
Seit mittlerweile 10 Tagen sind wir am Ende aller Landwege der Republik Kongo in der Sackgasse Impfondo. Wir wohnen im Gästehaus einer Missionsstation der evangelischen Kirche und helfen in einer Leprastation aus.
Die Leprastation, übrigens die einzige in Zentralafrika, wurde vor neun Jahren gegründet, weil es im Kongobecken, insbesondere unter den Baka (Pygmäen) sehr viele Leprainfektionen gibt, die oft durch hochinfizierte Wunden zum Tod führen. Die Lebensbedingungen, unter denen die Baka wohnen, führen unter anderem zu Mangelernährung, was Leprainfektionen begünstigt. Darum bekommen die Patienten, die mitsamt ihrer Familienangehörigen zur mindestens halbjährigen Behandlung zum Zentrum anreisen, während ihres Aufenthaltes Wissen in Gartenbau und Ernährung vermittelt. Und deswegen sind wir hier.

Wir hatten an Weihnachten 2023 in Sierra Leone einen Kandier kennengelernt, der uns von seiner Arbeit im Kongo erzählte und uns einlud, ihn zu besuchen. Weil Jesse in seinen acht Jahren hier noch nie Besuch bekommen hat, ging er davon aus, dass auch wir seine Einladung nicht annehmen. Je mehr Informationen wir von ihm bekamen (es gibt nach Impfondo keine Flüge, es gibt nur 1x die Woche einen LKW, der auch Personen transportiert, es gibt zur Trockenzeit kaum Boote, die Impfondo erreichen können und die nächste Stadt inklusive Asphalts und Tankstelle ist 560km entfernt), desto geringer seine Hoffnung, dass wir wirklich kommen. Doch wir sind hier und Jesse überglücklich, endlich Besuch empfangen zu haben!

Die Leprastation und der Gemüsegarten
Jesse ist in Kenia aufgewachsen und arbeitet hier als einziger Weißer weit und breit als Verantwortlicher für das Projekt gegen Mangelernährung der Leprakranken. Als gelernter Koch mit Erfahrung bei Marriott Hotels und als Privatkoch auf einem Schloss in Schottland hat er eine zusätzliche Ausbildung in tropischer Landwirtschaft und Ernährung gemacht. Wenn man in Kenia und später dem damaligen Zaire (das wir jeden Tag auf der anderen Seite des Flusses sehen können) aufgewachsen ist, ist ein Fünfsternehotel oder schottisches Schloss nicht ganz das Passende. Das Leben in Afrika jedoch schon und so ist Jesse vor vielen Jahren in die Entwicklungszusammenarbeit gegangen und kam nach diversen Stationen und Projekten in insgesamt sechs Ländern Afrikas hierher, wo sein Knowhow extrem gebraucht wird.

Lepra ist eine von Bakterien verursachte Krankheit, die es früher in Afrika gar nicht gab. In Europa hieß Lepra im Mittelalter „Aussatz“ und durch die Kolonialisierung Afrikas kam der Erreger leider mit den Europäern (wie so viele andere Krankheiten) nach Afrika. Wer ein gutes Immunsystem hat und hygienisch lebt, hat ein sehr geringes Infektionsrisiko, weswegen Lepra in den meisten Industrienationen sehr selten geworden ist. Da, wo Menschen unter unhygienischen Verhältnissen und mit Mangelernährung leben, ist Lepra ein großes Problem. Und genau so ist es hier im Kongobecken, insbesondere unter den Baka.

Die Pygmäen leben traditionell in einer Art „Blätteriglu“ im Regenwald und ernähren sich von dem, was sie finden oder jagen. Ackerbau, Vorrats- oder Tierhaltung kennen sie nicht. Manchmal fängt einer einen Fisch, dann essen alle einen Tag lang Fisch, bis es am nächsten Tag wieder nichts gibt, weil keiner einen Fisch gefangen hat. Gibt der Wald um die Blätteriglus nichts her, gibt es halt auch mal nichts zu essen. Früher zogen die Baka dann einfach weiter, bis sie etwas fanden, heute ist das ehemalige Nomadenvolk nur noch halbnomadisch. Wenn überhaupt. Dadurch entsteht Mangelernährung.

Viele sind in kleinen Urwaldsiedlungen sesshaft geworden und imitieren einen modernen Lebensstil. Leider bleibt es bei der Imitation, denn das ist Teil des Problems. Sesshaftigkeit erfordert Gartenbau und Vorratshaltung und auch Tierhaltung, aber das kommt traditionell nicht vor und schon ist die Mangelernährung da. Statt der traditionellen Baströckchen und Nacktheit tragen die Menschen jetzt Kleider, haben aber nicht die dazu notwendige Hygiene. Das bedeutet, dass Klamotten (und die Körper darin) nicht gewaschen werden und insbesondere durch ungewaschene Unterwäsche Infektionen entstehen. Hier in den feuchtwarmen Tropen hauptsächlich schlimme Pilzinfektionen. Ein Volk, das noch vor einer Generation immer weitergezogen und die Blätteriglus einfach stehengelassen und neue an einem anderen Ort aufgebaut hat, kennt auch nicht die Sauberkeit, die zur Sesshaftigkeit dazugehört: Müll an einem Ort sammeln, Boden fegen, Gegenstände waschen und reinigen. Weil früher von Blättern gegessen wurde, ist Geschirrspülen auch nicht bekannt und so entwickeln sich in Siedlungen der Baka schlimme hygienische Zustände, die in Kombination mit Mangelernährung eine Leprainfekion geradezu herausfordern.

Die zweite und vorherrschende Ethnie in der Region sind die Bantu. Mindestens einen halben Meter größer als die Baka und ein ganz anderer Menschenschlag: seit Jahrtausenden Ackerbauer und Viehzüchter und somit in der Lage, sich in der Sesshaftigkeit mit genug Ernährung zu versorgen und entsprechend zu verhalten. Die Bantu haben in der Regel einen wesentlich höheren Bildungs- und Lebensstandard als die Baka, weswegen Bantu selten an Lepra erkranken und was zu einer Zweiklassengesellschaft führt: die Bantu nutzen die Baka aus und Baka mögen Bantu nicht, weil sie als beherrschend wahrgenommen werden. Da es keine Baka in Gesundheitssystem und Verwaltung gibt und die Baka nicht zur Schule gehen und traditionell keine Zahlen kennen, führt das zu weiteren Benachteiligungen. Die Baka werden von den Bantu als „verwahrloste Wilde“ empfunden und gesellschaftlich ausgegrenzt. Diese Umstände verschlimmern natürlich alles und Lepra ist nur das sichtbarste Problem.

Lepra führt nicht nur zu Geschwüren und Entzündungen der Haut, sondern dazu, dass Nerven absterben und Betroffene keine Schmerzen mehr empfinden. Wir haben selbst gesehen, wie ein Leprakranker in Seelenruhe mit bloßen Händen glühende Kohlen im Feuer arrangiert und dann den kochend heißen Metalltopf sorgfältig darauf platziert hat. Die Folgen (schwere Verbrennungen an den Händen) sind erst später sichtbar, aber nicht spürbar. Die Kranken spüren nicht, wenn sie in Scherben treten oder sich beim Holzhacken verletzen und laufen weiter auf offenen Wunden herum, arbeiten mit verletzten Händen und merken nicht, wenn diese sich verschlimmern, entzünden und letztendlich dazu führen, dass Gliedmaßen abfaulen. Sie merken auch nicht, wenn ein Sandkorn oder Insekt ins Auge fliegt, sodass Hornhautverletzungen (jeder Gesunde würde sich das Sandkorn sofort aus dem Auge pulen) zu Blindheit führen.

Jesse und seine einheimischen Kollegen (alle von der Ethnie der Bantu) arbeiten mit den Pfarrern der gesamten Region hier zusammen, die darin geschult sind, Leprakranke zu erkennen. Bei etwa halbjährlichen „field trips“ werden dann die Siedlungen dieser Verdachtsfälle per Boot oder Auto besucht und die Leprapatienten identifiziert. Da die Baka glauben, die Krankheit wird durch „böse Waldgeister“ verursacht ist es oft nicht einfach, die Menschen davon zu überzeugen, dass Lepra eine heilbare Krankheit ist und nicht die ganze Familie von einem Fluch heimgesucht wurde, sondern unter Bedingungen lebt, die zu einer Ansteckung führt. Meist leiden die Leute noch unter weiteren Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, die natürlich auch nicht von Waldgeistern, sondern von schlechten Lebensbedingungen kommen. Möchten die Kranken dann den „Fluch“ loswerden (und hier hilft auch der Pfarrer gerne mit christlichen Weltvorstellungen), kommen sie mit ins Leprazentrum bei Impfondo. Da die Behandlung der Krankheit und die Abheilung der teils schweren Wunden mindestens ein halbes Jahr dauert und meist mehrere Familienmitglieder betroffen sind, füllt sich das Auto oder Boot recht schnell mit neuen Bewohnern des Leprazentrums. Dort angekommen, bekommt jede Familie ein eigenes Zimmer mit neuer Matratze, Bettwäsche, Mosquitonetz und für jeden zwei Satz frische Klamotten und Seife.

Die Arbeit von Jesse ist dann, die Patienten und ihre Familien während der langen Zeit im Leprazentrum auf ihre Rückkehr in ein gesünderes Leben vorzubereiten: durch Bildung verhindern, dass sich alles wiederholt, weil wieder Mangelernährung und unhygienische Verhältnisse herrschen oder sich die Menschen durch eigenes Fehlverhalten (siehe Beispiel glühende Kohlen) wieder schlimm verletzen und an faulenden Gliedmaßen trotz Heilung sterben. Die Nerven, die durch Lepra abgestorben sind, wachsen nämlich nicht mehr nach und so müssen ehemalige Leprakranke ihr Leben Lang darauf achten, sich nicht unabsichtlich zu verletzen. Das bedeutet zum Beispiel Schuhe und insbesondere das Wissen und Verständnis für ihre Situation. Und das Wissen zu Ernährung und Hygiene.

Rund um die Leprastation hat Jesse mit Hilfe einheimischer Mitarbeiter (der Bantu Ethnie) einen Gemüsegarten nach allen Regeln der Kunst angelegt. Wir waren schwer beeindruckt. Ein absolutes Meisterstück wie aus dem Lehrbuch! Die Idee ist, die Baka während ihres langen Aufenthaltes in Gartenbau zu schulen, damit sie nach der Rückkehr in ihre Siedlungen das Gelernte anwenden können und nicht mehr in die Mangelernährung rutschen. In Zusammenarbeit mit Jesse kocht der (Bantu) Koch des Leprazentrums ausgewogene Mahlzeiten aus dem, was der Gemüsegarten hergibt (plus alle zwei Tage Fisch) und was die Baka essen. So wie wir ihre Lieblingsgerichte (in Palmöl zu Tode gekochte Blätter) für ungenießbar halten, so denken sie über unsere Rezeptideen aus gleichen Zutaten. Uns wird es für immer ein Rätsel bleiben, warum ein Thai aus den Zutaten Reis, Fisch, Erdnuss und Ananas das leckerste Essen zaubert und der Afrikaner dieselben Zutaten zur Verfügung hat, aber nichts davon miteinander kombiniert.

In Zukunft möchte Jesse auch einfache Tierhaltung einführen, um die Ernährung der sesshaft gewordenen Pygmäen zu ergänzen. Weil Tiere, die viel Pflege oder regelmäßige Betreuung (wie zu Beispiel tägliches Melken) brauchen nicht in Frage kommen, züchtet er gerade Meerschweinchen, die zu diesem Zweck ideal sind: sie brauchen nicht viel Platz, vermehren sich rasant, sind absolut pflegeleicht und bieten eine einfache Quelle tierischen Proteins in der Nahrung. Der einzige Feind sind wild lebende Ginsterkatzen und wir haben miterlebt, wie ein Meerschweinchen von einer solchen Wildkatze „geklaut“ wurde. Eine gute Idee, aber noch ein langer Weg, bis Meerschweinchen hier auf dem Teller landen, wie es in den Anden üblich ist. Amaranth zu Beispiel ist hier auch bekannt, allerdings nicht als Getreide, sondern, wie sonst (haha), als Blattgemüse. Da sind wir wieder beim Thema: Warum stehen hier dieselben Zutaten wie auf anderen Kontinenten zur Verfügung, werden aber komplett anders (oder gar nicht) genutzt …

Auch der Regierung der Republik Kongo ist bekannt, dass es unter den Baka ein Problem der Mangelernährung mit allen Folgen (sehr hohe Kindessterblichkeit, hohe Infektionszahlen vermeidbarer Krankheiten etc.) gibt und so bekommt das Leprazentrum für die dort lebenden Kinder (selbst erkrankt oder in Begleitung leprakranker Eltern) hochkalorische Pasten gestellt, um die Kinder schnellstmöglich aufzupäppeln. Alles in allem ein rundum durchdachtes Projekt und Konzept, mit dem schon sehr viele Menschenleben gerettet werden konnten. Natürlich gibt es immer wieder Fälle, bei denen jede Hilfe zu spät kommt und wenn dann noch zusätzliche „Katastrophen“ dazukommen, wie zum Beispiel Affenpocken, wird es sehr belastend für alle, weil dann unverhältnismäßig viele Menschen sterben. Jesse brauchte nach einer solchen Phase ein Jahr Auszeit und hat sich deswegen an einen etwas weniger belastenden Standort seines Arbeitsgebers versetzen lassen: Sierra Leone, wo wir uns damals kennengelernt haben.

Was mit einem Gespräch an Weihnachten am Strand in Sierra Leone begann, ist mittlerweile zu einer Freundschaft mit Jesse herangewachsen. Er nimmt uns zu seiner Arbeit mit, wir packen mit an, wo wir können und lösen Probleme, die hier unlösbar scheinen, weil Impfondo wirklich „am Arsch der Heide“ liegt und man eben nicht mit einem Computerproblem zum nächste IT-Laden oder mit einem Autoproblem zur nächsten Werkstatt kann. Die nächste Werkstatt ist 3 Tagesreisen entfernt und der nächste Supermarkt fünf Tagesreisen. Impfondo wird einmal wöchentlich von einem LKW beliefert (der gleichzeitig Reisebus ist), in der Regenzeit (also jetzt) kommen manchmal Boote aus der Zentralafrikanischen Republik und liefern Lebensmittel wie Mais. Die Versorgungslage ist also auch für andere Ethnien (inklusive uns) schwierig und wir alle drei waren deswegen schon mangelernährt. Bei Jesse waren es B-Vitamine, bei uns bei unserer Rückkehr im April nach Bulgarien das Calcium. Milchprodukte etc. gibt es in ganz West-/Zentralafrika nicht. Das mussten wir in Bulgarien erstmal erklären, denn die bulgarische Ernährung besteht fast nur aus dem berühmten bulgarischen Joghurt und Käse sowie Nüssen, sodass Calcium-Mangel für bulgarische Ärzte eine echte Seltenheit ist.

Jesse lernt seine Mitarbeiter an, aus dem was verfügbar ist und in seinem eigenen Garten wächst, gesunde Gerichte zu kochen. Das klappt nicht immer so ganz und wenn, dann logischerweise nach lokalem Geschmack mit Glibberfisch, Gräten, Rauch und ganz viel Palmöl. Wer schonmal reines Palmöl gegessen hat, kann das Gefühl im Rachen nachvollziehen. Wer bei Palmöl nur an Nutella denkt, kann sich das nicht vorstellen. Wir verbringen jeden Abend bei Jesse am Esstisch, essen meist gut (wenn er gekocht hat) und reden lange und viel. Wir sind beeindruckt von seiner Motivation für das Projekt, in dem wir so viel Misserfolg sehen, weil uns die Baka sehr an die Burjaten in Sibirien oder Zigeuner in Europa erinnern: viele Patienten verkaufen die von der Leprastation gestellte Seife oder/und Klamotten, um von dem Geld Alkohol zu kaufen. Es gibt unter den Patienten massive Probleme mit Alkohol, Prostitution und Gewalt, sobald der letzte Krankenpfleger über Nacht die Station verlassen hat. Der Lernerfolg in Sachen Hygiene, Gartenbau und Ernährung lässt zu wünschen übrig und auch kleinste Erkenntnisse wie „mit offenen Wunden an den Füßen barfuß im Schlamm laufen ist keine gute Idee“ oder „Wäsche und Körper waschen beugt Neuinfektion vor“ oder „saubere Hände und gespültes Geschirr halten gesund“ sind Mangelware. Unsere Motivation war nach einer Woche ziemlich im Keller und so haben wir statt bei Ernte und Kochen mitzuhelfen uns darauf beschränkt, Jesse und seinen lokalen Kollegen mit anderen Dingen zu helfen: am Auto was reparieren, Computerprobleme lösen, neue Ideen (wie ein wöchentlicher Waschtag für Patienten und ihren Besitz) anzuregen, in langen Gesprächen aus Sicht Außenstehender neue Lösungsansätze zu finden, die Katzenbabys zu entflohen, mit in den Wald zur Blätterernte und zum Brennholz Sammeln zu fahren, zwei kleine Imagevideos zu drehen und Reparaturen am Gästehaus vorzunehmen.

Wir haben durch unseren Aufenthalt hier eine Welt kennengelernt, die den meisten Afrikareisenden verborgen bleibt. Nicht nur die eines Lebens in einem Ort mitten im Kongobecken, sondern die realen Lebensbedingungen mancher Ethnien hier. Wir haben Mangelernährung nicht nur am eigenen Leib erfahren, sondern auch die schlimmen (Todes-) Folgen für die Lokalbevölkerung gesehen und dabei geholfen, der Tropfen Wasser auf dem heißen Stein zu sein, der zumindest ein wenig Linderung bringt. Wer selbst einen Tropfen Wasser beitragen möchte, darf gerne für Jesses Projekt gegen Mangelernährung spenden. SPENDENLINK Wir garantieren, dass hier jeder Cent richtig eingesetzt wird. Weil die Finanzierung des Projektes knapp ist, bezahlt Jesse sogar einige Dinge von seinem Gehalt selbst, wenn es fehlt. Insbesondere dann, wenn es darum geht, die Kinder der Leprastation zu versorgen und mit in die Bildung einzubeziehen. Wir haben zum Beispiel zusammen Bananenchips gemacht. Die Bananen und das Öl dafür wurden privat finanziert. Auch Gartengeräte, mit denen die Kinder mitgärtnern lernen, sind nicht im Projektbudget. Es fehlt überall und wir wünschen Jesse viel Durchhaltevermögen, um hier weiter Menschenleben zu retten und durch Bildung die Bedingungen etwas verbessern zu können.

Glibberfisch (schwarz) in Palmöl (rot) mit Kürbismehl (weiß). Delikatesse für die Einheimischen.
Die zehn Tage hier waren ein tiefer Einblick in eine andere Welt, die wir kennenlernen wollten und nun aus verschiedenen Blickwinkeln sehen durften. Es hat uns viel zum Nachdenken gebracht und wir haben viele Stunden mit Jesse darüber geredet. Wir haben selbst viel gelernt und Neues entdeckt: wusstet Ihr zum Beispiel, dass es einen Fisch gibt, der bis zu vier Jahre lang in einem ausgetrockneten See leben kann? Der Lungenfisch lebt zur Regenzeit als Fisch mit Kiemenatmung im Wasser, zur Trockenzeit atmet er über Lungen. Trocknet ein See aus, formt er eine Schleimblase um sich herum, die zu einem Kokon aushärtet. Darin kugelt sich der Fisch zusammen, legt seine Schwanzflosse zum Schutz über die Augen und hält Trockenstarre. Sobald es regnet und die Erde zu Schlamm aufweicht, weicht auch der Kokon wieder auf und sobald aus dem Schlammloch wieder ein See geworden ist, stellt der Fisch wieder auf Kiemenatmung um und schwimmt davon. Der Fisch gilt unter den Einheimischen als Delikatesse und ist, einmal gefangen, einfach aufzubewahren: ein Sack mit etwas Wasser gegen Austrocknung reicht – oder ein Putzeimer in der Küche, aus dem dann regelmäßiges Blubbern ertönt, wenn der Fisch ausatmet. Nur auf afrikanische Art zubereitet ist der Fisch leider nicht spektakulär: hier werden Tiere jeder Art einfach wild zerhackt und mit Gräten zerschreddert ins Essen geworfen. Der Lungenfisch hat keine Gräten, sondern Knorpel und so beißt man ständig auf Glibbermasse im Essen… Aber sonst ein tolles Tier!

Wir waren sonntags auch in der Kirche. Jan hat Jesse in den (nur einstündigen) Gottesdienst für die Patienten im Leprazentrum begleitet, ich bin in die große evangelische Kirche des Ortes gegangen und habe drei Stunden Party erlebt. Weil der Gottesdienst in der Bantu Sprache Lingala stattfand, habe ich nichts verstanden, aber die drei Stunden waren ein kulturelles Erlebnis der Extraklasse: Gesang, Tanz, Klatschen, Musikband, zwei Chöre und viel Tamtam. Buchstäblich, denn „Tamtam“ ist das afrikanische Wort für Trommel. Wow! Nach mehreren Anläufen (wir wollten im Senegal und zu Weihnachten in Benin schon in einen solchen Gottesdienst) hat es nun geklappt und ich kann verstehen, warum das Konzept Kirche hier besser funktioniert als in Europa.

Wir werden von hier aus auf dem Wasserweg weiterreisen. Impfondo liegt am Ubangi Fluss, dem zweitgrößten Zufluss des Kongo Flusses. Er verbindet die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik (Bangui) über den Kongo mit den Hauptstädten der Republik Kongo (Brazzaville) und der Demokratischen Republik Kongo (Kinshasa) und am Ende der Regenzeit, wenn der Ubangi genug Wasser führt, gibt es mehr Möglichkeiten per Schiff als auf dem Landweg, um aus der Sackgasse Impfondo wieder herauszukommen. 2x im Monat fährt ein Holzboot nach Liranga, zum Zusammenfluss von Ubangi und Kongo und mehrmals pro Woche fahren Schleppverbände aus mehreren Plattformen beladen mit Holz etc. Wir haben uns gegen das Holzboot entschieden, weil uns Einheimische davon abgeraten haben: die Strömung ist stark, die Sandbänke unsichtbar und solche Holzschliffe in der Vergangenheit oft daran zerschellt. Außerdem wollte ich sowieso auf einem Schlepper fahren und nicht auf einem vergleichsweise komfortablen Passagierschiff.

Im Vordergrund: die Leprastation. Im Hintergrund die Demokratische Republik Kongo und der Ubangi Fluss.
Nachdem wir ein paar Mal am Hafen waren und insgesamt drei Schiffe nicht genommen haben, ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns vorgenommen haben, mit dem nächsten Schleppverbund mitzufahren. Je nach angefahrenen Häfen dauert die Fahrt 5-9 Tage und wir werden das Kongobecken nochmal aus einer ganz anderen Perspektive sehen. Wir werden auf einer der Plattformen unter freiem Himmel leben und uns selbst verpflegen, denn es handelt sich um Frachttransporte, auf denen Menschen geduldet sind, aber keine Kabinen zur Verfügung stehen. Da unser Kocher leider kaputtgegangen ist (natürlich genau hier!), wird die Küche kalt bleiben. Ist irgendwie auch egal, außer Reis mit Sardinen hätten wir mangels Zutaten eh nichts kochen können… Die Fahrt auf dem Kongo ist das, wovon ich schon länger träume und was sich für mich als „das letzte Abenteuer“ anfühlt. Wir freuen uns beide sehr darauf! Es wird hart, aber authentisch. Und das ist genau das, weswegen wir reisen: das „echte Afrika“ kennenlernen. Abseits von Transitrouten und Safaris. Wann wir in Brazzaville ankommen? Keine Ahnung. Internet wird es unterwegs wahrscheinlich nicht geben, aber weil wir unsere eigenen Schwimmwesten dabeihaben, werden wir uns schon irgendwann wieder melden. Bis dahin: Kongo ahoi!
Für uns hat die Republik Kongo schon gleich wunderschön angefangen. Schaut, auf welch schönen Straßen wir in das Land eingereist und dann immer tiefer in den zweitgrößten Regenwald der Welt gefahren sind. Mitten hinein in die „Lunge Afrikas“:











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