Wir recherchierten: traditionell arbeiten Armenier in Russland im Bau- und Transportgewerbe, weil die Ausbildung in den ehemaligen GUS-Staaten ähnlich bis gleich ist und viele Armenier Russisch sprechen. Die Löhne in Russland sind immer noch oft doppelt so hoch wie in Armenien und die in Russland arbeitenden Kurierfahrer oder Bauarbeiter unterstützen ihre in Armenien verbliebenen Familien mit Rubel. Während der Pandemie kam es in Armenien aber auch in Mode, sich Essen liefern zu lassen, aber es gab keine Kurierfahrer – die arbeiteten (und arbeiten) ja in Russland! Weil es für Inder recht einfach und vor allem: sehr koordiniert und zügig (!) möglich ist, ein Arbeitsvisum für Armenien zu bekommen, wurden diese Lücken sehr schnell mit Indern gefüllt.

Als der Bau-Boom in Armenien startete, hatte man dasselbe Problem: die armenischen Facharbeiter arbeiten in Russland und kommen ganz bestimmt nicht zu niedrigeren Löhnen zurück in ihr Heimatland. Das Modell indischer Kurierfahrer wurde für die Baubranche kopiert und so bauen nun Inder in Armenien Apartmentblocks, in die sich armenische Bauarbeiter mit Devisen einkaufen. Und weil wegen der Flüchtlinge aus Bergkarabach günstiger Wohnraum fehlt, bringen armenische Baufirmen ihre indischen Bauarbeiter in günstigen Hotels unter – so wie das, in dem wir selbst schliefen. Das Essen war leider nicht indisch und mir taten die Inder leid, die mit wirklich schlechtem, trockenen Kascha (Buchweizengrütze) und hartgekochtem Ei buchstäblich „abgefrühstückt“ wurden. Es war inklusive, also aßen wir es auch.

Der Winter hatte Armenien immer noch fest im Griff und wir, die wir eigentlich keinen Alkohol trinken, dachten uns dann doch spontan, dass Alkohol eine Lösung sein könnte. Armenischer Alkohol nämlich: Ararat Weinbrand! Also eigentlich Cognac, aber weil vor über 100 Jahren die Franzosen durchgesetzt haben, dass nur ihr Weinbrand so heißen darf, muss ich hier in lateinischen Buchstaben von „Weinbrand“ oder „Brandy“ schreiben. Weil Franzosen aber Franzosen sind (mit Fremdsprachen haben die es ja nicht so…), hat man vergessen, diese Namensrechte auch für andere Schriften zu sichern. Und so darf in armenischer (und jeder anderen Schrift außer in lateinischen Buchstaben) das Getränk noch so genannt werden, wie es ursprünglich auch hieß. Für uns „Bulgaren“ also ganz einfach коняк.

Wir hatten eine Führung beim legendären Hersteller des Ararat коняк gebucht und bekamen während der interessanten Führung durch den „Weinbrandkeller“ mit Filmen, 3D-Projektion und anderen modernen Methoden alles über die Geschichte und Herstellung des armenischen коняк erklärt. Danach gab es eine Verkostung von коняк in verschiedenen Altersgraden und, das war eine echte Erkenntnis, in Kombination mit dunkler Schokolade! Richtig lecker und sehr gut passend! Ich ermutige Euch jetzt nicht, das selbst mal auszuprobieren, denn nachdem ich das auf Facebook vorgeschlagen hatte, wurde unser Account eingeschränkt, da wir „gegen Gemeinschaftsstandards verstoßen“ haben, weil wir zum „Missbrauch von Drogen animiert“ hätten, jaja. Also die Flasche коняк nur neben eine Tafel dunkle Schokolade stellen und die Kombination nicht verzehren, nur anschauen!

Wie immer, wenn wir in Jerewan sind, fuhren wir zu einem ganz bestimmten Gartenrestaurant, bei dem man in einem Obstgarten in kleinen Hüttchen leckeres Essen genießt. Das Restaurant hat eine eigene Bäckerei und das Essen ist immer himmlisch! Das Wetter war leider alles andere als himmlisch, aber es gibt auch geschlossene Hüttchen und wir bekamen eins direkt am Wasser, so schön! Das Essen war wie immer nicht billig, aber durch die armenische Preisexplosion mittlerweile doch zu etwas Besonderem geworden. Aber da wir ja nicht jedes Jahr zu dem Restaurant kommen, haben wir uns das gegönnt!

Wir fuhren zum 3Gs Campingplatz, unserem „Zuhause“ in Armenien, wo wir mittlerweile schon mit vier verschiedenen Fahrzeugen waren. Weil Schnee lag und noch mehr Schnee angekündigt war, nahmen wir uns zum ersten Mal ein Zimmer und genossen Sandras gutes Frühstück. Wir waren nicht die einzigen Gäste und weil alle Gäste Deutsche waren, lud Sandra einfach an unserem zweiten Abend alle zum Abendessen ein. Leider sprachen nur wir Englisch, sodass Sandra von ihren Gästen wenig hatte und irgendwie aßen nur Sandra und wir beide von dem armenischen Essen des Dorf – Lieferdienstes, sodass der Großteil später den Hühnern verfüttert wurde. Komisch.

In der Nacht schneite es wieder richtig und unser Hans war der einzige, den das nicht störte: der eine deutsche Van hatte mit Sommerreifen keine Chance, die kaum wahrnehmbare Steigung der Auffahrt zu meistern, das „Unnützfahrzeug“ (Expeditionsmobil) der anderen Deutschen, mit dem man angeblich überall auf der Welt überall hinkommt, war zu schwer, um die steile Zufahrt im Schnee hochzufahren. Während das Ehepaar für ihr Expeditionsfahrzeug mit Schaufeln eine Fahrspur grub, stiegen wir in Hans und fuhren einfach davon. Tjoa. Der Hans, der kann’s!

Wir fuhren durch die Winterwelt Armeniens gen Nordwesten, denn wir wollten die im letzten Jahr endlich fertiggestellte Straße fahren, wegen deren Baustelle wir jedes Mal teils abenteuerliche Umwege gefahren sind. Zuletzt im Team von Oskar und Hans, als wir in Armenien waren, um Jans Motorrad Oskar und unser Motorrad-Reisegepäck abzuholen, was dort wegen der Pandemie gestrandet war. Wir kannten die Strecke mit Enduros, aber ob Hans das konnte? Jan fuhr damals immer ein Stück vor, erkundete die Strecke, kam zurück um mir Anweisungen zu geben und so meisterte Hans die Route, die eigentlich nicht für PKW geeignet war. Diesmal rollte er ganz entspannt auf neuem Asphalt durch die wunderschöne Landschaft Armeniens.

Wir fanden ein für uns neues Homestay einer Familie, die das Dach ihres Hauses ausgebaut hatte. Kind, Eltern und Hund begrüßten uns Gäste und Muttern kochte leckerste armenische Küche zum Abendessen. Sagte ich schon, dass wir Homestays lieben und nicht nachvollziehen können, warum Menschen lieber ins Hotel gehen, wenn es so tolle Alternativen gibt? Am nächsten Morgen gab es heißes Gebäck frisch aus Mutters Ofen und wir rollten satt und zufrieden weiter auf der neuen Straße.

Das letzte Mal, dass wir in der Region waren, hatte das „Brüder Mikojan Museum“ wegen Pandemie geschlossen, diesmal hatte es geöffnet. Ein winziges Museum aus zwei Räumen, aber das Hauptausstellungsstück steht im Garten des Museums: eine MiG21. Weil wir in Bulgarien wohnen, ist der Anblick einer MiG nichts Besonderes. Aber diese hier doch!

Das Besondere an dieser hier ist, dass sie an dem Ort ausgestellt ist, an dem der Konstrukteur der meisten MiG-Jets geboren wurde: in Sanahin, einem winzigen Dorf in Armenien! Artjom Mikojan (das „M“ in MiG) entwickelte zusammen mit seinem Freund und Kollegen Michail I. Gurewitch (das „G“ in MiG) Flugzeuge, von denen im Westen niemand gedacht hätte, dass die Sowjets sie bauen könnten: sie kann Mach 2 fliegen und ist bis heute in einigen Ländern im Einsatz! Sie wurde 11.000 Mal gebaut und ist der weltweit am weitesten verbreitete Mach-2-Kampfjet, da sie in 60 Länder geliefert wurde! Sie ist wirklich nicht schön, aber trotzdem eine Legende. Sie in einem so kleinen Bergdorf zu sehen und darüber nachzudenken, woher ihr „Vater“ stammt, ist ziemlich beeindruckend.

Ihr „Onkel“, Artjom Mikojans Bruder Anastas, war übrigens 1964/65 Staatschef der Sowjetunion. Flugzeuge lagen der Familie Mikojan irgendwie im Blut (oder sagt man dann „sie hatten Kerosin im Blut“?), denn Anastas Söhne wurden allesamt Piloten, einer von ihnen sogar ein international anerkannter Testpilot in den MiG-Kampfjets seines Onkels. Und diese ganze Luftfahrtgeschichte begann in einem kleinen Dorf in Armenien…

Wir reisten nach Georgien aus – oder zurück ein – und zogen wieder bei der Katze ein. Oder sie bei uns, je nach Perspektive. Am nächsten Morgen hatten wir endlich, nach 10 Tagen Verspätung, unseren Termin, um die Anträge für russische Transitvisa zu stellen. Auf dem Weg dorthin, etwa 50m vor dem Büro, schaute ich beim zügigen Überqueren der Straße, nach hinten rechts gedreht auf den Straßenverkehr und trat mit links in ein Loch und fiel um. Weil der Knöchel anschwoll, fuhren wir ins Krankenhaus, nachdem der Visumsantrag gestellt war und nach dem Röntgen stand fest: natürlich nichts gebrochen, sondern nur ziemlich verstaucht. Jan sagt, jeder Fußballer habe das mehrmals im Leben und es sei erstaunlich, dass ich 49 Jahre alt werden musste, um mir zum ersten Mal den Knöchel zu verstauchen ohne Fußball gespielt zu haben. Ich hätte gerne darauf verzichtet, aber ich glaube, wenn man sich den Knöchel verstaucht, dann ist es hier und jetzt besonders schlau: die medizinische Versorgung ist top (keine Wartezeit in der Notaufnahme und beim Röntgen!), wir haben sowieso nichts zu tun als auf unser Visum zu warten, können auch nicht reisen, weil unsere Pässe mit den georgischen Einreistempeln auf der russischen Botschaft liegen – und haben ein AirBnb mit Katze. Es könnte schlimmer sein!

Wir müssen bis Ende nächster Woche warten, dann soll das Visum angeblich ausgestellt sein. Die Katze hat leider nicht die gesamte Zeit Unterkunft für uns, aber weil Georgien (und Armenien) derzeit von Touristen gemieden wird (zu nah an Russland, zu nah an Iran), ist es einfach, eine neue Katze – eine neue Unterkunft zu finden. Jan hat das erste Video dieses Reisekapitels fertig: wie wir (so in etwa) den gordischen Knoten gelöst, Atatürk besucht und Sphinxen besichtigt haben – und seit Sivas auf der Seidenstraße angekommen sind:

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