Kabul – Hauptstadt der Drachen

Wir sind in Kabul, die Stadt, die wohl jeder Deutsche mit Terror, Bomben und Krieg in Verbindung bringt. Die „verwundete“ Stadt, von der man sagt, sie habe mehr Kriege gesehen als manche Länder. Doch was wir erleben und sehen, hat nichts mit den Fernsehbildern zu tun, die wir alle noch im Kopf haben. Würde man jemanden zufällig aus dem Flugzeug über Kabul abwerfen, es wäre zunächst schwierig, das Land zu erraten. Im Zentrum und in den Wohnvierteln russischer Plattenbauten sieht es aus wie in jeder x-beliebigen Großstadt der Region. Die durch die Presse geisternden Frauen in Burkas geistern ausschließlich durch die Presse und nicht durch die Straßen Kabuls. Das sogenannte „Stadtbild“ sieht aus wie in Marokko oder anderen Ländern, in denen Frauen sich islamkonform kleiden. Die Männer sind hier diejenigen, die anders gekleidet sind. Und nur durch sie und nicht durch die Frauen kommt man irgendwann drauf: Afghanistan.

Wir waren sehr gespannt auf die Stadt und es fühlte sich komisch an, mit unserem Passat „Hans“ auf bestens asphaltierten Straßen in die Stadt hineinzurollen. Unsere Unterkunft zeigt allerdings, dass hier mal andere Zeiten herrschten: hohe Mauern mit Natodraht und ein bewaffneter Wachposten vor der Tür, denn exakt gegenüber ist der Eingang zur iranischen Botschaft. Zu vielen Gebäuden in Afghanistan bekommt man noch heute nur durch dicke Metalltüren Zutritt, manchmal auch mit Sicherheitsschleuse. Aber ist das ungewöhnlich? Für unerfahrene Reisende vielleicht. Wir kennen das auch aus anderen Ländern: in Xinjiang geht man zum Beispiel auch so in den Supermarkt…

Wir erkundeten die Stadt zusammen mit einem Taxifahrer, um im chaotischen Verkehr Kabuls nicht auch noch Parkplätze suchen zu müssen und heuerten über die Unterkunft einen Afghanen als Guide an, weil wir ein wenig in Zeitnot sind und ein Guide einem sehr effektiv in einem Tag die ganze Stadt zeigen kann. Der Typ war leider nicht ganz so nützlich und wir mussten ihn hinterher auch nicht bezahlen. Im Tourismus Afghanistans herrscht derzeit echte Goldgräberstimmung, denn jeder versucht, auf den losfahrenden Zug aufzuspringen, aber nicht jeder ist dabei erfolgreich.

Wir wollten als erstes ins „OMAR Mine Museum“. 40 Jahre Krieg haben in Afghanistan tiefe Wunden hinterlassen. Das „OMAR Mine Museum“ der gleichnamigen NGO dokumentiert die Folgen: 53 verschiedene Arten von Landminen, dazu Streubomben und andere Munition sind dort ausgestellt – Waffen, die bis heute wirken. Viele liegen nämlich noch immer unentdeckt im Boden und töten oder verstümmeln jedes Jahr Hunderte von Menschen. Allein letztes Jahr waren es rund 500 Opfer, die meisten davon Kinder.

Im Museum konnten wir sehen, wie attraktiv Teile der Streubomben für Kinder aussehen und bekamen den Film gezeigt, mit dem afghanische Kinder überall im Land geschult wurden, um vor den Gefahren zu warnen. Kinder wie Erwachsene versuchen durch Sammeln und Verkaufen von Altmetall aus der Armut herauszukommen und sammeln sich damit oft in den Tod. Die Mitarbeiter von OMAR fuhren mit Motorradgespannen in die entlegensten Dörfer, um aufzuklären. Fuhren. Denn…

Für OMAR arbeiteten mehr als 1.000 Spezialisten, die im ganzen Land Minen räumten, damit landwirtschaftliche Flächen und Infrastruktur wieder nutzbar machten und Kinder über die Gefahren aufklärten. Doch seit fünf Jahren, seitdem die jetzige, international nicht anerkannte Regierung, an der Macht ist, ist diese lebensrettende Arbeit kaum noch möglich. Internationale Geldgeber sanktionieren die Regierung und stellen deshalb kaum noch Mittel bereit. Mit dem Abzug der internationalen Botschaften aus Kabul brach zudem die lokale Unterstützung weg. Welche Folgen das Ende des USAID-Programms zusätzlich hat, kann man sich leicht vorstellen.

Es ist so bitter, dass auch nach vier Jahrzehnten Krieg weiterhin täglich unschuldige Menschen, insbesondere Kinder sterben – durch Munition, die von allen (!) Kriegsparteien hinterlassen wurde. Dazu gehören auch weit verstreut liegende Blindgänger der USA und ihrer NATO-Verbündeten. Und somit auch Deutschland! Während die militärischen Interventionen längst beendet sind, bleibt die Verantwortung für deren tödliche Hinterlassenschaften ungelöst. Aus politischen und ideologischen Gründen beteiligt sich die internationale Gemeinschaft heute nur noch unzureichend an deren Beseitigung – mit fatalen Folgen für die afghanische Bevölkerung.

Das Museum war interessant, hat uns aber auch sehr wütend gemacht: die unschuldigen Opfer dieses Krieges sterben bis heute an Ideologie. In diesem Fall: an der Ideologie westlicher Staaten. Unser aller Regierungen. Der Museumsdirektor sucht derzeit nach irgendeinem Geldgeber, um wenigstens die Kinder noch weiter schulen zu können und arbeitet tagsüber ehrenamtlich im Museum und abends als Lehrer.

Die von OMAR zu Krankentransportern umgebauten Motorradgespanne, die Schwerverletzte aus entlegenen Regionen bergen können, verstauben im Museum und stehen sich die Reifen platt. Der für Minenräum-Einsätze in unzugänglichen Gebieten genutzte Hubschrauber ist mittlerweile Büro, seit fünf Jahren liegt alles brach. Eine kleine Halle auf dem Gelände von OMAR ist an den nationalen Fernsehsender vermietet, um zumindest ein paar Rechnungen begleichen zu können.

Das Fernsehstudio war für uns auch interessant: Kochstudio, „Sportschau“, morning show und andere Formate werden dort täglich in wie Schuhkarton anmutenden Kulissen gedreht, die im Fernsehen nach riesigem Studio aussehen, aber in Wirklichkeit Wand an Wand in einer Halle stehen. Zusätzliche Kulissen für Nachrichtensendungen, Talkshows etc. standen als Leinwände bereit. Man wollte uns als Interviewpartner für die Morgenshow am nächsten Tag buchen, aber wir konnten uns herauswinden.

Als nächstes fuhren wir zum Babur Garden. Und dort wurde unser ansonsten nutzloser Guide zum ersten und letzten Mal nützlich, indem er einen Aufpasser dazu überredete, uns in den Sommerpalast hineinzulassen. Der Babur Garten wird auch das „Paradies in Kabul“ genannt. Und es ist auch fast so!

Kaiser Babur, der Gründer des Mogulreichs (das Kaiserreichs, das später weite Teile Indiens prägte) gestaltete den Garten nach der jahrhundertealten persischen Gartentradition, in der Wasser, Bäume und Symmetrie das Paradies auf Erden symbolisieren. Weil wir sechs Monate im Iran waren, haben wir einige solcher Gärten kennen – und lieben gelernt: jedes Mal wortwörtlich paradiesisch.

Zwischen 15 Terrassen, plätschernden Wasserläufen und dem Blick über Kabul spürt man noch heute die besondere Magie dieses Ortes. Von hier aus nahm jene Garten- und Architekturtradition ihren Anfang, die später im Taj Mahal (!) ihren Höhepunkt fand. Die Marmor-Moschee im Garten ist architektonisch eng verwandt mit dem Taj Mahal.

Kaiser Babur liegt hier auch begraben. Mitten in seinem selbst geschaffenen Paradies. Reisende, die Indien, Pakistan und Zentralasien kennen, beschreiben Afghanistan oft als „Brücke“ zwischen den Regionen. Wir sind gespannt, ob wir das auch so sehen, sollten wir irgendwann mal nach Indien und Pakistan kommen. Derzeit sehen wir definitiv mehr Brücken nach Persien, in den Iran.

Im Garten befinden sich ein hübscher Gartenpavillon und ein Sommerpalast. Beide sind nicht öffentlich zugänglich, aber unser „Guide“ (eher: einheimischer Begleiter) überredete das Wachpersonal, uns hineinzulassen und das hübsche Gebäude mit tollem Blick zu bewundern. Heute finden in den historischen Gebäuden Hochzeiten statt und Familien machen Picknick auf den Terrassen unter (derzeit blühenden!) Granatapfelbäumen. Dass Frauen nicht in den Park dürfen ist übrigens ein weiterer Medien-Mythos. Als wir da waren, waren die weiblichen „Picknicker“ eindeutig in der Überzahl. Nochmal der Hinweis aus dem letzten Blogpost: es ist verboten, Frauen zu fotografieren und wir halten uns daran. Weil das andere auch tun, ist das Narrativ von „Frauen dürfen nicht am öffentlichen Leben teilhaben“ natürlich leicht erzählt…

Wir fuhren weiter zur „blauen Moschee“, die eigentlich ein Schrein ist. Normalerweise sind Schreine ja über Gräber oder Reliquien gebaut. Nicht so hier: dieser Schrein wurde gebaut, weil hier die Leute, die den Mantel des Propheten Mohammaed auf dem Weg von Balkh zu seiner aktuellen Aufbewahrungsstätte in Kandahar, Rast gemacht haben. So nach dem Motto „hier hing mal der Mantel“.

Jan als Mann durfte in die Moschee hinein, konnte aber auch von keinem heiligen Kleiderhaken oder Garderobenständer berichten, nur Fotos zeigen, wie blau es in der blauen Moschee wirklich ist: sehr blau. Wir fahren noch nach Kandahar und schauen mal, wie das mit dem Mantel dort ist, wo er jetzt hängt. Oder so ungefähr.

Das nächste Ziel klingt unspektakulär und für westliche Ohren nach Tierquälerei, aber Kabul ist berühmt für seinen Vogelmarkt. Dort werden Ziervögel und Zubehör dafür angeboten: kunstvoll aus Weidenruten handgefertigte Käfige, bunte Ringe, Futter und allerlei Krimskrams für Vogelhalter und Vogelzüchter. Ja, die Käfige sind westlicher Meinung nach nicht groß genug und grundsätzlich ist Käfighaltung nach westlichem Verständnis nicht okay, aber wir sind nicht hier, um Dinge mit erhobenem Zeigefinger zu bewerten, sondern um zu beobachten und zu lernen. Man kann fremde Kulturen auch völlig wertfrei kennenlernen und respektieren, ohne sie selbst für sich anzunehmen. Wir sind Gäste und uns steht das deutsch-mahnende Wesen als solche nicht zu.

Vögel sind schon in der persischen Poesie ein beliebtes Symbol für Freiheit, Sehnsucht und Schönheit und daher seit Jahrhunderten unter Liebhabern der Poesie von Rumi und Hafiz beliebt. Vögel werden in Afghanistan als Haustiere gehalten wie in Europa Hunde oder Katzen. Hunde gelten sowieso in vielen islamischen Traditionen als unrein und kommen grundsätzlich nicht als Haustier in Frage. Dafür aber Zier- und insbesondere Singvögel. Aber auch Tauben, für die es besonders viel Zubehör auf dem Vogelmarkt gibt. Diese werden nicht in Gefangenschaft gehalten, sondern wie die gute deutsche Brieftaube fliegen gelassen und wer genau schaut, sieht Taubenverschläge auf z.B. Hausdächern und bunt beringte oder leise klingelnde Tauben herumfliegen.

Wir haben bisher schon einige Afghanen kennengelernt, die sich für Vögel als Haustiere begeistern können. Wir stehen mehr auf Pelztiere (obwohl ich mal einen wirklich tollen Kanarienvogel hatte, der mit mir Schulaufgaben gemacht hat und mit dem ich zusammen musizieren konnte) und freuen uns, dass in unserem Hotelgarten in Kabul drei Katzen zum Team gehören und sich ein Kater nachts heimlich bei uns ins Zimmer geschlichen hat…

Wir hatten außerdem noch eine Mission: einen handgefertigten Papierdrachen kaufen. Afghanistan, insbesondere Kabul, ist berühmt für Drachen und das Drachen Steigenlassen. Die Drachen werden aus dünnen Holzrähmchen und Seidenpapier gefertigt und es gibt viele Fachgeschäfte, in denen man Drachen und alles, was man dazu braucht, kaufen kann: Spulen in diversen Größen und Qualitäten, Flicken und, ganz wichtig: Drachenschnüre.

Wer „Kite Runner“ (Drachenläufer) gelesen hat, weiß: die Schnüre sind eine Wissenschaft für sich und wir waren überfordert von der Auswahl. Da man in Afghanistan Drachen nicht nur zum Spaß steigen lässt, sondern damit auch auf Hausdächern Kämpfe gegeneinander fliegt, ist die Schnur Teil von Sieg oder Niederlage. Wir sehen das weniger sportlich und wollten einfach nur eine günstige, nicht ganz so lange Schnur und auch keine, die mit Glaspartikeln beschichtet ist, mit der man beim Drachenkampf andere Drachenschnüre zerschneiden kann. Unsere Auswahl wurde mit „aber das ist für Kinder“ kommentiert. Aber der Kunde ist hier noch König und so wurde unsere „Kinderschnur“ auf eine „wenig haltbare“ Spule maschinell aufgespult. Mal sehen, wann und wo unsere beiden wunderschönen Drachen fliegen!

Eigentlich war der Drachenkauf das Highlight unserer Zeit in Kabul. 40 Jahre Krieg haben eben auch das zerstört, was man „hübsche Altstadt“ nennen könnte. Überall Neubauten und austauschbare, charakterlose Gebäude. Wohnviertel aus Platenbauten, moderne Bürohäuser, Apartmentblocks und Geschäfte überall außer im Marktviertel, wo das allgemeine Gassengewirr herrscht. Kabul ist eine moderne Stadt wie jeder andere in der Region. Wir tranken guten Kaffee, kauften im Supermarkt ein, aßen indisch und türkisch, sahen, dass Pizza Hut Personal sucht und trafen andere Reisende in der Unterkunft.

An manchen Häusern sieht man, wie auch bis heute noch in einigen Regionen Kroatiens, Einschusslöcher in Fassaden. Das ist aber auch das Einzige, was auf all das Drama, was hier stattfand, hindeutet. Kabul gehört nicht gerade zu unseren liebsten Hauptstädten, aber das liegt nicht daran, dass hier alles zerstört oder gefährlich wäre (nichts davon!), sondern einfach, weil die Stadt für uns keinen einzigartigen Charme hat wie z.B. Damaskus. Kabul ist für uns eine Oase der Infrastruktur, denn mittlerweile sind wir von einem anstrengenden, sehr staubigen Trip zum zweiten Mal in der Stadt. Ein Ausflug, der uns ins Herz Afghanistans gebracht hat – und Afghanistan tief in unsere Herzen…

Doch dazu mehr bei der gewohnten Sonntagslektüre – wenn ich sie bis dahin schaffe! Wir haben leider nur 30 Tage Visum und das Land ist so riesig und interessant, dass wir etwas Stress haben, alles zu sehen und zu erleben (und Euch davon zu erzählen), was zu uns zu den Highlights gehört. Und weil am Ende der 30 Tage immer noch so viele Highlights übrigbleiben, planen wir schon eine zweite Reise nach Afghanistan… Bis dahin könnt Ihr schauen, wo ich meinen 50. Geburtstag verbracht habe:

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